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Der Israelit · 1934-11-01 · Heft 44 (1.11.1934) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 44 (1.11.1934)
Date
1934-11-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Nr. 44 Der Israelit 1. November 1934 daß wir siegen werden und haben recht gehabt. Heute prophezeihe ich Ihnen: wir erleben auch noch eine von Juden reine deutsche Wirtschaft. Daß wir auf dem Weg dazu sind, fühlen Sie alle. Und wenn da und dort noch jüdisches Denken und Handeln nachzuweisen ist, so ist das zu verzeihen, denn die Wirtschaft war ja vollständig in ein Gewebe verstrickt, das Fremdrassige geschaffen haben, war vollkommen versklavt in der internationalen Finanz. Eines Tages werden auch diese Ueberbleibsel verschwunden sein . Rußland. Brief aus Sowjetrußlaad, Warschau, 26. Okt. Hierher angekommene Flüchtlinge aus Rußland stellen die wirtschaftliche Lage dortselbst als verzweifelt dar. Selbst die Arbeiter und Regierungsbeamten, die festen Sold beziehen, leiden Not, weil die aus den Regierungsläden bezogenen Lebensmittel nicht ausreichen, im freien Handel aber für ein Kilo Fleisch 20 Rubel, ein Kilo Zucker 30 Rubel und ein Kilo Butter 40 Rubel gezahlt wird. Für einen fertigen Rock, den man in Polen für 15 Zloty erhalten kann, zahlt man dort 300 Rubel und verkauft ihn in der Regel um das Doppelte weiter. Wie es dann den „Deklassierten" ohne festen Verdienst und ohne Lebensmittelkarte ergeht, kann man sich danach selber ausmalen. Daß Menschen vor Schwäche auf der Straße niedersinken und im Totenwagen fortgefahren werden, ist eine tägliche Erscheinung, die gar nicht mehr auffällt. Kinderheime gibt es gerade soviel als nötig ist, um sie den Ausländern, die Rußland besuchen, zu präsentieren. Die vielen tausenden Kinder, die bettelnd und hungernd verkommen, sehen die Touristen von ihren durch die Straßen rasenden Autos aus nicht. Nach dem Gesetz besteht für die Arbeit der Achtstundentag. In Wahrheit aber haben die Arbeiter 16 Stunden in der Fabrik zuzubringen, denn der regulären Arbeit schließen sich noch Konferenzen, Referate usw. an, die alle obligatorisch sind. Wer sich drückt, wird hinausgeworfen. Krankheits- und Altersversogung gibt es nicht. Eine Registratur der Arbeitslosen wird nicht geführt, darum gibt es keine Arbeitslosen . . . In vielen Fabriken der Ukraine arbeiten politische Verbrecher, die zu zehn und mehr Jahren Zwangsarbeit verurteilt sind. Am billigsten ist noch der Schnaps, darum nimmt auch die Trunksucht auf der Straße in erschreckendem Maße zu. Bauern lassen ihre Felder veröden wegen der vielen Maßnahmen, die ihm alle Freude am Eigentum nehmen, und wandern dann in die Welt hinaus. So das russische Paradies nach Schilderung der Gewährsmänner. Polen. Zionistisches Treiben gegen die Aguda in Warschau. Warschau, 26. Okt. Ein unerhörter Angriff des „Hajnt" gegen den orthodoxen Führer J. M. L e w i n rief weit über die Agudakreise hinaus große Erregung hervor. Das Blatt ergeht sich in Verdächtigungen und wüsten Beschimpfungen der orthodoxen Führer, an deren Spitze des Herrn Lewin, wegen ihrer Bestrebungen zur Organisierung des Warschauer Rabbinates, also in einer Frage, die im Grunde für die „Hajnf'-Leute nicht das geringste Interesse hat. Die zionistische Fraktion im Kehillarat sprach sich gegen die Anstellung neuer Rabbiner aus, um die dafür vorgesehenen 100.000 Zloty für philantropische Institutionen zu ^verwenden. Darüber ließe sich natürlich reden. Aber sowohl im Kehillarat wie in der Presse zeigen die Herren, wo sie hinaus wollen. Nicht gegen Anstellung von Rabbinern an sich haben sie etwas einzuwenden, sondern der Rabbiner, die die orthodoxen Führer, gestützt auf die breiten religiösen Massen, für die berufenen halten. Nicht daß sie nicht die Notwendigkeit einer Neureguherung des Rabbinates einsahen, sondern sie möchten das Rabbinat, an dem sie gar kein religiöses Interesse haben, nach ihrem Willen umformen. Die Anfälle auf die Orthodoxie und ihre Führer werden letztere nicht abhalten, die brennende Frage des Rabbinates, an deren Lösung übrigens schon seit drei Jahren gearbeitet wird, in aller Bälde einer Entscheidung zuzuführen. Die Rabbinatsfrage in Warschau. Warschau, 28. Okt. Bei vollem Hause hat der Kehillarat die Vorschläge für die Erweiterung des Rabbinates nach lebhaften Verhandlungen, bei denen es auch nicht an stürmischen Zwischenfällen fehlte, angenommen. Es sollen sechs neue Rabbiner angestellt werden. Die Wahl hat nach Gemeindestatut der Kehillorat als solcher zu vollziehen, die Wahlvorschläge macht eins Kommission von fünf Mitgliedern. Gleich nach Eröffnung der Sitzung durch Herrn Trockenheim suchte sich die zionistische Opposition durch ihren Sprecher, Herrn Schipper, wie durch reichliche Zwischenrufe in maßlosen Ausfällen gegen die Rabbinen und die Orthodoxie Luft zu machen. Eine längere Rede von Herrn J. M. Lewiu, die dann noch mit Daten und Zahlen durch den Präses; Herrn Masur, unterstützt wurde, brachte aber diese Opposition vollkommen zum Schweigen. Auch Parnes Händeies ging mit den Zionisten, deren Haltung/ schon mehr Obstruktion sei, scharf zu Gericht; Die orthodoxen Redner taten mit aller Klarheit dar, daß nach der Bevölkerungszahl in Warschau und nachdem der Tod in den letzten Jahren mehrere Lücken im Rabbinate gerissen hat, die neuen sechs Rabbinen, sowie ihre Verteilung auf die einzelnen Stadtbezirke das Mindeste sei, was die religiöse Bevölkerung, der weitaus größte Teil der Warschauer Judenheit, von der Kehillaverwaltung verlangen kann. Das Resultat dieser Debatten war ein über alle Maßen erfreuliches. In die Wahlkommission wurden gewählt die Ratmänner Trockenheim, Priwes, Fostag, Feigenblatt und Griinspann; ihre Vertreter sind die Ratmänner. Heudeles, Süßwerk, Riba, Ziegelmann und Karmasin. Die Wahl der Rabbiner liegt somit in den Händen von Männern, die allein berufen sind, der größten Gemeinde Europas die richtige geistige Führung zu geben. Die Kommission ist sofort zur ersten Wahlsitzung zusammengetreten. Ein Drittel der jüdischen Bevölkerung Polens auf öffentliche Hilie angewiesen. Warschau, 26. Okt. Das jüdische wirtschaftsstatistische Büro hat unter Zugrundelegung der Pessach-Unterstützungsaktion des Jahres 1934 eine Expertise veranstaltet und eine fortschreitende Pauperisierung der jüdischen Bevölkerung Polens festgestellt. Die Expertise umfaßt 290 Städte, unter ihnen die fünf Großstädte Warschau, Lodz, Bialystok, Wilna und Lemberg, In den nördlichen Wojwodsehaften haben sich 31,3 Proz., also fast der dritte Teil der jüdischen Bevölkerung, in den mittleren und östlichen Wojwodsehaften 24,2 Proz., also fast ein Viertel der jüdischen Einwohnerschaft, um Pessach-Unterstützungen beworben. 25,8 Proz. der jüdischen Bevölkerung Polens haben Unterstützung verlangt, 23,3 Proz. haben sie wirklich bekommen; im Durchschnitt erhielt jede unterstützte Familie an Pessach-Hilfe Z.l 7,83. In Warschau haben 22,3 Proz., in Lodz 32,1 Proz., in Wilna 23,2 Proz. der jüdischen Bevölkerung Pessach-Hilfe bekommen. Den Rekord der Armut schlägt Lemberg: dort wurden 1136 jüdische Familien, d. s. 55,4 Proz. der jüdischen Einwohnerschaft der Stadt, zu Pessach unterstützt. Wenn die Zahl der Unterstützten in den Kleinstädten niedriger ist, so nur darum, weil die jüdischen Gemeindeverwaltungen in den Kleinstädten in einem geringeren Maße die Verarmten unterstützen können. Hier spielt auch das psychologische Moment der „verschämten Armut" eine Rolle; viele hungern eher, als daß sie sich um öffentliche Unterstützung bewerben. Abschließend ist zu sagen, daß mindestens ein Drittel der Gesamtjudenheit Polens, also eine Million' jüdischer Seelen,1 auf öffentliche Hilfe angewiesen ist. Ein wichtiges Urteil in- Sachen des Sabbat. Warschau, 29: Okt. Im Hofe Nalewki 19, wo die Ger er Ch'assidim ihr größtes Bethaus haben, befindetsich auch eine jüdische Expeditionsfirmä", die durch ihren' lauten Betrieb am Sabbat den G'ttesdienst empfindlich stört. Vertreter des Bethauses, verklagten die beiden Inhaber auf Räumung des Hauses, und die erste Instanz gab der Klage statt. Nunmehr hatte sich das Ap p el 1 a t i o n s g e r i c h t mit der Sache zu befassen. Nach Anhörung von Zeugen und Gutachten entschied auch das höhe Gericht zu Gunsten der Beter und verurteilte die Sabbätentweiher vor der Synagoge, das Haus auf Nalewki zu räumen. Die erste Jahrzeit für den Ltibliner Raw.- Lublin, 19. Oktober. Der Dienstag, der 7. Marcheschwein, stand nicht nur in Lublin, sondern im ganzen jüdischen Polen im Zeichen des Lubliner Raw. Der Andrang am Grabmal auf dem Friedhof war zuweilen so gewaltig, daß die Menschen stundenlang Reihe stehen mußten. Eine tiefe Bewegung ging durch die Menge, als an der Spitze sämtlicher Jünger der Jeschiwa der greise Vater des Lubliner Raw auf dem Friedhof erschien. Nach den üblichen Gebeten ergriff der Greis das Wort und sprach unter lautem Schluchzen der Gemeinde von den zwei Kleinodien, die der Heimgegangene als heiliges Erbe der jüdischen Gesamtheit hinterlassen hat: Lubliner Jeschiwa und Daf Jomi. Inder Jeschiwa selbst spielte sich seit Montag abend ein Leben und ein Treiben ab, das. einzigartig das Fortwirken des großen Meisters widerspiegelte. Aus der Umgebung waren zahlreiche Rabbiner und Rebbes erschienen, Auf dem leeren Platz des Rabbi brannten die. Kerzen unter der Jeschiwofahne und in Gegenwart des geistigen Leiters, -des Bajaner Rebbe, trug der Rosch Jeschiwa den Schiur vor. Es folgten eindrucksvolle Reden von Rabbinen und von Schülern des Heimgegangenen. Die Jünger verbrachten die ganze Nacht hindurch im Lernen, zum Teile im Jeschiwosaal, zum Teile im Ohel auf dem Friedhofe neben dem Grabe. . Am Dienstag war das Kuratorium unter Vorsitz des Warschauer Kehillapräses, Herrn Masur, vereinigt. Masur erwähnte in seiner Gedenkrede auch die treue Helferin des Rabbi, die Rebbezin, die dem Gatten so rasch in die Ewigkeit gefolgt ist. Man trat dann in die sachliche Verhandlung ein und faßte wichtige Beschlüsse zur Erhaltung und weiteren Entfaltung der Jeschiwa. Alle Beschlüsse liegen auf der Gedankenlinie, wie sie Rabbi Meiir selbst für die Gegenwart und die Zukunft gezogen hatte. Nach chassidischem Brauch wurde abends die Gedenkfeier mit einem Festmahl im Jeschiwosaal abgeschlossen, wobei eine Rede des Vaters des Heimgegangenen wiederum alle Herzen erschütterte. Auch in der großen M ah a r s c h al - S ch u 1 fand eine würdige Gedenkfeier statt. Ein bekannter Schüler von Lublin, Ahron L e b - wohl, veröffentlicht im „Jüdischen Togblatt" Reminiszenzen an seinen großen Rabbi und erzählt unter anderem, daß Rabbi Meiir, der sich in früheren Jahren wenig mit dem Erez Israel-Problem befaßt hat, in letzterer Zeit sich ganz dem heiligen Lande zugewandt hatte. Er trug sich ernstlich mit dem Gedanken, womöglich noch dieses Jahr nach Erez Jisroel zu reisen, möglicherweise zusammen mit dem Czortkower R e b b e n , (er folgte ihm bald in die Ewigkeit), Jort am Grabe großer Ahnen zu beten und dann zu seiner Jeschiwa zurückzukehren. So klar in allen' Einzelheiten stand ihm der Plan vor Augen,-daß er am letzten Simchas Thora, dem letzten Feste seines Lebens, die Hakafoth im Beth Hami drasch des „Chose" abhielt, Er pflegte sonst den G'ttesdienst in diesem' alten Lehrhäuse' nur am Vorabend zum P e s s a c h f es t e zu besuchen. „Ich werde aber nächsten Pessach in Erez Jis.- r oel beten," sprach' erv „so mußichmeine Schuld im' voraus bezahlen." Im engeren Kreise entwickelte er das Programm seines Lebens und Wirkens für die kommenden Jahre; folgendermaßen: Dem Rufe nach' Lodz' wollte er, da ■er in derehrenvollen'Berufung,eine seltene' Ehrung der Thbra überhaupt sah', folgen,- aber nicht länger wiedrei Jahre dort bleiben.' Nach drei Jahrerir also< .5697?" genau im: Alf er von : 50'; Jahren, wollte er nach Lublih' zurückkehren",' sieh" von: allen' rabbini'schen Lasten freimachen, und'von jetzt ab noch einzigl.und

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