Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1934)
- Date
- 1934-10-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 42 Der Israelit 18. Oktober 1934 pathischen Züge der überheblichen Berlin-Breslauer „Wissenschaft des Judentums" an sich, die die Mischna besser zu verstehen glaubt, als sie die Träger der Tradition verstanden und in oberflächlicher Weise über die Größen der Vergangenheit zu Gericht sitzt. Leo B a e c k behauptet, die Beeinflussung des iso; m'X' durch die Philosophie des Proklus und sucht dies an einzelnen Sefiroth weiter su begründen. Chanoch A 1 b e c k schreibt über a'eoni awn m-a, Julius G u 11m a n n über die „Kritik der Offenbarungsreligion in der islamischen und jüdischen Philosophie". Kinderecke. Schabbos. Von Heinrich Einstädter. Du wanderst über sechs Berge, mühsam, nur kurze Pausen einlegend, und stehst dann vor einem fruchttragenden,- quellenreichen Tale. Das ist der Schabbos, , Gehst durch sechs Räume und findest iri keinem Ruhe. Endlich, als du die siebente Tür öffnest, entringt sich deinen Lippen ein erlösender Laut: Schabbos! •' i Du versuchst deine Kräfte an sechs Werken. Befriedigung fühlst du erst nachher, am Schabbos. Du kämpfst mit sechs Gegnern, und nachdem du sie überwunden hast, winkt dir der Frieden,; der Schabbös. :! " . Schaust von: sechs verschiedenen •Stellungen auf dein Eigen. Von keiner scheint es' dir so lieblich, so reizend, als vom siebenten Punkte aus, dem Schabbos. Gehst auf den verschlungeristen Pfaden — in die Irre.i Suchst mühevoll Ziel und Richtung. Bergauf, bergab; bergauf, bergab. Doch ans Ziel kommst du erst, nachdem du das -letzte Tor durchschritten hast: z u d e m T a g e, d e r g'a n z Schabbos ist, Hillel. Von Dr. med. J. Weigl s. A. ■ (Schluß.)'" ''''.! ' Hillels große Güte kommt noch in manch, anderen Aeußerungen zum Ausdruck. So sagte er: Wenn man jemand eine Freude bereiten kann, soll man es tun. Auch wenn die Braut häßlich ist, erfreut man sie mit der Begrüßung: Welch eine liebliche, anmutige Braut! Er mahnt," stets der anderen Gefühle schonend zu achten. Deshalblehrt er.* Weine nicht unter Lachenden, und unter Weinenden lache nicht! Jedermann beurteilte er nach dem Leitsatz: In aller Liebe! Gegen sich selbst muß , man in der Beurteilung strenge seih; aber milde gegen andere. In Pirke Aboth lesen wir seinen Ausspruch: „An dich selbst glaube nicht bis zum Tage*' deines Todes, und deinen Nebenmenschen richte nicht, ehe du nicht in seine! Läge gekömmen." ' All unsrer Handlungen Leitstern in Bezug auf den Nebenmenschen muß sein: Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht! ' Hillel war ein Mann des Friedens. Seine eigene innerliche Ruhe kommt in der Friedfertigkeit seines Verkehrs mit den Nebenmenschen zum wirksamen Ausdruck. Wie viel Anlaß zur Uebung dieser Tugend aber boten ihm die äußeren Verhältnisse! Als Menachehi freiwillig vom Amt des obersten Richters im Synedrium, das ist -der nächsthöchsten Stelle nach dem Nassi, zurücktrat, wurde Schammai auf dessen Platz berufen. Er war überaus streng in seinen Anschauungen. Im Grund genommen, war allerdings der Beweggrund seines Vorgehens immer der Eifer für das Gesetz; dieses glaubte er in den damaligen Wirren mit der ihm eigentümlichen Art schützen zu müssen. Unter solchen Umständen war { es Hillel, der stets versöhnend, beruhigend, mildernd eingriff; er verstand dabei klug alle Zwistigkeiten zu schlichten, ohne Schammai zu kränken. Gleichwohl mag es oft zu heftigen Szenen gekommen sein. ,Wie man aber bereits in alten Zeiten über die Sache dachte, zeigt der Ausspruch in Pirke Aboth: „Jeder Streit, der in reiner Absicht um G'ttes Willen geführt wird, hät am Ende seinen bleibenden Wert. ..Welches ist ein Streit um G'ttes willen? Das ist der Streit zwischen Hillel und Schammai." Auch; später zwischen den Schulen Hillelsi. und Schammais handelte es sich keineswegs um persönliche Gehässigkeiten, sondern um verschiedene Auffassungen in den religionsgesetzlichen Bestimmungen, wie den Reinheitsgesetzen, Eherechtsfragen. In ihrem Privatleben fanden sich die Parteien friedlich zusammen; sie. besuchten einander, gingen Ehen unter sich ein, speisten miteinander. So verkehrten sie gegenseitig in Freundschaft und Liebe und erfüllten des.Propheten Mahnung: Liebet die Wahrheit und den Frieden! Auf sie trifft das Wort zu: „Die Schüler der Weisen vermehren den Frieden in der Welt." Wie aber selbst in solch edlen Gegensätzen schließlich immer die Güte das Sieghafte bleibt und die Strenge überwindet, lehrt uns eine Stelle in der Mischna, Traktat Berachot, dort heißt es: D|e Schule. Schammais lehrt: iDes Abends lese man yatP' indem man sich: anlehnt; des Morgens, in-, dem man steht, gemäß den Worten: Wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst. Die Schule Hillels hingegen lehrt: Jeder lese nach seiner Art, wie es ihm bequem ist. Dazu erzählte R. Tarphon: Eines Tages war ich auf dem Wege und lehnte mich an, um nach der Schule Scham-. mais "Styo zu beten; dabei kami ich durch. Räuber in- Lebensgefahr. Man antwortete ihm- Du hast verdient, daß du dich selbst beschuldigen mußt; denn du hast die Lehre der Schule Hillels übertreten., ••- VIII. Wohltätigkeit ist eine jüdische Tugend. Sie gründet so tief im jüdischen Wesen, daß ^selbst solche sie noch üben, die ihr Judentum sonst fast ganz abgestreift haben. Bei Hillel finden wir sie in besonderem Maße. Er sagt: Diev Armen soll man so unterstützen, wie sie zu leben gewohnt sind/Deshalb mietete er für einen verarmten Reichen ejn Reitpferd und stellte ihm außerdem noch einen Läufer, Als einmal ein solcher nicht zu haben war, machte er selbst auf drei Meilen weit ^den Läuferdienst. Die wohltätige Gesinnung teilte Hillels Frau, wie folgende Erzählung bekundet. Hillel hatte einst einen Gast zu Tisch geladen und seine Frau ersucht, sie solle aus diesem Anlaß eine gute Mahlzeit' bereiten. Zur festgesetzten Stunde gingen sie zü Tisch und warteten der Speisen. Aber vergebens, Nun begannen sie über religiöse Fragen sich zu unterreden und vergaßen im Eifer darüber fast das Essen; Hillel indessen ' dachte im stillen für sich: Meine Frau-wird schon ihreir'Grund haben, warum sie nicht kommt;' es- ' 1 wird besser sein, sie iiicht zu stören;- Erst ^na<?h* längerer Frist trat'die Frau mit 'ersichtlicher 'Vesr-:; legenheit iri das 'Zimmerund1 ließ aufträg'en;.,,!B/afragte"siö'derJiGatte in seinem gewohnt' gütigen- Tbn: j;Wär'vielleicht die 'Mahlzeit-'B'i'eht "bereit?h. M i Warum" kames'zu der-Verzögerung?''^ Die Frau' erwiderte: „Eben war ich im Begriff, 'die Speisen zu bringen, als ein armer Mtnn weinend herzutrat und sagte: „Heute habe ich Hochzeit; aber ich besitze die Mittel nicht, um das Hochzeitsmahl zu bereiten.- So gab' denn ich ihm hin, was ich für euch bestimmt hatte, und ließ sofort andere Speisen zubereiten.' Habe ich;etwa unrecht! gehandelt?" Bei dieser' Erzählung strahlte Hillel vor Freude und rief; .'»Du!hast als eine verständige und g'ttesfürchtige Frau gehandelt." "•' '; uix.' v ■ - . In seiner a m 11 i c h e n Tätigkeit als Nassi leiteten Hillel die .Menschenliebe und Güte zu zeitgemäßen Verordnungen von großer Tragweite. Er. führte den £ r o s b u 1 ein. , Das ist ein griechisches Wort und heißt auf hebräisch ^lims« Es handelt sich um einen zivilrechtlichen Sicherungsschein. Nämlich iri einem Erlaßjahr, dessen gesetzliche Bestimmungen auch den Erlaß, von Schulden aussprachen, bekämen'die geldbedürftigen Bauern und Gewerbetreibenden von den Geldverleihern kein Geld geborgt, weil die letzteren fürchteten, sie würden es nicht wieder zurückerhalten. Um diesem Uebelstand im Geldmarkt zum Nutzen beider Teile abzuhelfen, errichtete Hillel den Sicherungsschein. Dessen Formel lautete: Ich, NN. übergebe hiermit Euchr Ortsrichtern in X., die Erklärung, : daß ich mir vorbehalte, alle meine bei dem NN. ausstehenden Forderungen zu jeder beliebigen Zeit einzukassieren. Die Wirkung dieser Erklärung war, daß die Gläubiger ihr Guthaben jederzeit einfordern konnten, ohne daß durch das Sabbat jähr eine Verjährung eintrat. Die Bedürftigen erhielten wieder' .Geld, weil die Verleiher: sich gesichert wußten. So war beiden. Teilen geholfen.. Eine zweite wichtige Verordnung betrifft die Verordnung des R ü c k k a u f s'r e c h t s an Häusern in ummauerten Städten, das für ein Jahr Geltung (hatte. Hier bestimmte Hillel, daß der Verkäufer noch in den letzten Tagen des Jahres, . in welchem der Kauf abgeschlossen wu^de, die Kaufsumme be^m Ortsgericht hinterlegen und das Haus sofort wieder in Besitz nehmen dürfe, wenn er den Käufer nicht aufzufinden vermochte, weil sich dieser vielleicht absichtlich verborgen hielt. v V ' ' ' J- ' -: . .- ■ ... •' . J- Eine dritte Bestimmung Hillels war, daß man den •Armen und den einquartierten Truppen Demai*) zu essen geben dürfe. Diese Erleichterung bedeutete bei den sehr häufigen Truppendurchzügerjj, und , ständigen Besatzungskörpern in den; Or.tsphafjten naturgemäß. , eine erhebliche Entlastung der Einwohner, da sie die Verpflegungs.möglichkeit. ausdehnte. Im Traktat Challa. lesen wir eine andere Erleichterung: Während nämlich bei fünf Dingen, bei. Weizen, . Gerste, Dinkel, Hafer und Roggen das, Gesetz von der Teighebe zu Kraft besteht, ist Mehlbrei nach. Hille} frei.; - r;!•;- /• ' X.' . . •' '-.; Schon1' die älteste Ethik des Judentums, sagt Lazarus, ist vorzugsweise' Sözialethik. Sittliche Person sein heißt nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft sein, In diesem Wirken ging Hillel auf als Lehrer und Leiter seiner Gemeinschaft. Wenn er in den Sprüchen der'Väter die Mahnung' gibt: „Sondere Dich nicht ab von der Gemeinde!", so hat er das nach "allen Seiten vorbildlich erfüllt. Die rastlose Tätigkeit im Dienste des Gemeinwohls lebte er seinen Zeitgenossen und späteren Geschlechtern vor als leuchtendes Beispiel, Er war' in; seiner Zeit wie Esra zü der seinigen, sagen die Weisen, Nach einem langen Erdenwallen; das von der fruchtbringenden Arbeit auf jedem' Gebiet des'Lebensgesegnet war, legte er in 'hohen Jahren den Wanderstab hin und im Frieden des Ewigen,-wie er gelebt, entschlief er. Tiefe " Trauer herrschte "um den" Großen, und an 'seiner Begräbnisstätte erscholl' des r schmerzgebeugteh' Volkes Klageruf! um 'Hillel Hasöken: Wehe, der Fromme! Wehe, der"'Bescheidene! Ei'rf Schüler Esras ist von: uns gegangen. : ';; '; ","t .;; "'•••• ' - ■■>■__ ' ■• ' -;- ''■: Wochenkalender. Vom 20.-27. Sept. 1934 / Vom 11.-18. Marcheschw. 5695 'Ol* ip ' i.V! ■. Samstag 20 11 »'pvr>j? na. ,;. i>-i> Sonntag. 21 12 ' BO" Montag( 22 13 3 ' ... <:■ . Dienstag (i Sept. 23 'icnm 14 nt'- Mittwoch 24 15 " . .1 Donnerstag i ■ K 25 16 ''"$3 Freitag 26 17 13 ''" ' /_.' V, . Samstag 27 18 ni 8T1 *) Frucht, von der es nicht ganz, feststand, ob der Zehnte abgesondert sei.