Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1934)
- Date
- 1934-10-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 41 1934 Die Austreibung aus Jaffa und Tel Awiw*). Von J. Duschmann. Eine Woche vor Pessach erhielten wir in Jaffa die Mitteilung, daß sämtliche junge Leute, die mit türkischen oder mit gar keinen Pässen hier wohnten, sich binnen weniger Tage in die türkischen Militärregister einzutragen hätten. Diese Verordnung schlug wie eine Bombe in die jüdische Jugend Jaffas ein. Sich eintragen in die Stammrolle war gleichbedeutend mit Abschiebung an die Front. Und da damals, wie wir alle glaubten, England Palästina für uns Juden, sogar mit Hilfe einer Jüdischen Legion, erkämpfen wollte, so hätte es für uns nach unserer damaligen Auffassung gegolten, gegen Palästina und auch gegen jüdische Brüder die Waffe zu führen. Was tun? Wir, das heißt zwei Freunde und ich, stammten aus einer Gegend zwischen Galizien und Russischpolen, deren Hoheitsrechte sich zur Zeit nicht feststellen ließ. Unsere Pässe waren, da wir schon sehr lange im Lande wohnten und arbeiteten, uns mit der Zeit gleichgültig geworden und abhanden gekommen. Hätten wir uns irgendwie mit Dokument und Siegel ausweisen können, man hätte zwar von uns ebenfalls verlangt, in den Kampf zu ziehen oder auszuwandern, aber wir hätten uns wählen können und hätten inzwischen einige Zeit gewonnen. Fürs Erste galt es für uns, Ausweispapiere zu ergattern und dann so rasch wie möglich aus Jaffa, dem Zentrum der Einberufungen, zu verschwinden. Wir gingen aufs österreichische Konsulat. Der Konsul war nicht anwesend. Ein anderer Herr, scheinbar ein Slowake, glaubte uns alles und wollte uns auch helfen, sagte aber, der Instanzenweg müsse eingehalten werden, eine Anfrage nach Wien und eine Untersuchung an Ort und Stelle in den Archiven unserer Geburtsörter seien unvermeidlich. Es konnten darüber Wochen vergehen und die türkischen Behörden arbeiteten dieses Mal, ganz gegen ihre Gewohnheit, rasch und präzis. Selbst das allbewährte Mittel, das türkische Sesamöffnedich, der Bakschisch, hatte in diesen Tagen bei Militärbehörden seine Wirkung vollkommen verloren. Was tun? Ausweis brauchten wir, ein Königreich für einen Ausweis! Der menschenfreundliche, aber wenig fest im Sattel sitzende Herr schüttelte den Kopf. „Pässe verstorbener oder verschollener österreichischer Staatsbürger," sagte er, „haben wir hier genug herumliegen. Es handelt sich ja nur um ein paar Tage und ich habe die Pflicht, Sie als eventuelle Oesterreicher vor dem Schlimmsten zu schützen," fügte er wie zu seiner eigenen Entschuldigung hinzu. „Es ist nur, damit Sie irgend ein Amtssiegel in der Hand haben. Näher pflegten ja die türkischen Beamten die Papiere selten zu prüfen. Und sind bald die richtigen Pässe von der Heimat da, ist ja alles wieder gut . . ." Wir trugen natürlich Bedenken. Aber wenn es der „hohe Beamte" uns selber riet . . . Und -s war ja nur für einige Tage. Und dann, es war Krieg und allgemeine Verwirrung, es half sich \*) Eine lebendige Reportage aus der Zeit der Eroberung Palästinas durch die Engländer im Jahre 1918 befindet sich in der sehr reichhaltigen Festnummer des Jerusalemer „Doar Hajom" aus Anlaß des fünfundzwanzig jährigen Jubiläums der Stadt Tel Awiw. Wir geben die Schilderung mit einigen unwesentlichen Aenderungen und Auslassungen wieder. jeder wie auf einem sinkenden Schiff, so gut er konnte ... Ganz umgewandelt, umgetauft, begaben wir uns nach Petach Tikwah, mit Familienanhang beladen, den wir nie gesehen hatten. Wenigstens war das alles in unseren Pässen schwarz auf weiß zu lesen. Ich hieß Pinchas Kalk, war 28 Jahre alt und stammte aus Drohobicz, Familie hatte ich auch und war Friseur . , . Mein erster Freund, ein Beamter, klein von Wuchs mit nervösen Bewegungen und einem Zwicker auf der länglichen Nase, den wir bis jetzt nur als Berl Meisterbank kannten, hieß jetzt auf einmal Zodek Patern a'k. Er, der Junggeselle aus Berufung und Ueberzeugung, hatte auf einmal nach seinem Ausweis eine Frau und drei Kinder. Sie, die teuere Gattin, hieß S u s s i und die Kinder Hermann, Jona und S 1 a t a, letzteres war natürlich ein Mädchen. Seines Zeichens war unser neuer Paternak jetzt Küfer. Es begann eine Komödie der Gedächtnisdressur, die ebenso tragisch wie komisch anmutete. Unser Beamter, sonst an Zahlen und Namen gut geübt, konnte die einzelnen Namen seiner Familie nicht auseinanderhalten. Konsequent nannte er seine Frau Slata und seine Tochter Sussi. Von Zeit zu Zeit nahm er sich die Urkunde vor, las die Namen'ab, memorierte sie. Aber so oft wir ihn „abhörten", war wieder alles verkehrt und verschoben. Wir lachten darüber, ihn aber betrübte die Angelegenheit und erfüllte ihn mit Sorgen. Passierte ihm eine solche Verwechslung beim Amte, so war er verkauft und verraten . . . Mein zweiter Freund, Lehrer von Beruf, klug, stets angeregt und zu Spässen aufgelegt, der ebenfalls nicht wenig mit den ihm in der neuen Urkunde auferlegten Namen, Titel und Familie zu tun hatte, nahm die ganze Angelegenheit von der heiteren Seite und belustigte uns alle. Das breite Lachen in seinem vollen Gesicht erinnerte immer an den Vollmond. Und Fügung oder Zufall: er hieß in seinem neuen Paß Naftali Mond. Wie wir so an einem Abend in unserem gemeinsamen Quartier in Petach Tikwah saßen, zerstreut Zeitung lasen und über die heiteren Einfälle des Vollmondes lachten, kam jemand ins Haus gestürzt und rief aufgeregt mit heiserer Stimme: „Soeben ist ein Bote aus Jaffa angelangt. Es ist ein Befehl von Kemal Pascha ergangen, daß alle JudenausJaffaundTelAwiw in 24 Stunden die Stadt zu verlassen haben!..." Wir stürzten auf die Straße hinaus. Hier fanden wir schon große Ansammlungen. Die Menschen standen in Haufen um die Boten aus Jaffa, die die Hiobspost überbrachten und erläuterten. Der Befehl war da, die Austreibung war verfügt, darüber konnte gar kein Zweifel herrschen. Nur gab es noch einige Unklarheiten über die Einzelheiten. Nach einer Version hieß es, daß nur die Juden, nicht aber die Mohammedaner von der Ausweisung betroffen werden, andere behaupteten, es betreffe nur die ausländischen Untertanen. Wiederum andere wußten ganz gewiß, daß gerade die Ausländer unter dem Schutze ihrer Konsulate bleiben durften. Und wieder andere . . . Man konnte all die schwirrenden, sich widersprechenden Gerüchte gar nicht fassen. Auf eine Formel gebracht, hieß es jedenfalls Austreibung! Und das Wort fuchtelte wie eine Geißel vor unseren Augen und verwirrte unsere Sinne vollkommen. Es verging keine Stunde, als die erste Welle von Jaffa schon die Kolonie anspülte. Es kamen die ersten Pioniere, um Wohnungen zu mieten, auch Massenquartiere, Wagen aufzutreiben, den neüen Golusrnarsch zu organisieren. Alle Bewohner der Kolonie gerieten in fieberhafte Tätigkeit. Man räumte Zimmer, Scheunen und auch Ställe aus. Es wurden Zelte und Baracken mit einer Raschheit errichtet, die einem Barnum alle Ehre gemacht hätten. Schon erschienen die ersten Emigranten, es waren natürlich die Bemittelten, die sofort Wagen auftreiben und hier die besten Quartiere ergattern konnten. Ihnen nach schlepptesich ein endloser trauriger Zug; welche auf Eseln oder in kleinen Wägelchen, viele zu Fuß, aber alle todmüde, zerbrochen, von Hunger und Durst geplagt, in der glühenden Sonne. Alles, was in der Kolonie beweglich war und etaws zu erübrigen hatte, kam den Auswanderern mit Speis und Trank entgegen. Wer gar nichts hatte, nahm wenigstens einen Krug voll frischen Wassers in die Hand und begab sich damit, wie wir, auf die Landstraße, um dieWegemüden zu laben. Der uns entgegenkommende Zug schien mit jeder Minute zu wachsen. Schwarze wankende Gestalten bewegten sich wie die Schatten, Männer, Frauen, Greise und Kinder. Alle Grenzen und Schranken waren aufgehoben. Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten stapften durcheinander über den glühenden Sand, als hätte sie ein Sturm eigens für diesen Galuthweg hier zusammengewirbelt. Alle waren in Schweiß gebadet und gingen gesenkten Hauptes. So klein und elend sahen sie alle aus, als hätten sich ihre GestaJt auf dem Wege verkürzt. Da bewegte sich eine geschlossene Jemenitengruppe, etwas abseits von den Anderen. Die Männer tief gebeugt unter der Last des Hausrates auf ihrem Rücken, die Frauen mit ihren Kindergesichtern ganz aufrecht und graziös schaukelnd mit den Krügen und Töpfen auf den Köpfen, die die Gestalt zur aufrechten Haltung zwangen. In ihren Händen hielten sie Flaschen, Gläser und Kannen, In weißen Tüchern auf i hren Rücken zappelten aber und schrieen kleine Kinder, von denen man nur die Gesichter wie die von Wachspuppen sah. Vorne führte den Zug ein alter Jemenite an mit unverhältnismäßig langen grauen schraubenzieherartig geringelten Schläfenlocken, die sich unten mit dem schütteren Spitzbart zu einer dünnen Haarkette fanden. Er zeigte für seine Jahre gute Haltung, ging behutsam Schritt für Schritt, denn er trug etwas Kostbares in der Hand. Wir dachten erst an ein krankes Kind, aber bei näherem Zusehen war es eine Thorarolle, ganz in einen Tallith eingehüllt, Ergreifend mutete der Zug an unter Anführung dieses thoratragenden und psalmennäselnden Greises. Nicht eine Spur von Aufregung, Bestürzung, Aerger, Klage oder Anklage war in den steinernen Zügen des alten Jemeniten zu entdecken. Es war nicht das erste Mal, daß er den Galuthweg antrat. Jude und Galuth, es waren Synonyme, die eng zueinander gehörten! Umgekehrt würde er es sehr komisch finden, längere Zeit in Ruhe seßhaft zu sein. Er könnte, was G'tt verhüten mag, vergessen, daß er Jude sei. Uebrigens, er war ja nicht allein, die Thora war bei und mit ihm, und wo diese war, war auch ein dritter mit dabei: G'tt selbst , . . Wenn er zusammen mit der Thora im Galuth ging, so war auch der dabei, der ihm, seinem Volk und der Thora, in jedem Augenblick die Erlösung bringen konnte . . . Wir traten an den Alten mit unserem Wasserkrug heran und reichten ihm einen Becher Wasser. Er schüttelte zum Dank den Kopf, nahm mit der Rechten den Becher, indem er mit der Linken die heilige Rolle noch enger ans Herz preßte, betete den Segensspruch und trank den Becher bis zur Hälfte. „Trinkt doch aus," bat ich, „Ihr habt noch einen weiten Weg." Der Alte wehrte ab, „Wir sind im Galuth und es steht geschrieben: Umajim bamsurah tischte (man trinke Wasser mit Maß). Habet Dank!" (Fortsetzung folgt.)