Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1934)
- Date
- 1934-10-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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18. Oktober 1934 Der Israelit Nr. 42 Seite 5 türlich unter dem Druck der äußersten nationalistischen Parteien auf beiden Seiten stehen wird. Aber jede Diskussion des Planes unter gewissen Klauseln und jede Mitwirkung daran abzulehnen, das scheint uns zu weit gegangen. Es ist nicht uninteressant, daß auch in diesem Punkte manche zionistische Politiker die „Mitte" den offiziellen Extremismus nicht teilen. Kurt Blumenfeld hat in einer in Jerusalem gehaltenen Rede dazu folgendes gesagt: „Unsere praktisch wichtigste Forderung ist eine dauernde starke Einwanderung, die durch keinerlei politische Faktoren behindert wird. Aber wenn man das will und dazu natürlich einer möglichst engen und freundschaftlichen Kooperation mit der Mandatarmacht bedarf, so darf man nicht, wie es jetzt in einer aktuellen Frage geschieht, auf eine Politik der Non-Kooperation lossteuern. Das ist eine Politik mit doppeltem Boden, durch die wir uns unsere Chancen nur verderben können. Wir haben gerade in der letzten Zeit in der Einwanderungsfrage (zusätzliche Zertifikate) einen nicht hinreichend gewürdigten Erfolg erzielt. Ein bedingungsloses Nein auf anderem Gebiet kann uns diesen Erfolg wieder verderben." Auch in dieser wichtigen Frage sollten die zur Entscheidung Berufenen nur ihrem Gewissen folgen und nicht der Parole der extremen Gefühlspolitiker. Wie steht es mit dei\ Milderung in Rußland? Wir haben in der jüngsten Nummer mit allem Vorbehalt die Mitteilung wiedergegeben, daß eine Milderung wenigstens in der Behandlung der jüdischen Religionsbeamten in Rußland geplant, ja durch eine neue Wahlordnung sogar schon angebahnt sei. Der inzwischen eingetroffene „Emes" (oyay)i Organ der jüdischen Kommunisten in Rußland, begründet das Fragezeichen, mit dem wir jene Notiz versehen haben, vollauf. Gerade jetzt jammert das Blatt über die merkliche Abschwächung der antireligiösen Arbeit. „Die Kulturträger und antireligiösen Propagatoren glauben nun, schon genug die himmlischen Bastillen gestürmt zu haben und wollen scheinbar Frieden oder eine Art Waffenstillstand mit G'tt schließen." Daraus folge, daß die klerikalen Elemente zu immer regerer Aktivität übergingen, daß viele, die früher beständige Besucher des Klubs waren, jetzt wieder den Weg in Synagoge und Lehrhaus fänden . . . Es wird darauf eine Reihe von Städten namhaft gemacht, in denen die Synagogen und Lehrhäuser dieses Jahr, neu und schön hergerichtet, von den Besuchern an den Feiertagen bis zum Brechen überfüllt waren. In einer Industriestadt der Ukraine habe man viele Notg'ttesdienste Neißer und Wassermann. Man erweist den rassischen Bestrebungen unserer Regierung einen schlechten Dienst, wenn man die Gefährlichkeit des Judentums dadurch zu beweisen sucht, daß man in billiger Weise Entdeckungen jüdischer Forscher, die ihre Anerkennung in der ganzen Welt gefunden haben, und über deren Wert die Akten geschlossen sind, als Angriffspunkte zu gehässigen Verdächtigungen benutzt. Es maßt sich kein Nationalsozialist die Behauptung an, daß der Deutsche allein in der Lage ist, auf irgendeinem Gebiet Hervorragendes zu leisten. Wir sind stolz auf die großen Leistungen gerade der deutschen Wissenschaft, und wir können mit Stolz sagen, daß unser Volk von jeher in der Wissenschaft führend gewesen ist und führend ist. Gerade weil diese Tatsache in aller Welt anerkannt wird, darf es uns nicht schwer fallen, auch unsererseits die Leistungen anderer Völker anzuerkennen. Es wäre müßigan dieser Stelle auch nur ein Wort zu verlieren über den Wert der Wassermannschen Reaktion und der durch Ehrlich eingeführten Salvarsanbehandlung bei einer Seuche, die mit der Einführung dieser Methoden ihre Schrecken verloren, hat. Es ist klar, daß eine Behandlungsmethode, die sich die Abtötung von Krankheitserregern im menschlichen Organismus zum Ziel gesetzt hat und die dieses Ziel in der Tat erreicht, besonders bei ihrer Neueinführung mit gewissen Gefahren verbunden sein mußte. Diese Gefahren sind durch die jetzt vorliegenden jahrzehntelangen Erfahrungen auf ein Mindestmaß zurückgeführt worden, ja man kann sagen, daß eine richtig durchgeführte Salvarsanbehandlung keine Gefahren mehr in sich birgt. Auf der anderen Seite steht dann der ungeheure Erfolg dieser Behandlungsweise, von dem man sich nur eine Vorstellung machen kann, wenn wan in älteren medizinischen Werken Darstellungen einrichten und in den Hauptsynagogen in mehreren Schichten beten müssen. Berühmte Chasamm hätten amerikanische Preise erzielt. Man vermute, ' daß sie sich in ausländischen V a 1 u t e n ihre Honorare auszahlen -ließen. Ein Verbrechen, das bekanntlich beinahe so schwer ist wie Synagogenbesuch und Gebet! . . . Die Religion würde, nach einer Darstellung des „Emes", sogar in die Sowjetpolitik hineingetragen, was mit folgendem Vorfall klar bewiesen sei. In Stalingrad kam der Vorbeter am erstsn Rosch Haschonohtage in einem Flug- •zeuge wie vom Himmel angeflogen. Da erhoben die Alten ein großes Geschrei und wollten den ganzen G'ttesdienst auffliegen lassen. Die Jungen aber argumentierten: Das Flugzeug war ein sowjetrussisches, also war es „koscher", und wer sich danach gegen den G'ttessänger aus den Lüften aufstemmt, der sabotiert das sowjetische Luftwesen und gehört als Konterrevolutionär ans Tribunal. Das wirkte und machte dem fliegenden Sänger den Weg zum Omud frei. „Aber," ärgert sich das Kommunistenblatt, „wie kommen die Jungen dazu, überhaupt für einen Religionsbeamten eine Lanze zu brechen und die Sowjetpolitik in den Dienst der Synagoge zu stellen?" Die sowjetrussische Luftflotte in Ehren, aber die Stimmhöhe jüdischer Kantoren gehe nach Meinung des Blattes die Genossen nicht im mindesten an. Eine Situation, die gewiß auf die Lachlustmuskeln wirkt, aber es ist doch ein trauriges Lachen, das hinter der Komik den grinsenden Dämon der Gottfremdheit und Religionsfeindlichkeit zeigt, der immer noch in Sowjetrußland herrscht und herrschen wird, so lange vom Kreml aus nicht radikal durchgegriffen wird. Dazu genügt nicht die Erteilung eines teilweisen Wahlrechtes an die Beamten, dazu wäre in erster Reihe eine Säuberung in den unteren Amtsstellen notwendig, wo eine numerisch kleine, aber schrankenlos fanatische und lärmende Clique alle Macht und alle bolschewistische Ideologie dazu benutzt, um die eigenen Brüder bis aufs Blut zu peinigen und durch unerhörte Provokationen ins Herz zu treffen. Judentumskunde — ohne Religion. „Nicht äußere Geschehnisse, nicht Politik oder Wirtschaft bes t im men das Schicksal des Judentums, sondern einzig und allein die Stärke seines religiösen Lebens. Was hat uns denn vier Jahrtausende lang am Leben erhalten, was hat Israel zu einer von verheerenden syphilitischen Zuständen findet, die uns heute dank der Salvarsanbehandlung ganz unbekannt sind. Aus welchen Gründen in dem Aufsatz Neißer und Wassermann zitiert werden, ist ganz unverständlich. Neißer ist durch die Entdeckung des Gonococcus als des Erregers der Gonorrhoe bekannt geworden, eine Entdeckung, die lediglich als Erfolg der Anwendung der auf Robert Koch zurückzuführenden bakteriologischen Methodik zu werten ist. Die Entdeckung Neißers hat uns die allein sichere Methode zum Nachweis der Gonorrhoe geschenkt. Wie man der Menschheit mit dieser Methode überhaupt schaden kann, ist unvorstellbar. Genau so verhält es sich mit der Wassermannschen Reaktion, über die überhaupt kein Wort zu verlieren ist." Der Sachverständige weist zum Schluß darauf hin, daß die Juden Ehrlich, Wassermann und Neißer in engster Verknüpfung mit der deutschen medizinischen Wissenschaft gearbeitet haben, eine Tatsache, die nur den überraschen kann, der in dem Wahne lebt, daß jüdische Wissenschaftler ihre Rezepte sogenannten jüdischen Geheimlehren entnehmen. Ausstellung jüdischer Künstler. Am 21. Oktober ds. Js. eröffnet der Verein Jüdisch es Museum E. V. zu Breslau (Gräbschenerstraße 61/65) seine erste Ausstellung von Werken jüdischer Künstler in Deutschland aus Vergangenheit und Gegenwart. Diese Veranstaltung verspricht von Bedeutung für alle geistig interessierten jüdischen Kreise in und außerhalb von Breslau zu werden. Die Ausstellung geistigen Weltmacht geformt? Es war sein religiöses Genie und seine religiöse Energie. Nur diese könnten ihm auch eine Zukunft sichern. Diese einfache Wahrheit wird immer wieder aus den Augen verloren. Anders ist es gar nicht zu erklären, daß so vieles im jüdischen Leben mit falschem Maßstab gemessen wird. Judentum heißt nicht jüdischer Sportplatz, heißt nicht jüdischer Krieger verein, heißt nicht jüdischer Konzertsaal." ,,Es ist wahrhaftig erschreckend, wie sehr wir oft von diesem Mittelpunkt unseres Daseins abirren. Man lehrt Judentumskunde, jüdische Geschichte, hebräische Sprache und umgeht so sorgfältig, wozu man anscheinend nicht mehr die innere Kraft besitzt, sich zu religiösen Glaubenssätzen und religiösen Geboten und Lebensordnungen zu bekennen. Oder es findet ein Schulungskurs für Wohlfahrtspflege statt. Was ist der innere Quell aller Wohlfahrtspflege, wenn nicht religiöse Getriebenheit, Verantwortungsgefühl vor G'tt und der Wille, seine Gebote der Menschenliebe zu verwirklichen. Daraus zieht die christliche Caritas ihre Kräfte, darauf hat sie ihre wundervollen Werke errichtet, das ist der Nährboden, aus dem solche edlen Persönlichkeiten wi e der Pfarrer Bodelschwingh oder William B o o t h , der Gründer der Heilsarmee, oder George Fox und William Penn, die Begründer der Quäkersekte, erwuchsen. Keine Wohlfahrtspflege, auch die jüdische nicht, kann sich ein höheres Ziel setzen, als mit diesen zu wetteifern. Auch die jüdische Wohlfahrtspflege kann nur auf religiösem Fundament aufgebaut sein und muß deshalb ihre ausübenden Organe religiös bilden. Statt dessen bietet der Schulungskurs: „Judentumskunde", „Die geistigen Strömungen im deutschen Judentum" und eine „Einführung in die jüdiscne Geschichte" werden dort von Männern gelehrt, die wir hoch verehren, aber ihre Themen sind nicht das, was wir unsern Sozialbeamten am dringendsten mit auf den Weg zu geben haben." Diese schönen Sätze sind kein Zitat aus einer früheren Israelit-Nummer, stammen auch nicht aus einem sonst ausgesprochen orthodoxen Blatte in Polen oder Palästina, sondern sind in einem Aufsatze von D. E. Jacob zu lesen, der an leitender Stelle des C. V.-Blattes vom 28. September ds. Js. veröffentlicht ist. Wir haben dem nichts hinzuzufügen, es sei denn die Hoffnung, daß diese Ueberlegungen den Weg zu all den Herzen und Hirnen finden, die sich dem Mahnworte eines orthodoxen Organes grundsätzlich verschließen. soll eine Kollektivschau jüdischen Kunstschaffens in Deutschland darstellen, die ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, eine reiche Anzahl von Werken der Malerei, Graphik und Bildhauerei planvoll vorführt. Ihrer Aufgabe gemäß wird sie das Bild der Leistung verschiedener Künstlerpersönlichkeiten im Laufe von einhundert Jahren und die von ihnen vertretenen Richtungen zeigen. Hier können wir sowohl Anhängern der realistischen Darstellung begegnen, als auch Kämpfern um die übersinnlichen Werte der Kunst. Wir werden Lyriker der Farbe und des Lichtes neben Bildnern einer festen Form finden. Wir werden ein Schaffen betrachten, das in den Dienst der allgemeinen Kunst gestellt worden ist, und ferner ein anderes, das bewußt jüdisches Leben schildert oder die Landschaft des Erez Israel. Außer den bedeutenden Meistern von Weltruf werden auch die weniger bekannten, jedoch ebenfalls verdienstvollen Künstler in der Ausstellung vertreten sein. Auf diese Weise wird besonders den Jüngeren Gelegenheit geboten, ihre Arbeiten einem größeren Publikum vorzuführen. Der schlesische Nachwuchs wird naturgemäß einen breiteren Raum in dieser Kunstschau einnehmen. Die Ausstellung wird bis gegen Ende November täglich von 11—18 Uhr zugänglich sein. Um den Besuch weiten Kreisen der Gemeindemitglieder zu ermöglichen, ist ein Eintrittsgeld von nur Mk. 0.15 pro Person, vorgesehen, das für Erwerbslose und beim Besuch von Organisationen auf Mk. 0.10 ermäßigt wird. Sonnabend Eintritt frei. Die Ausstellungsleitung beabsichtigt, bei genügender Beteiligung besondere Führungen und Vorträge zu veranstalten.