Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1934)
- Date
- 1934-10-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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25. Oktober 1934 Der Israelit Nr. 43 Seite 3 Wie gestalten wir den Winterfreitagabend zu einer Kraftquelle für unsere Kinder? (Fortsetzung von Seite i.) Sportler und Schauspieler durchgehen, die Tochter nqch einige Kapitel ihres spannenden oder modernen Romanes rasch absolvieren, dann wird sich später, so gegen achte, kaum noch die Stimmung einstellen, die zu den Sabbatlichtern — die vielleicht auch schon heruntergebrannt sind — paßt: die Stimmung, die den ganzen unsichtbaren Untergrund des Freitagabend genannten Lichtbildes ergeben muß, wenn Sabbats Lichter, Lehren und Lieder mit unseren Kindern aufwachsen und sie, wie die guten Geister einer ewig lebenden Ahnengalerie, ins Leben hinausbegleiten sollen, sie mit jenen religiösen, geistigen und ethischen Schutzwall umgeben sollen, dessen Errichtung Zweck aller jüdischen Erziehung ist! Der Freitagabend in der Familie ist die Fortsetzung der Sabbatweihe in der Synagoge. Diese beginnt nicht nach, sondern möglichst vor der für Sabbatbeginn festgesetzten Zeit, und nichts darf trennend zwischen G'tt und Familie in diesen Zauberkreis treten. Es gibt genug des geistigen Stoffes und genug des im Alltag der Woche zwischen Eltern und Kindern Versäumten, um mehr als diese wenigen Stunden vollauf und gewinnbringend auszufüllen. Man hat, nach Hause gekommen, die „Engel des Friedens", die „Engel des Dienstes" und die „Engel des Höchsten"- mit einem Begrüßungslied herbeigerufen. Man halte sie gleich fest. „So lange das Lichtlein brennt . . ." pflegte Israel Salanter in solchen Fällen zu sagen. Wer weiß, ob sie, einmal gegangen, durch sabbatfremde Gesinnung und Betätigung verdrängt, in später Abendstunde wieder kommen? Es sind empfindliche Geister, diese Engel, sie lassen sich nicht herbeizwingen, wenn eine Gelegenheit verpaßt und eine Atmosphäre zerstört ist. So heimatlos auch heute diese guten Geister im Weltenraume herumschwirren und nach Asyl und Deckung in der jüdischen Sabbatstube ausschauen! ... Elijahu weilt unter diesen Geistern, dessen Amt es ist, die Herzen von Vätern und Söhnen zu einen. Sehen wir, daß er nicht wieder im Sturm zum Himmel hinaufsteigt und unserem Auge entschwindet . . . Prosaisch gesprochen: Brechen wir die in ihren Grundpfeilern mit der Sabbatheiligung in der Synagoge errichtete Brücke zum Herzen unserer Kinder nicht ab, um in später Abendstunde mit deren Errichtung von neuem zu beginnen. Es kann dieser Gedanke und diese Angst den weisen Lehrern vorgeschwebt haben, als sie den Satz prägten: n*WD Dipl» K^X WVPp J'N' .»Die Sabbatheiligung ist nicht vom Sabbatmahl zu trennen."; . II. -:" ' Bei Tisch. Die Lektüre des Freitagsabends ist gegeben; mit Wochenabschnitt und Smirausbuch; der Unterhaltungsstoff ist-in seinen Grundlinien schon vom Propheten mit den'Worten niwyö 111*7331 'in im "--"San aisa» yini „Ehre ihn, den Sabbat, auf all deinen Wegen, in all deinen Anliegen, auch mit dem gesprochenen Worte" (Jesajas 58) und mit der Anfügung der weisen Lehrer: . '^inn **Tirrn3 nriwn "pim Nrp (fEs sei deine Sabbatsprache eine andere als die am Werktage" festgelegt. Daran halte man sich. Das ewige Buch, das zeigt sich gerade in den Wochenabschnitten des Winters, ist die Quelle, aus der zugleich die Kleinen und die Großen (die Kleinsten und die Größten auch im Geiste) schöpfen. Es sind die gleichen Buchstaben, die gleichen Texte, die der' Olef Beth-Schütze in der Schüle lernt und die dem kabbalistischen Lehrer in einsamer Nachtstunde vorgefegen haben, als er die tiefsten Geheimnisse über G'tt,; Welt und Israel aus ihnen herauslas. „Jeder erfaßte und erfaßt die Thora nach seiner Kraft," so drücken es die Talmudlehrer aus. Die Kommentare haben nichts hineingelegt, sie holten nur aus dem Texte das heraus, was für ihren Kreis, für ihre Gedankenwelt, für ihre Lage, vielleicht auch speziell für ihre Zeit sich hinter dem einfachen Wortsinne wirklich verbarg, S. R. Hirsch lehrte uns, die Thora mit dem an der Sonne der Klutur orientierten, von dieser oft geblendeten Auge zu lesen; so wie Nachmanides für seine Zeit sie philosophisch und kabbalistisch zu erfassen suchte; so wie die Erklärer des späteren Ostens an sich ewig wahre Gedankengänge in homiletischer Verklärung aus den Zeilen ausstrahlen lassen. Alle Methoden sind richtig und in höherem Sinne wahr, .wir müssen sie nur zu wählen wissen. Im Eichte des Freitagabendtisches gesehen: Die Sidrah ist in gleichem Maße Unterhaltungsstoff und Lehrbuch für die Kleinsten wie sie geistige Nährmutter für den älteren, fortgeschrittenen, in Gymnasium und Hochschule an fremden Quellen sitzenden Sohn ist. Um einmal vom Kleinsten zu sprechen, Was ist aller Anschauungsunterricht, die sog. Arbeitsschule im Vergleiche zum Bilderbuche der Vätergeschichte? Man füttere die Kinder nicht mit Worten und Begriffen, man zeige ihnen plastische Bilder, lehrt die moderne Pädagogik. Und die Thora, die Sidrah, der Freitagabend? Was bedeutete alles Gerede über „G'ttvertrauen" im Vergleich zu dem lebenden Abraham, der auf G'ttes Geheiß Haus und Heim verläßt, der später die Kraft hat, den schweren Gang nacb Moriah anzutreten? Was ist denn das: „Friedensliebe", „Hilfsbereitschaft", „Uneigennützigkeit"? Worte, die das Kind entweder gar nicht versteht, oder bald im Getriebe der Schule und der Straße wieder restlos vergessen hat. Der Mann, der aber den Zank der Hirten nicht ertragen kann und sich darum vom Brudersohne trennt, der ihn hintennach dennoch hilfsbereit aus der Not rettet und zuletzt die Annahme jeden Lohnes verweigert, wird dem Kinde in seiner Größe und Natürlichkeit, in seiner G'ttesnähe und; großen Menschlichkeit stets vor Augen bleiben. Gelingt es dem Lehrer und dem Vater, diese Gestalten dem Kinde so zu verlebendigen, daß ihm kein Zug ihres Charakters mehr aus der Vorstellung weicht, dann hat das Kind einen lebendigen Sittenkodex mit ins Leben bekommen. Eine reiche Midraschliteratur steht zu diesem Zwecke zur Verfügung, doch sei in diesem Belange zur Vorsicht gemahnt. Eine Sichtung und Bearbeitung ist notwendig; nicht jedes Midraschwort ist für des Kindes Ohren und Sinne geprägt. Und dann: Man halte Bibeltext und agadische Aräbeske schärf auseinander. Die' Agadah ist die herrliche1 Blume, die das Bild schmückt, das Bild selbst ist sie nicht — wollte man nicht in den Fehler des: Koran verfallen, der beispielsweise die Geschichte vom „Zerstörungswerke Abrahams in dfer'Götzenbildergalerie seines Vaters" neben die Geschichte seiner Berufung und seiner Moriahversuchung stellt, wollte man nicht, was uns weit mehr angeht, sich die Geschmacklosigkeiten eines modernen jüdischen Bibelerzählers zueigen mächen, der in seinem „Born Judas" Text und Sentenz, Bild und [. Rankenblume so miteinander verschlingt, daß das Kind zwischen Wahrheit und Dichtung keinen Weg mehr, oder einen solchen in die weglose Oede der Bibelkritik findet, Für die intellektuelle Vertiefung, wie sie vielleicht t der ältere Sohn und die gebildete Tochter erwarten, ist in den Kommentaren, in den früheren und späteren und für unsere Zeit und unsere Verhältnisse nicht zuletzt im Hirschkommentar, so genügend vorgesorgt, daß über I diesen Punkt gar nicht viele Worte zu verlieren sind. Es kommen als Lektüre die S m i r a u s hinzu. Ich sage als „Lektüre", um von vornherein auszusprechen, daß es mit dem Heruntersingen oder Heruntersummen dieser alten Lieder nicht getan ist. Müssen sie alle an jedem Freitagabend, wie sie im Buche vor uns stehen, gesagt und gesungen werden? Wo dies alte Familientradition ist, weiche man nicht davon ab. Die alten und ältesten Weisen müssen, erklingen, damit die alten Geister erwachen, die Ahnenbilder an der Wand Leben 'bekommen und mitsingen, im Gesänge die Brücke zwischen den Generationen bauen. Wo aber die Sache weniger traditionsgebunden ist und sich nicht in dieser Weise gefühlsbetont abwickelt, gehe man bewußt daran, die Gesänge auch für Lehr- und Erziehungszwecke auszuwerten. Man muß sie nicht alle hintereinander singen, man kann eine Auswahl treffen und sie auf die Wintersaison zweckmäßig verteilen, dafür aber die durchgenommenen Nummern auch nach ihrem Texte, nach ihrem Ideengehalt und ihrer historischen Bedeutung vertiefen. Wer hat die eine und die andere Hymne verfaßt, wer und was war er, wann und wo hat er gelebt? Welche zeitlichen Ereignisse und talmudischen Motive standen ihm bei der Abfassung dieses Liedes am meisten vor Augen? Jizchak L u r i a , Israel Nagara, Gabirol und E b n E s r a könnten auf diese Art als „höhere Uschpisin" in unsere helle Freitagabendstu'be treten und abwechselnd im Mittelpunkte stehen. Wie könnte sich die Sabbatseele erwärmen am Lichte, das gerade aus einzelnen Worten jener verzückten Lieder der G'ttesliebe ausstrahlen! Und auch viel Konkretes steht dahinter als feste Brandmauer. Kann man nicht zum Beispiel gelegentlich versuchen, in Anknüpfung an das X113 rDN^Ö HD't6 die 39 Hauptarbeiten in ihrer g'ttvollen Gruppierung, die alle Bedürfnisse des Menschen, von der Brotgewinnung bis zur Errichtung seines Hauses, erfassen, durchzunehmen? Mit 39 Verrichtungen ließen wir einmal in der Wüste das Heiligtum des Herrn erstehen, mit 39 Arbeiten, von denen wir uns zurückziehen müssen, lassen wir Woche für Woche in der Wüste unseres Daseins das andere, noch höhere Heiligtum des Herrn vor uns erstehen, das n^a ttnpöden Königspalast im Sabbat! Wie viele dunkle Situationen in Geschichte und Gegenwart könnten wir mit dem einen Ausruf XmnK 01D0 "py rP p>ns hell beleuchten; wieviel G'ttessehnsucht aus den versunkenen jüdischen Welten in das Herz unserer Kinder leiten mit dem LiedeD''pVNV ^waa HNTaSlMan wird freilich dabei nicht auf die Quellen und die großen Vorbilder der Männer des heiligen Geistes in den Büchern der Propheten und Psalmen verzichten können, um zu zeigen, daß die Späteren ja auch nur übernommen haben, was auf uns üb erkommen soll. Ich höre den Einwand, auf den ich gefaßt bin: Hat jeder Vater das nötige Wissen, die Muße und die Sammlung, die Zeit und die Kraft, sich solchergestalt für den Freitagabend vorzubereiten? In vielen Fällen ja. Aber auch für die Fälle, in denen diese Frage verneint werden muß, gibt es Abhilfe. War es nicht von jeher gute jüdische Sitte, das Festmahl mit dem'g elehrten Gaste zu heben und zu adeln? In den Großstädten mit jüdischen Zentren gibt es heute so viele der gebildeten jungen Menschen auf den Jeschiwoth und Universitäten, mit tiefem Wissen, gehämmerter jüdischer Gesinnung und auch erprobtem pädagogischen Geschick, die man ins Haus ziehe, mit allen Ehren und Aufmerksamkeiten behandle. Denn sie sind in allen Fällen, insbesondere aber, wo der Vater nicht die Kraft und die Zeit findet, zugleich der Lehrer seines Kindes zu sein, die Gebenden, die Spendenden. Selten macht sich eine Guttat für Kinder und Kindeskinder so bezahlt, wie die gastliche Heranziehung von Bildungsjüngern, die uns und unseren Kindern im Geistigen was zu bieten haben.