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Der Israelit · 1934-11-01 · Heft 44 (1.11.1934) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 44 (1.11.1934)
Date
1934-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1. November .1934 D er Israelit Nr. 44 Seite 1 Deutsch jüdische Jugend auf der Suche nach Religion. ■(Fortsetzung von Seite 1.) ein, es sei nötig, das Wort des lebendigen G'ttes „sinnvoll weiterzuentwickeln", mit anderen Wor teil, es der menschlichen Beschränktheit und Willkür anzupassen, statt dieses g'ttliche Wort, als Leben zeugendes Ferment aller Entwick lung, mit.jedem Morgen neu in seiner ewigen Jugend zu erleben? "Nur das unverklausulierte Bekenntnis zur G'ttlichkeit und ewigen Verpflichtungskraft der .schriftlichen und mündlichen Lehre, zur 'n n*Tin na'an ohne Abzug, vermöchte dem Sehnein die ser Jugend Erfüllung zu bringen, denn nur aus solcher absoluten, furchtlosen Hingabe kann ihr die Kraft zum echten Lernen und Ueben, zum allmählichen Wiederhineinwachsen in die Welt des Judeseins zuteil werden. Diese Absolutheit schließt Entwicklung und Leben keineswegs aus und beseitigt auch nicht alle denkerische Problematik, aber sie gibt aller Entwicklung beglückende Form und klares Ziel und gewährt dem Problematischen nur Spielraum in dem Vor Skepsis, Nihilismus und Lebensüberdruß schützenden Rahmen der offenbarten Weltanschauung. Wollen die Alten im Geiste ihrer Zeiten von solcher Bindung nichts wissen — mit welchem Recht spinnen sie die Jugend in ein System von schön klingenden frommen Worten ein, hinter denen doch wieder nur ein mehr oder minder künstlich konstruiertes. Schein-Judentum moderner Prägung sich birgt? Da funkelt mitten in einer im Geiste Rosenzweigs geschriebenen köstlichen Studie Margarete Susmanns, „Trost", die an die Haftara des Trostsabbats anknüpft, ein Satz wie dieser auf: „Es ist dieselbe in der Geschichte dunkel und unfaßlich aufbrechende Wahrheit, die in der Sinai-Offenbarung für die Menschen vernehmbar aufgefangen ist im g'ttlichen Gesetz. Diese Wahrheit ist nicht Erkenntnis, sondern Befehl. Nicht daß wir die Worte verstehen, sondern daß wir sie erfüllen, ist ihr Sinn." Ist das ernst gemeint, dann scheint nicht abzusehen, wie man einen absolut verpflichtenden, das Maß der eigenen Erkenntniskraft übersteigenden g'ttlichen Befehl der „sinnvollen Weiterentwicklung" soll unterwerfen dürfen. Der älteren Generation der Liberalen stellt Leo Hirsch in einem Aufsatz „Der Dreitage-Jude" ein geradezu vernichtendes Zeugnis aus; es ist ein Totenschein im Galgenhumor, der erschütternd wirkt. Diese Menschen „können nicht in die Religion zurück, die ihre Väter aufgegeben haben." „Und sie können auch nicht ohne diese Religion leben." „Sie bleiben Dreitage-Juden und sind zerbrochen, zerrirsen. Auch ihnen ist nicht zu helfen." Der Verfasser scheint bei dieser Prognose merkwürdigerweise ganz an den zionistisch e n-'Ausweg vergessen zu haben, der auch dem „Dreitage"-Juden heute das willkommene Surrogat für die verlorene Religion, den jüdischen Nationalismus, unter. Dispens von aller ernsthaften religiösen Bindung, darbietet, und der dazu noch die idealste Anpassung der j ü - d i s c h e n Haltung an die der deutschen Umwelt, die Uebersetzung der assimilatorischen Geistesrichtung aus dem Individuellen ins Rassische darstellt. Auch tiefere Naturen beschreiten heute naturgemäß zu Tausenden diesen Weg, denn der jüdische Nationalismus ist — wie der aller Völker — einer so ungeheuren Hochspannung von Gefühlswerten und Affekten fähig, daß er über seine weltanschauliche Leere Jahre, Jahrzehnte, viele Menschen ihr ganzes Leben lang hinwegzutäuschen vermag. Der religionslose jüdische Nationalismus ist darum heute zunächst der naturgegebene Rechtsnachfolger des gescheiterten Liberalismus. An diesen mächtigsten Faktor in der tragi sehen inneren Entwicklungsgeschichte gerade der deutschen Judenheit hat auch Ludwig Feuchtwanger vergessen, wenn er an der Spitze der „Morgen'-Nummer mit einem großen Fragezeichen: „Religion heute?" in die Spuren Gerhard Scholems tritt und ausgerechnet dem gesetzestre u e n Judentum Deutschlands seine Mängel und Sünden vorhält. Von S c h o 1 e m hat Feuchtwanger die furchtbare, man muß schon sagen fratzenhafte Verzerrung bezogen, in der er die Gedankenwelt des von S. R. Hirsch geformten gesetzestreuen deutschen Judentums darstellt, um dadurch die, wie er glaubt, ablehnende Haltung der die religiöse Wahrheit suchenden jungen Generation gegenüber der Orthodoxie zu erklären und zu rechtfertigen. Nun bedarf es aber zur Erklärung der Tatsache, daß ,,der< Ruf zur Rückkehr aus dem Lager der Orthodoxie Frankfurter Prägung völlig wirkungslos an den deutschen Juden abprallen mußte," wirklich keiner verfälschenden Karrikatur der Weltanschauung dieser Orthodoxie — dazu genügt vielmehr für jeden verständigen Menschen die unbefangene Betrachtung der idealen Konkurrenz, gegen die sich die absolute Forderung der Orthodoxie mit ihren kategorischen Imperativen durchzusetzen haben würde. Wer wird sich für die Erfüllung einer Sehnsucht den harten Bedingungen jahrelangen ernsten Jeschiwo-Lernens und Forschens, der wirklichen, nicht bloß programmatischen, Bindung des Denkens und Handelns an die Autorität, der Verrammelung so vieler Wege subjektiver Betätigungsfreiheit, dem Schwimmen gegen den Strom, der ideellen und materiellen Pein des Minderheitsdaseins unterwerfen wollen, wenn dicht nebenan in nationaler Verbrämung „Judentum", „religiöse Aufgeschlossenheit", „religiöse Lebensform", Lernstunden und Oneg Schabbos-Feiern mit der ganzen Nomenklatur des alten, nur seines realen Inhaltes teilweise beraubten Glaubens zu weit billigeren Preisen feilgeboten werden? Diese Sachlage ist so sonnenklar, daß es wirklich kaum lohnt, auf die — zum Teil auch in sich höchst widerspruchsvollen — kritischen Aeußerungen Feuchtwangers einzugehen. Diese sind zum guten Teil, wie bereits bemerkt, einfach Scholem nachgesprochen, der also schon „Schule macht" — ein neues Beispiel für das „semper aliquid haeret". Aber Feuchtwanger hat doch auch einige Besonderheiten. Er scheint z. B. zu glauben, daß „Thora im Derech Erez" (er übersetzt es, gar nicht schlecht, mit Gesetzestreue und Weltoffenheit) „ohne die Möglichkeit jüdischer Vollkultur seinen Ursinn und damit seinen Lebensodem einbüße." Das ist durchaus richtig. Aber ist damit gesagt, daß es im Golus, .also ohne die Möglichkeit jüdischer Vollkultur, irgend einen b e s ser e n Weg gäbe, der das; jüdische Volk vor Auflösung und Untergang schützt und seine Seele relativ gesund erhält, als der von S. R. Hirsch gewiesene? Gewährleisten etwa Rosenzweig, Buber und Simon in höherem Grade „jüdische Völlkultur im Ursinn", wenn sie die jüdischen Werte und Glaubensinhalte weitgehend den modern philosophischen Denkmethpden anpassen und schon durch ihre Methodik ganz unter der Hand einen tiefen inneren Aripassungsprozeß vollziehen — von der bewußten Verschleierung oder Ablehnung wichtigen Traditionsgutes ganz zu schweigen? Kein Kenner der Tatsachen wird diese Frage zu bejahen wagen. Gerade darum ist die systematische Verrufserklärung, mit der eine gewisse Gruppe von mehr oder minder zionistisch erzogenen Schriftstellern, das Aufkeimen etwaiger Sympathieen für das von Hirsch geprägte Judentum zu vereiteln sucht, ein schweres Unrecht gegenüber der ehrlich suchenden Jugend. In das Kapitel dieser systematischen Verrufserklärung gehören Scholems Schlagworte von der „Akkomodationstheologie" und der „ad absurdum geführten" geschichtlichen Losung Hirschs — in das gleiche Kapitel aber auch Feuchtwangers, des Nichtzionisten, Tiraden gegen Hirsch als Theologen des — Kapitalismus!. Man traut seinen Augen nicht, wenn man da folgendes zu lesen bekommt: „Den Gläubigen, den alten Frommen, wies S. R. Hirsch einen Weg der Versöhnung mit der modernen entgotteten Fortschrittswelt und zeigte ihnen die Möglichkeit zur unbedenklichen Aufgabe der alten, nur in den autonomen abgeschlossenen Kehilla zu verwirklichenden altjüdischen Lebensform mittels eines Systems von Fiktionen und Symbolen, wodurch jede Vorschrift der alten Pflichtehlehre (zuletzt kodifiziert im Schulchan-Aruch) aufrechterhalten und mit der Welt des Kapitalismus, der Welt der Eisenbahnen und Aktiengesellschaften vereinbar gemacht wurde. Dieses „Vehikel einer Assimilation" brach in der Tat mitten entzwei, als jener Lebensschwung des Fortschrittes, der Schienenwege, des Dampfschiffs, des Parlamentarismus und Weltbürgertums von der ganz anderen Welt des Kinos und Radios, des Flugzeuges, der Maschinengewehre und des autoritären Staatsapparates im Osten und Westen abgelöst wurde." Hirsch hat also seine Aufgabe darin erblickt, den Frommen zu zeigen, wie man die altjüdische Lebensform zerbrechen und den Schulchan Aruch unter theoretischer Aufrechterhaltung seiner Verpflichtungskraft, mit den Bedürfnissen der kapitalistischen Welt, zu Deutsch, des Geldverdienens im Großen, in Einklang bringen kann. Fertiggebracht hat er dieses assimilatorische Kunststück durch ein „System von Fiktionen und Symbolen."*) " Und nun, weil der Parlamentarismus und das Weltbürgertum, von dem autoritären Staatsapparat abgelöst worden ist (warum Kino, Radio und Flugzeug weniger zum Weltbürgertum als zum Faschismus gehören, lassen wir ununter sucht), müssen auch S. R. Hirsch und die Erben seines Geistes von der Bühne der jüdischen Kulturgeschichte abtreten, und man sieht ein, warum die „neuorthodoxe Klitterung „Tora im Derech Erez" der „unverbogenen" deutsch-jüdischen Jugend keine Erfüllung ihres religiösen Sehnens bedeuten kann. Soviel Worte, soviel Widersinn. Weil es in der Frankfurter Religiönsgesellschaft. vor dem Krieg 35 Millionäre gab, weil diese Millionär-Kreise durch ihre Orthodoxie nicht daran gehindert wurden, zwar weniger als ihre n i c h t o r t h o d o x e n Nachbarn, aber immerhin stark genug, dem pö3 "WlVr?'den sittlichen Versuchungen des Reichseins zum Opfer zu fallen — muß sich S. R. Hirsch die lächerliche Anprangerung gefallen lassen, er habe das Judentum dem Kapitalismus akkomodiert. Der Mann, der nie in seinem Leben dazu zu bringen war, sogar in einer nach dem Schulchan Aruch zugelassenen Weise dem orthodoxen Kapitalsten die Erlaubnis zur Association mit einem Nichtjuden zwecks Umgehung des Sabbatgebotes zu erteilen, der Mann, der den Mut hatte, allen berechtigten kapitalistischen Interessen zum Trotz zu erklären: ,Der Schulchan Aruch erlaubt es, aber ich verbiete es für meine Gemeinde kraft der mir vom Gesetz erteilten mpft- Befugnis", der Mann, der den Mut hatte, mit dem größten (und dabei edelsten und frömmsten) „Kapitalisten" seiner Gemeinde, dem Freiherrn Wilhelm von Rothschild ^"ST' aller Konsequenzen ungeachtet, zu b r e c'h e n , weil dieser in einem Einzelfalle seiner höchst unkapitalistischen ntDin nicht folgen zu können glaubte — der soll nun seine ) Es soll nicht verschwiegen werden, daß Feuchtwanger — des Widerspruchs offenbar nicht bewußt weiterhin S. R. Hirsch bescheinigt, er habe sein System „mit genialem Schwung in echt jüdischem Geiste voller Suggestionskraft" entworfen.

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