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Der Israelit · 1934-10-25 · Heft 43 (25.10.1934) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 43 (25.10.1934)
Date
1934-10-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 43 Oer Israelit ',25. Oktober 1934 III. Nach Tisch. Der Freitagabend kann nicht rein zu einem Lehrhause, zu einer jüdischen Hochschule gemacht werden, die Gemütlichkeit, die Geselligkeit und die Freudigkeit dürfen nicht in den Schatten gerückt werden. Sie müssen im Gegenteil das Bild überstrahlen, die Vorgänge wie liebliche Begleitmusik untermalen. Man reiße den Kindern, wenn sie nach Tisch zur Entspannung etwas lesen wollen, nicht das Buch aus der Hand, sondern gebe ihnen gleich das richtige in die Hand, eine Lektüre, die zur Sabbatstube paßt, die mindestens die empfangene Wärme nicht allzusehr temperiert. Wir haben nicht viel von dieser Sorte reiner, aus sabbatgestimmter jüdischer Seele geflossene Kinder- und Jugendliteratur. Aber einiges ist da, man muß nur, statt über Mangel zu klagen, danach greifen. Und würde der Bedarf und der Absatz reiner jüdischer Literatur wachsen, so würden auch die Schriftsteller da sein, die eben durch diesen Erfolg die Kraft und den Mut gewinnen, sie zu produzieren. So könnten die Strahlen der Freitagabendlichter noch weiter nach einer anderen Richtung, die hier nicht weiter bezeichnet werden soll, ausgreifen. Es gibt auch Spiele — soweit sie am Sabbat statthaft sind — in denen tiefer jüdischer Sinn liegt, die zur Mehrung und Vertiefung der Kenntnisse jüdischer Dinge, wie der jüdischen Geschichte und der Bodenkunde von Erez Israel, beitragen. Man dulde nicht nur solche Spiele, sondern spiele mit und finde seine eigene Jugend dabei wieder. Auch ein wertvolles Lehrmittel kann darüber hinaus das Spiel sein, wenn es gut und zweckmäßig an gefaßt wird. Es kommt Familienbesuch. Hier liegt die Gefahr nahe, daß der Flug in die Stratosphäre mit einem Sturze in den Abgrund des banalen Tagesgeschwätzes und des Familienklatsches endet, daß alle Lichter im flachen Sande der trivialen Alltäglichkeit versickern. Eine geschickte führende Hand wird es aber yer stehen, das Niveau zu erhalten. Und läßt sich, vielleicht aus Höflichkeit, die Unterhaltung nicht mehr in geistigen Bahnen halten, so führen von dort gute jüdische Wege genug zu einer Welt des Gemütes, die allen, Gelehrten und Ungelehrten, Männern und Frauen, Erwachsenen und Kindern, gemeinsam ist. Es sind dies nur ein paar Winke, ein paar grobe Striche für ein Bild, vielleicht sogar für einen Rahmen nur, den sich jeder auf seine Art, nach den ihm gegebenen Umständen, mit seinen geistigen und materiellen Mitteln auszufüllen hat. Anders vielleicht als es jener Philosoph, dessen 90. Geburtstag die Kulturwelt jetzt feiert, gemeint hat, verstehen wir sein Wort: ,,Dein Du sollst möge sich in ein Ich will verwandeln, und das Ich will werde zu einem Ich bin!" Aber gibt es e i n Mittel, um unsere Kinder über Willigkeit und Freudigkeit zur Totalitätserfassung des jüdischen Seins zu führen, so ist es der Freitagabend im Winter, Wochenrundschau. Die Reichsvertretung. Die am Sonntag voriger Woche stattgehabte Sitzung des Beirats der „Reichsvertretung" wird in der jüdischen Presse recht verschiedenartig kommentiert, je nachdem Aie hinter Aem beireffenden Presseorgan stehende Gruppe mit der Reichsvertretung in ihrer gegenwärtigen Verfassung zufrieden ist oder nicht. Ganz zufrieden mit ihr sind eigentlich nur die Zionisten — sie erklären denn auch rund- I weg, von einer Erweiterung des Präsidiums könne, trotz des dringenden Wunsches der Berliner Jüdischen Gemeinde nach Umbildung, gar keine Rede sein, und der zur Vornahme der etwaigen Umbildung gewählte neungliedrige Organisationsausschuß werde auf Granit beißen, wenn er sich etwa beikommen lassen sollte, das schwer errungene labile Gleichgewicht der Kräfte im Präsidium durch neue Personalveränderungen zu gefährden. Dagegen rechnen die Großgemeinden, Rif und Liberale Vereinigung unbedingt mit einer Umgestaltung und das Berliner Gemeindeblatt meldet diese seine Forderung an die Organisationskommission in ultimativer Form ati. Zu revolutionären Veränderungen dürfte es jedoch keinesfalls kommen, weil angesichts der politischen Lage der deutschen Judenheit — erst neuerdings hat ja Graf Reventlow in seinem „Reichswart" im Tone höchster Sicherheit die Unabänderlichkeit der rassischen Ausscheidungspolitik gegenüber den deutschen Juden mit starken Worten betont — die Lebensnotwendigkeil einer einheitlichen Interessenvertretung in allen Kreisen ohne Unterschied der Weltanschauung doch allzutief empfunden wird. Diese Lebensnotwendigkeit erkennt auch die „Unabhängige Orthodoxie" an, und sie hat deshalb, obgleich sie die „totale Zuständigkeit" der Reichsvertretung negiert und sich durch sie nicht repräsentiert fühlt, ein Abkommen mit ihr getroffen, das in politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten eine Zusammenarbeit sichert, und in den religiösen und kulturellen Fragen, bei deren Vertretung die Orthodoxie aus Gründen des Gewissens ihre absolute Unabhängigkeit und Bewegungsfreiheit wahren muß, doch gegenseitige Information und Fühlungnahme unter . Respektierung dieser Unabhängigkeit vorsieht. Dem „Beirat", der ja ein organischer Bestandteil der Reichsvertretung ist, können Vertreter der „Unabhängigen Orthodoxie" natürlich nicht angehören. Wo Juden erwünscht und nicht erwünscht sind. . . . Im „Kreisblatt für den Kreis Usingen" lesen wir in einem Berichte aus Schmitten im Taunus; „Da unser Kurort im vergangenen Sommer von jüdischen Kurgästen in nicht erwünschtem Maße besucht worden ist, hat man jetzt an den Ortseingängen Schilder angebracht, die die Inschrift tragen: „Juden sind hier nicht erwünscht. Davon verspricht man sich eine gute Wirkung für das nächste Jahr." Wir wollen gegen die Maßnahme der Gemeinde Schmitten, die nicht einzig dasteht, nicht polemisieren, wollen nicht prüfen, ob solche lokale Verordnungen im Einklang mit den Konmunalgesetzen, die bei aller Wahrung der Gemeindeautonomie doch diese in den breiten Rahmen der vom Staate gehüteten Reichsverfassung stellen, stehen oder nicht. Es ist für uns völlig irrelevant, ob jene Schilder, die in vielen Kurplätzen im Winter auftauchen, um im Frühling zu Beginn der Kursaison zu verschwinden, im Rechtsboden verankert sind odei nicht. Man kann und darf keinen zur Liebe zwingen; jeder, der einigermaßen auf Selbstachtung hält, wird einen Platz, wo er nicht erwünscht ist, meiden, gleichviel, ob die Abneigung und Ablehnung Die Sidra spricht zu uns . . . Abraham fordert Sarah auf, aus rbo rmpwxo vbV'drei Maß Mehl, feinem Mehl, den Kuchen für die Gäste zu bereiten, nnp und röo bezeichnen verschiedene Sorten, so könnte es doch, meinen die Weisen, nur entweder die eine oder die andere gewesen sein, warum dann beide Bezeichnungen? Antwort: Er, Abraham, sprach von nnp, einfachem Mehle, sie aber, Sarah, wollte nVo das feinste Mehl haben, las»' daraus ergibt sich, schließt die Erklärung, rm ntfscr o'rmxa nW' daß Frauen engherzig sind Gästen gegenüber . . . Ganz unverständlich: Weil Sarah über den Auftrag hinaus feinstes Mehl nahm, soll sie damit Engherzigkeit, Mangel an Gastfreundschaft bekundet haben? Die Textkritiker machen es sich, wie immer, sehr leicht, indem sie einfach korrigieren n»p m»X »*n, sie sprach von nnp und er von rho> und bedenken nicht, daß nach der ganzen Struktur des Satzes nnp nur zu Abrahams Rede gehören muß und unmöglich den Einwurf Sarahs darstellen kann. Dubner Magid bietet ein bekanntes Gleichnis, das darauf hinausgeht, daß aus diesem, von der Thora eigens verzeichneten Ausnahmsfalle, in dem einmal eine Frau großzügig war, sich ergebe, daß sonst große Gastfreundschaft nicht Sache der Frauen sei. Eine Erklärung, die für unsere braven, frommen Frauen nicht zutrifft. Wir glauben aber viel einfacher das Rätsel zu lösen mit einem Hinweis auf das Wesen der jüdischen Gastfreundschaft. Man hatte in alter Zeit jüdische Gastfreundschaft in aller Einfachheit und Natürlichkeit, ohne viel zu fragen, geübt, Waren Freunde oder arme Gäste da, lud man sie zu Tisch, es bedurfte keiner Aufmachung, keiner umständlichen Vorbereitung, Sie aßen mit, und Herzlichkeit ersetzte alle äußeren Formen, Man setzte dem Gaste vor, was man hatte und hielt es mit dem Erfahrungssatze, daß wo drei oder vier zusammensaßen und aßen, noch ein vierter oder fünfter satt werden konnte. So die alte gute Form der jüdischen Gästebewirtung. Das verfeinerte moderne Gesellschaftsleben hat andere Auffassung vom „Besuche", die eine Summe von Arbeit, Kosten und Vorbereitung erfordert, denn das Feinste und Beste muß aufgeboten werden, in einer Aufmachung, die der Hausfrau Ehre macht. Und diese Umständlichkeit, die die Hausfrau mit Recht fürchtet und zu umgehen sucht, ist das Grab der alten jüdischen Gastfreundschaft. Hier ein Schulbeispiel. Abraham sagt; „Gäste sind da, arm und fremd am Platze, nnp» wir werden ihnen das bieten, was wir gerade haben und womit wir uns selber begnügen. „Unmöglich," fällt ihm aber Sarah ins Wort, »nVo wir müssen für hohen Besuch schon das Feinste vom Feinen herbeischaffen." Sarah selbst sagte und tat es gewiß aus dem Grunde ihres Herzens heraus. Die weisen Lehrer möchten aber die Gefahren dieser Denkweise für alle Zukunft festnageln. Ii»»' darin, sagen sie, in dem Zuge zur großen Aufmachung, liegt es, D'nnsa n'3'j? ms n»«ff, daß die jüdische Frau, sonst im Opfern erprobt, die Pflicht der Gastfreundschaft versäumen könnte! In einer Zeit, da alles auf Vereinfachung und Vernatürlichung der Lebensformen drängt, sollte man sich im jüdischen Hause jenen Fingerzeig der Weisen zur Neubelebung des alten jüdischen n'miK nwan wohl merken. Kleines Feuilleton- Gute Worte. Rabbi Lewi I z c h o k pflegte dem Psalmsatze (Ps. 74) nW> "\b t]R av "|V noch folgenden Nebensinn zu geben: *]^, wer nur in und mit Dir (G'tt) lebt, £31' genießt den vollen hellen Tag. *| k» wer aber auch für Dich lebt (gelegentlich, wenn er frei von anderen Gedanken und Beschäftigungen ist), "nW» ■ erlebt die Nacht. * Rabbi Akib'a Eiger sagte in einer Predigt gegen die Assimilation: Israel wird mit Feuer vergleichen, apy n'3- Die Völker der Geschichte kommen aber n^Taa ö'ö nnta wie mächtige Wasserströme herangeflutet. Müßte nicht naturgemäß das Feuer vom Wasser ausgelöscht werden? Allein, das Wasser wird nur durch unmittelbare Berührung mit dem Feuer dessen Vernichter. Bleibt eine Scheidewand dazwischen (Topf)1, so wird das Feuer nicht nur nicht ausgelöscht, im Gegenteil erwärmt das Feuer das Wasser, Und dies unsere letzte Hoffnung: daß alle Welt und Menschen vom Feuer in uns erfaßt werden.

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