Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1934)
- Date
- 1934-10-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 43 Der I s r a e I i t 25.^Oktober 1934 Freilich zieht sich eine feine, im heutigen Stande der Dinge für die Außenwelt noch nicht klar sichtbare Grenzlinie zwischen dem, was Stricker fordert und wir in der Orthodoxie wollen, die um die Begriffe „jüdischer Geist", „treue Juden", „religiös nationale Erziehung" usw. ♦ läuft. Aber davon zu sprechen, wird erst an der Zeit sein, wenn nach Erfüllung der Forderung die Sache zu einer intern jüdischen Schulangelegenheit wird. Vorerst genügt es, zu verzeichnen, daß auch außerhalb der Orthodoxie es nicht alle als. eine Gefahr erachten, wenn die Regierung auf dem Wege der ,,Reichspost'' erfährt, daß ein nicht unwesentlicher Teil der Juden die jüdischen Parallelklassen nicht ohne weiteres ablehnt und darüber hinaus jüdische Vollschulen verlangt. - Martin Buhers neueste Lehrhausrede. Von Dr. Arnold Merzbach in Frankfurt a. M. I. ' Das „Jüdische Lehrhaus" in Frankfurt a. M. eröffnete am Sonntag, den 14. Oktober, seinen diesjährigen Herbstlehrgang mit einer akademischen Feier, in deren Mittelpunkt — von Psalmgesängen umrahmt —wiederum eine richtungweisende Rede Martin Bubers stand. In Fortführung früherer Gedangengänge versuchte er dieses Mal im Thema „die Mächtigkeit des Geistes" das Judentum von seinem tieferen ethischen Sinn her mit den andern großen Weltanschauungen der Geschichte in Beziehung zu bringen. Die Persönlichkeit Bubers, der in manchen Kreisen geradezu als Prophet der heutigen Judenheit gefeiert wird, und die Mächtigkeit seines Geistes machen es zur Pflicht, sich nicht nur mit dem zu beschäftigen, was er' sagte, sondern auch —, was er nicht sagte. Dies um so mehr, als die meisten jüdischen Zeitschriften Bubers Reden nur ehrfürchtig zu referieren pflegen und den Leser kaum zu der schon aus Selbstachtung gebotenen Pflicht der „Auseinandersetzung" anregen. ■.,:•:!. - II. Ausgangspunkt und Prüfstein seiner Einordnung der verschiedenen Religionen war für ihn eine vom Grafen Kayserlingk aufgeworfene Fragestellung, ob und wie im Laufe der Geschichte es dem „Geiste" gelungen sei, der „tellurischen" Kräfte in der Menschheit Herr zu werden. Diese letzteren benennt Buber seinerseits mit dem Worte „Elementarkräfte" und stellt ihnen als „Höheres" im Menschen den „Geist" gegenüber, als den er natürlich nicht den reinen Intellekt begriffen haben will, sondern eine Art liebenden und vertrauenden Glaubens, — ein nicht scharf genug gefaßter und ausgeführter Begriff, der nicht nur religionsphilosophisch vom Jüdischen aus, sondern auch psychologisch recht anfechtbar ist. Jedoch ist die Fragestellung insofern sehr fruchtbar, als sie darauf hinweisen will, daß es in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit so etwas wie einen geistigen Auftrieb gibt. Nach Buber ist dieser „Geist" auch das Wesentliche des Menschtums, das den Menschen vom Tier unterscheidet. Indem aber Buber diese erklärende Definition hinzuzufügen zu müssen glaubt, begibt er sich' in alte theologische Vorstellungen spekulativen. Charakters, deren Exaktheit zumindest noch klärungsbedürftig ist; immerhin liegen hier ' Unterscheidungen zu Grunde, die dem Laien recht geläufig sind und auch einer gewissen Moderne nicht entbehren, wenn man sich etwa des Gegensatzes von „Geist" und „Seele" von K 1 a g e s erinnert, von dem ja auch Graf Kayserlingks Philosophie beeinflußt scheint. Wie dem auch sein mag, es kommts Buber mit Recht für seine Betrachtung wesentlich auf das Faktum eines Daseins dieses Höheren an, —- und nicht so sehr auf die Schärfe des Begriffes und die Richtigkeit der Wortbezeichnung, als vielmehr auf das Erfühlte und Erfühlbare. Immerhin bleibt hier noch die Frage mit Recht bestehen, wieso sich Buber der Vereinfachung halber nicht der bestehenden urid! bereits geklärten terminologischen Unterscheidungen bedient — zumal in einer philosophischen Gegenwart, wo eine große Richtung den allgemein g ü 11 i g e n Vorstellungssinn der Begriffe eindeutig festzustellen sich bemüht. Stehen ihm doch genug bekannte und klare Begriffe zur Verfügung; da schuf doch Freud das „Ueber- Ich" des persönlichen Gewissens und als Gegenpol das „Es" der elementaren Massen und dazwischen das sich nach oben oder unten orientierende Ich. Und ebenso im Jüdischen: gibt es da nicht die Dreiheit von ftVl——, die genau Bubers Differenzierung, entspricht, mit ihrer von nVnp längst beschriebenen Entscheidungsnotwendigkeit des Geistes: .. K71 JlVlSJil n^ya^?' ob er nach oben oder nach unt:en sich entscheidet? Oder' aber — d enkt Bub er etwa für sich so einsam, daß alle Terminologie der Welt an ihm abprallt, und er nur für sich persönlich spricht, weil er nur persönlich sprechen kann?? Ist es aber — und so fragen wir weiter ist; es.;.ehr Vorzug eines Führers, nur innerhalb des eigenen Gedankensystems zu sprechen? , , , Hier tut sich der Unterschied auf zwischen Prophet und Philosoph! Ist es vielleicht die Tragik Bubers, daß er Prophet sein will und nur Philosoph ist? . . . Oder unpersönlich gesagt: ist Sprache ein Instrument oder ist sie ein Werk? Schauen wir uns aber lieber das Werk — den weiteren Redeinhalt an. III. / In drei religionsges.chichtlichen Welten, Heidentum, Judentum und Christentum wird , die Mächtigkeit dieses Geistes nun gegeneinander gestellt. Die Epoche des Heidentums war durch eine „Verklärung" der Elementarkräfte gekennzeichnet, durch ihre Heiligkeit, jedoch nicht durch ihre Heiligung. Diese „schöne" Weltanschauung führte schließlich zur Verzweiflung und zum Untergang, selbst die. griechische Philosophie vermochte sie nicht zu halten. Illustrierend möchte man für diese Zeit das Thorawort hinzufügen: damals lebte der Geist beziehungslos über den Wassern, Für die Antwort des Christentums auf die Frage des höheren Geistes an das Elementare im Menschen führt Buber freilich nunmehr plötzlich eine schärfere Aufspaltung dieses Begriffes, in .jElementarkräfte" und „Elementartriebe" ein. Die Elementarkräfte sind etwai Blut und,<Boden (also doch Tellurisches!). Elementartriebe .sind-Hunger, Geschlecht; und Machttrieb. Schon an dieser Einteilung sieht man, wie;Bubers Psychologie haupt-, sächlich v o m S o z i o 1 o g i s che n.'; h e r ihrer Begriffe bildet und'1 somit mehr von den Gegebenheiten der Erscheinungswelt her geformt ist. Die Verhaltensweise des Geistes zu diesem Elementaren soll nun nach Buber im Christentum', unter welchem er freilich im Wesentlichen das paulinische Christentum versteht,- verschieden sein: Die Beziehung des Geistes zu den.Elemertarkräften wie Blut und Boden sei im Christentum nicht eindeutig festgelegt. Klarer ist ^e Aufgabe des Geistes gegenüber den Elementartrieben: das Christentum verlange „Bewältigung" der Triebe. Es entsteht nach Buber im Christentum so das Ideal der Askese, wie es aüch die Mönchsregeln mit'ihrer Weltferne vorlebten. Aber stets bleibt als Ungelöstes und Unbefriedigendes der. Z wie s p alt zwischen dem „Gesetz über mir" und dem „Gesetz in mir", das „Doppelgesetz", wie Paulus sagte. Nur über der schönen Welt — nicht in ihr wölbt sich — ein treffender Vergleich Bubers — ein idealer, aber unerreichbarer Himmel . . v Buber schematisiert hier überall der Verdeutlichung halber, wie er selber hervorhob, i:' . , , Aber — so fragen wir — kann .man das Christentum so in ein statisches Schema einspannen? Kann man Luthers Großtat, die Verwirklichung der Idee i m Leben, : so vernachlässigen? Und es kann auch nicht (und es darf auch nicht) allein das Urchristentum gemeint'sein, denn wenn -— wie Buber tat auf die einseitige Intellektherrschäft der letzten europäischen Jahrhunderte als Nachfolge wahren umfassenden Christentums hingewiesen wird, — darf man dann die dynamischen Jahrtausende dazwischen überspringen??. Auch die Lehren Buddhas verdienten in dieser schematisierenden Gegenüberstellung einer Erwähnung, Ist „das" Heidentum: eine Verklärung der 'Triebe, will „das" Christentum ihre Bewältigung, so fordert Buddha — er stünde vom religionsphilosophischen Standpunkt wohl zwischen beiden — die Verneinung der Elementarkräfte. Oder zielt Buber nur auf die abendländische Entwicklung ab, da er uns auch den Islam nicht aus der Reihe „vieler orientalischer Religionssysteme" besonders heraushebt? . . . Mag diese Namenlosigkeit für die Ethik des Islams vielleicht Berechtigung haben — denn er scheint uns eine Mischung von Trieb Verklärung und Triebheiligung —, so muß bei dem Einfluß der buddhistischen Ideenwelt auf die religionsgeschichtlichen Formen des Abendlandes in Vergangenheit und Gegenwart, diese ausgezeichnete Morallehre von Eigengestalt doch auch Einordnung finden! . . . Es .sei denn, daß Buber auf religiöse Aktualitäten unsres. Lebenskreises abzielt und in historischer Betrachtung nur gegenwärtige neue Glaubensformen in der Bedingtheit ihres Werdens erklären will! ... IV. Der Verklärung der Triebe im Heidentum und ihre Bewältigung im Christentum stellt Buber schließlich das Judentum gegenüber mit seiner Heiligung alles Elementaren 'durch den Geist. Sie gilt zuerst für die Elementarkräfte, wie Blut und Boden. Buber erinnert in': diesem Zusammenhang an die Erziehung Israels von Abraham an und an die Bereitstellung des' Landes für Israels Aufgabe, In gleicher Weise'habe die Heiligung durch den Geist für die Elementartriebe stattgefunden. Die Beschneidung ist, beispielsweise eine Heiligung und damit zuerst Bejahung des Geschlechts selbst und bedarf nicht erst schließlich wie das Christentum eines idealisierenden Sakramentes. Das Opfer als Heiligung des Besitzhungers und die Salbung des Königs als Heiligung der höchsten Machtverkörperung seien andere Beispiele dafür. Zusammenfassend stellt sich nach Buber dem Judentum all dieses. Leben zutiefst nicht, als Schein oder Gleichnis;,:; sondern als , Realsystem" dar, das der Heiligung . durch, den Juden bedarf. Mit diesen Aus,deutungeri nähert sich Buber, anscheinend, ohne sich dessen klar. .bewußt zu sein, der Gedankenwelt R a b b ine r Hirschs, und seiher r symbolischen Deutung, der Mizwos. Aber warum dringt Buber — w i e , d o c h n a h e 1 i egend wäre — nicht einmal bis zum Begriffe der Mizwoh vor oder zu viel treffenderen Beispielen für seine Gedankengänge, wie etwa die Bedeutung der Brochaus, zum Verbote des Blutgenusses» überhaupt zu den• Speisev.erbot e'n, dann zu der. Ehegesetzen und — zur Sabbathut? . Schärfer profiliert, lautet d,iese-Frage aber', wenn Buber den Symbolgehalt..jüdischer Gesetze prinzipiell bejaht, —. warum oder wozu wählt er dann nur dieleinen .Gesetzesbeispiele und j unterdrückt die anderen, — und w o zieht er: die Grenze zwischen beiden? Denn diese eine .Voraussetzung ist doch wohl sicher: logische Fehler kann es bei einem . Manne., von solche.' Denkkraft ebenso wenig geben wie, Zufälligkei-