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Der Israelit · 1934-10-11 · Heft 41 (11.10.1934) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 41 (11.10.1934)
Date
1934-10-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 41 Der Israelit 11. Oktober 1934 Das Attentat in Marseille. Die entsetzliche Bluttat in Marseille erschüttert uns aufs Tiefste; das blutige Ereignis selbst unter speziell jüdischen Gesichtspunkten zu werten, liegt kein Anlaß vor, wohl aber verdienen es die unglücklichen Opfer des Attentats. König Alexa n d e r , der Herrscher der in Jugoslavien vereinigten Länder Kroatien, Slovenien, Dalmatien und Bosnien, war ein Mann von großer Initiative und beseelt vom Willen zur Einheit und Einigkeit aller Völker und Nationalitäten innerhalb seines Landes. Wir Juden danken es ihm heute, daß er einen Antisemitismus inseinemBereiche nicht aufkommen ließ und alle Versuche nach dieser Richtung im Keime ersticken ließ. Wiederholt hatten wir in letzterer Zeit Gelegenheit, über wohlwollende, von Freundschaft zur Bibel und dem Volke der Bibel getragene Aeußerungen König Alexanders im Gespräche mit dem Oberrabbiner von Belgrad und auch von hohen Auszeichnungen verdienter jüdischer Persönlichkeiten zu berichten. Nie hatte die jüdische Oeffentlichkeit Anlaß, auch über den geringsten Versuch einer Minderung des jüdischen Rechtes oder einer Zurücksetzung der jüdischen Konfession und Gesellschaft unter der Regierung des Königs Alexander zu klagen. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang auch die Bereitwilligkeit, mit der Jugoslavien jüdische Auswanderer aus Deutschland aufnahm und ihnen, so weit es die wirtschaftliche Lage des Landes erlaubte, die Wege zu Existenzgründung ebnete, ebenso das wohlwol- B erlin, 10. Oktober. Wie die deutsche Presse berichtet, findet in Essen ein Abtreibungs-Prozeß gegen zwei jüdische Aerzte statt. Der Staatsanwalt nahm in seinem Plädoyer, nach Meldung der „Frankfurter Zeitung", Gelegenheit, die Stellung der jüdischen Aerzteschaft in Deutschland zu erörtern. Er erklärte, daß in der Vergangenheit eine Verzerrung des Arztbegriffes eingetreten war. Aus dem ärztlichen Helfer sei der Geschäftsmann geworden. Damit sei dem Eindringen solcher Personen in den Arztberuf Vorschub geleistet worden, die weder ethisch noch rassisch dafür geeignet gewesen seien, die vielmehr im Arztberuf eine geschäftliche Angelegenheit und eine Kapitalsanlage gesehen hätten. Es könne nicht geleugnet werden, daß die wissenschaftliche und praktische Aerzteschaft schon rein zahlenmäßig durch die jüdische Rasse in Deutschland beeinflußt worden sei. Damit solle nicht bestritten werden, daß auch hervorragende wissenschaftliche Taten von Angehörigen jüdischer Rasse vollbracht worden seien. Die Frage, ob die jüdische Rassegrundsätzlich schlechter sei als die der Deutschen, könne vielleicht überhaupt nicht entschieden werden. Sicher sei die jüdische Rasse aber anders, und das beweise sie ganz besonders auf dem Gebiete der Sexualität, auf dem die jüdische Rasse den unheilvollsten Einfluß ausgeübt habe. Der Staatsanwalt berührte in diesem Zusammenhang die Lehren von Freud und Magnus Hirsch- Staatsjugendtag und Sonntag. Berlin, 6. Oktober. Bei Einrichtung des Staatsjugendtages war die Bestimmung getroffen worden, daß kein Jugendbund berechtigt sei, am Sonntag seine schulpflichtigen Angehörigen für irgend welche Veranstaltungen in Anspruch "zu nehmen. Wie die ^Frankfurter Zeitung" meldet, weist nunmehr der Reichsunterrichtsminister in einem Erlaß darauf hin, daß rein religiöse Veranstaltungen nicht unter dieses Verbot fallen. lende Entgegenkommen der im Sinne der höchsten Regierungsstellen arbeitenden jugoslavischen Behörden bei der Errichtung der bekannten bedeutsamen Hachscharahf armen in Südslavien. Mit dem tiefen aufrichtigen Schmerze über den jähen Tod des gerechten Herrschers darf man die Hoffnung verbinden, daß der von ihm gezeichnete .Kurs auch ferner in der Politik des Landes eingehalten und noch weiter ausgebaut wird. Ein Opfer des unglückseligen Geschickes ist bei dieser Gelegenheit auch der französische Außenminister B a r t h o u geworden. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Außenpolitik dieses führenden Staatsmannes in der europäischen Völkerfamilie zu werten. Aber auch in der maßgebenden deutschen Presse wird Barthou als ein Mann geschildert, der auf seine, nicht allen einleuchtende Art, stets das Große und das Gute für sein Land und die Welt wollte. Erst vor kurzem sprach er es in Genf in der Debatte über den polnischen Minderheitenrechtantrag aus: „Wir kennen bei uns keine Minderheitspolitik. Bürger ist jeder, der das Wohl und das Gedeihen des Vaterlandes im Auge hat, gleichviel welcher Nationalität, Rasse und Religion er angehört." Mögen die in Marseille gefallenen Schüsse die Welt aufrütteln und den Mächtigen der Erde vor Augen führen, was alles an Erziehungsarbeit zur Befriedung der Welt tief unten in den Volksmassen aller Länder noch zu leisten ist. fled und bemerkte, daß hier Verbrechen vorlägen, durch die etwaige gute Leistungen jüdischer Aerzte hundertmal aufgewogen würden. Hier seien auch die psychologischen Wurzeln für die Vergehen der Angeklagten zu suchen. ♦ * * Wir glauben nicht, daß die jüdische Aerzteschaft in Deutschland diese schweren öffentlichen Kränkungen ohne eine sachliche Abwehr hinnehmen sollte. Auch das Schweigen hat eine Grenze. Von u n s r e m religiösen Standpunkte aus möchten wir nur darauf hinweisen, daß alle diejenigen Wissenschaftler und Praktiker jüdischer Abstammung, die in sexuellen Fragen und insbesondere gegenüber dem unter § 218 fallenden Tatbestand, eine grundsätzlich laxe Haltung einnahmen und einnehmen, diese ihre Haltung ausschließlich der Assimilation an die westeuropäisch-arische Umwelt mit ihrer individualistischen und areligiösen Wissenschaft verdanken, nicht aber ihrem jüdischen Ursprung. Der jüdischen Anschauung gilt der Tatbestand des § 218 als Menschenmord und wer — ohne daß es galt, unmittelbare Lebensgefahr für die Mutter zu verhüten — sich einer Uebertretung auf diesem Gebiete schuldig machte, muß zuvor mit seinem J u d e n t u m völliggebrochenhaben. Wien-Haifa auf dem Landweg in vier Tagen. Wien, 4. Oktober. Nach langen Bemühungen ist es einer Wiener zionistischen Gesellschaft gelungen, mit dem Oesterreichischen Verkehrsbüro eine feste -Abmachung betreffend Herstellung einer direkten Bahnverbindung Wien-Palästina zu treffen. Es handelt sich um Sonderzüge der Orient-Expreß- Linie, die über Ungarn, Jugoslavien, Bulgarien, Türkei, Syrien und Mesopotamien in etwas mehr als vier Tagen nach Haifa geführt werden sollen. Berührt werden die Städte Budapest, Belgrad, Sofia, Adrianopel-Adana, Aleppo und Damaskus. Die Züge sollen Schlaf- und Speisewagen mit koscherer Küche führen und mit Radio-Empfangs¬ und Sendestation ausgestattet sein. Wie dem ITA-Vertreter mitgeteilt wird, kommen diese Sonderzüge auch für die Alijah von Chaluzim und Angehörigen des Mittelstandes in Betracht, da die Fahrpreise inkl. Verpflegung entsprechend billig berechnet werden. So soll die Chaluz-Fahrkarte Wien-Haifa einschl. Verpflegung 209 Schilling, ohne Verpflegung 195 Schilling kosten. Für gewöhnliche Passagiere dritter Klasse betragen die Fahrtkosten inkl. Verpflegung und Durchreisevisum 290 Schilling, für die Passagiere zweiter Klasse 460 Schilling. Der erste ,,blau-weiße Zug" soll bereits am 17r November von Wien abgehen. Es sollen auch Lasten-Sonderzüge eingerichtet werden, die die Ueberführung von hochwertigen Waren von Europa nach Palästina sowie von palästinensischen Produkten, die keinen langen Transport vertragen, z. B. Frischgemüse für Wien und andere europäische Städte bewerkstelligen. 305000 Juden in Palästina (25 Prozent) Ende 1934. Jerusalem, 5. Oktober. A. D o b k i n von der „Histadruth Haowdim'• teilt der JüdischenTelegraphe n-A g e nt u r mit, daß er auf Grund der neuesten statistischen Feststellungen und Schätzungen zu dem Schlüsse gekommen ist, daß Ende 1934 in Palästina rund 305.000 Juden leben und 25 Proz, der Gesamtbevölkerung des Landes ausmachen werden. Dobkin nimmt an, daß von Januar bis August 1934 23.000 Juden nach Palästina kamen und daß in den restlichen vier Monaten des laufenden Jahres weitere 17.000 Juden hinzugekommen sein werden. Ferner haben sich in diesem Jahre etwa 10.000 illegale Einwanderer angesiedelt. Im vorangegangenen Jahre, 1933, wanderten 10.327 Juden legal ein, ferner. 10.000 Touristen, die das Land nicht mehr verließen. Im Jahre 1932 zählte man 9553 legale Einwanderer, zu welchen 9400 illegale hinzukamen. Im Jahre 1933 vermehrte sich die jüdische Bevölkerung um 20- Proz,, 1934 werden es wohl 22 Proz. sein. Bei der Volkszählung im November 1931 zählte man 174,610 Juden und 861.200 Nichtjuden, so daß die Juden 17 Proz. der Bevölkerung ausmachten. Am 1. September 1934 machten die Juden bereits 23,2 Proz. der Bevölkerung aus (283.000 und 920.000 Nichtjuden). Ende 1934 werden sie wohl die Grenze von 300.000 überschritten haben. Aus anderen jüdischen Kreisen, die sich mit Judenstatistik in Palästina befassen, wird gegenüber der ITA. der Ansicht Ausdruck gegeben, daß Dobkins Schätzungen hinter der Wirklichkeit zurückbleiben; es seien etwa 20.000 illegal eingewanderte Juden mehr im Lande, als Dobkin annimmt, so daß die jüdische Bevölkerung Ende 1934 wohl 325.000 Seelen ausmachen werde. Dobkin weist auf die Tatsache hin, daß sich der Prozentsatz der ländlichen Siedlung gegenüber der städtischen vermindert. Bei der Volkszählung im Oktober 1922 gab es 68.800 (82 Proz.) Juden in den Städten und 14.990 (18 Proz.) auf dem Lande; im November 1931 zählte man 129.900 (74 Proz.) Juden in der Stadt; 44.710 (26 Proz.) auf dem Lande. Am 1. September 1934 schätzte man die jüdische Einwohnerschaft in den Städten auf 222.000 (78 Proz.) und in den Dörfern auf 61.000 (21,2 Proz.), Dobkin glaubt, daß bei fortschreitender Einwanderung sich das Verhältnis noch mehr zu Ungunsten der ländlichen Siedlung gestalten wird. Der Staatsanwalt in Essen über die jüdischen Aerzte.

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