Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1934)
- Date
- 1934-10-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz Frankfurt a. M- 25, Oktober 1934 16. Marchesphwan 5695 Nummer 43 Gleichheit und Gleichberechtigung aBier österreichischen Staatsbürger vor dem Gesetz. Eine bindende Erklärung des Bundeskanzlers. Wien, 24. Oktober. Gestern fand die angekündigte Aussprache zwischen dem österreichischen Bundeskanz- 1 e r Dr, Kurt Schuschnigg und dem Präsidium der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde über die geplante konfessionelle Trennung in den öffentlichen Mittelschulen statt. Die Delegation der Gemeinde war geführt vom Kultuspräsidenten Dr. Desider Friedmann, Es wurde über die eigentliche Schulangelegenheit hinaus auch die gesamte Rechtslage der Juden in Oesterreich besprochen. Der Bundeskanzler Dr. Schuschnigg wiederholte feierlich seine bereits in Genf abgegebene Erklärung, daß die Oesterreichische Bundesregierung auf dem in der Verfassung verankerten Grundsatz der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Staatsbürger vor dem Gesetze steht und auch fernerhin stehen wird. Der Knabenmord in Xanten und der „Stürmer". In seiner Nummer 42 vom Oktober befaßt sich der in Nürnberg erscheinende „Stürmer" an leitender Stelle unter großer Aufmachung mit dem Knabenmord zu Xanten am Rhein. Die Sache liegt, was aus dem Titel nicht gleich hervorgeht, 43 Jahre zurück. Am 29. Juni 1891 wurde in einer Scheune zu Xanten der fünfeinhalbjährige Knabe Jean Hegemann tot aufgefunden. Zeichen deuteten auf einen Lustmord hin, Bald aber tauchte die Mär vom Ritualmord auf,, die dazu führte, daß der jüdische Schächter Buschoff verhaftet wurde. Im Juli 1892 kam die Sache, nachdem sie in der ganzen Welt größtes Aufsehen erregt hatte, vor dem Schwurgerichtin Clev e zur Verhandlung, Buschoff wurde freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft selbst hatte die Freisprechung beantragt, und Geschworene wie Gerichtshof folgten einstimmig diesem Antrage. Das ist der Sachverhalt. ,,Der Stürmer" stellt über das „Nichtschuldig" der berufenen Richter das Urteil des Volkes, das den Angeklagten für des Ritualmordes schuldig gehalten, ihn, als er den Gerichtshof verließ, mit Drohungen empfangen und ihm . auch die Fensterscheiben eingeschlagen hätte, so daß ,,der Jude Buschoff nicht mehr lange in Xanten bleiben konnte." Als ob Exzesse der verhetzten Straße und eingeschlagene Fensterscheiben als Beweise schwerer wiegen könnten, als Aussagen von Sachverständigen und das Urteil der berufenen Richter und Geschworenen. Die vom „Stürmer" ausgegrabene Anklage wird von Illustrationen und von der zum so und sovielten Male wiedergegebene (mißverstandenen und mißdeuteten) Facsimile der bekannten S o - harstelle unterstützt. Wir aber haben uns die Mühe genommen, ein wenig in den Protokollen von Xanten und Kleve nachzulesen und, zur Aufklärung in den eigenen Reihen und nicht zuletzt zur Ehrenrettung der deutschen Rechtsprechung, daraus einiges wiederzugeben. Am 13. Juli führte in der Nachmittagsverhandlung, die nach .wochenlangen Verhanldungen und Zeugenvernehmungen mit den Plädoyers begann, Oberstaatsanwalt "Hamm u. v. a. aus: „Alle medizinischen Gutachten stellen zweifellos fest, daß der Mord nicht in einem Hause, (Fortsetzung siehe Seite 2.) Aus dem Inhalt: Ein Landesbischof über das Alte Testament Seite 2 Rundfunkvorträge über Rassenfrage . Seite 2 Judenbekämpfuing in einer Denkmalsinschrüt Seite 2 Wo Juden erwünscht und nicht erwünscht sind Seite 4 Gleichberechtigung in Oesterreich . . Seite 5 Martin Bubers neueste Lehrhausrede. Von Dr. Arnold Merzbach . . . Seite 6 Landesversammlung der Agudas Jisroel in der Tschechoslovakei . . . . . . Seite 7 Mahnung des Rabbinischen Rates in Polen Seite 8 Gute Worte ............Seite 4 Aktuelle Literatur .........Seite 9 Wie gestalten wir den Winterfreitaganend zu einer Kraftquelle für unsere Kinder? Vor wenigen Jahren konnte man in den deutschen Großstädten, auch in Frankfurt, eine Ausstellung unter dem Namen „Der Freitagabend" besichtigen. Auch eine Filmvorführung mühte sich, einen gut „gestellten" jüdischen Freitagabend .mit all seinen Bräuchen und Gepflogenheiten in plastischen Bildern zu zeigen. Daß man dieses Jahr von solchen Aus- und Vorstellungen nichts hört, wollen wir als erfreulichen Fortschritt registrieren, als Zeichen, daß die bösen Stürme den deutschen Juden bereits so weit hinein ins jüdische Haus getrieben haben, daß man einen Freitagabend nicht spielt, sondern erlebt. So wie wir, — es paßt in diesen Zusammenhang — gern hoffen wollen, daß das alte Talmudexemplar, das wir vor einigen Jahren im jüdischen Museum zu Worms unter Glas gesehen haben, endlich verschwunden ist, um in der Jeschiwah nicht im Glaskasten behütet zu werden, sondern, verbraucht und abgegriffen, durch die Hände der Jünger zu gehen. Das nur nebenbei. Wir wollen in diesem Aufsatze beim Freitagabend bleiben — nicht etwa, um ein neues lyrisches Gedicht zum Preis der Sabbatlichter anzustimmen, sondern ganz sachlich und konkret einige Anregungen für die erzieherische Auswertung dieser einzigartigen uns von G'tt geschenkten Stunden des Lichtes und der Liebe zu geben. Wir wollen einhalten. die chronologische Reihenfolge I. Nach Schul. Der Abendg'ttesdienst ist zu Ende, es ist noch früh am Abend, noch keine Essenszeit im Gewöhnlichen. Aber es hieße, den ganzen Wert des Freitagabends illusorisch machen, alle Eindrücke verflüchtigen, wollte man, — wie das leider auch in manchen orthodoxen Familien der Großstadt* geschieht — die Freitagabendweihe auf die übliche Essensstunde festsetzen und so ein Vakuum zwischen Sabbatbeginn und häuslicher Feier eintreten lassen, das unmöglich ohne Schaden für den Charakter des Abends ausgefüllt werden kann. Liegt auf dem Wege vom G'tteshause zur Familienstube ein S c h i u r , eine Lernstunde, die man noch mitnimmt, so könnte diese Zwischenetappe als Auftakt noch gewinnbringend sein. Werden aber die langen Vorstunden mit Besuchen und den damit verbundenen banalen Unterhaltungen über Politik und andere täglichen, allzutäglichen Dinge (von dem Gemeinde- und Familienklatsch ganz zu schweigen) ausgefüllt, wird der Vater in Erwartung der Feierstunde erst die Abendzeitung studieren, der Sohn die illustrierten Wochenblätter mit all ihren erschütternden Reportagen über