Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1934)
- Date
- 1934-10-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 42 Der Israelit 18. Oktober 1934 Amieis. Die Gründe, die die Aguda aus fundamentalstem Selbsterhaltungstrieb, aus fundamentalstem Verantwortlichkeitsbewußtsein vom heutigen Misrachi fernhalten müssen, kann kein Agudist eindringlicher und klarer vortragen, als dies in Amieis Schrift geschieht. Die Voraussetzungen, die allererst geschaffen werden müssen, um ein Zusammengehen zu ermöglichen, kann kein Agudist trefflicher umschreiben, als Amiel dies getan hat. Darf man hoffen, daß Amieis mutige Schrift einen neuen Abschnitt in der bis jetzt so leidvollen Geschichte des Misrachi einleiten wird? Darf man hoffen, daß diese Schrift ohne „Ambitiönchen und kleinliche Interessen", daß sie rein sachlich, völlig losgelöst vom Verfasser, gewürdigt werden wird? Die Aguda erwacht für das geschichtliche Land. Darf man hoffen, daß der Misrachi für die geschichtliche Thora erwacht? Beginnt solch herrliche Hoffnung sich zu erfüllen, so wüßte ich einen ersten Gegenstand, der die sich erkennenden Brüder zu gemeinsamer Arbeit verbinden könnte, einen Gegenstand, der das geschichtliche Land und die geschichtliche Thora zusammen in sich begreift: die Verfassung des jüdischen. Nationalheims, die Verfassung der — Knesseth Jisr a e 1. Darf man hoffen? Wochenrundschau. Extremisten-Politik. Die gefährdete Lage der jüdischen Gemein Schäften in fast allen Ländern der Diaspora wie in Erez Isroel läßt es begreiflich erscheinen, daß grade in der jüdischen Politik Temperament und leidenschaftliche Gefühlsausbrüche oft eine größere Rolle spielen als es für das wohlverstandene und dauernde Interesse der Massen, denen diese Politik helfen und dienen soll, zuträglich ist. Das gilt insbesondere für diejenigen politischen Kreise, denen der mäßigende, über den vergänglichen Tages-Aspekt hinaushebende Faktor der religiösen Betrachtung des Judenproblems und der regulierende Einfluß der uralten Thora-Weisheit abgeht, die vielmehr ganz dem Haschen nach Augenblickserfolgen, der Angst vor Augenblicksgefahren und der Stimmung der Gasse preisgegeben sind. Der ganze Revisionismus ist ein Produkt dieser ganz und gar diesseitigen, an der Brutalität der Materie und des Augenblicks orientierten va banque-Politik. Aber die gleiche Erscheinung zeigt sich auch in nicht revisionistischen Kreisen in den verschiedensten Formen. Ein „SchuT'-Beispiel dafür ist die Wiener zionistische Empörung gegen die Schulklassen-Verordnung. Von den Fanfarenstößen des gänzlich zionistischen Kultusvorstands in Wien ließ sich im ersten Augenblick fast die gesamte internationale jüdische Oeffentlichkeit einschüchtern, selbst die sonst nüchtern denkenden und wägenden englischen Kreise des Board of Deputies, deren Widerstandsfähigkeit gegen zionistische Infektionen häufig genug auf harte Proben gestellt wird. Klaren Kopf behielt nur die agudistische Orthodoxie Wiens, die denn darum auch prompt in den gemeindezionistischen großen Bann gelegt wurde. Allmählich scheint aber doch der gesunde Menschenverstand durchzusickern. So lesen wir zu dieser Frage in der Berliner ,,Jüd. Rundschau" folgende, durchaus dem agudistischen Standpunkte entsprechende Betrachtung: . . . Es ist durchaus verständlich, daß die Wiener Juden nervös sind und jeden Akt praktischer Judenpolitik mißtrauisch betrachten. Denn die Vermutung liegt nahe, daß — womöglich unter Wahrung eines harmlosen Augenscheins — die Regierung dem wachsenden Antisemitismus Konzessionen machen will. Auch mögen sich — so muß man annehmen — bei der Durchführung dieses Wiener Schulerlasses im einzelnen peinliche Vorgänge ereignet haben, die als Demütigung der jüdischen Schulkinder gewirkt haben mögen. Aber wenn wir von solchen Erwägungen absehen, ergibt sich folgender Tatbestand: In OestQrreich'ist das Schulwesen in zunehmendem Maße katholisch, sowohl in den äußeren Formen als auch im Geiste des Unterrichtes. Die jüdischen Schüler nehmen an diesem Unterricht teil. Es würde eigentlich naheliegen, daß jüdische Eltern, bezw. die verantwortlichen jüdischen Instanzen selbst die Forderung erheben, daß den jüdischen Schülern eine Sonderbehandlung zuteil wird. Denn innerhalb der katholischen Klassen werden sie entweder verführt, mitzutun oder aber sich in einer Weise, die weder pädagogisch noch menschlich förderlich ist, zu distanzieren. Wenn nun die Regierung die nichtkatholischen Schüler dort, wo die Zahl es möglich macht, in eigene Klassen zusammenfaßt, so ist nicht zu sehen, wieso dies eine Beleidigung der jüdischen Kinder sein muß. Daß es in der Praxis bei Taktlosigkeit von Lehrern solche Folgen haben kann, wurde schon erwähnt.; Natürlich haben die zionistischen Protestredner recht, wenn sie sagen, daß eine negative Absonderung ohne jeden positiven jüdischen Inhalt des Schulwesens keine Lösung darstellt. Diesen positiven Inhalt zu schaffen, muß das Bestreben der jüdischen Gemeinschaft sein, und wir können nicht glauben, daß eine Regierung, die auf die religiöse Erziehung ihrer eigenen Jugend so großen Wert legt, den Darlegungen des Bedürfnisses einer jüdischen Erziehung für jüdische Kinder verständnislos gegenüberstünde." In das gleiche Kapitel oberflächlicher und gefährlicher Extremisten-Politik gehört die jetzt in Jerusalem von jüdischer Seite geforderte Besetzung des Bürgermeisterpostens durch einen Juden. Zuerst war man sehr froh und zufrieden damit, daß Nashashibi gefallen ist und sah mit Freuden der Wahl des arabischen Kandidaten Dr. Chaldi entgegen, der mit einem jüdischen Vizebürgermeister wohl sehr harmonisch zusammenarbeiten würde. Inzwischen haben sich offenbar revisionistische Einflüsse direkt oder auch über den „Misrachi" geltend gemacht und man verlangt den ersten Bürgermeisterposten. Glaubt man denn wirklich, daß der arabische Nationalismus bis nach Indien hinunter diese Entthronung des arabischen Führertums an der Spitze der heiligen Stadt Jerusalem ruhig hinnehmen würde? Der Anspruch mag statistisch tausendmal gerechtfertigt sein; nur ein blinder Extremist kann verkennen, daß seine Geltendmachung eine realpolitisch völlig zwecklose, aber im höchsten Grade gefährliche Provokation der nationalistischen Empfindlichkeit der arabischen Welt darstellt, die wir uns wahrhaftig heute weniger denn je leisten sollten. Hundert Zertifikate mehr sind wertvoller als der ganze Bürgermeistersitz. Auch in der Frage des LegislativeCounc i 1 ist eine Warnung vor extremistischer Politik angebracht. Gewiß ist die ganze Idee dieses gesetzgebenden Rates im gegenwärtigen Stadium der Entwicklung für die jüdischen Interessen höchst gefährlich, und man sollte glauben, daß es gelingen müßte, der Regierung durch vernünftiges Zureden klar zu machen, in welche uferlosen nationalen Kämpfe, sie die palästinensische Bevölkerung durch die Schaffung einer solchen öffentlichen Schwatz-Tribüne stürzen würde, die na- Die Sidra spricht zu uns . . . bin n&jmv „Und ich werde dich zu einem großen Volke machen." Darin, nach Talmud, die Verheißung, daß Abrahams Söhne in ihrem „Stillen Gebete" omax 'p^K, den G'tt Abrahams anrufen werden. "J3lVliM» „Und ich werde dich segnen". Daher die Gebetsformel pnr> ->pbs> „G'tt Izchoks." n^uxv „Und ich werde deinen Namen groß machen". — Darum sagen wir auch aps» 'p$>«v „Und G'tt Jakobs". ]bnH i'ömn xrr ^lav damit man aber nicht glaube, man müßte im Gebete mit allen drei Vätern auch schließen, heißt es zuletzt noch: nana '"ni „Werde du ein Segen!" Du nur, Abraham, nicht die anderen Ahnen schließen den Gebetsabschnitt ab. Welche Bewandtnis soll es mit der Väternennung im Gebete und mit dem Abrahamsnamen zum Schlüsse haben? Wenn wir den Gedankengängen von S. R. Hirsch b"'it an einer anderen Stelle des Kommentars folgen dürfen, so sind mit den Namen der drei Väter drei Perioden jüdischer Geschichte bezeichnet. Abraham ist der „Fürst G'ttes", der nicht trotz, sondern wegen seines Judentums von aller Welt verehrt wird. I z c h o k wird beneidet und — gesucht, man vergißt ihm, da er mächtig ist, sein Judentum und strebt seine Freundschaft an. Jakob ist der Wanderer durch Nacht und Not. Seitdem sehen wir, so oft Abraham als Vater des Volkes auftaucht, Israel im einstigen oder späteren messianischen Glücke vor unseren Augen. In geruhigen Zeiten, da Israel zwischen der Völker Neid und Gunst in Frieden leben kann,, ist Izchok, Vater der Aera. Jakob ist aber der Name für G o - 1 u s und Ghetto, für Leid und Martyrium. Die Entwicklung aus Nacht und Nebel zum Tageslichte der Erlösung geht von unten nach oben, von Jakob zu Abraham. Daher auch die umgekehrte Reihenfolge der Väter im Kapitel der Flüche! omat* wia ns *]Ki pns> wn jik t\m ap»> wja m »man Mitten in tiefer düsterer Nacht (Jakob) erstrahlt ein schwaches Licht (Izchok), das wächst 'und wächst und ansteigt bis zur Abrahamssonne. Leuchtet einmal diese, dann ist der Menschheit Leidensweg beendet und der letzte Kampf ist ausgekämpft, Ist vielleicht jene Verheißung in Anknüpfung an unseren Sidrasatz von unseren Talmudweisen im gleichen Sinne gedacht? Abwärts ging Israels Weg in der Geschichte, von der Abrahamshöhe bis zur Jakobsnacht. Mit omas 'p^>K begann es einmal, bei ap»' 'pi»K stehen wir heute. Segen aber erwächst dem Volke aus jeder Lage, auch aus tiefster Erniederung. Wenn aber die Erlösung anbricht, sollten wir uns da mit einer Teilerlösung begnügen, bis zur Stufe Jakobs (Hilfe aus Not) oder Izchoks (erzwungener Achtung)? ]i>iaa f »nin xn> bw, soll sich der Schluß etwa an die Namen der anderen Väter knüpfen? Nein! ^anin '»n» -\> Abrähamitische Geisteshöhe, abrahamitische Weltbefriedung, abrähamitische G'ttes-, erkenntnis stehen am Ende des leidvollen Prozesses, durch den Israel und die Welt gehen. Am Schlüsse heißt es nur noch oma« ja»« Kleines Feuilleton. Der gefährliche „jüdische" Serum, Am 25. August brachte der „Danziger Vorposten" einen aufsehenerregenden Angriff gegen die Verwendung von Heilserum, mit der Begründung, daß die Serumforscher B e h r i n g , Ehrlich, Calmette, N e i ß e r und Wassermann Juden und als solche bestrebt gewesen seien, einem angeblichen Talmudgebot folgend, die Nichtjuden mit Hilfe der Sera zu vernichten! Dieser Artikel hat zwar die genannten weltberühmten Wissenschaftler in keiner Weise berühren können, wohl aber hat er verheerende Folgen in den Köpfen von Kranken gehabt, die aufdie Anwendung der Heilsera daraufhin glaubten verzichten zu sollen. Angesichts dieser Gefährdung der Volksgesundheit sieht sich der „Vorposten" genötigt, mit Hilfe einer ausführlichen Zuschrift des Leiters des Danziger pathologischen Instituts, den Versuch zu machen, die Folgen seines unsinnigen Angriffs auf die jüdischen Wissenschaftler einzudämmen. In den Ausführungen der Danziger Sachverständigen heißt es: „Der Verfasser des genannten Aufsatzes nennt in einem Atemzuge mit Behring (der übrigens kein Jude war. D. Red.). die. Namen Ehrlich, Calmette,