Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 44 Der Israelit 1. November 1934" Lebensaufgabe darin erblickt haben, den Schulchan Aruch mit dem Kapitalismus zu versöhnen! Wo findet sich irgend ein Gedanke in dem ganzen Hirsch'schen Schrifttum — man lese insbesondere den Kommentar zu D'ÜDWQ und TD irO' lese all das, was in rPttWTD '0 und den Aufsätzen des Jeschurun über den Aufbau und die Zukunft der menschlichen Gesellschaft niedergelegt ist, lese den Psalmenkommentar mit seinen leidenschaftlichen Plädoyers für die Armen und Bedrückten, den Dithyrambus auf Bauerntum und bodenständiges nationales Dasein im ersten Band der schwarzen Neumondsblätter" — der zu einer solchen Anklage berechtigte? Was sich der Verfasser überhaupt gedacht hat, als er in einem Atemzug Hirsch die Preisgabe der altjüdischen Lebensform und zugleich ihre Aufrechterhalt ung mitten in der Welt der Eisenbahnen und Aktiengesellschaften vorwarf, bleibt sein Geheimnis. Daß die „autonome abgeschlossene Keh i 11 a " die Voraussetzung für unverkürzte altjüdische Lebensform sei, hat Hirsch jedenfalls noch früher erkannt als. Ludwig Feuchtwanger und um deswillen Jahrzehnte seines gesegneten Lebens dem Kampf um diese Urzelle altjüdischer Lebensform geweiht; auch das sieht nicht grade nach Anpassung an die Welt der Aktiengesellschaften aus. Und nun noch das „System von Fiktionen und Symbole n", vermittelst dessen diese Anpassung des Schulchan Aruch an die Gesellschaft des Kapitalismus und der Eisenbahnen vollzogen worden sein soll. Durch die Zusammenstellung „Fiktionen und Symbole" wird die Vorstellung erweckt, als wohne der Begriff des Unwirklichen, des jeder realen Wahrheit Entbehrenden, den man gemeinhin mit dem Worte „Fiktion" verbindet, mehr oder minder auch dem „Symbolischen" inne. Da nun allgemein bekannt ist, daß die Symbolik bei S. R. Hirsch, bei der Motivierung gewisser Gruppen von Mizwos eine Rolle spielt, so bedeutet diese abschätzige Kennzeichnung der religiösen Gedankenwelt Hirschs eine besonders scharfe Absage an die „Neu-Orthodoxie" bei dem Neuaufbau jugendlichen jüdischen Geisteslebens in Deutschland. Abwehr ist also am Platze. „Fiktionen" sind keine Symbole und Symbole keine Fiktionen. Wissenschaftlich betrachtet, entstehen „Fiktionen", wenn intuitive, logisch nicht beweisbare Erkenntnisse, insbesondere metaphysische Vor- Aus dem Morgengebet. Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hindenburg O.-S. Die beiden, am Anfang des Schacharisgebetes gesprochenen, auf den Segensspruch n]t? *i»a»an folgenden ]isn vi» enthalten mannigfache Besonderheiten, die einer Erläuterung bedürfen. Daß es im ersten Stück psi 'm heißt und im zweiten psn TP, hängt damit zusammen, daß das erste mit dem vorangehenden Segensspruch n:t? T3y»n eine Einheit bildet, wie das von Tossafot Ber. 46a dargelegt und von den Kommentatoren des Siddur zitiert wird. Ebenso kann man manche andere Einzelheit bei den Erklärern erläutert finden. Hier sollen nun einige Ausdrücke beleuchtet werden, auf die, soweit ich sehe, von den Kommentatoren nicht eingegangen wird: 1, Während es im ersten pn TP heißt OTTO Up'mm heißt es im zweiten jn Dl«» ' •'Jb'sn»« Der Unterschied zwischen pwn und V^sn | dürfte der sein, daß llp'mn die Bitte enthält, bösen Menschen überhaupt nicht zu begegnen, und daß 'Ji»2Mi bedeutet/ daß, wenn man ihnen begegnet, man vor ihnen geschützt werde. Es verhält sich damit ähnlich wie im i33'3Pn Gebet mit der Bitte 13'inKai U'jsVa ]nv lonv Der Ausdruck I3'ü&a bedeutet, daß man nicht in Versuchung kommen möge, wirnra dagegen, daß, Stellungen in Begriffe verwandelt und diese Begriffe als Realitäten gesetzt werden. Es gehört zum Begriff der „Fiktion", daß sie logisches Bewiesensein, also Allgemeingültigkeit, vortäuscht, wo lediglich subjektive, intuitiv zustande gekommene Gewißheit vorliegt. Wir sind der Meinung, daß man den Vorwurf, in diesem wissenschaftlichen; Sinne mit Fiktionen zu arbeiten, viel eher jedenfalls den außerhalb der Orthodoxie zur Religion hinstrebenden philosophischen Richtungen — also auch Rosenzweigs Stern der Erlösung und Bubers Reden machen könnte, als Samson Raphael Hirsch. Dieser hat, wie jeder auf dem Boden der Tradition stehende Denker seit Vater Abrahams 'fH l'öNnV nie ein Hehl daraus gemacht, daß er vor allen Dingen an rm»N' an das mutige, aus der Tiefe gefühlsbetonten Wollens hervorbrechende Vertrauen in die Wahrheit der tradierten Offenbarung . appel-. liert;*) auf diesr Grundlage gewinnen alle nachträglichen rationalen Motivationen — auch die symbolischen Deutungen — lediglich den Charakter von Hilfs-Hypothesen, die allerdings, wenn sie sich zu einer großen, das Denken befriedigenden Einheit zusammenschließen, - die intuitive Emuno stützen und stärken und ihr bei der unvermeidlichen Anfechtung durch die Skepsis des kritischen Verstandes das notwendige Rüstzeug zur Verteidigung der Glaubenspösitiönen liefern. Wenn man also — nach dem Zusammenbruch der fiktiven logischen Wissenschaft; wie ihn heute Dingler, Freund, Köttje mit starken Worten und noch stärkeren Beweisgründen verkündet/haben — auch der jüdischen Jugend Deutschlands den Irrationalismus des: Glaubens ohnedies zumuten muß, so ist prinzipiell in keiner Weise einzusehen, warum sie den E i n g a n g s - weg ins Judentum nicht eben so gut durch die von S. R. Hirsch erschlossenen Pforten nehmen könnte, wie durch die — der leichter zugänglichen, bequemeren Konkurrenz mit ihren mystisch-religiösen Fiktionen oder ihren nationalen Religionssurrogaten. Den Eingangsweg ins Judentum! Denn wir halten, wie früher eingehend dargelegt, eine endgültige Reduzierung des unendlichen, in ewigem Wachstum begriffenen Ideengehaltes des sinaitischen Judentums auf die Formgestalt, die ein einzelner geistiger Heros, und sei es der größte, ihm gegeben hat, für eine Versündigung an der Offenbarungswahrheit der G'tteslehre. *} Siehe insbesondere die Einleitung zum „Chaurew". . _wenn man in Versuchung kommen sollte, man die Versuchung bestehen möge. 2. Daß bei «pTnn des ersten Stückes die Worte üi' Soai arn fehlen, die im zweiten Stück bei 'i^SnP hinzugefügt sind, dürfte damit zusammenhängen, daß diese Worte im ersten Stück an einer andern Stelle angewendet werden, bei laam und daher nicht zweimal im selben Abschnitt gebraucht werden. 3. Auffallend ist der Schluß des zweiten Stückes „vor einer harten Rechtssache und vor einem harten Gegner, er sei ein Glaubensgenosse oder er sei kein Glaubensgenosse." Was hat es damit für eine Bewandtnis? Der Verfasser dieses Gebetes (Berachot 16b} ist Rabbi, d. i. der Patriarch R. Jehuda Hanaßi, welcher der Vorsitzende des Synhedriums war. Rabbi kann damit etwas doppeltes gemeint haben, entweder daß er an seinem Gerichtshofe vor einer harten Rechtssache oder einer harten Partei bewahrt werden möge, oder daß er selber als Partei davor bewahrt werde. Im Talmud (Sanhedrin 6b) ist nämlich eine Kontroverse darüber, wie es sich mit einer ms?s» einem Vergleich verhalte. Manche sagen snsaS» tidrder Gerichtshof dürfe in einer Prozeßsache keinen Vergleich vorschlagen. Andere sind zwar in gleicher Weise der Ansicht, daß es Fälle gibt, in denen „das Urteil den Berg durchdringen muß," wie es heißt: „Das Gericht ist G'ttes," und daß „jedem Richter, der ein gerechtes und. wahrhaftiges Urteil fällt, die Schrift es anrechnet, als wäre er der Mithelfer des Heiligen, gelobt sei Er, beim Schöpfungswerk" (Sabbat 10a). Aber sie sind dennoch der Meinung, 'nisa: „es ist ein Gebot, einen Vergleich herbeizuführen." Die Halacha entscheidet nach letzterer Ansicht, wie das Maimonides H. Sann. 12, 4 kodifizierte „Ein Gerichtshof, der Von dem festen Rahmen der Halacha umhegt, sprüht das Offenbarungswort in jeder Zeit tausend Funken, indem es wie der „Hammer auf den Felsen" die Hirne und Seelen der Forschenden trifft. Tausend Jünger finden täglich im höchsten Glücke des Forschens und Erkennens neue Wahrheiten in dieser Lehre, große und kleine Wahrheiten in tausendfältiger Nuancierung, allesamt berufen in den großen Zukunftsbau der btPnTJJPT» einzugehen, an dessen Aufrichtung alle Generationen Kärrner oder Baumeister sind. Aber töricht, ja noch mehr, unverantwortlich ist es, eines Baumeisters Werk von. solcher Schönheit und Wucht, wie es dem deutschen Judentum insbesondere in Samson Raphael Hirschs geistiger Gesamtleistung geschenkt wurde, in einer Art Banausentum zu den Antiquitäten zu werfen, solange man einer ratlosen, verzweifelten Jugend wahrh a f. t i g nichts B e s s e r e s zu bieten1 hat. Das gibt ja Feuchtwanger selber zu, indem er schließlich, alle fertigen Lösungenv erw erf en d, anerkennenswerter Weise von der Jugend die „Entsagung Und Geduld ' des Lernens auf allen Wegen, mit allen Methor den fordert. Freilich will er dieses „Lernen" auch auf die „moderne Bibelwissenschaft" und den Besuch von 'G'ttesdiensten „aller Richtungen" erstrecken, ohne zu bedenken, daß schon vom praktisch-pädagogischen Standpunkt aus damit von vornherein die Zerspaltung und Zerklüftung der Persönlichkeit im Stadium des Werdens bereits heraufbeschworen, und nicht die ersehnte „G'ttesnähe", sondern die Trostlosigkeit der Skepsis und des Unglaubens das Ergebnisaller Mühen sein wird. Dem entspricht denn auch der für den Kenner der Materie geradezu' ungeheuerlich klin^ gende Schlußsatz des Feuchtwanger'sehen Aufsatzes, dessenehrlich um Klarheit ringendes Grundgefühl wir keineswegs verkennen wollen. Dieser Schlußsatz lautet wörtlich: „Erst wenn wir mehr gelernt haben, , unser eigenes Geistesgut in allen Formen durchforscht, die wirkenden Kräfte selbständig geprüft haben, dann ist die Zeit für ein neues Synhedrion gekommen." Wer ist denn dieser „Wir", der jetzt erst einmal anfangen soll, zu „lernen",— damit er nachher fähig werde, in einem neuen Synhedrion zu sitzen? In der Ablehnung neuer „Richtlinien" auetore Dr. Italiener und eines neuen Synhedrions von Herrn Dr. Dienemanns Gnaden sind wir mit Herrn Feuchtwanger gewiß einig. Aber dieses verantwortungslose S p i e 1 e n mit dem ständig bestrebt ist, einen Vergleich herbeizuführen, ist lobenswert und von ihm heißt es: „Recht und Frieden richtet in euren Toren." Welches ist das Recht, das mit Frieden verbünden ist? Das ist der Vergleich." R. Jehuda Hanaßi in seiner Friedfertigkeit hielt es für eine besonders große rvran» wenndie Sache oder die Partei es irgendwie ermöglichte, einen friedlichen Vergleich zu schließen und zwar nicht nur dann, wenn der Gegner ein Jude war, sondern auch, wenn er ein Nichtjude war. Und nun ist dieses Gebet Rabbis ein Bestandteil unseres Gebetbuches geworden. Daß wir, indem wir beten, vor einem unnachgiebigen Gegner bewahrt zu werden, selber in dem Willen zur Nachgiebigkeit vorangehen müssen, wenn unser Gebet nicht ein widerspruchvolles sein soll, ergibt sich von selbst. (Nochmals nfcp und n*?ö). Unter der Ueberschrift „Die Sidra spricht zu uns" bringen Sie in Ihrer Nr. 43 eine Erklärung des schwer verständlichen Midrasch. Es möge hier auch folgende Erklärung, die ich. von einem russischen Raw einmal hörte, wiedergegeben werden. Die Worte JiVlD rtii nap *iö« sin bedeuten eine Meinungsverschiedenheit zwischen Ahraham und Sara, nachdem die Speisen aufgetragen waren. Abraham bemängelte, daß ,nur grobes Mehl verwendet und die nrt» von öTniR noasn; nicht in ihrer Vollkommenheit erfüllt worden sei, worauf Sära, viel-, leicht etwas ärgerlich, antwortete: es ist doch „feines Mehl". Durch diese Antwort hätte dann Sara bewiesen, daß D">mutt n>i'j>nix nv*.