Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-10-05 · Heft 40 (5.10.1934) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 40 (5.10.1934)
Date
1934-10-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450845--80755-2538622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Brief ohne Gruß. Ein Bild aus der Zeit. Von Saul Maus, Die alte Frau Friedmann, die seit vorigem Jahre allein geblieben ist und zwei kleine Dachzimmer des Hauses bewohnt, das noch vor kurzem ihren Kindern gehörte, erhielt nach langer Unterbrechung einen Brief von ihrer Tochter aus dem Auslande. Mit bebenden Händen erbrach sie den Umschlag und las: Liebe Mutter, uns geht es wieder gut. Die Kinder haben die Gefahr gut überstanden. Luischen hat kein Fieber mehr und wir hoffen, daß sie bald wieder zu Hause sein wird. Der Arzt sagt, sie hätte sich diese Krankheit durch den Luitwechsel geholt. Auch Dora wird nach einigen Tagen aus dem Krankenhause entlassen. Die Operation verlief diesmal sehr gut, das Beinchen mußte zweimal gebrochen werden. Emil und ich standen auf dem Hofe und hörten aus dem Operationssaal im andern Flügel die Schreie des Kindes. Du kannst Dir denken, wie es uns zumute war. Unsere armen Kinder.' Wir sind glücklich, wenn wir diese schreckliche Zeit bald hinter uns haben. Unsere Freude war unermeß- 1 lieh, als Wir gestern nach mehreren Wochen I Luischen zum erstenmal wieder durch dag Fen- I ster sehen konnten. Sie sieht zwar noch sehr schlecht aus, aber der Arzt meint, daß es schon gut gehen würde. Wir weinten beide vor Freude, als wir vom Arzt hörten, daß die Operation gut verlaufen sei. Wenn das Kind jetzt nur richtig gehen kann! Wir können G'tt danken, daß wir 1 mit dem Schrecken davonkamen! Die Stadt ist sehr schön, besonders abends bei dem hellen Lampenlicht! Da ist man einfach geblendet. Es gefällt uns hier überaus gut, doch möchten wir hier auf die Dauer nicht wohnen. Besonders ist es Emil, der Heimweh hat. Und das kann man ja sehr gut verstehen, wenn man bedenkt, daß wir über dreißig Jahre an einem FlatZ gewohnt haben und daß Emil fünfundzwanzig Jahre kreuz und quer durch Deutschland reiste, ohne nur ein einziges Mal über die Grenze zu kommen. Aber wir sind doch nicht allein hier und kommen mit vielen Bekannten zusammen. Das Schlimmste ist, daß man bei der Behörde auf so große Schwierigkeiten stößt, wenn man sich niederlassen will. Manchmal scheint es, daß wir trotz aller Mühe doch von hier fort müssen. Und man weiß nicht einmal, ob man sich darüber freuen oder traurig sein soll ... Unsere Zimmer stehen noch leer, weil wir von der hiesigen Behörde immer noch nicht die Erlaubnis erhielten, die zurückgelassenen Möbel einzuführen. Vorläufig, liebe Mutter, laß sie also bei dem Spediteur und ich bitte Dich, einige von den Brocken, die Du verwahrst, zu verkaufen und dem Spediteur das Lagergeld für die letzten Monate zu zahlen. Die Sachen werden WOhl im Möbelwagen unter freiem Himmel nach so langer Zeit nicht schöner geworden sein, aber immerhin freut es einen doch, wenn man weiß, daß man - noch einige Sachen irgendwo wenigstens stehen hat. Außerdem ist es auch ganz gut, daß ich die Möbel gerade jetzt nicht im Hause habe, weil ich sowieso für die Putzerei keine Zeit und Geduld hätte. Vorläufig geht es um Arbeit! Der größte V&'unsch Emils ist, wieder einmal etwas zu verdienen. Er tut ja auch alles Mögliche.' Emil und ich schichten nämlich um! Wir lernen Hosen nähen. Das ist ganz leicht. Man muß sich bloß von früh morgens bis spät abends daranhalten, um die Miete und das Essen zu verdienen. Aber es ist doch eine Abwechslung im Leben, und wir sind glücklich, wenn wir zu tun haben. Die andern habens auch nicht leichter. Uebrigens kann ich Dir noch eine fröhliche Mitteilung machen: Die Frau Dr. Mendels, die Du immer so hübsch fandest, hat ihre Stellung als Hausangestellte aufgegeben, weil der Mann einen Posten in einem Krankenhause in Kanada erhalten hat. Sie werden wahrscheinlich schon in den nächsten Tagen fortreisen. Na, sie können auch ein Liedchen singen! Ohne das Hilfskomitee wäre es noch tausendmal schlimmer gewesen, Sie hatten kaum einen Platz, ihren Kopf hinzulegen. Aber Du kennst ihn ja, er hat immer den neuesten Witz zu erzählen. Wir konnten noch so bedrückt sein, wenn wir uns manchmal abends mit den andern trafen, sofort, wenn er hereinkam, mußten wir lachen. Es ist sehr schade, daß sie wegfahren und dazu noch so weit. Aber was tut man nicht alles der Arbeit wegen! Diesen Brief schreibe ich zwischen den offenen Koffern mit den nötigsten Sachen und dem andern Gepäck, das noch immer unaufgeschnürt in der Zimmerecke liegt, einfach aus dem Grunde, weil wir den Schrank nicht haben, um die Sachen unterzubringen. Der große Koffer dient als Tisch und die kleinen sind unsere Stühle, Das macht aber nichts. Wir haben uns den neuen Verhältnissen so gut angepaßt, daß wir es selbst nicht glauben. Man unterschätzt sich doch immer und weiß gar nicht, was man alles fertigbringen kann. Aber, liebe Mutter, das Eine bleibt immer. Dieses große Leid trage ich mit mir herum im Verborgenen- Ich suche es zu verstecken vor allen, besonders vor Emil, Ich bin jetzt ganz allein in der Wohnung und habe eine so große Lust, mein Herz vor Dir auszuschütten. Ich sehe Dich jetzt vor Augen und indem ich diese Worte niederschreibe, spreche ich mit Dir und fühle, wie Du mit mir leidest und mein armes, gebrochenes Herz beruhigst. Gerade jetzt ist es mir so schrecklich schwer ums Herz, daß ich mich vor Dir niederwerfen und Dich fragen möchte: Wodurch habe ich mich versündigt? Warum bin ich SO schwer gestraft worden? Wie und wen soll ich um Verzeihung bitten? Wem habe ich etwas getan? Bitte Du für mich, teure Mutter, vielleicht erbarmt sich G'tt meiner und lindert meinen großen Schmerz. Ich bewundere Emil, wie er so ganz in seiner Sorge um uns aufgehen kann. Er weiß nicht, wie glücklich er dadurch ist. Ich bewundere und beneide ihn um seine große Vergeßlichkeit. Doch manchmal scheint es mir, daß er sich nur so geschickt vor mir und uns verstellt. Ich kann gar nicht dahinter kommen und scheue mich merken .zu lassen, daß ich ihn beobachte und daß ich so großes Leid in mir trage. Tag und Nacht, hinter all meinem Tun im Wachen und hinter all meinen Träumen sehe ich meine Hanna, meine geliebte einzige Tochter. Nun ist es mir nicht einmal vergönnt, an ihr Grab zu gehen. Uebermorgen wird es drei Jahre, daß sie tot ist. Gehe an das Grab, liebe Mutter — und weine auch für mich ... Ich muß unterbrechen . . . Die alte Witwe Amalie Friedmann hatte schon einigemal die Brille auf der Nase hin- und hergeschoben, weil ihr die Schrift immer versenwommener vorkam und besonders die letzten Zeilen fast unleserlich waren: die Buchstaben schwanktn hin und her und schienen förmlich zu zittern. Von der Arbeit des Lesens stark in Anspruch genommen, sagte sie dann träumend vor sich hin: „Endlich einmal wieder ein Lebenszeichen! G'tt sei Dank, daß es den Kindern besser geht! Aber ohne einen Gruß . . ." Barcelona heute. Von H. Weinberg in Fulda. Wenn der glutheiße Tag sich seinem Ende naht, liegt unheimliche Stille über Barcelona und dem welligen katalonischen Land. Von den benachbarten Bergen schweift der Blick über die weite, ruhende Stadt und die silbernblau glänzende Meeresfläche. Das von der Küste terrassenförmig ansteigende Barcelona ist zum größten Teil erst in neuester Zeit entstanden. Die breiten, sich rechtwinklig schneidenden Straßen verraten nichts mehr von alter Geschichte und Vergangenheit, Nur ein verhältnismäßig kleiner Teil, der sich von der prächtigen Neustadt armselig abhebt, zieht sich als eine der ältesten spanischen Siedlungen die Küste entlang. Und gerade in diesen engen und schmutzigen Gassen sucht das jüdische Auge nach alten Ueberbleibseln und wehmütigen Erinnerungen; aber es sucht vergeblich. Hier, wo vor 400 Jahren ein starkes jüdisches Leben pulsierte, wo große jüdische "Männer für ihren Glauben lebten und litten, ist nichts mehr übrig geblieben als nur einige alte, baufällige Häuschen, die, kaum erkennbar, an ihrem Eingang die Stelle der Mesusah aufweisen. Weder ein einziger Grabstein noch ein Bethaus zeugen von jüdischem Ruhm und jüdischer Größe. Vor Jahren sollen einige mit hebräischen Inschriften versehene Steine in eines der vielen Museen Barcelonas gebracht worden sein. Aber auch sie sind in keinem Museum aufzufinden. Man erzählt sich, daß unterhalb der Kathedrale ein von der spanischen Geistlichkeit ständig verschlossener Kellerraum noch die deutlichen Spuren einer alten Synagoge aufweise. Ist es Phantasie oder Wirklichkeit — man weiß es nicht, Außerhalb der Stadt erinnern noch einige Berghöhlen und unterirdische Gänge an einstigen Heldenmut und Glaubenskampf. Ein steiler Felsen, vom Volke Montjuioh, d. h. Judenberg, genannt, ' erhebt sich weit draußen am Meer. Es geht die Sage, daß hier einst hunderte von jüdischen Seelen ihre letzten Gebete inbrünstig zum Himmel schrieen, bevor sie, von den Inquisitions— richtern in die Tiefe hinabgestürzt, in den Wellen versanken. Und wie in Barcelona, so ist im ganzen übrigen Spanien alles an eine stolze jüdische Vergangenheit Erinnernde vom Erdboden verschwunden. Nur die alte, ehrwürdige Synagoge von Toledo, die in noch ziemlich erhaltenem Zustand der öffentlichen Besichtigung freisteht, kündet als einziges Denkmal von früherer jüdischer Blüte. Aber auch die jüdische Kraft und der jüdische Impuls von einst sind geschwunden. Die gebildete Schicht sowie die Geistlichkeit sucht alles das, was sich in der jüdischspanischen Geschichte abgespielt hat, zu vertuschen. Es ist fast xmmöglich, mit einem Spanier über diese Dinge ins Gespräch zu kommen, Immer wieder wird er diesem Thema mit großer Geschicklichkeit auszuweichen verstehen. Dagegen ist in der Masse des Volkes nichts vorhanden von einer Kenntnis der spanischen Geschichte. Das Wort Judio (Jude), das wohl unserem Teufel entspricht, ist der Inbegriff des Bösen. In seiner Phantasie stellt sich das gewöhnliche Volk unter dem judio die furchtbarsten Gestalten, wie Menschen mit Hörnern, vor. Und gibt man sich als Jude zu erkennen, so wird man bewundert, aber auch bemitleidet. Noch glimmt, allerdings nur in den niederen Kreisen des spanischen Volkes, unbewußt ein Funke des Abscheus gegen den Begriff des Juden, Auf der einen Seite wohlbewußtes Vertuschen der jüdisch-spanischen Geschichte, auf der anderen Seite grenzenlose Phantasie. Der bessere, gebildete Spanier kennt selbstverständlich keinerlei Konfessionsgegensätze und ist dem Juden in jeder Weise wohlgesinnt. Beim Betrachten der heutigen, seit Jahren wieder eingewanderten Juden muß jeder zu der Feststellung kommen, daß ein starker Assimilationsprozeß vor sich geht. Unter der beträchtlichen Anzahl ausländischer Juden befinden sich in erster Linie Deutsche, die dem Judentum ganz entfremdet sind und ihr Judesem teilweise sogar dem spanischen Volk gegenüber zu verbergen suchen. Jegliches Interesse an religiösen Einrichtungen ist ihnen entgangen. So kommt es, daß trotz einer genügenden Anzahl, von Juden bis vor einigen Jahren in ganz Spanien keine einzige jüdische Gemeinde bestand. Einige alteingesessene sefardische Juden, die wohl schon vor langer Zeit aus Nordafrika (Marokko) wieder eingewandert sind, haben vor etwa 6—7 Jahren in Barcelona seit Jahrhunderten die erste jüdische Gemeinde Spaniens wieder ins Leben gerufen. In einem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.