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Der Israelit · 1934-10-11 · Heft 41 (11.10.1934) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 41 (11.10.1934)
Date
1934-10-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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ÜÜGktober 1934 : D Israelit Nr. 41 Seite 5 gedeuteten Mizwo kann also sehr wohl aus dem Geiste der Kabbala erfühlt «und erfaßt, und gleichwohl in der Fülle seiner äußeren Entfaltu.ng, wie sie die Halacha vorschreibt, als Träger ethischer oder religiöser Begriffe im Sinne Hirschs nachgedacht werden. In dem 0113, dem unausschöpfbar reichen ,.Garten" der offenbarten Lehre, hat Hirsch neben dem üE?3» wie keiner vor und nach ihm. in dem auf dem halachischen ,flm fußenden TQ*1 (der ethisch-religiösen Gedankenwelt) ein System von überwältigender Einheitlichkeit geschaffen — aber dieses System verlangt zu seiner Vollendung und Fundierung den *no der Kabbala so unbedingt, wie das Schlüsselwort OTIS auch des 0 bedarf, um vollständig zu sein. Auch der angebliche „Rationalismus" Hirschs und die gefühlsmäßige Schau des Unaussprechlichen im Geiste der Kabbala sind keine Gegensätze, sondern erfordern einander. Auch diese gefühlsmäßige Schau ist nur auf dem Wege begriffener Worte und verstandener Handlungen, ist nur durch die Pforte der ratio erreichbar, solange Menschen nun einmal vernunftbegabte Wesen sind. Selbst das sublimste Gefühl im Bereiche der religiösen Welt, die 71 nanN' die flammende Liebe zum Weltenschöpfer, wird von der jüngeren Kabbala (genau wie schon von den spanischen Religionsphilosophen) als erweck bar durch die ratio dargestellt:' durch die Erkenntnis der Größe G'ttes in der Unendlichkeit der Natur. Und auf der^anderen Seite war auch für S. R. Hirsch die erkenntnismäßige Erfassung einer praktischen Mizwa aus dem Bereiche der rtllX* nur ein Mittel, um das reichste gefühlsmäßige Erleben dieser Mizwos an die Stelle mechanischer niXö mai^a Q'tMK zu setzen. . Ob der Genius schon erstanden ist oder wann er geboren werden wird, der die von uns als innerlich notwendig empfundene Synthese im einzelnen durchzuführen versteht, wissen wir nicht. Sie setzt natürlich eine souveräne Beherrschung nicht bloß der Gedankenwelt Hirschs, sondern derjenigen der Kabbala voraus, vor allen Dingen aber ein gläubiges Ernstnehmen beider Welten, wie es leider bei den Freigeistern, die heute über die Kabbala schreiben, meist nicht vorausgesetzt werden kann. Erst eine restlose, gute Uebersetzung sämtlicher Werke S. R. Hirschs ins Hebräische würde sein Gedankensystem auch denen erschließen, die in den Tiefen des kabbalistischen Denkens zu Hause sind und damit überhaupt die endliche Einordnung Samson Raphael Hirs c h s in di e e w ige Geisteswelt des j ü d i s c h en Volkes vollziehen. Das aber ist es, was wir brauchen. Denn nicht nur der Kabbala wünschen wir S. R. Hirschs Schöpfungen im lebendigen Wechselspiel des Gebens und Nehmens zuzugesellen, sondern ebensogut auch dem M u s s a r , den lebendig gebliebenen Teilen unsrer feligionsp'hiloso* phischen Klassiker, wie erst recht allem, was jeder Tag an Schöpferischem auf agadischem und halachischem Gebiete gebiert. Nur alle z us a m m e n in vollendeter Synthese vermögen die ideale jüdische Persönlichkeit zu erzeugen. Daß Hirsch zufällig in deutscher Sprache schrieb, macht es seinen Verächtern leider allzu leicht, ihn aus dem Gemeinschafts-Tempel der öTiWin und D^VHIN' die uns durch die Jahrtausende Träger der kontinuierlichen weltanschaulichen und halachischen Tradition des Judentums sind, auszuschließen und dadurch den gesunden geistigen Stoffwechsel zu unterbinden, auf dem unser ganzes Heil auf dem Wege zur höchsten Erkenntnis der Thorawahrheit beruht. Derselben Versündigung macht sich aber auch der Hirsch- Verehrer schuldig, der Hirsch auf einen Isolierschemel deutsch-jüdischer oder wissenschaftlich-westeuropäischer Prägung setzt und sein System und seine Thoradeutung als den endgültigen Abschluß aller möglichen Forschung verkündet. Rabbiner Hirsch hat solche Abkapselung und Verabsolutierung weder im einen, noch im anderen Sinne verdient. Mit der Größe des genialen Denkers und in der ganzen Demut des D'p^K NT hat er seine Lebensarbeit nicht als Abschluß, sondern als Beitrag zur Erkenntnis der Thora auf den Altar des jüdischen Geisteslebens niedergelegt. Er ist nicht müde geworden, sein „Lernet!", „Lernet", „Lernet die Quellen", Zeitgenossen und Nachfahren zuzurufen — lernet G'tt es Thora — und alles, was der fernste Schüler ferner Zeiten an neuem Lichte findet, in dem Strom des Lichtes, der vom Sinai her herabströmt über Jerusalem und Babylon, Sura und Pumbeditha, Cordova und Kairuan, über Worms, Medsibez, Wilna, Padua, Ladi, Frankfurt, Preßburg, Nowarodok und Telschi — es i s t G'ttes Thora und muß eingehen in den ewigen Nationalschatz des jüdischen Volkes, aus dem jede Generation das Ideal der jüdischen Persönlichkeitsbildung zu schöpfen hat. Innerhalb dieses Nationalschatzes wird Samson Raphael Hirschs Lebensleistung als Denker und Erforscher der G'tteslehre und als Gestalter eines geschlossenen jüdischen Bildungssystems ewig lebendig bleiben — lebendig, das heißt aber: entwicklungsfähig und zu immer neuer geistiger Zeugung, zu immer neuem Austausch der Lebenskräfte berufen. Wochenrundschau* Das Winterhilfswerk. Das älteste Erntedankfest der Menschheit, das *]'0Kn an. hat uns mit der Mahnung in den Winter entlassen, „für Knecht und Magd, den Leviten, den Fremdling, den Waisen und die Witwe in unserer Mitte" zu sorgen. Der Aufruf der Reichsregierung, der dieser Tage zur Einleitung des grandiosen Winterhilfswerkes an uns ergeht, klingt ganz harmonisch in die Gedankenwelt hinein, die wir uns mit den Lehren und Gebeten der Festtage errichtet haben. Darum findet der Appell ein warmes Echo auch im jüdischen Herzen. Abgesehen von der talmudischen Vorschrift D'1D3 I'ÖJISÖ' daß man bei der Abhilfe der täglichen dringenden Not keine Grenzen mache nach Glauben und Bekenntnis, muß darauf hingewiesen werden, daß das Hilfswerk auch die jüdischen Bedürftigen in gleichem Maße berücksichtigt. Gewiß, der Winter stellt uns auf dem Gebiete der jüdischen Unterstützung vor gewaltige Aufgaben. Ueber die Leistungen der Organisation „Hilfe und Aufbau" sind unsere Leser orientiert. Eine kurze Mitteilung im lokalen Teil unserer jüngsten Nummer bot einen kleinen Ausschnitt von den Aufgaben und Leistungen der Notstandsaktion in der Israelitischen Religionsgesellschaft. Die Hilfsarbeit der „Weiblichen Fürsorge" und anderer Organisationen innerhalb der jüdischen Bevölkerung Frankfurts und der anderen Großstädte steht gewiß nicht nach. Wohl werden wir in diesem schweren Winter alles aufbieten, diese jüdischen Organisationen in den Stand zu setzen, den jüdischen Bezirk im Reiche der allgemeinen Not in bisherigem Maße zu bearbeiten. Aber darüber hinaus wird es sich jeder deutsche Jude zur Ehrenpflicht anrechnen, an der Ausgestaltung des groß gedachten Winterhilfswerkes mit dem Sein *70n fllV'öa etwa: wie sein Mitleid keine Grenzen kannte, so hatte er im Geben kein Maß: Tina |nn war geradezu ein Teil seines Ich! Doch wozu von all dem sprechen; jeder, der ihn kannte, liebte ihn, lebte ihn, weil er der einmalige Rabbi Meir Schapiro warf Weil die ganze Judenheit in seinem Herzen lebte, darum lebte er im Herzen der ganzen Judenheit! Vielleicht darf ich aber doch von einer Seite seines Wesens sprechen, die auf mich als westeuropäischen Juden so gewaltigen Eindruck machte! Daß ich dem Sanoker Raw vom ersten Tage, da ich ihn kennen lernte, Liebe, Verehrung, Bewunderung entgegenbrachte, ist selbstverständlich, das galt aber doch zunächst dem Fürsten der min» dem gewaltigen Künstler der Rede, der hinreißenden Persönlichkeit, Führer aber, Führer im westlichen Sinne, dazu, so vermeinte ich, bedürfte es dennoch eines Weiteren: eines Erfülltseins von der Kultur Europas, von der Zivilisation des Westens: und dann sah ich ihn, sah den Mann, der betont und bewußt nichts, nichts anderes sein wollte als nur Kind des Ostens, nur, in des Wortes tiefstem Sinn;: min p. Sohn der min» der nur von i h r die Schulung seines Geistes; nur von ihr die Gestaltung seines Wesens, nur von i h r die Formung seiner Persönlichkeit entgegennehmen wollte — und ich erlebte in ihm einen unserer größten politischen Führer, einen unserer genialsten Verhandlungspartner. Und es würde mir bewußt: 13 nun mHl K'nauch zu solcher Größe führt der Weg der min. wenn man ihn nur ganz geht, so, wie er ihn ging' Zweimal' war ich Zeuge, wie er mit Wirtschaftsführern des Westens verhandelte! Das eine Mal wollte er einen Großkaufmann für Lublin interessieren. Dieser wollte ihn in Verlegenheit bringen, und sagte zu ihm: „Herr Rabbiner, wenn Sie so ein Weltmann sind, wie man mir sagt, vielleicht können Sie mir sagen, wie Sie den internationalen Zinkmarkt beurteilen?" Und Rabbi Meir antwortete ihm, so klar und so sachkundig, daß jener beschämt die Waffen streckte und ihm einen gewaltigen Betrag für Lublin zur Verfügung stellte! Und das andere Mal war es bei Verhandlungen mit dem Direktor eines großen Lebensversicherungskonzerns.' Dieser hatte, um dem Lubliner Raw zu imponieren, die Verhandlungen in das vornehmste Hotel Krakaus verlegt und ließ es an all dem glänzenden Drum und Dran nicht fehlen! Aber es dauerte nur wenige Minuten, da war Rabbi Meir völlig Herr der Situation, er diktierte die Abmachungen und der Direktor bedankte sich nachher noch bei uns, daß wir ihm einen solchen „Weltsmann" zugeführt hatten. Die Kraft seiner min entwaffnete auch den stärksten, den kühlsten Gegner: DIR bv ins nwnn mmn! Wenn in Stunden der Erinnerung der Schmerz um den „Lubliner Raw" in uns übermächtig werden will, dann rufen wir uns das Wort zu, das wir von einem pDD gehört: aR pRl l3"n D'ain', „Wir sind Waisen geworden, denn unser Vater lebt nicht mehr!" Er hat uns aber eine gewaltige Erbschaft hinterlassen, sorgen wir, daß wir keine lässigen, ungetreuen, gleichgültigen Erben sind! Die L u b liner Jeschiwo hat ihren Raw verloren, sorgen wir dafür, daß der Lubliner Raw seine Jeschiwo nicht verliert! Die Agudas Jisroel hat einen ihrer größten Führer, den Mann der heißesten Tatkraft, der zündendsten Rede, der hinreißenden Begeisterung verloren, sorgen wir dafür, daß der Lubliner Raw seine Agudas Jisroel nicht verliert! Dies ist es, wofür wir uns einsetzen sollten mit aller Kraft, mit letzter Kraft: daß die großen Werke leben bleiben, für die und in denen er gelebt! Dies bedeutet-, den Lubliner Raw mit tausend Wurzeln in unserer Seele, in der Seele von und in der Seele von jedem einzelnen von uns verankern! In der Geschichte des jüdischen Volkes lebt '31 T>R» fort als einer unserer Allergrößten; und neben ihm ist eingetragen in das Ehrenbuch unseres Volkes, sein Weib Beruria. Um ihrem Mann die Ruhe des nat? zu wahren, verbarg sie vor ihm den größten Schmerz ihrer Seele, das Hinscheiden der beiden Söhne, bis zum Ausgang des nar» Und als er unter der furchtbaren Botschaft zusammenbrechen wollte, tröstete sie ihn. Höher noch als ihr Muttertum stand ihr der Sabbatfriede und die Seelenruhe ihres Gatten! Glauben wir mit tunn in «n« 'm ausrufen zu dürfen: nniös -pkö -»an hv nna v««? nh»n rrm ->»kb> '•ö 'Js^ yiY>i 'i!>»ä daß Glanz und Stab und Quelle der Kraft unser Zeitalter, unserer Agudas Jisroel Rabbi Meir Schapiro war, dann steht vor unserm geistigen Auge neben ihm seine Beruria, seine Frau, die mit ihm den Höhenweg ging, die ihr Eigenschicksal stellte unter das Gesamtheitsschicksal, das er trug, das er gestaltet; die mit ihm lebte, wirkte und starb!! ,,Und der Ewige, G'tt, machte dem Menschen und seiner Frau Gewänder von Haut und bekleidete sie damit!" In der min iso von tko 'a*i fand man geschrieben: HR nuna „Gewänder von Licht!" n'Btna) ('a nai- In Gewänder von Licht gehüllt, so schreitet auch unser Rabbi Meir Schapiro neben seiner Frau durch die Geschlechter unseres Volkes: ihr Leben war Licht, ihr Lebenswerk bleibt Licht!

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