Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1934)
- Date
- 1934-10-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 41 Der J s r a e Ii t IL Oktober 1934 Motto: „Keiner darf hungern, keiner darf frieren!" nach Maßgabe seiner Kraft mit willigem Herzen und offener Hand mitzuarbeiten. Das soll keine.Mahnung sein, deren es gar nicht bedarf, sondern nur eine Feststellung, daß es gar nicht anders sein kann. Die konfessionellen Schulklassen und die österreichische Orthodoxie. Die Wiener „Jüdische Presse", bestätigt im Ganzen unsere an dieser Stelle zum Ausdruck gebrachte Auffassung, daß man den neuen Schulerlaß in Oesterreich — unbeschadet seiner Motive — segnen müßte, wenn er-zur Errichtung eigner jüdischer Schulen führen sollte, jüdischer Schulen freilich nicht im Sinne der jüdischnationalen Forderungen, sondern solcher, deren Struktur und Lehrplan in allen Teilen vom Geiste des unverfälschten Thorajudentums bestimmt und getragen sind. In dieser Hoffnung und aus dieser Denkart heraus kann das. Blatt, als Zentralorgan der jüdischen Orthodoxie in Oesterreich, nicht in den Chor der künstlich übersteigerten Entrüstung gegen die jüdischen Schulklassen einstimmen. Die „Jüdische Presse" schreibt u. a.: „Seit Generationen wurden in Wiener Volks¬ und Mittelschulen nach konfessioneller Schichtung Parallelklassen geführt. Es wurde dies als eine durchaus vernünftige, sachlich begründete und zweckdienliche Maßnahme betrachtet und gewertet. In manchen Jahrgängen, in denen eine Teilung infolge geringer Schülerzahl nicht möglich war, wurde die Gemeinsamkeit oft genug — störend empfunden. Erst die Glöckelsche Schulreform, der die Betonung konfessioneller Unterschiede schon wegen ihrer areligiösen Grundprinzipien programmwidrig war, hat diese Teilung beseitigt. Nun hat die österreichische Unterrichtsverwaltung diese durch das Reichsvolksschulgesetz hinreichend unterbaute Einrichtung reaktiviert. Statt nun die Sache so zu nehmen, wie sie ist, hat die Israelitische Kultusgemeinde in Wien den Anlaß wahrgenommen, um eine Protestresolution zu beschließen, die ganz unbegreiflicherweise dem Erlaß Tendenzen unterschiebt, die nach den offiziellen und halboffiziellen: Auslassungen, an deren Glaubhaftigkeit zu zweifeln absolut kein Anlaß vorliegt, sicherlich nicht vorhanden waren. Welcher ernste und sachliche Grund liegt denn eigentlich vor, dem Erlaß antisemitische Motive zu unterschieben? Was geschieht denn mit den jüdischen Schülern mehr oder weniger als mit den katholischen, protestantischen und andersgläubigen? Diese wie jene werden voneinander abgesondert und können so ihrer Eigenart entsprechend behandelt werden. Das ist ebenso sachlich begründet wie logisch begreiflich. Oder scheint es der jüdischnationalen Ideologie logischer oder berechtigter, wenn in gemeinsamen Klassen der jüdische Schüler jeden Morgen das „Vaterunser', das den Katholiken heilig ist, stehend anhören muß, ohne zu wissen, wie er sich dabei richtig verhalten soll? Ist es etwa jüdischnational besser, wenn die einen oder die anderen aus der gemeinsamen Klasse zur Religionsstunde das Zimmer verlassen müssen, statt daß — wie es bei den Parallelklassen der» Fall ist — der Unterricht reibungs- und störungslos verläuft? Oder interessiert es diese Herren überhaupt nicht, daß bei Schaffung rein jüdischer Klassen der Lehrplan so erstellt wer; den Itann, daß auf die Religionsgebote der Sabbat-Heiligung Rücksicht genommen wird, wäh1 rend es doch sicherlich schultechnisch schwieriger ist, in gemeinsamen Klassen einen Teil der Schüler an Samstagen schreiben zu lassen und einen anderen Teil nicht? Die Schulverwaltung macht technische und finanzielle Gründe geltend. Wir glauben sie ihr. Aber selbst wenn diese nicht vorhanden wären, sehen wir keinen Anlaß, um die Verordnung sachlich abzulehnen. Nur eine verbohrte jüdischnationale, parteidoktrinäre, ebenso wie nur eine endgültig zum Tode durch Vergessenwerden verurteilte liberalistische, vormärzliche Ideologie können dieser Verordnung Tendenzen imputieren, die sachlich vollkommen unbegründet sind." Das Recht, so zu denken und ihre Meinung dergestalt zum Ausdruck zu bringen, könnte, so sollte man glauben, auch der Orthodoxie von keinem bestritten werden. Auch auf die „Gefahr" hin, daß die „Reichspost" diese Ansicht registriert und mit Befriedigung weitergibt, so daß die große Welt auf diesem Wege erfährt, was sie vielleicht schon ohnehin dunkel geahnt hat, daß es auch unter den Juden welche gibt, denen es ganz recht wäre, wenn ihre Kinder, wie die katholischen und evangelischen, in der Schule unter sich blieben, um, ohne ausgeschlossen zu werden oder jemand ausschließen zu müssen, ungestört ihre Gebete verrichten und ihre religiösen Riten pflegen zu können. Soll die „Reichspost" und sollen andere nationalen Blätter immer nur das ewige Gezeter der Jüdisch-Nationalen registrieren dürfen und nicht einmal auch die vernünftige Ansicht derer, die nicht gewillt sind, hinter jeder mehr oder minder zweckmäßigen Maßnahme gleich eine „Entrechtung" zu wittern? Ist es überhaupt ratsam und vernünftig, in der Dämmerstunde des nationalen Umbaus, bei jedem Anlaß Dämonen in schwärzesten Farben an die Wand zu malen, die, wenn sie einmal da sind, sich vielleicht nicht mehr wegwischen lassen? Es mag dies einer gewissen1 'Part'eipolitik dienen, ihr neue Auftriebe geben, aber die Orthodoxie in Oesterreich kann sich, so wenig wie in Polen und in Lettland, die Losung „Parteinutz vor Klallinteresse" leisten! Daraus erklärt sich auch'ihr Protest gegen die unerbetene ausländische Einmischung in die österreichische Politik, wobei man, ohne jegliche Fühlungn ah memitden zust ä ndigenjüdischenl n s t a n z e n in O e s t e rreich beim österreichischen Bundeskanzler in Sachen des Judenrechtes zu intervenieren unternahm. Unverständlich ist, daß sich dabei der angesehene Vorsitzende des sonst so besonnenen Londoner „Board of Deputies" von einem rein-zionistischen Parteipolitiker wie Dr. Nachum Goldmann ins Schlepptau nehmen ließ. Es ist das gute unbestreitbare Recht der österreichischen Orthodoxie, angesichts dieser Wirrungen, in ihrer Presse die Regierung zu'ersuchen, d e m glaubensstarken Judentum die Möglichkeit zu geben, sich freizumachen von der Bevormundung durch unreligiöse jüdisch-nationalistische Elemente und in erster' Re i he glaubenstreue Menschen, zur B er at ühg'u be r jüdische Angelegenheiten heranzuziehen. Wenn die zionistische Presse auch und erst recht diese Forderung zum Anlaß schwerster Angriffe auf die agudistische Orthodoxie nimmt, so vergessen die Herren, daß sie selber bisher keine Gelegenheit verpaßt haben, auch mit Hilfe der Behörden die Orthodoxie nieder zu halten, und daß es nur allzu natürlich sei, daß sie in einem entscheidenden Momente, da es heißt: „entweder jetzt oder nie", sich die Grundlagen ihres Lebens zu sichern sucht. Lebhaftes Befremden muß auch erregen, daß die „Jüdische Telegraphen-Agentur", die eine „objektive" Nachrichtenquelle für die gesamte jüdische Oeffentlichkeit sein will, auch hier wieder offenbar das Opfer ihres zionistischen Wiener Korrespondenten geworden ist. Sie übernimmt in ihrer Ausgabe vom 8. Oktober blindlings alle zionistischen Vorwürfe gegen die Orthodoxie und sucht;:sie auf dem Wegeüber die jüdische! Presse in der Welt zu verbreiten. Mindestens hätte die ITA. gleichzeitig den ' Ar t i k'e Ld'ör ,,J ü'di's ch e n Pr fe s's e"" im' Aus-; zuge bringen müssen, und die Leser hätten idan»^ selbst' geurteilti — gewiß nicht 'zu Ungunsten dör ' Ortho.doxie und : ihres Organes. diein diesem Falle das jüdische G e s a m t i n t e r e s s e gegen eine kleinliche und kurzsichtige Parteipolitik vertreten. I Der Wahlsieg in Jerusalem. Die Jerüsalemer jüdische Bevölkerung hat, wie bereits eingehend berichtet, einen Wahlsieg errungen, und innerhalb der jüdischen Wähler hat die Orthodoxie einen Sieg zu verzeichnen. Und auch darin gleichen, sich beide Siege, daß der eine wie der andere nur ein r e 1 a t i;v e r Sieg ist. Einen beachtenswerten Erfolg stellen die sechs jüdischen Abgeordneten in dem bis dahin fast judenfreien Stadtrate dar, -aber ganz entspricht dieses Halbdutzend immer noch nicht der jüdischen Kopfzahl innerhalb der Gesamt - bevölkerung der heiligen Stadt, Die zwei orthodoxen Vertreter in der jüdischen Fraktion bedeuten sogar eine radikale Wandlung angesichts: der Tatsache, daß bisher das Thorajuderitum. überhaupt keine Stimme hatte "bei der Gestaltung der Stadtgeschicke, aber ginge es nach der Seelenzahl der religiösen Massen in den alten und neuen Vierteln von Jerusalem, es hätten fünf yon den sechs : Sitzen orthodoxe Juden alten Schlages einnehmen müssen. Allein auch dieser relative Erfolg zeugt von einer: politischen Reife der Orthodoxie in Jerusalem, die auch den . im politischen Kampfe erprobten zionistischen Führern volle Bewunderung abringt. (Siehe Aeußerung Ben Gorions in der jüngsten Nummer). Daß von dieser Seite dem verbündeten M i s r a c hji weniger politische Verantwortlichkeit und Geschicklichkeit attestiert werden kann, ist gewiß nicht Schuld der selbständigen Orthodoxie, Aber da doch Jemand schuld sein muß, so wirft Rabbi Meier Berlin im „Hajarden" tmd „Hathor" den, orthodoxen Führern wieder einmal eine HTJia (Verrat) an den Kopf. Tatbestand: In einer Vorbesprechung hätten Aguda und Misrachi über die Aufstellung einer geeinten orthodoxen Liste beraten. Hinterher aber hätte die Aguda, des besseren Lohnes wegen, ihre Hand dem Ein Reit sblocke geboten, Dieser Anklage wird aber aller, Boden entzogen mit einer klaren Darstellung des Sachverhaltes durch Rabbi Mosche Blau im „Kol Jisrael", Jene Vorbesprechung mit: Misrachi fand wirklich statt, und .zwar auf Initiative yon Rabbi Blau, bei der er aber betonte, daß es noch ratsamer und. nach außen wirksamer wäre, einen Einheitsblock der gesamten Judenheit Jerusalems zu bilden. Als dieser Einheitsblock wirklich gebildet 'wurde, .beeilte sich Misrachi, diesem . durch Rabbi .Ostrowski seine Mitarbeit, und zugleich s e i n e n Kandidaten anzumelden. Die Aguda wurde weder gefragt noch benachrichtigt. Daß sich nun die Vertreter der Aguda an jene Vorbesprechungen nicht mehr gebunden fühlen konnten und ihre Wahlhilfe dem Allgemeinen jüdischen Block leihen mußten — um eben k e in e nTäa an der jüdischen Sache zu begehen —leuchtet-ohne wei- teres .ein.-.;.,? M - Es steht: bekanntlich :mit . dem- Zusammenspiele der Kräfteim Misrachi .;zur Zeit nicht gerade gut, was vielleicht erklärlich macht, daß Rabbi Berlin noch an einer Sache festhielt, zu einer Zeit, .da sie >für Rabbi Ostrowski als aufgegeben galt. Dann wird sich aber Rabbi Berlin durch diese sachliche Darstellung belehren lassen, von welcher Seite in diesem Falle die fjTJQ begangen worden ist. Die Tragik des Von Isaac Breuer in Frankfurt a. ■ M. vn. Nur mit tiefer Erschütterung wird man von der Bilanz Kenntnis nehmen können,' die Amiel in seiner Schrift aus 30 Jahren5 Misrachi zieht. Ich wünschte dieser Schrift weiteste Verbreitung auch in agudistischen Kreisen. Nicht damit sie mit ihr in der Weise verfahren, wie es vielfach Zionisten mit meinen Verlautbarungen während der letzten Monate taten: sich die Rosinen daraus picken; um sie mit schmunzelndem Behagen zu verspeisen, Lernen sollen sie vielmehr aus ihr und den Entschluß in sich reifen lassen, es — besser zu machen.--;. ..' 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