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Der Israelit · 1934-10-05 · Heft 40 (5.10.1934) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 40 (5.10.1934)
Date
1934-10-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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5. Oktober 1934 D e 1 i t Nr. 40 Seite 7 Organisation der jüdischen Erfinderarbeit. Von Mäx Seidmann in Wien. Der Erfinder gilt als ein besonders geschätztes Mitglied menschlicher Geraeinschaft. Diese Wertschätzung hat aber bisher kaum dazu geführt, daß er auch tatkräftig unterstützt würde. Hat sein Einfall den Sprung aus dem Nichts in ein plötzliches Dasein .gemacht, so ist er auf sich selbst angewiesen, wenn er den Einfall praktisch erproben, ihn auf seine Neuheit prüfen, ihn schließlich auf kostspielige Art patentieren lassen will. Die Ueberwindung dieser drei Stufen, wenn sie glücklich gelungen ist, hat ihn zumeist so sehr erschöpft, daß die wirtschaftliche Auswertung seiner Idee dann Anderen zufällt. Aus der Erkenntnis, daß der Erfinder eines der wertvollsten Produktionsmittel menschlicher Wirtschaft ist, wurde vor etwa 20 Jahren von einer Anzahl von Personen, darunter auch dem Verfasser dieser' Zeilen, zeitlich und örtlich unabhängig von einander,' der Vorschlag gemacht, ein Institut zu schaffen, daß dem Erfinder dienen sollte. Es war beabsichtigt, dem Erfinder die Prüfung auf Neuheit, die Patentierung und die wirtschaftliche Verwertung abzunehmen, aber schon vorher in eigenen Versuchsanstalten, Modellbauereien u. a. eine werktätige Hilfe für seine Hauptarbeit zu schaffen. Der Vorschlag, der bereits konkrete' Formen angenommen hatte, ist dann im Kriegslärm verschollen. Heute scheint es dem Verfasser wieder an der Zeit, seinen Vorschlag hervorzuholen, um ihn für Zwecke des Aufbaues der jüdischen Heimstätte in Palästina 'einzusetzen. Der Anteil der Juden an wissenschaftlicher Forschungs- und praktischer Erfinderarbeit ist erstaunlich hoch. Man könnte beinahe sagen, daß er verkehrt reziprok zur Volkszahl der Juden, gemessen an jener der großen Kulturvölker ist. Die theoretische Begründung der Radio- Uebertragung und die Erfindung der, Radioröhre mag als ein Beispiel für viele gelten. Es wird also an Mitwirkenden keineswegs fehlen, wenn daran gegangen werden soll, auch die jüdische Forschungs- und Erfinderlust für Zwecke des' neuen Palästina zu mobilisieren. Welcher Art, die. Früchte solcher Tätigkeit sein könnte, ergibt folgende Ueberlegung. Die Kolonisation in Palästina erwuchs aus bekannten Erwägungen und Wünsphen. Im Anfang wurde sicher nicht daran, gedacht, dabei ein Gebilde wirtschaftlicher Macht herzustellen. Nun bedeutet aber das Schaffen der Viertelmillion Juden in Palästina bereits heute wirtschaftliche Macht. Das neue Pa-' lästina ist schon jetzt ein beachtlicher Faktor für den Warenaustausch des Weltmarktes geworden, obwohl seine Hauptprodukte keinen besonderen Seltenheitswert besitzen. Um wieviel interessanter beim Güteraustausch könnte das' neue Palästina werden, wenn es die seltenen; und hochwertigen immateriellen Güter jüdischen Erfindergeistes anzubieten hätte. Der. .Export von ' erfinderischen Ideen . unterliegt außerdem1 keinerlei.. Erschwerungen; von Zoll-, Einfuhr-,. Devisen- und sonstigen Bestimmungen, Hier ist gleich ein Einwand zu beantworten, der sicher gemacht werden wird. Sind nicht allevorhandenen Mittel für den Rohaufbau des Lan-' des einzusetzen, ehe man solche Aufgaben erfüllen kann wie die Schaffung eines Institutes für jüdische Erfinderarbeit? Die Mittel, die heute in Palästina eingesetzt werden, schaffen eindeutige Werte, Für so und so viel Geld kann man1 so und so viel Boden . erwerben," Häuser bauen,; Inventar anschaffen u. a. Die Phantasie erhält dabei nicht viel Nahrung. Die Konzentration jüdischer Erfinderarbeit kann vorerst ohne jeden' wirtschaftlichen Erfolg bleiben, sie, kann aber auch Werte schaffen, welche jene der Kolonisation im Sturmschritt überholen. Es sollte also auf den jüdischen Erfinder, etwa wie, auf eine gute Karte um so eher gesetzt werden, als seine; Förderung im Verhältnis zur Kolonisation, nur bescheidene Mittel erfordert. Es scheint uns auch, daß diese Mittel unschwer aufzubringen wären. Die [ Juden haben überall ein, so eindringliches Verständnis für Forschung und Fortschritt, für Gelehrsamkeit auch ohne praktischen Erfolg, daß eine nur einigermaßen intensive Spezialsammlung für den jüdischen Forscher und Erfinder restlosen Erfolg haben müßte. Die praktische Ausführung unseres Vorschlages bedeutete die Schaffung einer Zentralstelle in Palästina, welche die jüdischen Forscher und Erfinder auf der ganzen Welt zu befürsorgen hätte. In welcher Reihenfolge diese Fürsorge sich entwickeln würde, kann nicht vorausgesagt werden. Sie wird wahrscheinlich mit der dringlicheren Hilfe bei praktischer Erprobung einer theoretischen Idee erst später einsetzen können und sich vorerst mit der Hilfstätigkeit der Prü-; fung auf Neuheit, der Patentierung und der wirtschaftlichen Verwertung begnügen müssen. Die Förderung wissenschaftlicher Arbeit endlich ohne Rücksicht auf praktische Ziele hätte das Werk zu krönen. Der Verkehr mit den über die 1P äl> #Hfc* Korrespondenzen* Deutsches Reich. Die „blaue Beitragskarte" für Oktober. 1 Berlin, 27. Sept. Die blaue Beitragskarte für Hilfe und Aufbau wirbt im Monat Oktober für die Berufsumschichtung und stellt sich damit in den Dienst einer Aufgabe, die für uns eine überragende Bedeutung gewonnen hat. Das Wort „Berufsumschichtung" ist heute schon jedem jüdischen Menschen geläufig. Wird aber auch der Sinn des Wortes, sein Inhalt, immer richtig erfaßt? Zunächst umschließt dieser Begriff eine Fülle praktischer Aufgaben und ein großes Maß sachlicher und zielbewußter Aufbauarbeit: die jungen jüdischen Menschen,. aus unproduktiven oder aussichtslosen Berufen kommend, sollen in einen der drei Hauptzweige: Landwirtschaft, Handwerk, Hauswirtschaft übergeleitet werden. Es ist den jüdischen Gemeinden und Organisationen nur unter größter finanzieller Opferbereitschaft möglich gewesen, das begonnene Werk so auszubauen, daß heute für den starken Bedarf an Lehrbetrieben in allen drei Berufskategorien annähernd gute und ausreichende Einrichtungen zur Verfügung stehen. Die künftigen Bauern, Landarbeiter und Gärtner finden ihre Ausbildung in gut geleiteten ländwirt-! schaftlichen undgärtnerischen*'1 Betrieben. Für die; Handwerker gibt es die Einzellehre und Arilernwerk-i statten aller Art und für die Ausbildung der Mädchen wird gesorgt durch städtische und ländliche Haushaltsschulen..1 Daneben -finden in fast jeder Gemeinde Kurse für Schneidern, Weißnähen, Kochen,. Bügeln usw. statt. Diese Einrichtungen unserer Jugend zu erhalten und sie auszubauen, ist dringendes Erfordernis; zu diesem Werk beizutragen rufen wir jeden einzelnen auf. Die praktische Arbeit am und im Berufsumschichtungswerk wird getragen durch die Idee, der siedient: die Lebensfähigkeit der jüdischen Gemeinschaft zu sichern durch eine gesunde Berufspolitik, durch, Abkehr von dem früheren, durch Hinwendung zu dem neuen Berufsideal des werktätig schaffenden Menschen. Die jüdische Jugend, die heute entschlossen, mutig und voller Zuversicht die Umstellung auf körperliche Arbeit in ihrer ganzen Schwere auf sich nimmt, sie bildet das Fundament jeglicher jüdischer Aufbauarbeit. Sorgt alle nach besten Kräften dafür, ganze Welt verstreuten Schützlingen des neuen Institutes könnte vorteilhaft durch ein weitverzweigtes Netz von wissenschaftlichen, technischen und juristischen Korrespondenten erfolgen. Verfügt das Institut erst über eigene Versuchsanstalten, so werden in wichtigen Fällen Reisestipendien dem Erfinder den Weg zur Zentrale erleichtern. Das Institut wird natürlich ganz klein anfangen müssen. Findet es die richtigen Leute für seine Erstlingsarbeit, so werden wohl die Erfolge nicht ausbleiben, mit denen es selbst mitwachsen soll. Der Vorschlag zur Organisation der jüdischen Erfinderarbeit für Zwecke der gesamten Judenheit fällt leider gerade in eine Zeit der Not und der Knappheit aller Mittel. Vielleicht hat er gerade deshalb Aussicht auf Verwirklichung. Es sind ja nicht immer die Satten, die sich für einen Fortschritt einset2en. Jeder Jude, mag er auch wie immer eingestellt sein, mag er kapitalistisch oder sozialistisch eingestellt sein, wird, sicherlich gerne eine Sache fördern, die jedem Juden nützen kann, auf die aber jedenfalls, wenn sie gelingt, jeder mithelfende Jude, wird stolz sein können! daß der Grund, auf dem wir bauen, fest ist und bleibt. Zusammenschluß der jüdischen Körperbeschädigten, Berlin, 25. Sept. Nach dem Ausscheiden der körperbeschädigten Nichtarier aus den allgemeinen Selbsthilfe-Organisationen teilte die Rechtsabteilung der N. S.-Volkswohlfahrt Ende Januar 1934 der Zentralwohlfahrtsstelle auf deren Anfrage mit, daß „gegen den Zusammenschluß der jüdischen Körperbeschädigten in eigenen Selbsthilfe-Organisationen nichts einzuwenden sei". Hierauf wurden von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden im Einvernehmen mit der Reichsvertretung der deutschen Juden und gemeinsam mit den schon bestehenden Selbsthilfe-Organisationen Bestrebungen eingeleitet, um einen Zusammenschluß der jüdischen Körperbeschädigten in einer einheitlichen, einfachen und übersichtlichen Zusammenfassung herbeizuführen. Diese Bestrebungen sind nunmehr abgeschlossen, und es sei deshalb in Kürze ihr Ergebnis mitgeteilt: Es wurde eine „Selbsthilfegemeinschaft der jüdischen Körperbeschädigten in Deutschland" mit dem Sitz in Berlin begründet, welche 4 Selbsthilfegruppen umfaßt, nämlich: 1. Selbsthilfegruppe der jüdischen Blinden in Deutschland, 2. Selbsthilfegruppe der jüdischen Körperbehinderten in Deutschland, 3. Selbsthilfegruppe der jüdischen Gehörlosen (Taubstummen) in Deutschland, 4. Selbsthilfegruppe der jüdischen Schwerhörigen in Deutschland. Zweck der Selbsthilfegemeinschaft und der Selbsthilfegruppen ist die. Förderung der jüdischen Körperbeschädigten auf sozialem, kulturellem und wirtschaftlichen Gebiet. Jede politische oder religionspolitische Betätigung oder Erörterung sowie jede Erwerbstätigkeit sind. ausgeschlossen. Vorsitzender der Selbsthilf egemeinschaft ist Herr Dr. Paul Poris, Berlin; die Geschäftsstelle der Selbsthilfegemeinschaft befindet sich in der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Berlin-Charlottenburg 2, Kantstr. 158. Alle Anfragen über allgemeine, insbesondere auch organisatorische Fragen sind zu richten an die Selbsthilfegemeinschaft der jüdischen Körperbeschädigten in Deutschland, Berlin-Charlottenburg 2, Kantstraße 158 (Zentralwohlfahrtsstelle), von der Richtlinien usw. bezogen werden können. Auskünfte, die eine der vier Selbsthilferfruppen betreffen, sowie Anmeldungen als Mitglieder sind an die obengenannten Adressen der Vorsitzenden der betreffenden Selbsthilfegruppen zu richten.

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