Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1934)
- Date
- 1934-10-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 42 D e 1 i t 18. Oktober 1934 "wendig sei, wenn nur Judentumskunde als allgemeiner Bildungswert gepflegt werde. Interessant sind die von Dr. Callmann mitgeteilten' statistischen Ziffern. Seit dem Februar 1934 hat das jüdische Volks- und höhere Schulwesen in Deutschland einen Schülerzuwachs von etwas über 1000 Kindern bekommen, wozu noch Berlin mit einem Zuwachs (seit Juli 1933) von rund 1800 Schülern tritt. Zu Ostern 1934 sind 10 neue jüdische Volksschulen und zwar in Aschaffenburg, Bonn, Breslau, Darmstadt, Lübeck, Mainz, Offenbach, Stettin, Stuttgart und Wiesbaden gegründet worden. Dr. Callmann berichtet endlich über die bekannten Schulungskurse für die jüdischen Lehrer und über die Tätigkeit der Mittelstelle für die Erwachsenenbildung. In der Diskussion erklärte Rabbiner Dr. Hoffmann, Frankfurt a. M., daß Dr. Callmann, obgleich er als Dezernent des Präsidiums gesprochen habe, seine besonderen Ansichten über die religiösen Fragen unter eigener Verantwortlichkeit entwickelt habe. Rabbiner Dr. Jacob Horovitz, Frank furt a. M. bemerkte, daß von gesetzestreuer Seite noch manche Wünsche hinsichtlich der Zusammensetzung der Mittelstelle und zu den Leh rer- und Religionslehrerbildungsfragen zu äußern seien. Namens des Präsidiums gab dann Dr. Franz Meyer eine Darstellung der Tätigkeit des Zentralausschusses für Aufbau und Hilfe. Angenommen wurde weiterhin ein Vorschlag Dr. Baecks 15 neue Mitglieder für den Beirat durch die 9gliedrige Organisationskommission empfehlen zu lassen. Gegen jüdische Autoren- Die „Deutsche Bühnenkorrespondenz" (das Nachrichtenblatt der Nationalsozialistischen Kulturgemeinde, Abteilung Theater) wendet sich in einem Aufruf „An die Theaterdirektoren!" dagegen, daß die Spielpläne von Theatern noch immer mit einer großen Zahl von Werken durchsetzt seien, „deren Autoren, Komponisten oder Librettisten entweder selbst Juden oder jüdisch versippt sind." Der Aufruf schließt mit dem Satz: „Wir begnügen uns bisher noch damit, die Stücke, an denen Juden mitgearbeitet haben, aus den Veröffentlichungen der Spielpläne von uns aus zu streichen — allerdings in der stillen Hoffnung, daß die Theaterdirektoren auch bald etwas davon merken." Unerwartetes Ende des Wiener Prozesses um die Protokolle der Weisen von Zion 33 Wien, 16. Oktober. Der große Prozeß gegen Irene Harand, in dem auf Grund einer Ehrenbeleidigungsklage der früher in Wien erschienenen Zeitschrift „Stürmer" die Frage der Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion", sowie die Berechtigung anderer antisemitischer Verleumdungen des jüdischen Volkes vor einem Wiener Gericht zur Verhandlung gelangen sollte, hat ein unerwartetes Ende genommen. Das Gericht hat auf Grund einer Anfrage bei der Wiener Polizeidirektion festgestellt, daß der „Stürmer", in dessen Namen die Ehrenbeleidigungsklage gegen Frau Harand angstrengt wurde, schon vor Wochen polizeilich eingestellt worden ist, da nun U ein nicht mehr bestehendes Organ keine Klage führen kann, wurde das Verfahren wegen Mangels aktiver Klagelegitimation eingestellt. Wie der ITA-Vertreter erfährt, ist Frau Harand jedoch mit .dieser Art der Prozeßbeendigung nicht einverstanden. Sie besteht darauf, daß das gegen Sie eröffnete Strafverfahren ordnungsgemäß durchgeführt wird, da sie den Wahrheitsbeweis gegen den Wiener „Stürmer", den sie wegen Verleumdung des jüdischen Volkes Lügner und Verleumder genannt hat, in voller Oeffentlichkeit erbringen will. Ob das Gericht auf die Anträge Frau Harands eingehen wird, ist noch nicht bekannt. Die Vertreter der Juden beim Begräbnis König Alexanders. Belgrad, 16. Oktober. Zum Begräbnis König Alexanders II. haben alle bedeutenden jüdischen Gemeinden in Jugoslavien Abordnungen nach Belgrad entsandt. Dem Oberrabbiner Dr. A 1 k a 1 a y wurde bei dem Begräbnis der Platz neben den höchsten Würdenträgern und neben dem Erzbischof von Belgrad zugewiesen, wie dies auch beim Empfang des jungen Königs Peter II. der Fall war. (Weitere Berichte Seite 10.) Der Österreichische Kulturrat: 8 Katholiken, 1 Protestant, 1 Jude, Wien, 11.. Oktober. Der Ministerrat hat in einer unter dem Vorsitz des Bundeskanzlers Dr. Schuschnigg abgehaltenen Sitzung das Kulturratsgesetz zum Beschlüsse erhoben. Danach wird der Bundeskulturrat aus 8 Vertretern der römisch-katholischen Kirche, je einem Vertreter der evangelischen Kirche und der Israelitischen Religionsgesellschaft, 22 Vertretern des Schul- und Volksbildungswesens und je 4 Vertretern von Kunst und Wissenschaft bestehen. Ob der Vertreter der Israelitischen Religionsgesellschaft ein geistlicher Repräsentant sein wird, in welchem Falle der Oberrabbiner von Wien, Dr. David Feuchtwang, in Betracht käme, oder ein Repräsentant des Vorstandes der Kultusgemeinde, ist aus dieser Mitteilung noch nicht zu ersehen. (Es wäre eine Beleidigung der jüdischen Religion, wenn als Vertreter kein Rabbiner, sondern ein der Religion .fernstehender Kultusvorsteher berufen würde. Red.) Die wiederauferstandene TerritorialistenparteL Die Jewish Territorial Organisation (ITO), die aus dem Herzl'schen Zionismus hervorgegangen ist und sich von diesem gelöst hat, seit dem Kriege aber als tot galt, erwacht nun wieder zu neuem Leben. In Paris fand vor kurzem eine Beratung unter Anteilnahme von führenden Persönlichkeiten auf dem Gebiete des sozialen Aufbaus, der Emigration und der Kolonisation, statt, in der nach einer eingehenden Aussprache eine ,,Liga für jüdische Kolonisation" gegründet wurde, die sich die Förderung in verschiedenen Ländern zur Festsetzung des einer konzentrierten Kolonisation in einem freien Territorium zur Aufgabe gesetzt hat. Zum Vorsitzenden der Liga wurde Dr. D. Lvovitch- Davidovitch gewählt. Die Liga schuf bereits Verbindungen mit Gesinnungsfreunden in der Schweiz, England, Polen und Amerika. Das provisorische Exekutiv-Komitee knüpfte, wie mitgeteilt wird, politische Verbindungen an, die von großer Tragweite für die Bewegung sein werden. In den nächsten Monaten wird eine Konferenz von Vertretern des Territorialismus zur Festsetzung des Programms der neuen Bewegung und Wahl des Zentrums derselben abgehalten werden. In London, wo der Territorialismus viele Anhänger hat, besteht bereits ein Komitee unter der Führung des hervorragenden jüdischen Gelehrten und Politikers Chacham Dr. Moses Gaster'. Dieser erklärte Vertretern der englischen Presse, er sei früher ein Gegner des Territorialismus gewesen, weil er glaubte,' dieser werde der Palästina-Arbeit Abbruch tun. Heute aber, wo Palästina einen entsprechenden Teil der Emigration aufnimmt und die jüdische ökonomische und politische Lage sich katastrophal gestaltet hat, sei er überzeugter Anhänger der Idee der Schaffung eines neuen Territorimus für die emigrierenden jüdischen Massen. In Amerika ist einer der Führer der Bewegung der bekannte Publizist Dr. Chaim Szytlowski, der für die Schaffung einer großen Pionierbewegung jüdischer Arbeitsloser zum Zwecke einer konzentrierten Kolonisation eintritt. In Warschau und in verschiedenen Provinzstädten bestehen bereits territorialistische Organisationen. Diese sind dabei, sich zu einem Landesverband zusammenzuschließen. Führer der Bewegung in Warschau und in Paris hielten vor kurzem eine Beratung ab. Vorsitzende waren S. Mayzner und J. Czernichow-Danieli, Hauptreferent war Professor Berkmann. Aus Paris war Dr. A. Singalowsky anwesend. Es wurde beschlossen, in Warschau die Monatsschrift „Frajland" zur Verfechtung der Ziele der Bewegung herauszugeben. In anderen Zentren werden Organe in den betreffenden Sprachen erscheinen. Das erste „Frajland" - Heft ist in Warschau (Chlodna 2) bereits erschienen. Prozeß gegen antisemitische Terroristen in der Schweiz. Z ü r i c h , 15. Oktober. In Zürich fand soeben ein Prozeß gegen fünf Terroristen der ,,Nationalen Front" (faschistischantisemitische Partei in der Schweiz) statt, die sich hauptsächlich wegen Verübung eines, übrigens mißlungenen Sprengstoffattentats gegen einen Redakteur, aber auch wegen einer Anzahl antisemitischer Ausschreitungen — Ueberfall auf einen jüdischen Kaufmann und gewaltsame Beschneidung seines Bartes, Eindringen in ein jüdisches Betlokal und Ausgießen eines Kotkübels darin und dergl. mehr — zu verantworten hatten. Der Prozeß hat sehr großes Interesse hervorgerufen, das Gerichtsgebäude mußte vor dem Andrang des Publikums durch starke Polizeikordon,e behütet werden. Während der Verhandlung erklärte der Vertreter der Jüdischen Synagogengemeinde „Minian Sfard", deren Betlokal verunreinigt worden war, daß er keine Zivilansprüche geltend mache. Er verwies auf antisemitische Schriften, die von der Nationalen Front herausgegeben werden und stellte fest, daß das Attentat gegen das jüdische Betlokal eine Folge dieser Hetze war. Der Angeklagte sei nur ein Opfer dieser Hetze. Die Verteidiger des 23jährigen Angeklagten G 1 o o r , der sowohl am Sprengstoffattentat wie an den antisemitischen Ausschreitungen beteiligt war, erklärten, daß der Angeklagte sich seiner Tat heute schäme. Der Angeklagte Gloor wurde wegen Sprengstoffattentats, böswilliger Beschädigung fremden Eigentums, Mittäterschaft an den Gewalttaten gegen den jüdischen Kaufmann, Diebstahl usw. zu anderthalb Jahren schweren Kerkers und zweijährigem Verlust seiner Bürgerrechte verurteilt. Von der Anklage wegen Störung des Religionsfriedens (Eindringen in das jüdische Betlokal und Verunreinigung desselben) wurden alle Beteiligten freigesprochen, da das Gericht zur Ueberzeugung gelangte, daß es sich hier um keine religiöse Zeremonie in dem fraglichen Lokal handelte und da andererseits eine Bestrafung wegen unziemlichen Benehmens beireits der Verjährung verfiel. Die vier anderen Angeklagten wurden zu vier und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Angeklagte, der zusammen mit Gloor dem jüdischen Kaufmann den Bart beschnitt, wurde zu einer Woche Gefängnis verurteilt. ±