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Der Israelit · 1934-10-25 · Heft 43 (25.10.1934) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 43 (25.10.1934)
Date
1934-10-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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25. Oktober 1934 D Israelit Nr. 43 Seite 5 rechtlich und menschlich begründet ist oder nicht. So wäre über diesen Kasus an sich kein Wort;x. verlieren, handelte es sich nicht gerade um einen Platz,, mit dem in letzterer Zeit die jüdischen Redaktionen, und nicht zuletzt die unsrige, .".chon vielfach in unerfreulicher Weise befaßt wurde. Siebzig Prozent von den jüdischen Kurgästen, die im letzten Sommer diesen beliebten Taunusluftkurort aufsuchten, sollen i n nicht jüdischen Hotels und Restaurationen gewohnt und gespeist h a - l< e n , obwohl ein jüdisches Hotel mit anerkannt äuter Verpflegung am Platze ist. Neu mutet diese Wahrnehmung nicht an. Man erlebte früher .schon ähnliches in Bad Brückenau, wo ,:wei vortrefflich geleitete jüdische Hotels den jüdischen Gästen allen Komfort und alle Anpehmiiehkeiten eines modernen Betriebes und jüdischen Milieus bieten. Der jüdische Hotelier auf Norderney hatte am Pessachfeste und um die Osterzeit vorigen Jahres von 200 jüdischen Gästen, die noch kurz vor Toresschluß (der völligen Sperre für Juden) dort die Strandfreuden genossen, sage und schreibe fünf Gäste in seinem Hause. Ein altes trauriges Kapitel, über das schon oft genug an dieser und an leitender Stelle unseres Blattes geschrieben worden ist. Etwas krasser liegt aber der Fall Schmitten deswegen ,weil dort, wie uns von absolut zuverlässiger Seite verbürgt wird, diesen Sommer auch geistige Führer, auch Religion sb e a m t e g roßerGemeindenan sichtbarer Stelle, in nichtjüdischen Häusern wohnten und unrituell lebten. In den uns zugegangenen Zuschriften wird ein Herr genannt, der früher lange Jahre am Vorbeterpulte einer frommen Synagoge gestanden hat und wohl mit dem Ausscheiden aus dem Amte auch eine Lösung von G'tt und seinem Gesetze vollzogen hat. Ein anderer Herr in führender Stellung, der heute noch gelegentlich die Kanzel bedient, erachtet es für seine eigene Person nicht einmal für nötig, in den Wochen der Erholung das kleine Opfer der Mehrkosten für die rituelle Verpflegung auf sich zu nehmen. Wir brachten diese Mitteilungen seinerzeit nicht, weil wir sie erst auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen wollten, und als dieses, sehr zu Ungunsten der Beschuldigten, geschehen, uns die Sache inzwischen mit dem Saisonschluß und dem Herbstbeginn überholt schien. Nun aber kommt die Warnungstafel von Schmitten und legte uns doch die Pflicht auf, zu reden. Seltenwo erfüllte sich das Wort des Sündenbekenntnisses so buchstäblich wie in diesem Falle: nw n^niBn ^Bswaai frnsa» ino ,,Ueber Bord geworfen haben wir Deine Gebote und Satzungen, die köstlichen, und genützt hat es uns nichts!" Und man wäre dabei sogar geneigt, verstehend an die Fortsetzung des Gebetes zu denken: Hin *?D by p'TX rmNV Daß die Großzahl der Unschuldigen darunter zu leiden hat, daß beispielsweise das Schächtverbot diejenigen unter uns am wenigsten trifft, die es durch ihren Treuebruch diesem Gebote gegenüber verschuldet haben, ist jüdisches Schicksal, seitdem uns in Verbindung mit den Fluchgeschicken des Galuths das Wort geworden ist: y>nxn wn* i^m- Trotz aller Anbiederung, aller Anpassung, aller Anschmiegung unter Preisgabe des Eigenen und Heiligsten jenes „Unerwünscht"! Trotz? Nein, gerade wegen und infolge jenes würdelosen Benehmens, wegen jener Abkehr vom jüdischen Kreise und jüdischen Gesetze und der Abirrung auf „fremde Weinberge", die als Zudringlichkeit empfunden und — wenn die Konjunktur vorbei ist — auch mit Schildern geahndet wird. Tafeln gegen Tafeln: Warnungstafeln anstelle der zerbrochenen Gesetzestafeln! Blieben die jüdischen Gäste da, wo sie hingehören, da wo sie sehnlich erwünscht sind — von Restaurateuren, die bei aller Tüchtigkeit und Sachkenntnis schwer um ihre Existenz zu ringen haben; suchten sie in den Tagen der körperlichen Erholung auch die geistige Erholung unter Menschen eigener Art, die nicht allein eine Tisch-, sondern auch eine geistige Gemeinschaft bilden, keine Behörde würde auf den Gedanken kommen, ihnen das Anrecht auf Luft und Licht und Erholung streitig zu machen. Hier wäre Absonderung wahres Gemeinschaftsleben und viel Aergernis und schmerzliche Zurücksetzung bliebe uns erspart. Die neueste Warnungstafel vor Schmitten möge uns eine Warnung in höherem Sinne sein, möge uns alle Warnungen und Mahnungen der Propheten in Erinnerung rufen, da zu bleiben, wo wir hingehören und erwünscht sind. Die Diskussion über die Judenklassen in Oesterreich. Daß die Orthodoxie mit ihrer Akzeptierung der nach Konfessionen getrennten Klassen in den österreichischen Mittelschulen und ihrer darüber hinausgehenden Forderung nach eigenen vom Staate errichteten jüdischen Schulen nicht allein steht, beweist ein vielbeachteter, auch von der „Reichspost" übernommener Vortrag von Robert Stricker im Jüdischen Volksbunde. Stricker führte u. a. aus: „Was ist geschehen? Im Zuge der jetzt in Oesterreich zur Geltung gelangenden Tendenz ist die Regierung daran, das Erziehungswesen religiös-national umzugestalten. Die Tendenz führt in konsequenter Verfolgung unausweichlich nicht nur zur Scheidung eines Teiles der Lehrstoffe, sondern auch der Schüler in religiöser und nationaler Hinsicht. Wir volksbewußte Juden erkennen nicht nur das Recht der deutschchristlichen Majorität des Staates an, ihre Kinder religiös-national zu erziehen, sondern wir verlangen als gleichberechtigte Staatsbürger die gleiche Erziehung für unsere Kinder." Der Redner erklärt weiter, der Parallelklassenerlaß sei nicht antisemitisch, aber insofern verfehlt, als die bloß räumliche Scheidung nach der Meinung der Juden wohl den Christen, nicht aber den Juden die religiös-nationale Erziehung verbürgt. Wir verlangen," sagte der Redner, „von der Regierung, daß sie unsere Jugend in gleicher Weise behandle wie die deutsch-christliche, d. h., daß sie für ihre religiös-nationale Erziehung natürlich im jüdischen Geiste sorge. Wir verlangen von der Regierung die Einrichtung eines öffentlichen jüdischen Schulwerkes mit Hilfe staatlicher Förderung und öffentlichen Mitteln, in welchem unsere Kinder unter jüdischer Anleitung von jüdischen Lehrern zu treuen Juden und treuen Oesterreichern erzogen werden. Wir verlangen die jüdische Schule." Der Redner übte an jenen Juden, die aus den Erfahrungen der Gegenwart nichts gelernt haben und sich gegen eine unaufhaltsame Entwicklung stemmen, scharfe Kritik. Er lehnte auch die Gewohnheit, im In- und Auslande zu protestieren, ab. Die „Reichspost" stellt danach fest, daß zwischen dem Standpunkt der Zionisten und dem der orthodoxen Juden in der Schulfrage weithin Uebereinstimmung bestehe. „Nur übersehen die Zionisten," meint das Regierungsorgan, „daß der Parallelklassenerlaß, von dem sie unbegreiflicherweise eine Diffamierung der jüdischen Schüler befürchten, wohl noch nicht die Erfüllung ihrer Forderung, aber doch eine Vorbereitung der Erfüllung bedeutet, Weder Rom, noch Jerusalem wurde an einem Tage erbaut. Benachteiligt die interkonfessionelle, d. i. die konfessionslose Mischschule, alle Religionsgemeinschaften, so verhilft die konfessionelle Schule jeder zu ihrem Recht." War nicht Lot gegen die Engel in Sedom genau so gastfreundlich wie vorher Abraham? Warum lobt alle Welt Abrahams Liebe und schweigt von Lot? Bei Lot heißt es (M. I, 19, 1) „Und es kamen die beiden Enge 1." Wer wird sich nicht um Engel reißen? Abraham aber sah nur a->mx nvbvdrei Menschen, einfache, müde Wanderer, und lehrte, daß auch, oder erst recht der Arme und Unangesehene auf unsere Hilfe und Gastfreundschaft Anspruch hat. Man ersuchte den Wilnaer Gaon um Genehmigung eines neuen Armenstatutes, das für eine Zeitlang im Interesse der einheimischen Armen eine Sperre für die Wanderarmen vorsah. Der Gaon schüttelte mit dem Haupte: „Alte Takono, schon von der Vierländersynode her bekannt ..." „Vierländersynode?" „Ja, in den vier Ländern Sedom, Amora, Admo und Zwojim existierte bereits eine solche Maßnahme." Das Schicksal des Statutes war damit besiegelt. Man fragte Rabbi Israel Salanter, wozu ss nötig sei, beim Eingange eines jeden Monats einen „kleinen Jomkippur" einzulegen. Die alten Frommen hätten nur einen großen Jomkippur gekannt. „Werde iqhs Euch erklären," sagte Rabbi Israel, nich sah einmal auf dem Wege von Wilna nach Petersburg einen Mitreisenden, der auf jeder größeren Station ausstieg und nach einiger Zeit ein Billet bis zur nächsten Station löste. „Warum habt Ihr nicht gleich in Wilna die ganze Fahrt bezahlt?" wunderte ich mich. „Das," antwortete er, „können sich nur reiche Leute leisten. Ich aber muß von Zeit zu Zeit in kurzen Abständen Rast machen, um meine Barbestände zu berechnen und mir das für die Weiterfahrt Nötige neu zu verdienen oder zu erbetteln.'.' Die Frage war restlos beantwortet. Daniel Chwolsohn, der es in Rußland vom Jeschiwabachur —nach der Taufe — bis zum berühmten griechisch-katholischen Theologen und Direktor des Priesterseminars in Petersburg brachte, litt schwer unter dem Zwiespalt seiner Seele, um so mehr, als ihm von der einen Seite das Judentum nicht vergessen, er aber von der jüdischen Seite als Täufling gemieden wurde. Er sagte einmal in bitterer Selbstironie: nna 'rmu abv tjt» „Vor meiner nazarenischen Zeit war ich nichts wert." vnxu iVn3 'nixnt? iB?Djn, nun, da ich den Weg dahin gefunden habe, hat sich mit mir nichts geändert . . ." Sukkaus-Tage in Montreux. Von den vielen Kur- und Erholungsplätzen der Schweiz sind den gesetzestreu lebenden Juden nur eine kleine Anzahl zugänglich. Der schönsten einer ist das herrlich am Genfer See gelegene Montreux. Für den jüdischen Besucher bemerkenswert ist die vor etwa 8 Jahren von Rabb. Botschko begründete und seit dieser Zeit unter seiner Leitung stehende Jeschiwa Ez Chajim, wenn nicht die einzige im westlichen Europa, so doch bestimmt die in herrlichster Lage befindliche und am schönsten ausgestattetste. Im letzten Sommer-Semester hatte die Jeschiwa 60—70 Hörer, großenteils aus der Schweiz, Frankreich und angrenzenden Ländern, aber auch aus Polen und ' Deutschland. In mühevoller Arbeit ist es Herrn Rabb. Botschko gelungen, aus kleinen Anfängen diese Lehranstalt, die schon so viel zur Verbreitung des Thorawissens in Westeuropa beigetragen hat, aufzubauen und ihr die wohlverdiente Anerkennung zu verschaffen. Für das leibliche Wohl der jüdischen Gäste sorgt in ausgezeichneter Weise die in einem großen erstklassigen nichtjüdischen Hotel befindliche Pension Reisler. Gerade die Sukkaus-Tage dieses Jahres gestalteten sich für die jüdischen Gäste zu einer besonderen körperlichen und seelischen Erholung. Die wunderbare Herbstsonne über einer herrlichen Landschaft, in welcher die Weinlese in vollem Gange war, beleuchtete ein Bild des Friedens. Dieser Anblick und die gemeinsamen Mahlzeiten in der schönen Sukkoh, von der aus man bis ans jenseitige Ufer des Genfer Sees schauen konnte, und das beständige schöne Wetter erzeugten ein allgemeines Gefühl der Zufriedenheit und der Ausspannung von Berufsarbeit und Sorgen. Die von der Jeschiwa teils dort, teils im Hotel veranstalteten G'ttesdienste mit trefflichen Ansprachen des verdienstvollen Jeschiwaleiters. das Lernen in der Hoschano-Rabbo-Nacht, die von echt jüdischem Leben durchpulste Simchas-Thorafeier und zuletzt die Abschiedsstunde am Ausgange des b** im gastfreien Hause des Rabb. Botschko mit einer Reihe schöner Reden ergaben eine gehobene Feststimmung. An diese Sukkaus-Tage in Montreux werden sicher alle Teilnehmer noch lange voller Freude zurückdenken. —r.

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