Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1934)
- Date
- 1934-10-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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][HJ[ Ml[ olo o o—o Bololo XBK Erziehung und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands H Ml o o o o—o o o o M ][S3f Verantwortliche Schriftleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Ofienbach) Die Pflege profaner Bildung. Vortrag, gehalten in unserer Frankfurter Ortsgruppe am 5. Juni 1934 von Studienrat Max Münk in Ffm. Die Richtigkeit der Auffassung S. R. Hirschs V'ST von der Devise "|~n ds? min ist seit einer Reihe von Jahren wieder in Zweifel gezogen worden. Neuerdings ist die Kritik an seiner Auffassung noch stärker in Erscheinung getreten. Manche wollen die Ereignisse in jüngster Zeit als g'ttliches Zeichen dafür ansehen, daß man sich von dem Bestreben, die Weisheit der Völker zu erlernen, wieder abwenden solle. So wie wir alle die Ereignisse als einen Schlag gegen die Assimilation betrachten, so glauben einige, auch dieser „Assimilierung", wie sie in unsern Bildungsstätten gepflegt werde, habe der Lenker der Geschicke sein Urteil gesprochen. Auf der anderen Seite wird die Verwirklichung der Hirsch'schen Forderung gerade heute als einzige Lösung nicht nur für unser Land, sondern auch für andere Länder — insbesondere für b&")V> fix — postuliert, in denen man jeden Schulunterricht in profanen Bildungselementen bisher verboten hat. Wo liegt die Wahrheit? Wir sind nicht nur als Lehrer verpflichtet, uns mit dem pro: et contra der Devise K'isrri auseinanderzusetzen, sondern auch als Väter und aus der Frage heraus, ob wir uns auf den Boden der von Isaac Breuer entfachten Beugung steilen wollen oder nicht. Der Gründer unserer Schule hat in der Programmschrift des Jahres 1867 — abgedruckt im zweiten Band der Ges. Schriften — unter dem Titel: „Von den Beziehungen der allgemeinen Bildungselemente zu der speziell jüdischen Bildung" die Gesichtspunkte zusammengestellt, aus denen heraus er die' Forderung zur Pflege profaner Bildung erhebt. Die Elemente jüdischer und profaner Bildung befruchten sich gegenseitig. Die Nutzbarmachung des jüdischen Geistes für die Erkenntnis der allgemeinen Bildungsgüter wird in der Programmschrift vom Jahre 1866 — auch im zweiten Band der Ges. Schriften abgedruckt — behandelt. Diese Frage interessiert uns heute nicht. Uns beschäftigt vielmehr die umgekehrt gestellte Frage: Vermögen profane Bildungselemente uns im Studium der min zu unterstützen? Besteht zwischen jüdischer und profaner Bildung nicht nur kein Gegensatz,, sondern besteht eine solche Verwandtschaft, daß wir letztere zum Studium der min heranziehen dürfen, ja — heranziehen müssen? Denn wenn die Kenntnis anderer Wissenschaften uns im Verständnis der min unterstützt, so ist die Devise N*"is?n nicht nur ein durch die Zeitverhältnisse gegebenes notwendiges Uebel, d. h. ein Zugeständnis an die durch die Emanzipation geschaffene Lage, nicht nur eine Vorbereitung für den Beruf, nicht nur ein Weg, um die Jugend vor dem Abfall zu schützen, der vielleicht durch andere, bessere Methoden des jüdischen Unterrichts ersetzt werden könnte, sondern dann ist sie eine Forderung von immerwährender Geltung, gleichviel wie die Lage der Juden geartet ist. Es wäre dann eine Unterlassungssünde, wollte man sich dem Studium der Wissenschaften nicht zuwenden, da das Verständnis der min durch Unkenntnis der profanen Wissensgebiete leiden würde. Hirschs Anschauung geht in der Tat soweit, die Forderung »*iyn als ewig gültige hinzustellen. Wir wollen uns seine Motive vergegenwärtigen und ihre Beweiskraft prüfen. Er weist auf die bedeutsame Tatsache hin, daß das Judentum wohl als einzige Religion nicht spricht: (S. 454) „extra me nulla salus, die mit Freuden jeden Fortschritt in Erleuchtung und Güte begrüßt, wo und wie immer, und durch welches Medium er sich erzeuge, ja, die auf diese immer größer, immer heller, immer allgemeiner werdende geistige und sittliche Veredlung der Menschheit ganz eigentlich durch das Prophetenwort ihres die Gänge der Zeiten durchleuchtenden Schrifttums hingewiesen ist, und wartet. Es' ist wohl die einzige Religion, deren Bekenner gelehrt werden, wie im Anblick des Morgenlichtes, der Frühlingsblüte, der Dönnermacht, des Blitzeleuchtens, wie im Anblick alles Schönen, Erhabenen und Gewaltigen, alles Heil und Segen Bringenden in der Natur, also auch im Anblick .eines jeden in Erkenntnisweisheit hervorleuchtenden Menschen, welcher Nation und Religion auch immer, eine Offenbarung des G'ttlichen zu feiern, und dessen Anblick mit den zu G'tt aufschauenden Worten zu begrüßen ,,der Sterblichen von seiner Weisheit mitgeteilt." Und doch! Was ist für unsere Frage hiermit bewiesen? Bedeutet die Anordnung eines Segensspruchs, über einen nichtjüdischen Gelehrten zugleich die Forderung, seine Weisheit zu studieren? Wer kann ermessen, ob die Weisheit, die er lehrt,* wahr ist, Ewigkeitswert besitzt? Muß man nicht damit rechnen, die Zeit, die man für das Studium seiner Wis-' senschaft verwendet, nutzlos, für die nun nutzlos, verbracht zu haben? Doch Hirsch glaubt nicht an eine solche Gegensätzlichkeit zwischen min und Wissenschaft. Er fährt an der zitierten Stelle weiter fort: „In der Anschauung des Judentums lebt das Bewußtsein, daß die Wahrheit, wie ihr Urquell: G'tt, der Eine Einzige, nur eine ungeteilte sei, und daher auch ihre Erkenntnis, die Erkenntnis des Wahren, nur eine einheitliche, ungeteilte sein könne. Sie weiß nichts von einer Forderung, die Vernunft unter den Glauben gefangen zu nehmen. Alle, auch ihre höchsten Lehrsätze, richtet sie an den Wissen erstrebenden Geist des Menschen und basiert alle die großen grundlegenden Prinzipien ihrer Ueberzeugungen von dem Dasein, dem allmächtigen Eingreifen G'ttes in die Gänge der Natur und Geschichte, von seiner Menschen und Völker zu der lichten Höhe seines Sittengesetzes erziehenden Waltung auf große, selbsterlebte, nationale Erfahrungen, für welche, zuletzt noch dem spätesten Epigonen die geschichtliche Erfahrung seiner eigenen volkstümlichen Existenz in Mitte der Zeiten als Bürge auftritt. Sie lebt der Ueberzeugung, daß diese großen, G'tt in der Natur und G'tt in der Geschichte für die Menschheit offenbarenden nationalen Erfahrungen, die man „Wunder" nennt, so weit von irgend einer irrationalen Zuwertung entfernt sind, daß sie sich vielmehr als die rationalsten Konsequenzen einer die Menschheit erziehenden g'ttlichen Waltung darstellen, die das Menschenbewußtsein von einer solchen als Postulat vermissen würde, wenn sie ihr die Geschichte des »G'ttesreiches auf Erden nicht darböte. Ja, sie lebt der Ueberzeugung, daß erst an der Hand dieser, G'tt in der Natur und G'tt in der Geschichte verbürgenden nationalen Erfahrungen eine rationelle Natur- und Geschichtsbetrachtung möglich werde, daß auch faktisch die rationelle Betrachtung der Natur und Geschichte erst von da datiert, seitdem, bewußt und unbewußt, dieser jüdische G'ttesgedanke, sei es auch in mannigfacher Vermittlung, die Geister der Menschen die Natur als das einheitliche Werk eines Schöpfers und die Geschichte als den einheitlichen Plan eines Lenkers anschauen gelehrt. Sie weiß, daß der G'tt leugnende Naturforscher mit jedem Gedanken, den er einer Form, mit jedem Gesetze, das er einer Erscheinung abgelauscht, nur den G'tt aufs neue erweise, den sein Mund verleugnet, den G'tt, der seinen Gedanken in dieser Form verkörpert, der seinem Gesetze die der Erscheinung zu Grunde liegenden Stoffe und Kräfte Untertan gemacht, ja, dessen Existenz der ihn verleugnende Forscher selbst voraussetzen muß, indem er sich anschickt, die in der Natur und Geschichte waltenden Gedanken und Gesetze den Erscheinungen der Dinge abzufragen. Die Lehre des Judentums scheut die Wissenschaft nicht. Wir haben diese Stellung des Judentums einer materialistischen Weltanschauung gegenüber, in einer Kritik der „Isis" in unserer Zeitschrift ,,Jeschurun", Jahrg. X. (Band I der Ges. Schriften S. 415 ff.) näher betrachtet und gestatten uns, hierauf an dieser Stelle zu verweisen." Hier wird der Begriff des Rationalen in einem dem heutigen wissenschaftlichen Denken fremden Sinne gebraucht. Alles Geschehen unter der leitenden Idee der g'ttlichen Waltung betrachten heißt bei uns nicht mehr rationales Denken. Rational, vernunftgemäß heißt für uns ein Denken, das lediglich auf die Vernunft gegründet ist und keine übernatürlichen Voraussetzungen annimmt. Mag die g'ttliche Waltung noch so tief in das natürliche Geschehen eingreifen, mag die Ueberlieferung uns diese Ereignisse als Erfahrungstatsachen hinstellen, für uns ist die Ueberzeugung von der Wahrheit dieses Geschehens nicht auf Vernunft gegründet, wir können diese Tatsachen nicht aus der Vernunft ableiten. Denn nur das hieße für uns rationale Betrachtung. Mögen auch noch so' viele rationale Betrachtungen das ganze Denken : durchziehen, so lange Voraussetzungen vorhanden sind, die sich nicht aus der Vernunft ableiten lassen, wie die Ueberzeugung von der Existenz eines G'ttes der Natur und der Geschichte, wie die Offenbarung am Sinai, so ' lange kann uns diese Hirsch'sche Begründung von der Einheit von Glauben und Wissen nicht befriedigen. Wir müssen demnach für die Möglichkeit von Beziehungen zwischen rationaler Vorsehung zu religiöser Betrachtungsweise, eine andere Formulierung finden. Man hat die Devise K"iyn vielfach so formuliert, daß Hirsch die Möglichkeit der Verbindung zweier Kulturen angenommen habe. Und man polemisiert dann gegen die Unmöglichkeit eines solchen. Versuchs. Mir ist keine Stelle in Hirschs Schriften bekannt, die den Begriff der Kultur in diesem Zusammenhang verwendet. Für ihn handelt es sich nur um Bildungsstoffe, die zur Verbindung mit der nun/ zur Förderung ihres Studiums herangezogen werden sollen. Bei „Bildungsstoffen" dachte man in erster Linie an Stoffe zur Bildung des Geistes, Stoffe des Wissens. Es handelt sich um die Kenntnisnahme von profanem Wissen. Die Summe dieses Wissens soll nicht als kulturelles Ganzes entgegengenommen werden. Wenn es in andern Kreisen den Stempel einer bestimmten Kultur trägt, so soll es von uns unabhängig von dieser kulturellen Prägung zur Kenntnis genommen und für die jüdische Kultur verwertet werden. In dieser Weise läßt sich eine widerspruchslose Vereinigung religiöser Anschauung mit profanem Wissen ermöglichen. Die Grundlage und leitende kulturelle Idee ist die religiöse, sie wurzelt im Metaphysischen. Die auf die Fakten bezogene Arbeit des Geistes erfolgt mit Hilfe der Vernunft bezw. des Verstandes. Ein und derselbe Bildungsstoff trägt daher irrationale und rationale Züge. Und das bedeutet keinen Widerspruch. Denn diese beiden Betrachtungsweisen beziehen sich eben auf verschiedene Seiten desselben Gebiets. Jetzt verstehen wir besser als oben den Glauben Hirschs an Einheit zwischen nnn und Wissen. In dieser Form-hat er an sie geglaubt, wenn nämlich das fremde kulturelle Moment draußen bleibt. Und darum sind die Einwände gegen die Beweisführung Hirschs, aus der Pflicht eines Segensspruchs über einen nichtjüdischen Gelehrten den Wert der Wissenschaften abzuleiten, hinfällig. In Tatsachenerkenntnissen gibt es wohl kaum einen Irrtum, höchstens eine mangelnde Exaktheit, die später verbessert wird. Daher ist solche Wissensmehrung wohl nur von Vorteil. Bedenkt man schließlich noch, daß das Sprechen des Wortes "pia bei Hirsch nicht nur die Anerkennung G'ttes als Spenders — in unserem Falle — der Weisheit bedeutet, sondern auch den Entschluß mit einschließt, das von G'tt Gespendete in Seinem Sinne, zur Förderung Seiner Zwecke auf sich wirken zu lassen, so ist der Beweis in der Tat schlüssig. Ob diese Auffassung von "|Via Hirsch hier in seiner Beweisführung geleitet hat?? Je einleuchtender uns aber sein Standpunkt erscheint, um so mehr müssen wir uns über die ablehnende Haltung seiner Gegner wundern. Warum lehnen sie das Gute ab, das man dem Studium der min zuführen könnte? Wir müssen versuchen, uns ihren Standpunkt klarzulegen. Offenbar liegt die Wurzel ihres Widerstandes in dem kulturellen Gegensatz zwischen Judentum und Wissenschaft. Selbst wenn sie es mangels der Kenntnis der Wissenschaften nicht so klar zu formulieren vermögen: wir sind durch unsere Kenntnis verpflichtet, diesen Gegensatz zur klaren Formulierung zu bringen. Es handelt sich um die Frage: Ist die Trennung zwischen der kulturellen und wissensmäßigen Seite, die wir oben als grundlegend für die Bejahung der Devise S'irn erkannten, überhaupt möglich? Ist eine Kenntnisnahme der Ergebnisse der Wissenschaft überhaupt möglich, ohne daß man dabei in den Bannkreis ihrer Methode, d. i. ihrer kulturellen Prägung gezogen wird, und so der Geist zu einer andern, unheiligen Art zu denken angeleitet wird, die der jüdischen Seele Schaden zufügen könnte? — Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns die einzelnen Wissenschaften vornehmen und sie auf die Eigenart ihrer Methode prüfen. Hirsch hat in dem genannten Artikel die einzelnen Wissenschaften in ihrem Nutzen für die Vertiefung religiöser Erkenntnis gewertet, Naturwissenschaft und Geschichte bilden vor allem Erkenntnisgebiete, die eine Bereicherung des Tatsachenmaterials darstellen, das unter religiösem Aspekt betrachtet eine umfassende Bestätigung jüdischer Anschauung gibt. Diese Betrachtungen gehören zur näheren Ausführung der Frage, in welcher Weise die Wissenschaften der mm dienlich sein können. Um diese Frage handelt es sich jetzt für uns nicht mehr. Wir müssen uns vielmehr fragen: Welcher Gegensatz besteht zwischen der Methode der einzelnen Wissenschaften und jüdischem Denken?