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Der Israelit · 1934-10-25 · Heft 43 (25.10.1934) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 43 (25.10.1934)
Date
1934-10-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage Nummer 43 1934 Die Austreibung aus Jaffa und Tel Awiw. Von J. Duschmann. (Fortsetzung.) Im Wagen, einer großen Bauernfuhre, die uns nach Tiberias brachte, befanden sich noch vier Personen: ein Greis, ein Ehepaar in mittleren Jahren und ein Knabe, also drei Generationen. Außerhalb der Kolonie stieg zum Kutscher noch ein junger Bauernsohn aus Rosch Pinah, hinzu. Der Wagen war vollbeladen mit Kisten und Kasten, Säcken, Bettzeug und Hausrat. Ich kam auf eine Kiste zu sitzen, da für meine Füße aber die Fuhre keinen Platz hatte, baumelten sie in der Luft oberhalb der Räder. Kam eine Kurve oder machten die vorgespannten Tiere aus irgend einem Grunde einen Sprung außer Programm, mußte ich mich mit beiden Händen an einer der Stangen festhalten, um nicht hinauszufliegen. Daß ich nicht dennoch hinausfiel, dankte ich den zwei vollgefüllten aufgeblähten Säcken, zwischen denen ich eingeklemmt war. Aus dem einen Sacke drang bei jeder größeren Bewegung der Griff einer Bratpfanne mir in die Rippen. Das tat weh, hatte aber den Vorteil, daß ich wie aufgespießt bei allen Schwankungen im Wagen festgehalten war. In der Folge fing ich jedoch an, alle Küchengeräte in Grund und Boden zu verfluchen. Heute nach achtzehn Jahren kann ich noch keine Bratpfanne sehen, ohne einen schmerzlichen Stich in die Seite zu empfinden. Langsam .und mühselig schleppte sich das Gefährt; eine Zeitlang sprach keiner ein Wort, jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Die Frau allerdings hatte, scheinbar aus Mangel an Gedanken, eine andere Beschäftigung; Sie packte umständlich Beutel und Taschen aus und kaute mit vollen Backen ununterbrochen. Der kleine Junge half tapfer mit. Sie kauten und schmatzten um die Wette und zwischendurch schrie der Junge laut auf, wenn sein Mundvorrat zu Ende war und seine Hände nicht rasch von neuem gefüllt wurden. Dieser sechsjährige Knabe war nicht nur der Mutter aus dem Gesichte, sondern auch aus dem Magen geschnitten. Dagegen sprach der Mann, der Vater des Kindes, kein Wort, aß und trank auch den ganzen Weg nichts. Er sah schweigend und vergrämt in die Ferne und drehte sich eine Zigarette nach der anderen. Im Gegensatze zu der Frau, die sehr in die Breite geraten war und damit den größten Teil des Wagens ausfüllte, war er ganz steil gebaut, hager uncf knochig. Die weiten Felder rechts und links schienen alles Weh der Trennung in ihm jede Minute von neuem wach zu rufen. Der Greis, Vater des Mannes, war wohl schon ein Achtziger. Er saß auf ein Kissen gelehnt und der alte Körper zitterte wie ein halb gefällter Baum. Die Augen hielt er halb geschlossen und er wußte nicht recht, wohin mit den knochigen, blutlosen Händen. Man sah ihm an, daß die Reise ihm viel Mühe und Pein bereitete, aber man konnte ihm nicht helfen. Frohgemut waren nur die zwei Jünglinge auf dem mit Kisten und Säcken vorne ad hoc hergestellten Kutschbock, der Kutscher und sein Freund aus Rosch Pinah. Ihre Gespräche drehten sich zunächst um die Ernte, Ackerbaugeräte, eine Kuh, die gekalbt hatte. Dann aber bekam der Ton eine besondere Wärme, als die Unterhaltung auf D e b o r a h überleitete. Aha, dachte ich, überall das Gleiche, das Weib . . . „Klug ist die Deborah, hat einen Ministerkopf," lobte der Kutscher, „aber empfindlich und rachsüchtig wie eine Schlange, Ist von adeligem Blute, kann kein hartes Wort leiden, geschweige denn die Peitsche . . ." Ich erschrak. So sind sie . . . Aber nun verstand ich: diese Deborah, es war der eine der zwei vorgespannten Maulesel, um den ihn die ganze Umgebung beneidete. Ein Tier, wie es kein klügeres und besseres und willigeres auf der Welt gab, wenn man es nur richtig behandelte. Araber boten ihm schon hohe Preise; er wollte sie gar' nicht anhören. Einmal drang nächtlicherweise ein Beduine in den Stall und wollte sie entführen,, Deborah nicht faul, holte mit dem rechten Vorderfuß aus und versetzte dem Räuber einen Schlag mitten ins Gesicht, daß er über die Schwelle taumelte und mit einer Tracht Prügel morgens wieder ins Leben gerufen werden mußte. Gebenscht sei ihm Deborah, die einzige! . . . Der junge Bauernsohn aus Rosch Pina betrachtete sich das Tier, lobte seine Schönheit und gab gute Ratschläge, um es vor Sonne und Fliegen zu schützen. Mir scheint, als verstand Deborah jedes Wort und blinzelte mit den Augen; „Hast du es jetzt auch gehört? S o bin ich." Aber ihre Nachbarin, die andere Eselin, stapfte mit gesenktem Haupte, beleidigt und eifersüchtig. Dieses andere Tier hörte auf den schönen Namen Z i p o r a h, war etwas ältlich, aber noch sehr rüstig. Für die Feldarbeit, erzählte der Fuhrmann, gab es kein besseres Tier als dieses, nur wollte es um keinen Preis ins Gespann. ,,Ein merkwürdiges Tier. Spanne ich es auf die linke Seite, macht es Opposition wie ein streikender Bauarbeiter, kommt nicht vom Fleck; auf der rechten Seite geht es schon besser. Also los Deborah!" feuerte der Kutscher an, ,,und auch du Ziporah, solltest nicht zurückbleiben. Schämt euch, wir sind doch auf einer Ebene, spiegelglatter Weg wie ein Tisch . . ." Das ließen sich die klugen Tiere nicht zweimal sagen, ein Hopsen fing an, als wären sie in einem Zirkus. Der Greis schreckte auf, die dicke Frau ebenfalls, * weil ihr eine halbe Orange zu Boden gefallen war und mir drang wiederum der eiserne Stiel der Bratpfanne tief in die Rippen. Und das alles hatte uns die kluge Deborah angetan ... Wir kamen von der glatten Chaussee ab auf fast unfahrbare Feldwege. Nun wurde die Fahrt zu einer Höllenqual für alle, am meisten für den armen Greis. Das Kind schrie nach Wasser, aber frisches Wasser hatten wir nicht. Der Alte wurde schwächer und schwächer. Kurz vor Tiberias stieß er einen entsetzlichen Schrei aus: ,,Ich kann nicht mehr!" Der Wagen hielt an, wir spritzten unser letztes, durch die Sonne stark gewärmtes Wasser auf sein Gesicht, er gab .kaum ein Zeichen von sich, seine Hände hingen gelb und schlaff zum Wagenrande herunter. Ich weiß nicht mehr, wann und wie wir in Tiberias anlangten, weiß nur soviel, daß mitten auf der Straße eine ganze Menschenansammlung unseren Wagen umringte. Alle riefen, alle schrieen durcheinander. Man holte einen Arzt, der aber mit dem Kopf schüttelte und weiterging. Es tauchte auch ein baumlanger Polizist in Bärenmütze auf, der den "Fuhrmann ins Verhör nahm. Mir fiel beim Anblick der „hohen Behörde" mein ' unglückseliges „unverheiratet mit . . ." ein. So nahm ich meinen kleinen Ranzen und machte mich auf leisen Sohlen, so rasch ich konnte, davon. Auf der Straße traf ich einen Freund, einen Arbeiter, „Sei gegrüßt, Baruch!" freute ich mich. Er erschrak und zog mich sichtlich verwirrt zur Seite. „Nicht so laut, Lieber. Weißt du nicht, daß in dieser verrückten Zeit jeder jeden Namen haben kann, nur nicht den eigenen? Wenn sich heute Freunde treffen, fragen sie sich nicht: Wie gehts?, sondern: Wie heißt du?" ,,Auch gut, wie heißt du?" „Pinchas Kalk." „Waas? Auch du? Wie kommst du zu meinem Namen?" „Dein Name? Es ist seit gestern mein ehrlicher Name. Wie du heißt, möchte ich gerade jetzt erfahren." Da soll doch aber . . ." brauste ich auf. „Am Ende stammst du gar wie ich aus Drohobitz, 28 Jahre alt und Barbier von Beruf?" „Stimmt ganz genau. Als hättest du meinen Paß auswendig gelernt." „Aber das ist doch mein Paß!" schrie ich. „Deiner oder meiner," lachte der Freund. „Für den Düngerhaufen sind sie alle beide gleich gut, und es gibt in dieser verworrenen Zeit viele Doppelgänger. Wenn der eine in Petach Tikwah ist und der andere in Tiberias, dann ist ja alles in Ordnung. Schlimm nur, wenn die beiden Pinchas Kalk aus Drohobicz auf der Straße zu Tiberias aufeinander stoßen. Erinnerst du dich nicht, wie wir einmal zusammen in der Jeschiwah von den zwei „Jossef ben Schimeon" in der Gemoro lernten?" „Und mit wem bist du unverheiratet?" fragte ich nun schon etwas beruhigt. Aber Pinchas Kalk Nummer zwei hatte mehr Glück. Er war mit meiner Frau nicht „unverheiratet," sondern richtig „verheiratet". „Also doch ein kleiner Unterschied, ein Kennzeichen, daß man uns nicht ganz verwechselt," lachte jener, „Der Esel von Beamten, der uns dieses gleiche Schicksal aufgehängt hat, verstand sich doch ein wenig auf Nuancierung. Also einer muß den Platz räumen. Wollen wir lesen?" Auf diesen leichten Ton konnte ich nicht eingehen, aber ich war nun ruhiger. Es war einleuchtend, daß ich mich nicht im Räume bewegen durfte, wo sich Kalk an Kalk stieß. So benutzte ich den gleichen Wagen, der jetzt leer nach Judäa zurückfuhr, um nach Sichron J a k o w zu gelangen, der Mutterkolonie von Samaria. (Schluß folgt.) Aktuelle Literatur. Das Palästina-Amt der Jewish Agency in Berlin W. 15, Meineckest r. 10 veröffentlicht die sechste Auflage seiner unter dem Namen ,, A 1 i j a h " erscheinenden Informationen für Palästina-Auswanderer. Das Heft ist gegen früher stark erweitert und stellt in der Tat ein unentbehrliches Informationsmaterial für jeden dar, der die Auswanderung nach Erez Jisroel ins Auge faßt. Einige beliebig herausgegriffene Ueberschriften aus dem reichen Inhalt mögen dies beweisen: Einwanderungsbestimmungen, Einreisebestimmungen für Touristen, Jugend-Alijah, Leitlinien der Zertifikatverteilung, Steuervorschriften, Erlangung der Devisengenehmigung, Transferierung von Versorgungsbezügen und Renten, Steuerfragen, Reisewege, Fahrpreise, Umzug nach Palästina usw. Obgleich die Jewish Agency in ihrer heutigen Zusammensetzung eigentlich eine neutrale und nicht eine parteizionistische Körperschaft sein sollte, läßt das Heft nun leider von dieser Neutralität nichts verspüren. Tragikomischerweise muß zwar das dem Heft vorangestellte Wörter Verzeichnis um des Alphabetes willen mit der „Aguda" beginnen und an zweiter Stelle dann „Agudas Jisroel" als „antizionistische Vereinigung religiöser Juden" definieren, aber im übrigen weiß dieses offizielle Heft weder von der Existenz der Aguda s. Jisroel etwas, noch von dem Abkommen, das die Jewish Agency auf Veranlassung der Palästina-Regie-

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