Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1934)
- Date
- 1934-10-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 42 Der I 's, r e I i t "18. Oktober 1934 Die wirtschaftliche Lage Transjordaniens und Syriens. i. Ein Vertreter der „Palestine News Service" hat sich vor kurzem nach Transjordanien begeben, um die wirtschaftliche Lage des Landes zu studieren. Er berichtet seiner Gesellschaft aus Amman folgendes; Es ist, eine außerordentlich schwierige Aufgabe, zu einem sicheren und umfassenden Ueberblick über die wirtschaftlichen Verhältnisse Transjordaniens zu gelangen, wie wir uns einen derartigen Ueberblick über modern verwaltete Länder zu verschaffen in der Lage sind. Es fehlt jegliche statistische Unterrage zur Beurteilung von Einzeltatsachen: Import und Export, landwirtschaftliche Produktion, Berufsgliederung, Arbeitslosigkeit, Bevölkerungsverhältnisse usw. Ihr Vertreter interviewte eine Reihe von Persönlichkeiten des Landes wie Regierungsbeamten. Aber auch ihre Auskünfte mußten infolge des Fehlens konkreter Tatsachenunterlagen ziem-: lieh allgemein gehalten sein, so daß man auf die Gewinnung allgemeiner Eindrücke und das, was dem Beobachter in Unterhaltungen berichtet wird oder selbst vor Augen kommt, angewiesen ist. Der Kontrast zwischen Westpalästina und , Transjördanien fällt sofort bei der Ueberschreitung des Jordans über die Allenbybrücke auf: eine schlechte Straße bildet die Fortsetzung der guten palästinensischen Asphaltchaussee. Beim weiteren Durchqueren Transjordaniens kann man sich aber überzeugen, daß es in diesem Lande noch aridere schlechte Straßen gibt. Der Reisende in Transjordanien erhält ferner sofort den starken Eindruck eines fast unbevölkerten Landes. Man fährt lange Strecken ohne einem Menschen zu begegnen. Ihr Vertreter durchstreifte im Laufe einer Reihe von Tagen das Land nach allen Richtungen — überall menschenleere Gegenden und Wege, keine Fußgänger, keine Lasttransporte. Außerhalb der, größeren transjördanischen Städte (Rabat—Amman mit 40 bis 50.000 Einwohnern, Es-Salt mit 20—25.000 Einwohnern) und Dorfstädten wie Suala, Midaba u. a. fährt man über weite Flächen, über Berge und durch Täler ohne Anzeichen menschlicher Siedlungen zu erblicken. Nur selten sieht man ein Zeltdorf auf. einem Hügel, ein kleines.aus wenigen Häusern bestehendes Dorf oder ein beduinisches Zeltlager, Der Boden ist, nur teilweise bearbeitet, z, T. aber verlassen. In der Umgebung von Suala, einem tscherkessisch-arabischen Dorf sind Tabakpflanzungen. zu sehen.; Es-Salt liegt zwischen Wein- und. Granatäpfelgärten, die die Stadt umgeben. Der fremde .Reisende . frage sich unwillkürlich; warum ist dieses Land so vernachlässigt und unentwickelt, warum leidet es unter Arbeitslosigkeit und direktem Hunger? Diese Frage richtete Ihr Vertreter auch an die befragten Persönlichkeiten, als er in Rabat- Amman, der Hauptstadt des Landes, eintraf. Aus den Unterhaltungen mit den befragten Persönlichkeiten ergab sich folgendes Bild; Transjordanien, dessen Flächenumfang nahezu zweimal so groß wie derjenige Westpalästinas ist, wo in früheren Zeiten eine Bevölkerung von mehreren Millionen Menschen lebte, wird zur Zeit von 250—300.000 Seelen bewohnt (die Zahlen sind infolge des Fehlens statistischer Erhebungen nur ungenau). Die wichtigste Ernährüngsquelle der Einwohner ist die Landwirtschaft. Der Prozentsatz der in der Landwirtschaft Beschäftigten beläuft sich auf ungefähr 90 Proz. Die Bodenbearbeitungsmethoden sind sehr primitiv. Angebaut wird vor allem Getreide. In der Umgebung von Es-Salt, Ajlun und El Kerak werden Wein und Obstbäume gezogen. In der letzten Zeit begann man auch mit Tabakpflanzungen! Die Viehzucht war einst ein sehr entwickelter Zweig der transjordanischen Beduinenwirtschaft, aber vor 5 Jahren war die Sterblichkeit des Viehs infolge der Dürre sehr groß und seitdiem verkommt dieser Wirtschaftszweig. Heute übersteigt der Viehimport aus Syrien nach Transjördanien den transjordanischen Viehexport nach Palästina und anderen Ländern. Transjordanien versorgte einst den ganzen Nahen Osten mit Weizen und Gerste. In den letzten Jahren genügte die Ernte aber nicht mehr7 für den Eigenbedarf des Landes infolge^ der Dürre der regenarmen Jahre. Künstliche Bewässerung gibt es nicht, die Bodenbeärbeitungsmethoden sind äußerst primitiv. Wenn es keinen Regen gibt, hungert der Beduine. Im letzten" Jahre gab die transjordanische Regierung an die Landwirte Anleihen aus den Mitteln, die sie von der englischen und palästinensischen Regierung erhalten hat. Wie s. Z, in „Palnews" mitgeteilt wurde, sind auch Sammlungen zugunsten des besonders notleidenden Stammes der Beni Hassan, der an Hungersterblichkeit zu Grunde zu gehen drohte, veranstaltet worden. Die Regierung erhielt von der englischen Regierung für Brunnenbohrung eine Sonderanleihe von LP 50.000, die für die Landwirtschaft verwendet werden soll. Aber das alles bedeutet nicht mehr als ein Tropfen im Meer: das Land bleibt öde und die Bevölkerung verarmt. Eine Industrie gibt es nicht. Es bestehen nur zwei Zigarettenfabriken, eine transjordanische und eine-Filiale der Karaman — Dick — Salti- Fabrik in Haifa. In beiden Fabriken arbeiten .80—-90 Arbeiter, die ganze Produktion wird auf dem inneren Markt verkauft. Es besteht auch eine primitive Mattenindustrie. Jede Beduinenfamilie stellt Matten her und bringt den Ueberschuß auf. den Markt. Obwohl es keine Import- und Exportstatistik gibt, besteht kein Zweifel, daß der Import den Export erheblich übersteigt. Transjordanien exportiert Samny, Trauben, Rosinen, Wolle, Matten. Nach der palästinensischen Transitstatistik wurden im ersten Quartal 1934 im Transitverkehr nach Transjordanien für LP 42.135 Waren befördert, der Transitverkehr aus Transjordanien durch Palästina beläuft sich demgegenüber nur auf wenige hundert Pfund, der Export aus Transjordanien nur auf LP 7.254. Diese Ziffern dürften für die Passivität der Handelsbilanz charakteristisch sein, auch mit Syrien ist sie stark passiv. Die Zahl der Arbeitslosen ist groß, ihre Lage ist sehr schlecht. Die I. P. C. beschäftigte seiner Zeit viele Arbeiter. Die Arbeiten sind aber beendet. Jetzt arbeiten nur noch wenige in der Beamtenschaft der Gesellschaft, Die übrigen leben noch von den Ersparnissen aus der Zeit, in : der sie'Arbeit hatten, ]"r In einem. Interview einer Persönlichkeit in Rabat-Amman, die eine wichtige BeämteristeHe einnimmt, stellte ihr Vertreter einige .Fragen): - *' Ist Ihnen die Zahl der arbeitslosen Beduinön bekannt, die in den letzten beiden Jahren aus; Transjordanien nach Palästina abgewandert sind? Es ist bekannt, daß eine derartige Abwanderung besteht, es gibt aber keine statistischen Daten, da die Beduinen die Grenze nicht durch die Regierurigsstatiorien passieren. Wie ich aus meinen Informationen ersehe, sind vor . allem zwei Tatsachen für die Lage Transjordanien's entscheidend: Regenmangel und Kapitalmangel^ Was müßte, wenn Kapital, zur Verfügung stehen würde, unternommen werden? Es wäre vieles zu tun: Bewässerungsarbeiten, Beschaffung neuer landwirtschaftlicher Maschinen, Einführung neüer landwirtschaftlicher; Bebauungsmethoden, Erweiterung der Pflanzungen, Gründung von Industrieunternehmen' -'iifew. j In Akaba gibt es z, B; Fischereiriiögiichkeiten; die uns aber nichts nützen, da die Entfernung von Akaba nach Rabat-Amman, das den wichtigsten Markt des Landes darstellt, 250 km beträgt. Der Weg ist schlecht, die Fische würden unterwegs verderben. Wenn Kapital zur Verfügung stände, wäre es möglich, die Verbindungswege zu vervollkommnen und Kühlautos ' anzuschaffen. "Auch " eine Fischkonservenihdustrie wäre möglich'. Welches^ ist, rein wirtschaftlich' gesehen, der . Grund des . Widerstandes gegen eine jüdische Einwanderung nach Transjördanien, die Kapital und Initiative ins Land bringen würde? Ihr Vertreter betonte ausdrücklich, daß die Frage unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten und nicht "unter politischen betrachte werden solle. Eine Antwort auf diese Frage wurde nicht gegeben. Die befragte Persönlichkeit führte verschiedene politische und psychologische Gründe ..an. Ein wirtschaftlicher Grund für den Widerstand gegen die Einwanderung, durch die das . jmmer mehr verarmende Land und seine Bevölkerung entwickelt und zur Blüte gebracht würde, konnte nicht angeführt werden. " „' ' Die transjordanische; Regierung befaßt sich zur Zeit mit landwirtschaftlichen Entwicklungsplänen, durch die ,die Ausbildung in landwirtschaftlichen Schulen, die Aufforstung und der Obstbau befördert werden sollen. Wie berichtet, wird, soll sich die transjordanische. Regierung auch für ein angeblTches Angebot belgischen Kapitals interessieren, mit dessen Hilfe Transjördanien landwirtschaftlich erschlossen und insbesondere künstliche Bewässerung geschaffen werden soll. II. Unter der, Ueberschrift. „Ueber die jüdische Einwanderung nacLS yrie n — Einige Tatsachen über „das Land der Chaldäer" hat die Jerusalemer hebräische Tageszeitung „Doar Hajom" einen bemerkenswerten Aufsatz aus der Feder eines Beiruter Mitarbeiters veröffentlicht, in dem die 'Möglichkeit. der Einwäriderüng uri'd Niederlassung von Juden,-,-insbesondere solchen aus,Mitteleuropa, im Euphratgebiete, dem sogenannten 7,Gözira-Länd", das -die -Heimat , des Erzvaters Abraham war,- erörtert wird. Der Verfasser erklärt, daß ein großer Teil "dieses: üb er 50.000 Quadratkilometer umfassenden vGeDietes, in dem nur 160,000 Seelen, davon etwa 90.000 in sieben kleinen Städten'wohnen,-ganz'besonders für intensive Kulturen geeignet ist und mit natürlicher Bewässerung bewirtschaftet werden 'kann. Er betont, daß'Regierung und Bevölkerung von Syrien angesichts der dortigen schwierigen Wirtschaftslage an einer jüdischen Einwanderung und Kolonisation in diesem Gebiet ein hphes Interesse haben und eine solche im Gegensatz zu der von ihnen aus politischen Gründen abgelehnten jüdischen Siedlung im Hauran und anderen syrisch-palästinensischen Grenzgebieten, geradezu herbeisehnen. Nach einer Kritik der Versuche zionistischer Unterhändler, Ländereien an der syrisch<-palästinensischen . Grenze t; zu erwerben, wodurch der Widerstand syrischer . Nationalisten wachgerufen, worden sei, weist der, Verfasser -darauf hin,' daß. die . (französische^ Mandatsregierung mit Rüdksicht auf .diese: nationalistische Strömung zwar Mäßnahmen gegen^ .den. J3odenerwerb; von Ausländern im Grenzgebiet-getroffen, daß jedoch im Gegensatz zu gewissen Pressemeldungen der französische Vertreter in der Mandatskommission niemals von einem allgemeinen Verbot der jüdischen Einwanderung nach Syrien gesprochen hat. Wenn demnach Frankreich, so heißt es in dem Artikel weiter, sich der jüdischen Ansiedlung im Grenzgebiet Syrien entgegenseht, — namentlich der Schaffung eines-Streitobjektes zwischen sich und;den syrischen Nationalisten sowie zwischen sich und den. Engländern, auf denen immer der Verdacht; lastet, die. von -Juden besiedelten Grenzgebiete annektieren zu wollec, wie sie es ja schon im Falle „Metula" getan haben,-1so heißt das.keinesfalls, daß Frankreich einer-'organisierten jüdischen Einwanderung ira Irinern) Syriens feindlich, gegenübersteht.; Gan~ im Gegenteil: Es ist uns aus zuverlässigen Quel-