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Der Israelit · 1934-10-11 · Heft 41 (11.10.1934) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 41 (11.10.1934)
Date
1934-10-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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11, Oktober 1934 De r Israelit Nr. 41 Seite .7 . Wie-jede Schrift, die aufrütteln möchte, hält sich Amiel bei den positiven . Leistungen des Misrachi nicht auf. Ich möchte sie hier nicht: verschweigen. Turmhoch stehen die misrachisti-; sehen Schulen, gemessen'an den — übrigen zionistischen Schulen.- Turmhoch steht Rodges, gemessen an den —- übrigen zionistischen Nieder-, lassungen. Turmhoch steht ( die misrachische Arbeiterorganisation, gemessen an der— sozialistischen und revisionistischen. Sicher hat der Mis- . rächi gar manche Gesetzesverletzung verhindert, gär manche Gesetzeserfüllung durchgesetzt. Auf schwachen Füßen stünde die Ablehnung des Misrachi, verlangte sie blinde Verleugnung von Tatsachen. Und dennoch schließt Amieis Bilanz mit einem fürchterlichen Defizit. Von den misraehischen , Schulen führt, kein Weg in die Jeschiwoth des Heiligen Landes. Dies bedeutet, daß die mis-; rachischen Schüler keine .wirklichen „Söhne der Thora" werden. Von den misrachischen Schulen führt fast kein Weg in' die Organisation des Mis-,. rachi. Dies bedeutet, daß die misrachischen Schüler sich an die-Sozialisten oder an die Revisionisten verlieren; Im Misrachi stehen Thora und zionistischer Nationalismus als „zwei Gewalten" neben einander. Dies bedeutet, daß die erstere "immer schwächer, die letztere immer stärker wird. In der misrachischen Forderung „des jüdischen Lahdes für dasjüdische Volk auf Grund der jüdischen Thora" dürften1 die'fünf letzten Worte keine Hinzufügung, sondern müßten unerläßliche Vorbedingung sein. „Und dies ist die Quelle unserer ganzen Nachsicht gegenüber der zionistischen Organisation, - die dermaßen fast jede Grenze überschreitet, daß diese Organisation mit uns nach Belieben verfahren kann, da sie von vornherein weiß, daß wenn wir auch zunächst Lärm blasen und alle Welt in Bewegung setzen, wir un's'atn' Ende dennoch hüten werden, die hohen Herren vollends zu erzürnen, vielmehr in Liebe auf uns nehmen werden, was sie uns auch zu tragen geben:" — —- Diese Bilanz stellt die Aktivposten nicht mach ihrem Augenblickswert ein, sondern schätzt sie unter dem Aspekt unserer ganzen Zukunft. Amiel sieht den Misrachi auf stetig absteigender Linie. „Wir' haben kein Vertrauen zu Uns selbst, kommen uns selber arm und dürftig vor, und wie sollen da andere zu uns Vertrauen haben?" Und immer ernster drängt sich ihm die bittere Frage auf: Wohin geht der Weg des Misrachi? Welches wird die letzte Station des Misrachi sein? Aus 'dem' Schöße des Zionismus sind inzwischen zwei Bewegungen emporgewachsen, die gerade das besitzen, was dem Misrachi fehlt: die Ung e b r o c h e ri h e i t des: Wi Men s. Die soz i a 1 i!s t i s c h e Partei und die revisionistische Partei haben nicht nur die allgemeinen Zionisten, sondern auch den Misrachi an die Wand gedrückt. Sie unterscheiden sich vom allgemeinen Zionismus;-wie sich der Baum vom Erdreich unterscheidet, Wohl ist der Baum ohne das Erdreich nicht möglich. Ab er! nicht; der Baum dient dem . Erdreich, sondenr das Erdreich' dem Baum. Es ' beutet1 der Baum das IErdreich aus,; indem | er seine - Kräfte;:aus ihm zieht. Die Bewässerungdes Erdreichs' kommt nicht ihm, : sondern . cf-em,; '■'Baum zugute. .. ■ l .: i tu j »;•; iv,■. Bedeutet der Zionismus die Vergeschichtlichung des jüdischen Volkes und des jüdischen Landes schlechthin, so bedeuten Histadruth und Revisionismus bereits konkrete, inhaltlich einü deutig.bestimmte Forderungen,,,welche, Arr t von Geschichte das jüdische Volk im jüdischen Lande entwickeln soll. Hat der Zionismus das jüdische Volk und das jüdische Land ohne die Thora vergeschichtlicht, so setzen Histadruth und Revisionismus an die Stelle, wohin die T h o r a gehört hätte, ihr — Programm.; Solange die* öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte ein unabsehbar fernes Ziel war, mochte •|Jsich der Zionismus darauf beschränken, das jüdische Volk für dieses Ziel zu erwecken und esauf dem Wege zu diesem Ziel zugleich auf den Weg in die Geschichte zu bringen. Aber nun, geht es auch schon bereits um die Inneneinrichtung der Heimstätte. Nicht ein einziges Wort enthält das Basler Programm hierüber. Der allgemeine Zionismus hat feste Grundsätze nicht aufzustellen vermocht. Im Grunde ist er heute bereits — veraltet. Für die Inneneinrichtung des. Nationalheims gebricht es ihm an einer politisch tragfähigen — Weltanschauung. Er vermochte für die Rückkehr in die Geschichte, wie er sie verstand, zu entflammen. Aüf dem Boden der Geschichte angelangt, verstummt er oder erschöpft sich in einem seelenlosen Opportunismus. Er kann nur noch. — angejahrte Zionisten fesseln, denen die Erinnerung an verklungene Zeiten, an entschwundene Menschen das Programm ersetzen .muß. . ' Histadruth und Revisionismus sind die wahren .Erben, des Zionismus. Sie denken ihn bis zum bitteren Ende. Auf die Vergeschichtlichung des jüdischen Volkes und des jüdischen Landes ohne Vergeschichtlichung. der Thora mußte zwangsläufig die Einwurzelüng von Volk und Land in der Geschichte der -— Völker, kommen. Noch ' steht die: Heimstätte nicht einmal im Rohbau fertig, und schon zerfleischen sich die von der Thora nicht mehr gebändigten Menschen, an Zahl insgesamt gering und -auf engstem Raum,' um westeuropäische Idole von •'— Großstaaten. Ohn- : mächtig steht dem der allgemeine Zionismus gegenüber, wie ein: Landyogel, der Enten ausgebrütet hat und nun mit hilflosem Entsetzen vom Ufer mitansieht, wie sich die flügge Gewordenen in den schäumenden Strom stürzen. Konnten aber schon die allgemeinen Zionisten,-deren Denken und Fühlen immerhin eins, ünur eben mehr auf die Form der Historie gerichtet, als auf ihren Inhalt, dem in der Heimstätte um geschichtliche Verwirklichung ringenden Sozialismus und Nationalismus einen Damm nicht ■ entgegenstellen, so müßte der Misrachi ihnen gegenüber erst recht versagen. Er hatte den Sprung in die Geschichte gewagt, ohne zugleich die Thora zur herrschenden Potenz dieser. Geschichte zu erheben, ob ihm gleich sein renken jede Stunde sagte, daß dies nicht, sein sollte. Fühlend wußte er sich aufgehend im jüdischen Volk und im jüdischen Land/aber nur denkend ging er auf in der Thora. Die neuen Impulse des konträren Fühlens lähmten die Produktivität des Denkens. Wie diese Impulse auf dem Wege zum Nationalheim ihn zum allgemeinen Zionismus gedrängt hatten, so teilten sich jetzt im Nationalheim selber Sozialismus und-Revisionismus in seinen Sympathien. Die Thora nunmehr wenigstens im Nationalheim selber als Herrscherin zu fordern, die Thora wenigstens im Nationalheim über den — Zionismus zu stellen, ein Thoraprogramm für Wirtschaft und Politik im Nationalheim aufzustellen und dieses Programm, nach Weise der Sozialisten und Revisionisten, über das .— Basler Programm zu erheben und für dieses Thor;aprqgr.amm mindestens mit dem gleichen Fanatismus, mit, dem gleichen .Totalitätsanspruch;zu kämpfen, wie Sozialisten und Revi-: siqnisten für das ihre: bis zur Stunde, hat es der1 Misrachi, Amiel bezeugt es, "nicht /vermocht. Aber freilich: Sozialismus und -Nationalismus sind ge- *»>' •'....... -. : i fll ■ . ■ i J :.-!;.. ° ,. . schichtlich wirkende Kräfte. Die jT^ora, aber des.. .- Misrachi,,gilt ihm sicher als G'ttes ewige...Wahr«- heit; als das Programm des G'ttes der Geschichte, als das Programm des „Völkerkönigs", als das Programm der geschichtliche Realität gewordenen Knesseth Jißrael hat er sie noch nicht — erfühlt. Den Weg . bis zur . Schaffung des Nationalheims wollten die Väter des Misrachi im Vertrauen auf den Wortlaut des Basler Programms gemeinsarhrmit; den Thörafremden £5ehen. Ich bin überzeugt, daß die Vater des Misrachi' wußten, daß ihtfrWeg sich im Nationalheim selber von den . Thörafremden werde scheiden müssen. Absurd ist die,-Vorstellung, daß die Väter des Misrachi ihre Zustimmung .dazu gegeben hätten, daß ein : Majoritätsbeschluß der Eltern einer Niederlassung im Nationalheim darüber zu entscheiden habe, ob die Kinder der Niederlassung thoratreu oder th'ofafremd zu erziehen seien, und daß die thoratreue Minorität sich .einem solchen Beschluß zu fügen habe. Ich halte es: für selbstverständlich, daß spätestens im Nationalheim selber die Väter des Misrachi das Papier .gewordene Basler Programm fortgefegt und und an seine Stelle das Programm der Thörä gestellt, die herrschende Thora in die Geschichte des Nationalheims eingeführt hätten. Aber inzwischen ist — anscheinend — der Zionismus die wahre Heimat des misrachischen Fühlens geworden. Nicht nur das Basler Programm, nicht nur der allgemeine Zionismus, auch der Misrachi ist — alt geworden. Aber inzwischen ist auch — Agudas Jisroel entstanden. Innerlich, in seinem Fühlen, sozialistisch und revisionistisch zersetzt, von der Aguda bekämpft und selber die Aguda bekämpfend, zionistisch fühlend und thoratreu denkend: so steht der Misrachi heute im Nationalheim. Selbst Löwenstärke hätte eine solche Stellung zwangsläufig zermürbt. VIII. Wohin geht der Weg des Misrachi? * Amiel begnügt sich nicht damit, die Bilanz des Misrachi zu ziehen. Er will auch die Mittel zeigen, wie das Defizit dieser Bilanz zu decken wäre. Um den Misrachi vor dem sicheren Verfall zu schützen, erachtet Amiel eine dreifache Umgestaltung für erforderlich: eine ideologische, eine organisatorische und eine taktische. „Der Misrachi ist eine Organisation orthodoxer Zionisten, die auf dem Boden des Basler Programms stehen und für die Erhaltung des nationalen Lebens des jüdischen Volkes und seine Entwicklung im Geist der. überlieferten Thora arbeiten." So lautet der Grundartikel des Misrachi. Ich brauche ihn nach allem Bisherigen nicht zu kommentieren. Er spricht nunmehr für sich selbst. Man ist vor allem Zionist. Man schwört vor allem zum Basler Programm. Man setzt sich vor allem für das nationale Leben des jüdischen Volkes ein. Aber alles im Geist der Thora. Es ist der Grundartikel der Partei der komplementären Thora. Es ist der Grundartikel von Menschen, die ihr für das geschichtlich gewordene Volk und Land überschäumendes Fühlen mühsam, vom Denken her, der nachträglichen Korrektur durch die Thora unterziehen. Das Neue, das Fortreißende daran ist nur und nur der Zionismus, das Basler Programm, das jüdische Volk, sein nationales Leben. Aber bei alldem ist man orthodox und hält man an der alten Thora fest.-- Aus dem Misrachi der komplementären Thora will Amiel einen Misrachi der herrschenden Thora machen. Er schlägt folgenden Grundartikel vor: „Der Misrachi ist eine Organisation, die auf dem Boden des totalen Thorajudentums steht. Sie arbeitet für den Aufbau von Erez Jisroel als unser Nationalheim und für die Erhaltung und Entwicklung > des nationalen Lebens des jüdischen Volkes allerorts im Geist der überlieferten Thora." Der geradezu revolutionäre Unterschied zwischen dieser Formel und der alten liegt auf der Hand. Hier ist keine Rede mehr von Zionismus, keine Rede vom Basler Programm. Der letzte Rest des Parteimäßigen ist ausgemerzt: selbst das Wort „orthodox" ist bewußt vermieden. An Stelle des Basler Programms tritt die Thora, an Stelle des Zionismus tritt Erez Jisroel. Das jüdische Volk deckt sich nicht mehr mit der zionistischen Organisation, der Aufbau des Nationalheims erscheint auch ohne zionistisches Bekenntnis möglich, die Existenz der Gola und die Notwendigkeit, auch in ihr und auch für sie zu arbeiten, wird durch die Gegenüberstellung von Erez Jisroel und „allerorts" deutlich unterstrichen. Nicht aus Zionismus soll der Misrachi fürderhiri sich für Erez Jisroel einsetzen, sondern weil er auf dem Boden des totalen Thorajudentums steht. Das totale Thorajudentum ist aber auch noch an der Gola einigermaßen interessiert, und so hat sich der Misrachi fürderhin

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