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Der Israelit · 1934-10-11 · Heft 41 (11.10.1934) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 41 (11.10.1934)
Date
1934-10-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1934 11, Oktober 1934 Der Israelit Nr. 41 Seite 3 Das Bildungsideal S, R, Hirsch's und die Gegenwart- ^Fortsetzung von Seite 1.) nicht als min b"\Ü2 zu betrachten sei, läßt sofort die Frage aufwerfen und nach Zeit und Ort ver schiedenaftig beantworten, welches M ä ß von Berufsvorbildung im konkreten Fall notwendig ist und welches einen unzulässigen ,YTin ^1133 darstellt. Künftige Handwerker, Bauern, Kleinhändler können — von den staatlich vorgeschriebenen Schulformen ganz abgesehen — sich die für ihren Beruf notwendige allgemeine Bildung offenbar unter weit geringerem Zeitaufwand aneignen als Großkaufleute oder gar Akademiker. Führen die Zeitverhältnisse also zu einer Berufsumschichturig, wie sie sich heute in der jüdischen Gesellschaft Deutschlands vollzieht, so wird man, auch im Geiste S. R, Hirschs, sich hinsichtlich des Begriffes des min ^?1B3 eine größere Empfindlichkeit angewöhnen müssen, als es bisher der Fall war. Aber auch abgesehen von dieser revolutionären Entwicklung der äußeren Lebensbedingungen muß es als die grandioseste Rechtfertigung der Hirsch'schen Lebensarbeit auf dem Gebiete des Erziehungswesens angesehen werden, daß in den Kreisen der von ihm geschaffenen westeuropäischen Orthodoxie Generation nach Generation die Sehnsucht nach mehr fnifl' der Horror vor dem A m - haareztum, der Drang zu den mX'W als den ewigen Erneuerungsquellen des jüdischen Geistes immer stärker und allgemeiner geworden ist. Mögen dabei auch — wie bereits oben angedeutet — hervorragende Persönlichkeiten aus dem Osten wie Rabbiner Salomon Breuer ^"XT oder historische Ereignisse wie der Krieg und die Gründung der Agudas Jisroel Träger der Entwicklung geworden sein — hätte Rabbi.Hirsch V'ST nicht selber der naheliegenden Versuchung widerstanden, das Judentum der Quellen in ein geniales „Hirschtum" zu verwandeln, hätte er nicht in mustergültiger Gewissenhaftigkeit den Weg zu Ö^DISl D'tP als der obersteh K o n - trollinstanz aller noch so genialen Subjektivität im Judentum offengehalten, so wäre die geradezu wunderbare historische Tatsache der ewigen Selbsterneuerung, Fortentwicklung, ja, soweit notwendig, Selb sit beri.chti g u n g der Thora im Derech Erez-Welt im Strome der wechselnden Zeitentwicklung niemals möglich geworden! Aehnlich steht es mit dem zweiten halachischen Gesichtspunkt, dem Schutz vor demrnj,a Als Rabb. Hirsch auftrat, waren die Dinge soweit gediehen, daß eine weitere hermetische Absperrung der Jugend von der wissenschaftlichen Kultur der Zeit nicht nur praktisch meist unmöglich war, sondern daß:jgerade der Versuch einer solchen Absperrung auch - psychologisch ein ungestörtes,: jahrelang auf sich selbst konzentriertes mwn "JlöVfür die besten und frömmsten Elemente unvollziehbar gemacht hätte. Die innere Angst vor dem Gespenst einer dicht vor den Toren des Beshamedrasch lauernden, in ihrem Wesen unbekannten, allen religiösen Glauben aber sicherlich vernichtenden ,.Wissenschaft" mußte in jenen Tagen alle Seelenruhe der Lernenden zerstören. Eine innere Sicherheit der nniöN konnte überhaupt nur noch dadurch wiedererlangt werden, daß — in einer gewissen Arbeitsteilung — mindestens einzelne gläubige Menschen oder eine gewisse Schicht aus ihrem Kreise das Gespenst mutig anpackten und durch gründliches wissenschaftliches Studium den lähmenden Schrecken bannten, den der Größenwahn einer sich selber vergötternden materialistischen Wissenschaft um sich verbreitete. Das war — im Sinne des onij?,»ÖXV n'^nw fl» JH — die höhere. Legitimation der über das durchschnittliche akademische Brotstudium hinausgehenden wissenschaftlichen Bestrebungen, die sich im Gefolge der „Thora im Derech-Erez"-Losung im Kreise der deutschen Orthodoxie durchsetz ten, Bestrebungen, die allerdings — warum es leugnen — viele, viele Menschenopfer forder ten, die aber durch diejenigen, die die geistige Kraft und Selbständigkeit siegreicher Lieber- Windung alles ma'Ü besaßen, der Wiederherstellung einer aufrichtigen minn und Ö^öDri naiüK den Weg bahnten und die geistige Voraussetzung für eine intellektuell ehrliche Rückkehr zur m?!?'' schufen. Wir verdanken es S. R, Hirsch und der sein Werk fortentwickelnden geschichtlichen Vorsehung, daß es heute nur noch äußere, in der staatlichen Erziehungsordnung wurzelnde Schwie rigkeiten sind, die uns verhindern, das „Thora im Derech Erez-Prinzip" auf seinen im „Choreb" niedergelegten U r s i n n zu reduzieren, also durch weitgehenden Abbau der „Derech Erez"-Vielfalt die Thora wirklich in den Mittelpunkt der Bildung zu stellen, mit dem UT12 TüY? Ernst zu machen und die Verbindung mit der Kulturentwicklung nur noch durch kursorische Uebersichten über den jeweiligen Stand der Erkenntnisse und Erkenntnismethoden aufrecht zu erhalten. Gewährte der Staat Autonomie, wir könnten heute ohne Herzklopfen die Thora wieder auf den ihr zukommenden Herrscherthron im jüdischen Bildungswesen setzen. Diese Ausschaltung des zeitgeschichtlich Bedingten aus S. R. Hirschs Bildungssystem, die mit der Bloßle£ung seiner ewigen Grundlagen aller berechtigt scheinenden Kritik von rechts die Spitze abbricht, heischt aber in erhöhtem Maße Anwendung auf denjenigen Gebieten, die erst recht ganz an Zeitstimmung und herrschendes öffentliches Bewußtsein gebunden waren: denjenigen des synagogaleh Kultus und des gesellschaftlichen Lebens. Auf den Kultus hatte sich die deutsche Reform mit aller Wucht gestürzt — an das ästhetische Empfinden der jüdischen Jugend appellierte sie, wenn sie dem naturgewachsenen Chaos der alten „Judenschul" die harmonisch abgezirkelte Eleganz der neuen G'ttesdienstordmung samt Orgelklängen und Frauenchören gegenüberstellte und auf diesem Weg das Herz dieser Jugend im Sturm eroberte. Für das Regenerationswerk S. R. Hirschs, in dem es dem Kampf um das Höchste, um die Seele der Jugend galt, war daher auch hinsichtlich der Gestaltung des G'ttesdienstes die strengste halachische Selbstbesinnung Voraussetzung alles Wirkens, In der damals gegebenen geschichtlichen Situation konnte bei der Anwendung des Verbotes '"D^n üb ÜiTrijPrnV' auf den j ü - dis.chen G't t e s d i en st., ein Verbot, das die Orgel allerdings unbedingt ausschloß, jede vom l'l nicht a b s o 1 u t g e f o r d e r t e Erschwerung zu den verhängnisvollsten, zukunftgefährdenden Konsequenzen führen, eine wahre »ftp *>7>b »f)in matt! sein. Aus den Formulierungen des Pentateuch- Kommentars zu III. B, M. 18, 3 läßt sich unschwer erkennen, weshalb Hirsch daher beispielsweise Talar und Bäffchen, so stillos und unjüdisch sie uns heute in einem jüdischen G'ttesdienst erscheinen mögen, nicht als eine halachisch verbotene Nachahmung fremder kultueller Sitten betrachtete, so daß er dem Stilgefühl seiner Zeitgenossen diese Konzession ebenso ruhigen Gewissens machen konnte wie diejenige des Synagogenchors, den er immer nur als einen o r g a - nisierten Gemeindegesang, noch dazu außerhalb der eigentlichen Gebetordnung, betrachtet wissen wollte. Aber noch mehr. Das totgesagte, von der jungen emanzipierten Generation mit dumpfer Ghettoenge und zukunftloser, schönheitsfeindlicher Finsternis identifizierte Judentum der Thora vor allen Dingen wieder einmal „salonfähig" zu machen und damit erst wieder die äußeren Zugänge zur Heimat des jüdischen Geistes zu entriegeln, der die dem Aesthetizismus anheimgefallene Generation restlos verlören schien, das war die riesengroße historische Aufgabe, die S. R. Hirsch auf gesellschaftlichem Gebiete zu lösen hatte und die nicht nur den Mut der Entscheidung, sondern oft auch im Sinne des IBI^ HlXölP DUO "Uli S?üW2n 1T7 den des Schweigens erforderte. Daher zunächst einmal die bewußte Pflege anmutiger, abgerundeter Lebens-Formen, der ÖE> ^HKa na' bU? WS'**)'*' daher aber auch die duldsame, vorsichtige Zurückhaltung gegenüber den nach dem sittlichen Rigorismus des G'ttesgesetzes und der rabbinischen Lehre oft recht beanstandungswerten Verkehrsformen der Geschlechter auf dem Parkett der Salons, gegen D'WaXI 0^3 rDrwrv gegenüber rWNn ^lp> in den höheren Schulklassen bei öffentlichen Prüfungen. Daher die ebenso vorsichtige Formulierung des Musikverbotes, des tm D^lStt W ^33 piV T10K' jener rabbinischen Verfügung, die die Trauer um das verlorene G'ttesheiligtum und um die verlorene Heimat wie einen großen Schleier über die Jahrtausende des Golus breitet, im dreiunddreißigten Kapitel des Choreb: „Auch Freudengesänge und Musikergötzungen, als Genußzugabe zum Lebensgenuß, seyen beschränkt in Ja-akauws Häusern." Was wohl besagen soll, daß die nTH sich nicht auf die Erschütterung und Reinigung des Gemütslebens im Dienste der Lebensheiligung durch ernste Musik bezieht. Allerdings bedeutet es eine schwere Beleidigung des Andenkens S. R, Hirschs b"11> nun etwa — wie es manchmal geschehen ist — anzunehmen, er sei jemals so weit gegangen, die unjüdischste, heidnischste Blüte des gesellschaftlich organisierten Jezer hora, den Tanz, gutzuheißen oder auch nur als diskutabel vom Standpunkte jüdischer Sittlichkeit anzusehen. Dem widerspricht aufs schärfste das 67. Chaurew-Kapitel mit seinen gegen die „Mode" gerichteten Donnerworten und der objektiven Wiedergabe der Dinim über m*lS?n ]ö pim» Als mit dem steigenden Wohlstand und wachsenden sozialen Ehrgeiz der neu-orthodoxen „Gesellschaft" diese gedankenlose Uebersteigerung der gesellschaftlichen Anpassung Platz zu greifen begann, war S. R. Hirsch schon ein Alternder geworden und sein ganzes Interesse hatte sich dem Kampf um die Selbständigkeit der Orthodoxie zuzuwenden begonnen. Er mußte den Kampf gegen diese gesellschaftlichen Auswüchse seinem Nachfolger überlassen, der ihn denn auch erfolgreich aufnahm und dabei durchaus im Hirsch'schen Geiste handelte. Im Geiste Hirschs handelt auch die heutige Generation, wenn sie manche jener oben erwähnten, aus zeitgebundenen Rücksichten als nyiy fHOlfl geboten gewesenen Konzessionen in Kultus und Gesellschaft ablehnt, nachdem — dank der Lebensarbeit Hirschs selber — die Voraussetzungen weggefallen sind, aus denen sie geboren wurden. Es wäre töricht und sinnlos, Talar und Bäffchen oder ähnliche Dinge als Symbole Hirsch'scher Weltanschauung pietätvoll zu hüten, und man darf umgekehrt der an S. R. Hirsch gesund gewordenen jüdischen Seele unsrer Jungen und Mädchen sehr wohl wieder zumuten, zu ihrem eigenen Heile die strengeren Bindungen wieder auf sich zu nehmen, die die Weisheit und der Ernst vergangener Generationen dem Verkehr der Geschlechter untereinander und dem gesellschaftlichen Leben überhaupt auferlegt haben. VI. S. R. Hirsch und die Kabbai a. Ueber die Stellung Hirschs und seiner Weltanschauung zur Kabbala und die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Synthese beider Gedankenwelten ist in der letzten Zeit von Münk (Gola und Geulla Nr. 7) und — in der ihm

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