Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1934)
- Date
- 1934-10-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 42 1934 Die Austreibung aus Jaffa und Tel Awiw, Von J. . Duschmann. (Fortsetzung.) Da rollt ein neuer Wagen heran, vollbeladen mit allem möglichen Hausrat. Obendrauf balanziert ein Bett mit den Beinen nach oben, und an jedem Beine hängen Küchengeräte aller Art. Zwischen dem Gerümpel sitzt eine tonnenartig geformte Frau mit einem kleinen Mädchen auf ihren Knieen. Das Kind drückt eine Zelluloidpuppe an die Brust und beruhigt sie, daß sie sich ja nicht fürchte. Hinter dem Wagen der Mann mit einem kleinen Bübchen auf dem Arm. Schon ist auch dieses Einzelbild von einer Gruppe abgelöst, der wieder eine andere folgt. Jede Gruppe hat ihre eigenen charakteristischen Züge. Ein Mann hat von all seinem Hab und Gut einen Käfig mit einem Singvogel gerettet, auch dieser muß mit in die Verbannung. Aber als wüßte er um die Situation, hat er das Singen vorerst eingestellt. Mitten drin taucht auch eine bekannte Jaffaer Figur auf: Herscheie, der Verrückte, der mit blöden Augen nach allen Seiten glotzt und sich sichtlich alle Mühe gibt, zu erfassen, was eigentlich vorgefallen sei, daß alles wanderte und er mit. Kaum daß man ein Wort aus Menschenmund hört, nur hie und da antreibende Laute der Fuhrleute. Staubwolken wirbeln auf und weben einen wehenden grauen Vorhang zwischen Gruppe und Gruppe. Es hielt mich nicht länger, ich mußte zurück nach Jaffa und Tel Awiw, um zu sehen, was dort vorging, möglicherweise auch mit Hand anzulegen, Die 24 Stunden waren noch nicht abgelaufen, und ich hatte ja meinen ,,Paß". Nur hatte ich in dem Augenblick fatalerweise vollkommen vergessen, wie ich eigentlich hieß . . . Nun war ich wieder im jungen, damals noch kleinen Stadtviertel Tel Awiw. G'tt im Himmel, wie hatten sich die Straßen über Nacht verändert! Die hellen heiteren Häuser waren wie mit einem Trauerflor verhüllt, die Fenster geschlossen, die Erker und Türen zugenagelt, die Blumengärtchen vor den Türen verdorrt und verdurstet, die Straßen leer und so breit, wie ich sie noch nie empfunden hatte, Ueberall häufte sich der Kehricht, wie auf einem zu Ende gegangenen Jahrmarkte, bevor man Zeit gefunden hatte, die Spuren wegzuräumen. Eine Todesstille herrschte ringsherum, kein Kind weinte oder lachte. Mitten am hellen Tage hörte man in den Straßen vom Meere her die Wellen raunen und rauschen. Nur draußen unter den Bäumen der Rothschildanlage herrschte noch Leben. Hier türmten sich die Säcke, Körbe, Kisten und Koffer, und das Komitee war hier am Zentralpunkte noch tätig, die letzten Emigranten abzufertigen. Ein Schoter, sefardischer Jude, trieb die Leute zur Eile an. Es sei höchste Zeit, da Ismael heute keinen Spaß verstehe. Wer nach wenigen Stunden noch getroffen werde, habe keinen freien Abzug mehr, sondern komme ins Gefängnis. Außerdem — und dabei ging mir ein Stich durchs Herz — warne er dringend vor Papieren, die nicht ganz in Ordnung seien. Es sei Chassan Beck zu Ohren gekommen, daß welche mit gefälschten Pässen herumliefen und es stehe zu erwarten, daß auch in Petach Tikwah bald eine Revision vorgenommen werde. Bei der Nennung des Namens Chassan Beck fuhr allen ein Schreck durch die Glieder. Dieser damalige Kamaikam von Jaffa war schon mehr als ein türkischer Tyrann, eine reine Menschenbestie war er. Und noch grausamer benahm sich sein Adjutant A r a f Bei, der schon äußerlich einem Affen oder, wie manche glaubten, dem Teufel in der Hölle ähnlicher sah, als einem Menschen. Er hatte ein Lächeln in seinem Tatarengesicht, das das Blut derer, die er sich aufs Korn nahm, zum Erfrieren brachte. Man hörte nie ein lautes Wort aus dem Munde dieses Mannes. Wenn er seine Opfer peinigte, schmatzte er an seiner Zigarette und lächelte . . . In der Seitengasse vor der Rothschildallee eröffnete sich mir ein kleiner Lichtpunkt: drei Kinder spielten im Sande, tollten vergnügt umher und lachten, als bereiteten sie sich für einen Ausflug vor. Sie waren in echter Feststimmung. Man brauchte nicht in die Schule zu gehen und man würde bald reisen. Reisen, richtig fahren über die weite Landstraße, nach einem anderen Orte. Ihre knabenhafte Abenteurerlust war aufs höchste gespannt. Aus dem Hause hatte man sie gejagt, damit sie beim Packen nicht im Wege standen. Bald würde der Wagen kommen und den Weg nach Galiläa nehmen ... In Galiläa oben, hörten sie, wäre es so wunderschön, dort gab es Berge und Hügel und Klüfte, ganz wie geschaffen, „Versteckens" und ,,Räuber" zu spielen. Einer brüstete sich, er würde sogar vom Fuhrmann die Zügel bekommen, er könne ganz gut mit Pferden umgehen ... Glückliche Kinder! Gegen Abend nahm ich wie gerädert den Weg nach Petach Tikwah zurück. In der ersten halben Stunde mußte ich alle fünf Minuten nach dem jüdischen Stadtviertel Tel Awiw zurückschauen. Auf einmal war ich über die Ohren verliebt in diese jüdische Schechunah,' die ich bis vor wenigen Tagen noch nicht ausstehen konnte. Es erregte und verletzte stets mein Werktagsgefühl, daß diese Häuser immer so protzig und aufgeputzt wie an einem Festtage dastanden. Nun war eine namenlose Liebe zu diesen sandigen Gassen in mir erwacht, und mit dieser Liebe die maßlose Angst. Werden sich die Türken in diesen Häusern festsetzen, die ich selber mit eigenen Händen miterbaut, diese Straßen in Beschlag nehmen, die wir oft unter Lebensgefahr errichtet haben? Oder werden bald, vielleicht heute noch, die Kanonen von hüben und drüben all unsere Arbeit von Jahren in einen Trümmerhaufen verwandeln? Lebe wohl Tel Awiw, mein geliebtes Tel Awiw, leb wohl du herrliches Paradies meiner Arbeit und meiner Hoffnung! . . . Müde und abgespannt kam ich in später Abendstunde in Petach Tikwah an. Meine beiden Freunde, der Lehrer und der Beamte, die mit mir das Zimmer teilten, schliefen schon. Ein kleines Oellämpchen gespensterte und warf trübe Schatten auf die Wände. Aus den Pardessim drang ein starker berauschender Duft durch das offene Fenster. Hie und da trug sich ein Seufzer durch die stille Luft, wie trauriger Gruß aus einem der Ställe und Scheunen, in denen die Flüchtlinge untergebracht waren. Trotz lähmender Müdigkeit konnte ich keinen Schlaf finden. Ich nahm mir mein neues Familienpapier vor. Einmal mußte auch ich doch erfahren, wer ich eigentlich sei und wie ich heiße, zumal ja die Gefahr bestand, daß bald eine Paßkontrolle in der Kolonie vorgenommen wurde. Als hätte ich es dunkel geahnt, daß etwas nicht in Ordnung mit diesem Passe sei! Hier war wirklich das Unglück: An der Stelle, wo das Familienverhältnis anzugeben war, standen die merkwürdigen Worte in deutscher Sprache ,, U nverheiratet mit . . ." Worauf der Namen einer Frau folgte, den ich nie in meinem Leben gehört hatte. So viel war auch ich schon in die Geheimnisse der deutschen Sprache eingedrungen, daß man nicht mit jemand „unverheiratet" sein kann. Entweder war man verheiratet, oder man war unverheiratet. Das „mit" samt Namen waren ein späterer Eintrag mit anderer Handschrift und anderer Tinte. Offensichtlich hatte der Beamte vergessen, das ()un" zu streichen oder hatte in seiner Unwissenheit das Paradoxe der Zusammenstellung nicht gemerkt. Auch das fehlte nun noch. Und wenn wirklich die Kontrolle kam? Ich hatte einmal kein Glück, wo ich auch anpackte. Ich war ja auch, wie man mir sagte, in einem Schaltjahre im zweiten Adar geboren, gehörte mithin zu der merkwürdigen Sorte von Menschen, die eigentlich nur alle drei Jahre einmal Geburtstag hatten. Hatten es alle falsch, so mußte in meinem falschen Paß noch extra alles falsch sein, es ging nicht anders. Einfach Naturgesetz! . . . Mit Neid, fast mit Anflug von Haß, sah ich auf meine schlafenden und laut schnarchenden Kameraden. Sie konnten auf ihren Lorbeeren, das heißt ihren richtigen Falschpässen ruhig schlafen, und ich? Ich Pechvogel war „unverheiratet mit! ..." — Da erwachte der Lehrer, — Paternak hieß der Glückliche, fiel mir noch rasch ein, — sah mich schlaftrunken an und fragte mürrisch, warum ich nicht zu Bette gehe? Ob ich wohl zu den Kabbalisten gegangen wäre und nun das Chazzothgebet um die Mitternacht verrichten wollte? „Ihr habt gut lachen und schlafen," brauste ich auf. „Hier schaut her!" Beide lasen am schwachen Lichte des Oellämpchens und, so schwer es ihnen in ihrer Schlaftrunkenheit fiel, brachen sie doch in ein lautes Lachen aus. „Unverheiratet mit! . . ." Hatte man schon je so was gehört? Und ein Hagel von schmeichelhaften Bezeichnungen prasselte über das Haupt des Esels und Kamels von Beamten im Konsulate hernieder. Beide vertieften sich noch einmal auch in ihre Papiere. Aber diese waren vollkommen in Ordnung. „Mit dem Schimpfen und' Räsonnieren ist nichts getan," erfaßte der Lehrer die Situation. „Kommt wirklich die Kontrolle, da sind wir alle geliefert, mit oder ohne verheiratet." „Also," zog der Beamte die Konsequenz, „machen wir uns gleich fertig und treten den Weg nach Galiläa an. Dahin, nach der Gegend von Tiberias und Safed zieht sich "der ganze Strom der Auswanderer, und es ist sowieso nicht recht, daß wir da herumsitzen und faulenzen, während wir dort viel helfen könnten. In Tiberias können wir auch unsere herrlichen Urkunden dahin werfen, wo sie hingehören, auf den Düngerhaufen, Es soll dort deren viele geben. Dort in Galiläa wird wenig gefragt." So saßen wir eine Stunde später mit vielen anderen Flüchtlingen aus Jaffa und Tel Awiw auf einem großen Leiterwagen, der sich langsam nordwärts schleppte, auf der Straße nach Tiberias. (Fortsetzung folgt.) Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Die Juli—August—Nummer (Heft 4 des 78. Jahrgangs) der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" in Breslau ist Prof. Ismar E 1 b o g e n zum 60. Geburtstag gewidmet. Der einleitende Artikel von Lothar Lubasch: „Der persönliche G'tt" bringt eine auch dem Laien verständliche faßliche Darstellung der von* der neueren Philosophie zur Begründung des Persönlichkeitsbegriffes beigebrachten Argumentationen. In einer umfangreichen Arbeit behandelt Moses S i s t e r die Typen der prophetischen Visionen in der Bibel. Es ist eine wertvolle Materialsammlung, die sich erfreulicherweise im allgemeinen kritischer Urteile enthält. Dagegen trägt eine Arbeit von A. Spanier „Zur Formengeschichte des altjüdischen Gebetes" alle unsym-