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Der Israelit · 1934-10-25 · Heft 43 (25.10.1934) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 43 (25.10.1934)
Date
1934-10-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 43 Der Israelit 25. Oktober 1934 XI ■St sondern am Fundort in der Scheune geschehen ist. (Die Belastungszeugen behaupteten, B. hätte das Kind in sein Haus gelockt.) Das Medizinalkollegium der Rheinprovinz und alle anderen medizinischen Sachverständigen stellen fest, daß mit dem Messer Nummer 13 (Buschoffs Schächtmesser) der Mord nicht ausgeführt sein kann, daß überhaupt kein Schlachtmesser dazu gebraucht wurde und daß der Halsschnitt keinen Schächtschnitt darstellt. Der Hauptbelastungszeuge M a 11 m a n n ist ein ungemein phantastischer Mensch, der allerlei Seitensprünge machte und sich berufen glaubte, ,in der Sache Aufklärung zu verbreiten. Von all den Wahrnehmungen, die er in der Verhandlung vorbrachte, sprach er in den ersten Vernehmungen kein Wort. Ich kann mir nicht denken, daß Sie einen solchen Zeugen für glaubwürdig halten. Ich halte die Ladung eines Sachverständigen, daß es einen Ritualmord nicht gebe, für überflüssig, weil es hier-nicht um die Frage geht, ob ein solcher Brauch irgendwann und irgendwo bei Juden üblich war, vielmehr wir die Gewißheit haben, daß hier jedenfalls kein Ritualmord vorliegt. Mölders (der zweite Belastungszeuge) ist ein Trinker, aber an dem Vormittage, an dem er seine Wahrnehmungen machte, hatte er nur einen Schnaps getrunken. Ich muß aber bekennen: hätte der Angeklagte nicht in vollem Umfange und in überzeugendster Weise sein Alibi nachgewiesen, ich würde keinen Anstand nehmen, auf Grund der Aussage des Mölders das Schuldig gegen den Angeklagten zu beantragen. Für den Ritualmordglauben ist nicht der geringste Anhaltspunkt vorhanden. Er wäre auch niemals entstanden, wenn nicht gesagt worden wäre, es sei in der Scheune kein Blut gefunden worden, während in Wahrheit eine ganze Fülle von Blut gefunden WUfde, Die Verhandlung konnte den Mörder nicht ausfindig machen, aber sie hatte doch wenigstens das Resultat, daß die Unschuld des Buschoff nachgewiesen wurde. Ich beantrage daher aus voller Ueberzeugung das N i chtschu1d i g und gebe mich der Hoffnung hin, daß die Verhandlung ganz besonders beigetragen haben wird zur Befestigung des Glaubens an Unparteilichkeit und Gerechtigkeit der preußischen Richte r." (Der Bericht verzeichnet halblautes Bravo!) -Nach dem Oberstaatsanwalt ergriff der Erste Staatsanwalt Baumgart d; Wort, um in ähnlicher Darstellung den Antrag des Oberstatsanwaltes zu unterstützen. So gründlich war die Beweisaufnahme zusammengebrochen, daß sich die Vertreter der Anklagebehörde in Verteidiger verwandelten. Den Verteidigern (die Rechtsanwälte Fleischhauer und Gammersbach) blieb nur noch übrig, die ganze von langer Hand geführte Hetze gegen die Juden aufzudecken und sich im übrigen den Argumenten der Oberstaatsanwaltschaft anzuschließen. Die Geschworenen brauchten eine halbe Stunde zu ihrer Beratung, worauf der Obmann „auf Ehre und Gewissen vor G'tt und den Menschen' bezeugte, daß der Wahrspruch der Geschworenen auf die Frage, ob der Angeklagte schuldig sei, Nein lautete. Darauf verkündete der Präsident, Landgerichtsdirektor K 1 u t h , daß der Angeklagte Buschoff von der Anklage des Mordes freigesprochen sei und die Kosten der Staatskasse zur Last fallen. Es sei ferner beschlossen, den Angeklagten sofort aus der Haft zu entlassen. (Der Bericht verzeichnet ein stürmisches Bravo!) Bald darauf reiste Buschoff mit seiner Familie von Kleve ab. Auf dem Bahnhof, so verzeichnet der Bericht, wo ein furchtbarer Andrang war, ist es zu keinerlei Ruhestörungen gekommen. Wir begnügen uns damit, der „Stürmer"-Darstellung den wahren Sachverhalt nach den Dokumenten und den Berichten, wie sie damals die j ü d i s c h e n Wochenblätter und alle politischen Tageszeitungen gebracht haben, entgegenzuhalten. Im übrigen gehört dieser Versuch, entgegen dem Wahrspruch deutscher Richter, nachträglich „Ritualmorde" zu konstatieren, in das gleiche Kapitel freier Erfindungen wie die — laut „Fränkische Zeitung" — am 19. Okt. auf einer Kundgebung der Arbeitsfront in Nürnberg von Herrn Streicher erzählten Legenden, ein Jude habe den österreichischen Erzherzog Rudolf erschossen und den Weltkrieg verursacht und ein Jude habe jetzt auch den Mord von Marseille begangen. Der Landesbischof von Hessen über das Alte TeStament- Darm s t a d t, 19. Oktober. Wie das „Darmstädter Tagblatt" meldet, hielt der hessische Landesbischof Dr. Dietrich auf der Herbstversammlung des Hessischen Landesverbandes der Evangelischen Reichsfrauenhilfe einen Vortrag über das Thema „Altes Testament und christliche Kirche", in dem er sich mit den heute gegen das Alte Testament erhobenen Vorwürfen beschäftigte, daß es aus jüdischem Geiste geboren sei und daher dem deutschen Volk nichts zu sagen habe, daß es den Begriff der Unsterblichkeit und des ewigen Lebens nicht kenne, daß seine Moralbegriffe minderwertig seien, und daß in ihin* das Volk Israel immer wieder als das auserwählte hingestellt werde. Der Landesbischof wandte sich gegen die Behauptung, daß das Alte Testament aus jenem Geist, wie er heute als jüdisch bezeichnet und bekämpft werde, geschrieben sei. Die wesentlichen Bücher des Alten Testaments seien in der Zeit vor der babylonischen Gefangenschaft entstanden, als das alte Israel noch ein nationales Volk von Ackerbauern gewesen sei. Auch sei das Bewußtsein der Auserwähltheit, das im Alten Testament zum Ausdruck komme, eine gesunde Erscheinung. Die Besten des Volkes, die Propheten, hätten immer wieder die Schwere der Verantwortung betont, die sich daran knüpfe. Gegen den Vorwurf der Unsittlichkeit, den man dem Alten Testament mache, sei einzuwenden, daß die Verfehlungen immer mit dem Ton des Schmerzes im Sinne einer Kritik geschildert würden. Wenn man das Alte Testament genau betrachte, so könne man darin auch an manchen Stellen ein Wissen um das ewige Leben finden. (Nicht nur an manchen Stellen des Alten Testaments, ist ein Wissen um das ewige Leben zu finden, sondern die Gewißheit dieses Lebens liegt der ganzen Weltanschauung der biblischen Schriftsteller zugrunde. S. R. Hirsch hat nicht mit Unrecht darauf hingewiesen, daß die Unsterblichkeit nicht gelehrt zu werden brauchte, weil der Gedanke daran lebendig im Volke lebte und die Voraussetzung sogar der gebräuchlichsten sprachlichen Wendungen war. Red.), 'im Judenbekämpfung in einer Denkmalsinschrift, Nürnberg, 22. Oktober. j heits-Denkmals in Hersbruck, in dem Die „Fränkische Tageszeitung" veröffentlicht j einleitend darauf hingewiesen wird, daß der Kreis einen Bericht über die Einweihung des Frei- | Hersbruck als erster in Franken, seit einiger Zeit vollständig frei von Juden ist. Bürgermeister Sperber, der das Denkmal in die Obhut der Stadt übernahm, richtete an die Festteilnehmer den Appell, immer der Worte zu gedenken, die im Denkmal eingemeißelt sind; „Den gefallenen Freiheitskämpfern zur Ehre! Den Lebenden zur steten Mahnung: Die Einheit» und Ehre zu währen. Den Künftigen zum dauernden Gedenken an den Sieg der Wahrheit über die Lüge, an Deutschlands Erhebung unter dem Führer und. Kanzler Adolf Hitler. Errichtet vom Kreis Hersbruck der NSDAP, im zweiten Jahre des Dritten Reiches, als Gauleiter Julius Streicher seinen Titanenkampf gegen den Juden führte und unter der kraftvollen Führung des Kreisleiters Georg Sperber der Kreis Hersbruck, die alte nationalsozialistische Hochburg, sich restlos zum Führer bekannte." Rundfunkvorträge über die Rassenfrage und Juden. Nürnberg, 22. Oktober. Unter der Ueberschrift „Vorträge über die Judenfrage im Franken-Sender" bringt die „Fränkische Tageszeitung" folgende Ankündigung: „In aller Welt ist es heute eine bekannte Tatsache, daß' Frankens Bevölkerung am ersten und am tiefsten Kenntnis und Sinn für die Lösung der Rassenfrage, der wichtigsten Daseinsfrage eines Volkes, besitzt. Es ist das ein unvergängliches Verdienst des unentwegten und vom Juden und seinen Trabanten am meisten gehaßten Vorkämpfers, des Frankenführers Julius Streicher, der seit 15 Jahren in Wort und Schrift, vor allem durch seinen „Stürmer", die jüdische Fremdrasse und ihre Verbrechen am deutschen Volk gezeigt hat. Auch jetzt gilt es für alle Volksgenossen als Pflicht, ihre Kenntnisse in der Judenfrage zu erweitern und zu vertiefen, um ihr Wissen hinauszutragen in alle deutschen Gaue und zu allen auf diesem Gebiet bisher blinden Mitmenschen. Diesem Zweck dient eine Vortragsreihe, - die der Frankensender in Nürnberg übernommen hat. Es werden zwei Vorträge geboten über „Altnürnberg und die Judenfrage". Vortragender ist der Mitarbeiter am „Handbuch der Judenfrage", Dr. L. F. G e n g 1 e r , Nürnberg. Der erste Vortrag am Mittwoch um 14.50 Uhr behandelt „Mittelalterliche Wucherjuden und ihre Bekämpfung". Der zweite Vortrag folgt eine Woche später. Gegen Auswüchse des Rassegedankens. Dessau, 19. Oktober. Auf einem Schulungskursus des Rassepolitischen Amtes des Gaues Magdeburg-Anhalt der NSDAP, wandte sich Ministerialrat Dr. Bartels dagegen, daß fanatische Anhänger des Rassegedankens den nordischen Menschen „züchten" wollten. Derartiges liege nicb.it im Rassewollen des Nationalsozialismus, Es wäre auch ganz gleichgültig, ob in einem Volksgenossen eine fälische oder ostische oder dinarische „Ueberlagerung" vorhanden sei. Es gingen im deutschen Volke jetzt Fanatiker herum, die, obwohl sie vorher kaum gewußt hätten, was arisch und was semitisch sei, jeden Mitmenschen als nordisch oder baltisch oder sonstwie bestimmen wollten. Das seien Auswüchse, die nicht genug bekämpft werden könnten. Denn das nationalsozialistische Rassewollen stehe zu hoch, um daraus einen „Versuchskaninchenstall" zu machen. Wozu in 1000 Jahren eine nordische Rasse gut sein könne, wisse niemand von uns, es sei auch gleichgültig, ob sie durch Züchtung zu erreichen sei, wichtig sei nur eins: daß der erbbiologisch gesunde deutsche Mensch erhalten und gefördert werde. mm

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