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Der Israelit · 1934-10-05 · Heft 40 (5.10.1934) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 40 (5.10.1934)
Date
1934-10-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 Nr. 40 Der Israelit 5. Oktober 1934 kleinen Betsaal ist regelmäßig Samstag und Freitagabend G'ttesdienst, der nach sefcrdischem Ritus abgehalten wird. Einen Rabbiner gibt es in. ganz Spanien nicht. Die sefardischen Juden, die sich für dortige Begriffe zu den orthodoxen zählen, besuchen Samstags den G'ttesdienst, haben aber' auch sonst jedes Interesse am Judentum verloren, Sie gehen ohne Ausnahme am Sabbat ihren Geschäften nach. Es besteht heute die Möglichkeit, in Barcelona koscher zu leben. Trotzdem ist es für orthodoxe Juden nicht leicht, sich durchzusetzen, da der Samstag als Hauptgeschäftstag schwer zu umgehen ist. Dem Spanier selbst ist eine strenge 'Samstagsruhe der Juden vollkommen unbekannt. Eine solche durchzuführen, hat bisher auch noch keiner, der mit Spaniern in Geschäftsverbindung steht, den Mut aufgebracht. Zwischen den kunstvoll in Steinwänden angelegten Gräbern der spanischen Friedhöfe sieht man vereinzelt auch jüdische Namen. Erst seit ganz kurzer Zeit hat die jüdische Gemeinde von Barcelona für diesen Zweck ein Stück Land erworben. Im letzten Jahre sind wohl eine Anzahl deutscher und polnischer Juden eingewandert, die aber unter dem Druck der Verhältnisse die religiösen Belange dem Lebenskampfe untergeordnet haben. Andere wieder haben nach einer Erkundigungsreise von einer Ansiedlung in Spanien Abstand genommen, da ihnen das religiöse Leben fehlte. Außer in Barcelona besteht nur noch in Madrid die Möglichkeit, koscher zu leben und an einem am Samstag, allerdings mit großer Mühe abgehaltenen Minjan teilzunehmen.. Doch liegen hier die Verhältnisse schon viel schwieriger als in Barcelona. In allen anderen Städten wie Sevilla, Bilbao, Valencia und auch den mittleren Städten ist von Jüdischkeit keine Spur vorhanden, trotzdem hier überall Juden wohnen. Es ist überhaupt sehr schwer, sich von der Anzahl der in Spanien lebenden Juden eine rechte Vorstellung zu machen, da die ausländischen Juden von ihrem Judesein nichts wissen wollen, und die alteingesessenen Juden sich ihrer Abstammung oft gar nicht mehr bewußt sind. Zweifellos, fließt aber auch im spanischen Volke selbst noch jüdisches Blut, infolge der damals zum Christentum übergetretenen Juden. So soll der verbreitete spanische Name Lopez seinen Ursprung in dem jüdischen Namen Levi haben. Alle Versuche, das Judentum in Spanien zu fördern, sind an der Indifferentheit und Interesselosigkeit der in Spanien lebenden Juden gescheitert. Das jüdische Leben, es will nicht mehr erstarken; die jüdische Kraft, sie kommt nicht mehr. Von der orthodoxen hebräischen Presse. Von der Wochenschrift ttDTi' (hebräisches Zentralorgan der Agudas Jisröel-Weltorganisation, Warschau, Sw-Jerska 22), die wir bereits in jüngster Nummer besprochen haben, ist inzwischen auch das zweite Heft erschienen; es kann sich würdig dem ersten an die Seite reihen. Es enthält wiederum eine reiche Fülle von Aufsätzen, in. denen die führenden Männer der Aguda in der Welt Stellung zu allen das Leben bewegenden Fragen, besonders auch zu Aguda- und Erez Israel-Problemen Stellnug nehmen. Auch der feuilletonistische und Nachrichtenteil ist gut ausgebaut. Das Hebräisch ist klassisch, dabei leicht und fließend. Es sollte Ehrensache aller Agudisten der Welt sein, die Wochenschrift zu abonnieren, und wäre es auch nur, um auf diese Weise das heute so wichtige 1 eb en d i g e Hebr.äisch zu erlernen. Eine neue periodische Zeitschrift lassen die „Poale Agudas Jisroel" in Erez Jisröel unter dem Titel nny^ erscheinen, von der man nur wünschen möchte, daß sie regelmäßig fortgesetzt wird. Die leitenden Kräfte dieses Blattes sind die uns allen bekannten Jacob Landau und Benjamin Münz, die auch mit längeren programmatischen; Aufsätzen vertreten sind. Die Nummer enthält außerdem, auch noch einen Aufruf zur Einigkeit von Rabbi' Jonathan H o r o v i c z , Artikel von Dr. Jakob S e g a 1, D. M> Schwarz, Benzion B ermann, S. Geis 'ii, a. Die Glossen zu den laufenden Geschehnissen unter dem Titel o'3D D'3s b& sind polemisch'gehalten und atmen; jugendliche Kraft und Frische. Auch dieses Blatt sollte in keinem Vereine-und in' keinem Hause fehlen, wo ein Interesse für die hebräische Sprache und die Erez Jisroel-Probleme lebendig ist. Es ist zu erhalten in Tel Awiw, Allenbystreet 125. Aus der Geschichte einer Landgemeinde- Von Heinrich Einstädter. I. Alexander Thal nahm innerhalb der jüdischen Gemeinde Brücken eine Sonderstellung ein, und obwohl sich im Laufe der Jahre sein Verhältnis zu den anderen Gemeindemitgliedern wesentlich veränderte, so blieb seine Stellung trotzdem :— eine Sonderstellung. Er stammte nicht aus der Umgebung des Dorfes. In einer fremden Stadt hatte er seine Frau, die dort nach dem Tode ihrer Eltern einige Zeit bei ihren Verwandten lebte, kennen gelernt und* war ihr in ihre Heimat gefolgt, woselbst er ihr väterliches Erbteil antrat, das aus einer' ansehnlichen Liegenschaft nebst Aeckern und Wiesen bestand- Wie sein verstorbener Schwiegervater betrieb er zuerst in dem Wöhnhause einen kleinen Warenhandel. Aber schon nach einem Jahre gab er ihn auf und wandte sich mehr der Viehzucht zu. Er schaffte sich eine Anzahl Schweizer Kühe an, kaufte mehrere gute Wiesen und eröffnete eine Molkerei, deren Betrieb er in seiner Jugend gründlich erlernt hatte. Diese Abweichung von dem Beruf seiner Religionsgenossen, die meist Vieh- und Warenhandel trieben, war die erste Ursache zu einer gewissen Entfremdung, Man hatte es nicht an allerlei gutgemeinten Ratschlägen und eindringlichen Warnungen fehlen lassen. Warum sollte Thal neue Wege einschlagen? Die Gemeindemitglieder hatten es sich nach dem Ableben seiner Schwiegereltern sehr angelegen sein lassen, den Vormündern der verwaisten Tochter bei der Verpachtung ihrer Grundstücke beizustehen, und sie begriffen nicht, warum Thal die Verträge kündigte, um selbst die Bewirtschaftung - zu übernehmen. Und wenn auch der neue Besitzer jeden Rat dankbar entgegennahm und einer Erörterung nicht auswich, so merkte-man doch bald, daß er nicht geneigt war, sich auf fremde Hilfe zu verlassen, sondern daß er fest und sicher nach seinen Grundsätzen und Ueberlegungen handelte. So kam es, daß man es schließlich vermied, dem Manns in seine Angelegenheiten „dreinzureden". Es* erhielt den Ruf eines eigensinnigen Menschen, der erst durch Schaden lernen werde, und man prophezeite seinen Unternehmungen ein schlechtes Ende. Aber es kam anders. Die Bauern erkannten zuerst, daß Thal die Landwirtschaft verstand, und es fand ihren Beifall, daß er und seine Frau sich nicht scheuten, überall selbst fleißig mit. Hand anzulegen. Die Molkerei bot armen Leuten dauernde Arbeitsplätze, und die erzeugten Waren, Butter und Käse, fanden infolge ihrer Güte reichlichen Absatz. Diese Entwicklung wurde von den meisten Gemeindemitgliedern ohne Neid und Mißgunst beobachtet. Sie waren weit entfernt davon, ihrem Genossen Leid und Sorge zu wünschen. Aber sie empfanden ein gewisses Mißbehagen darüber, daß er ihrer Hilfe und ihres Beistandes so ganz entraten konnte. Man muß in die Herzen solcher Menschen blicken können, um zu verstehen, daß es manchen wirklich leid tat, nicht in die Lage gekommen zu sein, an dem Kinde ihrer verstorbenen Freunde durch Rat und Hilfe zu zeigen, daß ihre Freundschaft noch über das Grab hinaus bestand. Und nun kam hinzu, daß „der Fremde" auch sonst „anders" war als sie. Ursprünglich hatte die Absicht bestanden, dem neuen Gemeindemitglied in der Synagoge den Ehrenplatz anzuweisen, den sein Schwiegervater als einer der Aeltesten in der Gemeinde eingenommen hatte. Aber nachdem sich Thal etwas abseits und fremd hielt, war man davon abgekommen und hätte ihn „unten" angereiht, allerdings nicht ohne den Widerspruch einiger älterer Leute, die schon bemerkt hatten, daß das neue Mitglied aus guter Familie stammte und „etwas lernen konnte".' Mit einiger Spannung erwarteten einige der Drahtzieher den Einspruch des Fremden. Aber sie warteten vergeblich. Ruhig und freundlich nahm Thal von dem ihm zugewiesenen Platze Besitz, und bei jedem G'ttesdienst fand er sich vor Anfang auf ihm ein. Auch war ihm nichts anzumerken, wenn ihn dieser oder jener Vorsteher bei der Vergebung der Ehrenverrichtungen etwas zurücksetzte. Er bedankte sich stets mit der geichen Höflichkeit und war vollkommen unzugänglich den Zuflüsterungen eines Menschen, der ihn auf beabsichtigte oder unbeabsichtigte Verstöße gegen ihn aufmerksam machen wollte, um ihn dadurch zu Protesten aufzureizen. Gegen Ende des Jahres kam dann die Gemeindeversammlung, die als die wichtigste galt, weil'sie die Neuwahl des Vorstandes und der Steuerkommission zur Tagesordnung hatte, und wochenlang wurde vorher in größeren und kleineren Zirkeln darüber beratschlagt, wie man sich' verhalten sollte. Thal nahmi an diesen Beratungen, die in der Regel vor der Synagoge c stattfanden, nicht teil. Er liebte esi' "einige Minuten vor Beginn des G'ttesdienstes ruhig auf seinem Platze < zu sitzen und sich zu sammeln, so wie> es die früheren Frommen schon getan hatten. An der bevorstehenden Wahl hatte er schon aus dem Grunde kein Interesse, weil er die einzelnen Persönlichkeiten noch nicht genauer kannte, und da er wußte, daß es bei derartigen Versammlungen leicht zu Zusammenstößen kommt, blieb er der Wahl fern. Das hatte man noch verstehen können. Ganz erstaunt war man aber, als später die Schätzungen der. Steuerkommission veröffentlicht wurden und Thal auch bei der Versammlung nicht erschien, die über die Einsprüche entscheiden sollte. Er hatte sich damit jeden Widerspruchs gegen die Höhe der Veranlagung begeben, obwohl mehrere Herren eine Ursache dazu als vorliegend betrachteten. „Ich zahle gern meinen Beitrag zur Erhaltung der Gemeinde,"- äußerte Thal auf eine Vorhaltung, „und ich bin davon!'überzeugt, daß die Herren, die das Vertrauen der ^Gemeinde in die Kommission berufen hat, nach ihrem Gewissen .entscheiden.1' ',1 . Ein stilles Kopfschütteln war die. Antwort.. Doch als man sah, (daß Thal auch fernerhin von seinen Grundsätzen nicht abging, als man beobachtete, in welch großzügiger und vornehmer Weise er „Zedoko" gab und wie er es vermied, über irgend, jemand etwas Ungünstiges zu sprechen (Löschön horaT und' sich an Witzeleien und dem so beliebten" „Aufziehen" zu beteiligen, das nahe an Spott und Kränkung grenzte, da ging man dazu über, die Achtung, die man'.vor. dem neuen Mitglieds empfand, auch offen zu - bekunden. ' '' -:. 11 ' . ■ Mit diesem Zeitpunkte begann die stille und unbewußte Erziehertätigkeit. Thals an seiner Gemeinde. Die Ehrenämter, die man ihm anbot, lehnte ev ab, aber zur Hilfe war er überall bereit. Die übrigen Mitglieder, die ihm nicht nachstehen wollten, nahmen sich ein Beispiel an ihm, und wenn auch von ihrer Seite manche gute Tat zuerst mit innerem Widerstreben oder wenigstens nicht mit rechter Freudigkeit geübt wurde, so erkannten sie doch bald den Segen solcher Handlungen, und es entstand mit der Zeit ein edler Wetteifer auf dem Gebiete der gemeindlichen Betätigung. Ein schöner Zusammenhalt bei Freud und Leid bestand schofl von jeher in der Gemeinde, mußte also nicht erst herbeigeführt werden. Durch Thal wurde jetzt dem Althergebrachten und gewohnheitsgemäß Geübten wieder Inhalt und Würde gegeben. Er besaß das Verständnis, das den Geist der Gebräuche erkennt, und die Gründlichkeit, die verlangt, bei jeder Uebung die Kenntnis des Grundes zu erstreben, bei jedem Gebet den Inhalt zu erschließen. Ohne falsche Scham wandten sich alte und junge Männer an ihn um Aufschluß, und in freundlicher, bescheidener Weise beantwortete er jede Frage. So wuchs in der Gemeinde das Bestreben nach geisterfüllter Betätigung der religiösen Gebote. Gern vermehrte der Lehrer zu diesem Zwecke die Zahl-seiner Schiurim, und der Erfolg zeigte sich zuerst in einer würdigeren Ausführung der so mannigfachen Verrichtungen, die sich im Räume zwischen Geburt und Heimgang des Einzelnen als Ausdruck der lebendigen Anteilnahme der Gesamtheit ergeben. Diese Wandlung vollzog sich still und fast Unbewußt, und das bewirkte eine seelische 'Verschmelzung des Gemeindeltörpers. Es wurden nie große Worte darüber gesprochen, selten Verdienste des Einzelnen hervorgehoben. Desto stärker wurde die Einigkeit in der Gemeinde; es kam überhaupt kaum mehr zu Zwistigkeiten oder gar Feindschaften. Einer der Ersten, die das Gute an dem neuen Gemeindemitgliede entdeckt hatten, war der Lehrer gewesen. Da er den wirtschaftlichen und geldlichen Angelegenheiten, die anfangs trennend zwischen jenen und die Eingesessenen getreten waren, ferner stand, besaß er einen freieren Blick für die geistigen Vorzüge Thals. Als er entdeckt hatte, daß er im Hebräischen nicht unbewandert war, so lud er ihn ein, mit ihm gemeinsam Raschis Erklärung zur laufenden Sidra zu lernen. Alltäglich setzten sich die beiden Männer eine Viertelstunde vor' Beginn des G'ttesdienstes in der Synagoge zusammen und vertieften sich in die in so knappem Stile gehaltenen und doch so tief durchdachten Erläuterungen. Da kam nun bald der, bald jener frühe Synagogenbesucher und hörte zu. Das Interesse wuchs. Man fand es wirklich anziehend,, wenn gefragt wurde: „Was will hier Raschi eigentlich erklären? Welche Unklarheit im Text veranlaßt ihn dazu?" Und wenn es sich aus Rede und Gegenrede oder durch"" Zuhilfenahme eines zweiten Kommentars herausstellte, daß wirklich der Gelehrte, tiefer blickend, ein Rätsel entdeckt hatte, das vielleicht Hunderten verborgen geblieben wäre, und daß" er eine Lösung gefunden, die so klar und so einleuchtend war, da kam manchem Zuhörer der Gedanke: „Das ist eigentlich gar nicht so schwer. Obich das nicht auch lernen könnte!" Es fanden sich nach und nach Leute regelmäßig, mit einem Raschi- Ohumisch versehen, ein, und aus diesen „Zaungästen" wurden mit der Zeit eifrig mitarbeitende Teilnehmer eines neuen Raschi-Schiurs. .i>:>ib:i; Im WinSter, der. für das. „Lernen" "die meiste Zeit bot, wurden zwei neue Schiurim gegründet: Mischnajoth und Chaje Odom, und: der Lehrer bot Thal anr die Leitung des ,efnen zu übernehmen. Gern folgte Thal dieser''Aufforderung. Er"-.gewann anhängliche Schüler und gute Freunde. Docli. blieb sich jeder des Abstandes von ihm bewußt, und es kam nicht zu Duz-Freundschaften, obwohl unter den Leuten des Dorfes das „Du" in der Anrede gebräuchlich war. Ohne daß Thal des Stolzes zu zeihen gewesen wäre, wurde ihm hierin allgemein eine Sonderstellung zuerkannt. Die .Jahre flössen dahin, und aus dem zugezogenen jungen" Manne wurde ein bejahrter Familienvater, dessen stille, fromme und gesegnete Wirksamkeit im größeren Umkreis des Dorf es . rühmlich bekannt geworden war. Er hatte, es verstanden, der Gemeinde Brücken den Ruf einer Mustergemeinde zu verschaffen. Nicht allein alle Einrichtungen, die hierzu gehörten, waren vorhanden, sondern Thal hatte auch Kräfte herangezogen, die in der Lage waren, die Aemter der Vorsteher, der Schiurleiter und der Hilfsvorbeter zu bekleiden. Das blühende Gemeindewesen, dier feste Zusammenhalt und das Ansehen, 'das;.die Juden untefc; ihren Mitbürgern genossen, setzten der

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