Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1934)
- Date
- 1934-10-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 41 Der Israelit 11. Oktober,1934 Opferwille baut unsere Zukunft! Erwirb die blaue Beitragskarte für Hilfe und Aufbau. auch mit dem Gemeinschaftsleben der Gola zu befassen. Erez Jisroel wird damit zu einem Teilstück der Gesamtheitsaufgaben, die der Misrachi zu lösen hat, allerdings zu einem so beachtlichen, daß es den Aufgaben in der Gola gegenüber besondere Erwähnung findet. Nationales Leben in Erez Jisroel und allerorts ist im Sinne des „totalen" Thorajudentums das Leben der jüdischen Volksgenossen, denen sich das Judentum nicht in der Erfüllung der Pflichten des Einzelnen gegen G'tt und seinen Nebenmenschen in ungeschichtlichem Individualismus erschöpft, die sich vielmehr auch für den Fortbestand und das Wohl der Thoranation, ihre bedrängte Gegenwart und ihre verheißene Zukunft verantwortlich wissen und, dementsprechend handeln. Dieser Grundartikel bedeutet die völlige ideologische Emanzipation des Misrachi vom Zionismus. Er holt das große Versäumnis des Misrachi nach: er führt auch die Thora in die Geschichte ein, stellt die Einheit zwischen Denken und Fühlen wieder her, durchschaut den geistigen Zionismus als Jezer hora des jüdischen Volkes, dem er den Jezer hatauw des jüdischen Volkes entgegenstellt, der als künftiger Sieger berufen ist, auch den Jezer hora in seiner den Jezer hatauw aufweckenden und aufstachelnden Funktion geschichtlich zu rechtfertigen. Und wenn schließlich dieser Grundartikel das jüdische Land dort unten und das jüdische Volk allerorts einander gegenüberstellt und hier wie dort das Gemeinschaftsleben der herrschenden Thora (= nationales Leben) pflegen und erhalten will, besagt er am Ende doch wohl dasselbe, was ich vor 15 Jahren als Wesen des ad hoc geprägten Wortes — Agudismus bezeichnete: die Bereitstellung des jüdischen Volkes und des jüdischen Landes für ihre Wiedervereinigung unter der Herrschaft der Thora.--- Die ideologische Emanzipation vom Zionismus führt zwangsläufig zur organisatorischen Emanzipation von der zionistischen Organisation. Amiel vollzieht auch diesen Schritt. Er fordert die Umwandlung des Misrachi aus einer zionistischen Fraktion in eine durchaus selbständige Korporation. Für diese Korporation soll als einziges oberstes Gesetz die Thora, die totale Thora und der Geist der totalen Thora gelten. Ihre Ziele sind so umfassend, wie die Ziele der Thora selber. Sie soll der Thora ihre „alte Krone" wiedergeben. Was den Glanz der Krone im Laufe der Jahrhunderte eines bitteren und harten Galuth schwärzte, soll sie entfernen. Und wenn die Glieder des jüdischen Volkes während dieses Galuth, das vielfach die räumliche und seelische Verbindung zwischen ihnen gänzlich aufhob, das lebendige Bewußtsein verloren haben, daß die Thora eine „Krone" trägt, vermöge deren sie nicht nur den Einzelnen etwas zu sagen hat, sondern sie insgesamt zu einer nationalen Einheit zusammenschließt, die jeden für alle und alle für jeden verantwortlich macht, von jedem und von allen erwartet, daß sie alles daran setzen, daß die reale Verbindung zwischen Thora und Gola, zwischen Thora und dem Lande der Thora fortbestehe und sich nach den gegebenen Möglichkeiten immer mehr festige und stärke: die Korporation soll dazu berufen sein, das Bild der „gekrönten", das Bild der herrschenden Thora in die Seele unseres Volkes zu pflanzen, um es zu Taten dar Regeneration, zu Taten der Restauration zu entflammen, nicht ungleich dem Zeitalter der „Großen Synagoge", dessen Wirken die jüdische Geschichte uns aufbewahrt hat. Diese Korporation darf nie und nimmer zu einer — Partei herabsinken. Als Korporation der herrschenden Thora hat sie über allen Parteien zu stehen. Von „Politik" hat sie sich gänzlich fern zu halten, denn „Politik" beruht auf dem Grundsatz, daß der Zweck die Mittel heilige, dieser Grundsatz aber verstößt gegen die Thora. Wo immer sie aber Thoragemäßes, Thoraförderndes wahrnimmt, wo immer sie den „Funken" ahnen kann, der selbst bei den Thorafremden und der Thora sich Entfremdenden unter seelischer Verschüttung noch glimmt, da mag sie sich beteiligen, da mag sie anregen und fördern, soweit es die Thora gestattet. Auchinnerhalbderzionistischen Organisation. Amiel geht nicht so weit, den Austritt der Misrachisten aus der zionistischen Organisation zu fordern. Hat der Misrachi aufgehört, lediglich eine zionistische Fraktion zu sein, hat er überhaupt die Eierschalen der „Partei" gänzlich von sich abgestreift, ist er wirklich zum völlig selbständigen Fahnenträger des „totalen Thorajudentums" geworden: „nun, so ist es uns möglich, in so und so vielen Einzelheiten mit allen Parteien zusammenzuarbeiten, einschließlich der links gerichteten Parteien, wenn auch im G a n z e n sie unserem Geist entgegen sind, ihre Wege nicht unser Weg sind, ihre Gedanken nicht unsere Gedanken, denn immerhin lassen sich zuweilen auch bei ihnen gewisse positive Einzelheiten finden." „Von diesem Gesichtspunkt aus ist es dem Misrachi, der, wie gesagt, auf der Basis des totalen Thorajudentums steht, möglich, sich an der Arbeit der anderen Parteien zu beteiligen, wenn diese Arbeiten mehr oder weniger unseren Zielen förderlich sind, selbst wenn diese Parteien auf ihre Fahne und einen Teil des Thorajudentums geschrieben oder wenn sie selbst offiziell gar keine Beziehung mehr zur Thora haben, gleichwohl aber in ihrer Arbeit so etwas wie ein Echo der Bath-Kol der Thora zu spüren ist. Wenn aber auch der Misrachi sich an den zionistischen Kongressen beteiligen wird, sofern er darin . eine gewisse Förderung seiner Ziele findet, so wird dies nicht eine seiner Wesensgrundlagen, sondern nur eines seiner Zweckmittel sein, gleichwie es dem Misrachi andererseits möglich sein wird, sich an irgend einer Arbeit der anderen orthodoxen Parteien zu beteiligen, auch wenn zwischen ihm und ihnen gewisse Gegensätze bestehen." Das ist nach Amiel keine „Parteipolitik". In der Fähigkeit des Misrachi, sich Helfer für seine Ziele überall zu holen, wo sie zu finden sind, soll vielmehr das Kraftgefühl einer in sich selbst ruhenden, geistig und organisatorisch völlig selbständigen, ihrer Ideologie und ihrer Ziele durchaus sicheren, nur und nur von der Thora beherrschten und geleiteten Organisation zum Ausdruck kommen, die gerade vermöge all dieser Eigenschaften es schon wagen kann, von Fall zu Fall sich in Bündnisse einzulassen, ohne befürchten zu müssen, ihre Eigenart einzubüßen, die Gemüter zu verwirren oder gar in die alte Schwäche zurückzufallen. Nicht also der Misrachi als solcher soll künftighin, immer nach Amiel, der zionistischen Organisation angehören, sondern offenbar nur — ganz deutlich spricht sich der sonst in dieser Schrift .so überaus Klare freilich gerade hier nicht aus, aber es liegt vollkommen im Zug seiner Gedanken — die einzelnen Misrachisten, und nicht einmal notwendig alle Misrachisten. An der Stelle, wo Amiel sehr wirksam den geistigen Gehalt des Basler Programmes analysiert (Seite 44), heißt es: ,, . . . aber das wahre Judentum, das Judentum, das das sinaitische Programm besser kennt, als das Basler, hat einen ganz anderen Zionismus, und was fangen wir nun mit jenen an, die auf der Basis des Berges Sinai stehen, nicht aber auf der Basler Basis: dürfen wir diese schon gar nicht in unser Lager ziehen?" Offenbar denkt sich Amiel, daß einstweilen der völlig selbständig gewordene Misrachi seinen Einfluß auf die zionistische Organisation auch weiterhin durch diejenigen seiner Mitglieder ausüben soll, die gewillt sind, in der zionistischen Organisation zu verbleiben, daß aber dieser Einfluß dadurch ganz wesentlich verstärkt werden wird, daß der selbständig gewordene Misrachi mit der zionistischen Organisation von Macht zu Mächt wird verhandeln können, zumal die Drohung, Kongreß und Organisation zu verlassen, künftighin im Hinblick auf die bereits völlig selbständig gewordene misrachistische Korporation eine ganz andere Folie erhielte. Wenn freilich an einer anderen Stelle (S. 39) Amiel diese Korporation selber wieder eine „zionistische" nennt, wiewohl im neuen Grundartikel das Wort überhaupt nicht mehr vorkommt, so mag dies vielleicht dennoch ein Symptom dafür sein, daß Amiel selber noch nicht völlig zur Reife gekommen ist. Die organisatorischen Vorschläge Amiel's sind nicht minder revolutionär, wie seine ideologischen, Sie bedeuten eine radikale Umwandlung des gesamten Misrachi. Er soll zur Organisation der zu geschichtlicher Realität gewordenen herrschenden Thora werden, die ihre Hand über Volk und Land ausstreckt, das Volk in all seinen Gliedern, wo immer sie weilen, zu geschichtlicher Selbsterneuerung aufruft und die neuen Möglichkeiten der Beziehung zum Land selber und als einen Teil dieser Selbsterneuerung begreift. Daß damit auch eine Aenderung. der Taktik zur agudistischen Weltorganisation verbunden sein muß, versteht sich von selbst. Die Stellen, wo Amiel von den bisherigen Beziehungen zwischen Aguda und Misrachi spricht, gehören zu den eindrucksvollsten seiner hinreißenden, in einem .geradezu vorbildlichen Hebräisch verfaßten Schrift. Amiel untersucht nicht, wie es dazu gekommen ist, daß Aguda und Misrachi heute überall in heftigstem Kampf gegen einander stehen. Er stellt nur die Tatsache dieses Kampfes fest und findet ihn gegen den Geist der Thora, deren Wege allzumal Wege der Anmut sind, und deren Pfade sämtlich Friede, „Dieser Kampf, der nicht nur kein pflichtgebotener, sondern nicht einmal ein erlaubter ist, er, ja er ist es, der unerhörte Verwüstungen im gesamten Thorajudentum anrichtet, er, ja er ist es, der das Ansehen der Thora und ihrer Getreuen bis zum tiefsten Abgrund erniedrigt, und nur durch ihn ist die Linke so stark geworden, die diesen abstoßenden Anblick eines brudermörderischen Kampfes mit besonderer Schadenfreude genießt und mit dem Hohn des Satan, der daraus Nutz und Frommen zieht." „Seht, wie weit es gekommen ist und wie sehr sich bei uns die Begriffe verwirrt haben: es hat den Anschein, als habe der Misrachi gar keine anderen Aufgaben mehr, als diesen Kampf." „Als vor vier Jahren die Aguda erklärte, sie wolle der Jewish Agency unter der Bedingung beitreten, daß das gesamte Erziehungswesen ihrer Kompetenz entzogen werde, eine Forderung, die wir rückhaltlos hätten unterstützen müssen, da wir ja nur wegen solcher Dinge bekanntlich von vornherein ins Leben getreten sind, sie der Schwerpunkt waren, der uns von den allgemeinen Zionisten trennte, sie nur die Gründer des Misrachi genötigt hatte, sich gesondert zusammenzuschließen —: da wir nun aber endlich die Forderung hätten durchsetzen und damit auch die Aguda hätten zur Arbeit am Aufbau des jüdischen Landes heranziehen können, vergaßen wir den ganzen Zweck, um dessentwillen wir ins Leben getreten sind, und gingen Hand in Hand mit den Thorafremden, nur um die Aguda auszuschließen." „Andererseits muß doch die Aguda einsehen, daß zuni mindesten im neuen Palästina der Misrachi allein die ganze Schwere des Kampfes trägt, des G'tteskampfes für unsere Thora und alle jüdischen Heiligtümer gegen die vielen Feinde, die als Zerstörer und Zertrümmerer aus unserem eigenen Schoß hervorgingen und nun alles von der Wurzel her ausrotten wollen! Wie kann da die Aguda derart abseits stehen und mit gefalteten Händen ruhevoll sprechen: Mich geht es nichts an?" (Schluß folgt.)