Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1934)
- Date
- 1934-10-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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5. Oktober 1934 Der Israelit Nr. 40 Seite 9 fen, dann nicht zuletzt zum Segen der ganzen I Menschheit, denn sein Wirken ist überall ein zer setzendes." Heldengedenkfeier an den Gräbern der jüdischen Kriegsgefallenen von Tilsit. Tilsit, 21. Sept An den Gräbern der am 12. September 1914 für die Befreiung der Stadt Tilsit gefallenen jüdi sehen Soldaten fand eine vom Reichsbund jü discher Frontsoldaten veranstaltete Gedenkfeier statt, bei der Rabbiner Dr. R ö s e 1 an die Begeiste rung erinnerte, mit der vor 20 Jahren der Retter der Stadt, Generalfeldmarschall von Hindenburg, von Tilsits Bevölkerung begrüßt wurde. Im Auftrag des Oberbürgermeisters Dr. Mix, legte der zweite. Vorsitzende der Tilsiter Ortsgruppe des RjF.j R.-A. Dr. Hugo Ehrlich, mit einer kurzen Ansprache Blu mensträuße an den Gräbern der jüdischen Kriegsge fallenen nieder. Anläßlich der Befreiungsfeier der Stadt Tilsit vom russischen Joch wurden auch einige jüdische Mitkämpfer, die der Einladung der Stadt gefolgt waren, mit der von der Stadt gestifteten Befreiungs-Plakette ausgezeichnet. Schweiz. Vorläufiger Verzicht Polens auf Abstimmung über die Verallgemeinerung des Minderheitenschutzes. Genf, 21. Sept. Bei der am 21. September fortgesetzten Aussprache in der 6. Kommission des Völkerbundes über den Antrag Polens, die Minderheitenschutzbestimmungen auf alle europäischen Staaten auszudehnen, brachten .die Vertreter der Großmächte England, Frankreich und Italien, wie aus den Tageszeitungen bereits bekannt, ihre Stellungnahme zu dem polnischen Vorschlag zur Kenntnis und lehnten die Verallgemeinerung der Verträge ab, da diese unter Berücksichtigung bestimmter Verhältnisse in den neugeschaffenen Staaten geschlossen worden seien und deshalb nicht ohne weiteres auf andere Staaten und Verhältnisse übertragen werden könnten;" Eine Abänderung der Verträge und des in ihnen vorgesehenen Verfahrens sei mit Zustimmung der Mehrheit des Völkerbundsrates möglich. Daraufhin erklärte der Vertreter Polens, Graf Raczynski, nachdem er sich telefonisch mit dem polnischen Außenminister Oberst Beck in Verbindung gesetzt hatte, Polen verzichte auf die Abstimmung über seinen Antrag, halte aber an seiner Forderung nach Verallgemeinerung des Minderheitenschutzes weiterhin fest. (Siehe auch Wochenrundschau.) Oesterreich. Die konfessionelle Schulpolitik in Oesterreich. Wien, 23. Sept. Die jüdische Bevölkerung Wiens steht unter dem Eindruck des Regierungserlasses über die konfessionelle Klasseneinteilung in den österreichischen Mittelschulen. Schon im Juni konnte gemeldet werden, daß die Absicht bestehe, in den Mittelschulen eine Trennung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schülern vorzunehmen. Da diese Nachricht jedoch in jüdischen Kreisen Befremden hervorgerufen hatte, wurde der ursprüngliche Plan geändert und zunächst eine Trennung zwischen Katholiken und Nichtkatholiken ins Auge gefaßt. Aber auch diese Absicht wurde vorerst geheimgehalten, so daß sogar der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde, der in dieser Angelegenheit am 20. Juni bei dem damaligen Kultusminister und gegenwärtigen Bundeskanzler Dr. Schuschnigg vorgesprochen hatte, nach dieser Aussprache überzeugt war, daß diese Absicht fallengelassen wurde. Um so größer war die Ueberraschung, als man nach Wiedereröffnung der Schulen wahrnehmen mußte, daß die Schulleitungen, und zwar nicht nur der Mittelschulen, sondern auch der Volks- und Hauptschulen, die konfessionelle Klassenteilung doch vornahmen, und das Erstaunen stieg noch mehr, als in den letzten Tagen ein Regierungserlaß vom — 4. Juli bekannt wurde, »der bis zum 15. September zurückgehalten worden war und in dem die konfessionelle Trennung der Klassen angeordnet wird. Die Woche. München. Die Jüdische Gemeinde in Floß bei Weiden in der Oberpfalz (Bayern) besteht nun 250 Jahre. Am 2. Oktober 1864 ließen sich dort vier Juden mit Genehmigung der zuständigen Behörde nieder. Die Gemeinde vermehrte sich im Laufe der Jahrhunderte stark. Durch Abwanderung am Ende des 19. Jahrhunderts ist sie jedoch zu einer Kleingemeinde geworden, die heute dem Bezirksrabbinat Regensburg angeschlossen ist. Stuttgart. Im Städtischen Strandbad in Heilbronn ist Juden, wie ein Plakat bekanntgibt, das Betreten des Bades verboten worden. Münster. Die Synagoge in Buer (Westfalen) ist erheblich beschädigt worden. Ueber die Hälfte der Fensterscheiben wurden zerbrochen, und das Innere des G'tWshauses durch Steine, Unrat und dergl. verunreinigt. Würzburg. Wie aus Pressemeldungen hervorgeht, hat die Stadtverwaltung in Wertheim unter den an Ortseingängen angebrachten Schriftbändern, die zum Besuch der Michaelismesse auffordern, den Satz anbringen lassen: „Juden sind in Wertheim unerwünscht." Von einer gleichartigen Maßnahme wird auch aus Tauberb i s c h o f s h e i m berichtet. Genf. Im Zusammenhang mit den Plänen, ein internationales Zentrum des Islam in Genf zu begründen, hat das Organisationskomitee beschlossen, die Vertreter der muselmanischen Gemeinden und Kolonien Europas für Anfang Oktober nach Genf einzuberufen. Budapest. Als verantwortlicher Redakteur des antisemitischen Wochenblattes „Nemzet szava", das im Januar einen besonders hetzerischen. Artikel gegen die jüdische Bevölkerung veröffentlicht hat, wurde vom Budapester Strafgerichtshof der Führer der ungarischen Pfeilkreuzler-Partei, Reichstagsabgeordneter Zoltan M e s k o , wegen Aufreizung zu Konfessionshaß zu vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt. Warschau. Die Polizei kam auf die Spuren einer nationalradikalen antisemitischen Geheimorganisation, die Terrorakte plante. Alle Mitglieder sind verhaftet. — In Gdingen haben sich mehrere jüdische junge Leute zu einer Ausbildungsgemeinschaft zusammengeschlossen, die den Namen „Gordonia" führt und die Ausbildung ihrer Mitglieder zu Seeleuten und Hafenarbeitern zwecks späterer Ausübung dieser Berufe in Palästina zum Ziele hat. Dubno. Im Alter von 109 Jahren ist in Dubno der dortige Rabbiner, Rabbi Mendel Rosenfeldgestorben. Rabbiner Rosenfeld, der sich unter der jüdischen Bevölkerung Dubnos großer Beliebtheit erfreute, hatte das Amt des Stadtrabbiners 60 Jahre lang verwaltet. Lemberg. Die Judenausschreitungen am 23. September in Lemberg haben nachträglich ein Todesopfer gefordert und zwar ist die Frau des Lebensmittelhändlers Deischfeld, dessen Geschäft von antisemitischen Horden überfallen und in Brand gesteckt worden war, im Krankenhause infolge der erlittenen Brandwunden gestorben. Krakau. In der westgalizischen Stadt Jaslo äscherte eine Feuersbrunst auch die Synagoge, die aus dem 12. Jahrhundert stammte und somit die älteste Synagoge Westgaliziens war, ein. Bukarest. In Bodsany kam es bei einem Versuche antisemitischer Horden, in das Judenviertel einzudringen, zu einem heftigen Zusammenstoß mit der Gendarmerie, so daß es auf beiden Seiten zahlreiche Verletzte gab, Die Demonstration fand im Anschluß an eine von der „Antisemitischen Liga" einberufenen Bauernversammlung statt. London. Das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, Berl Locker, hat bei einem Autounfall leichte Verletzungen davongetragen und mußte für einige Tage ins Krankenhaus gebracht werden. Haifa. Hier ist ein Transport von 386 jemenitischen Einwanderern eingetroffen. Jerusalem. Wie die „Neue Freie Presse" meldet, haben geologische Untersuchungen das Vorhandensein von Roh-Oel in der Gegend von Beer T u w i a ergeben. Für die Anlegung artesischer Brunnen ist eine besondere Genehmigung der Regierung erforderlich. New York. Die Eröffnung des Staatsparlaments von Pennsylvania, die ursprünglich auf den 10. September festgesetzt war, hat erst am 12. September, dem Tag nach Rosch Haschanah, stattgefunden. Die Verlegung der Eröffnung war vom Staatsgouverneur Gifford Pinchot als Zeichen der Achtung vor den religiösen Gefühlen der jüdischen Staatsbürger verfügt worden. Wien, 27. Sept. In dem Erlaß des Bildungsministeriums wird „auf Grund schulpraktischer Erwägungen" verfügt, daß bei Teilung von Klassen in Parallelzüge in Hinkunft so vorgegangen werde, daß die nichtkatholischen Schüler in je einer Klassenabteilung vereint und nicht mehr in zwei oder alle Parallelzüge einer Klasse aufgeteilt werden. Diese Vorschrift wird in der Praxis noch dadurch verschärft, daß in Wirklichkeit nicht eine Teilung zwischen Katholiken und Nichtkatholiken, sondern die Absonderung der jüdischen von den christlichen Kindern durchgeführt wird. Die evangelischen Kinder kommen in die Katholikenklassen und zu den Juden kommen höchstens die Konfessionslosen, dagegen wurde in einer Schule ein — Getaufter in die Judenklasse geschieht. Der Regierungserlaß betrifft übrigens nur Mittelschulen (höhere Schulen) und Lehrer- bzw. Lehrerinnenbildungsanstalten. Tatsächlich wird die konfessionelle Trennung jedoch auch in den Volks- und Bürgerschulen vorgenommen. Der Vorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde hat nach Bekanntwerden des Regierungserlasses folgendes erklärt: „Gerüchtweise sickerte schon im Juni d. J. der Plan zur Schaffung von Parallelklassen nach konfessionellen Gesichtspunkten durch. Das Gesamtpräsidium der Wiener Kultusgemeinde hat daraufhin am 20. Juni 1934 beim damaligen Unterrichtsminister und jetzigen Bundeskanzler Dr. Schuschnigg vorgesprochen und auf die schweren Bedenken, die sich aus einer solchen Absondeurng der jüdischen Schüler ergeben müßten, verwiesen, Das Präsidium war nach dieser Aussprache überzeugt, daß auf Grund seiner Darlegungen die Absicht zur Bildung von ■ konfessionellen Parallelklassen von den Schulbehörden nicht weiter verfolgt werden wird. Der vorliegende Erlaß des Bundesministeriums für Unterricht vom 4. Juli 1934 wurde knapp vor dem Schulbeginn im Verordnungsblatte des Stadtschulrates vom 15. September publiziert und gelangte erst durch diese Verlautbarung zur Kenntnis des Kultusvorstandes." Die „Stimme", das Organ des Zionistischen Landeskomitees, schreibt: ,,Es wird also de facto das Schulghetto eingeführt. Die Verfügung ist nichts anderes und sie wird auch von den vielen Tausenden jüdischer Eltern so empfunden. Wir meinen, daß schulpraktische Erwägungen es verhindern sollten, jüdische Kinder mit dem bitteren Gefühl der Demütigung zu erfüllen. Wenn vielleicht gesagt werden sollte, daß man auf diese Weise dem Wunsche nach der konfessionellen Schule entsprechen will, so ist eine solche Verfügung nicht der Weg zu diesem Ziele. Die Judenheit hat gewiß ein moralisches Interesse und nach dem Friedensvertrag auch ein materielles Recht darauf, die Erziehung der Jugend selbst zu besorgen. Aber das setzt die Aufstellung jüdischer Schulen, mit jüdischem Lehrplan und jüdischen Leitern und Lehrkräften voraus. Die Verfügung des Unterrichtsministers hat aber damit gar nichts zu tun. Der Unterrieht in diesen Judenklassen ist genau derselbe wie in den anderen. Der Geist der Verfügung ist rein und einfach die Absonderung der Juden." (Siehe auch Wochenrundschau.) Holland. Das deutsch-jüdische Arbeitslager in Holland. Amsterdam, 21. Sept. Am 3. Oktober wird das deutsch-jüdische Arbeitslager im Wieringermeer-Polder (früher Zuyder-See) offiziell eröffnet werden. Das Lager wurde durch Vermittlung des Komitees für spezielle jüdische Interessen mit Hilfe der holländischen Regierung geschaffen. 150 Kolonisten befinden sich bereits in dem Arbeitslager und werden eine dreijährige landwirtschaftliche Ausbildung erhalten. Danach werden sie nach Palästina oder Südamerika auswandern. 300 Personen können in der Kolonie Aufnahme finden; sie steht unter der Leitung von Dr. H. Lubinski aus Berlin.