Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1934)
- Date
- 1934-10-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 40 D e r I s r a c I i t 5. Oktober 1934 2ionistischen Organisation und opferten ihre Kraft einem dreifachen Kampf: Kampf gegen die zionistischen Thorafremden, Kampf gegen die antizionistischen Thoratreuen und Kampf in der eigenen Brust zwischen Denken und Fühlen. Selbst Löwenstärke hätte ein solcher Kampf zwangsläufig zermürbt. (Schluß folgt.) Wochenrundschau. Bedenkliche Symptome. „Das Leben eines Volkes spiegelt sich im Inseratenteile seiner Zeitungen wider," schrieb einmal Jemand. Träfe das für das neue Palästina zu, man hätte keinen Grund, des dort aus den Ruinen wachsenden Lebens froh zu werden. Uns liegen alle zu Roschhaschona in Jerusalem und Tel Awiw in großer Festaufmachung erschienenen hebräischen Tageszeitungen vor. Vom bunten,- reichhaltigen Inhalt wollen wir nicht sprechen, er ist gut und weniger gut, originell jüdisch zum Teile und unjüdisch oder parteipropagandistisch. Aber erst die Inserate! Auf ganzen Spalten kündigen Inhaber verschiedener Hotels und Vergnügungsetablissements ihr Festprogramm an und laden zuTeeundTanz ein. Ein Unternehmen der rührigen Vergnügungsindustrie lockt im ,,Doar Hajom" seine Gäste mit der reklamehaften Ankündigung eines nj?">*i iWn WKlb "Tnva (besonderen Tanzes für Roschhaschana) an. Der Wahrheit die- Ehre: die Tanzveranstaltungen fanden nicht am Roschhaschana selbst statt, sondern waren für Festaus gang am- Dienstag abend vorgesehen, Also so schlimm wie in M o s k a u und Kiew doch nicht! Oder vielleicht doch, und in ihrer symptomatischen Bedeutung vielleicht noch schlimmer! In Sowjetrußland sind die Roschhaschana- und Jomkippurbälle das Werk von kommunistischen Provokateur e n , die eben provozieren wollen. Die große Masse fühlt sich provoziert und beantwortet die Herausforderung auf die bewährte Art, wie es schon der Psalmdichter getan, indem er den ">T)W mj'AJ sein ">2Xl "fr ^Ftb^ST) entgegenhielt. Solange ^X*lty> 'ycn als solche empfunden werden und sich der gesunde religiöse Instinkt gegen sie zur Wehr setzt, ist die Situation noch nicht verloren. Hier liegen die Dinge anders. Eine Clique von Geldverdienern glaubt, in Ausnützung der in den Ruhetagen gesteigerten Vergnügungskonjunktur, das Fest des UD^ö und des mmi t]pfV als Reklamemärke für Tanzveranstaltungen: gebrauchen, glaubt. es tun zu . dürfen, o hn e; zu provozieren, ohne religiöse! oder Anstandsgefühle zu verletz e n. Zeitungen, die in ihrem Texte, hohe Töne für die Erhabenheit der Feste anstimmen, drucken die Inserate ab, ohne Empörung auszulösen, ohne furchten zu müssen, nur einen Abonnenten zu verlieren. Darin liegt das Tragische und Bedenkliche. Aber vielleicht täuschen sich diese Kreise trotzalledem! Vielleicht lesen die weiten Massen in Erez Jisroel diese Ankündgiungen mit den gleichen Gefühlen wie wir. Sie schweigen nur, ■ weil sie eben stumme Massen sind, weil sie kein gleichwertiges Organ der Histadruth- und Revisionistenpresse täglich entgegenzusetzen haben. Dann wäre es aber höchste Zeit, daß sich die gesetzestreue öffentliche Meinung in Erez Jisrael in einer Tageszeitung Ausdruck und Echo verschafft. In Polen nichts Neues; Die Zurückziehung des polnischen Antrages auf Verallgemeinerung des Mihderheitenrechtes, in Genf bedeutet keinen Verzicht auf Revision dieses Rechtes, sondern — wie aus der polnischen Presse deutlich zu entnehmen ist — im Gegenteil den Anbeginn der neuen, der Völkerbundkontrolle nicht mehr unterworfenen Taktik in der Behandlung der Minoritäten. Daß die drei Millionen Juden innerhalb der polnischen Republik nicht unberührt von diesem neuen Kurse bleiben können, bedingte das lebhafte Interesse, mit dem wir mit der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit, von Anfang an den Antrag und sein Schicksal in Genf verfolgt haben. Aber was die Juden Polens selbst dazu zu sagen hatten und haben, weicht im. wesentlichen sehr ab von den Perspektiven, die Fernstehende aufstellten. Eine eigentliche Minderheitspolitik trieben oder richtiger erstrebten die Juden Polens nur in ihrem zionistischen Teile — und auch hier war es vornehmlich die Grünbaum-Gruppe in Warschau, im Gegensatze zu Krakau und Lemberg. Die Agu d aorthodox i e , die in Kongreßpolen in Gemeinde und Parlamentsvertretung führend ist, hatte es von je her strikte abgelehnt, für die W.eißrussen, Ukrainer und anderen kleinen oppositionellen Nationalitäten die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und ihre Vertreter im Sejm gehören dem Regierungsblocke an, in welcher Stellung sie eher und wirksamer das jüdische Recht bei der, oft genug auch gegen die Regierung vertreten können, als wenn sich ihre Stimme von der linken Bank der Opposition erhöbe. So versteht man denn, daß das politisch gut orientierte Organ der Orthodoxie, ,.„Das jüdische T o g b 1 a 11 " , der ganzen Minderheitsaffäre, als einem der vielen Schachzüge in Genf, nicht d i e Bedeutung beigemessen hat, die man als Außenstehender hätte erwarten müssen. Aber auch die zionistische Presse Grünbaum'- schen Geistes zeigt sich weder gespannt noch erschüttert. Freilich kommt ihre Wertung der Dinge mehr vom Negativen her. Sie war von der bisherigen Minderheitspolitik in Polen und der Genfer Kontrolle so wenig erbaut, daß sie der Meinung ist, durch Annahme des Antrages wäre nichts gewonnen und durch seine Ablehnung könne nichts verloren sein. Keine von, Polen auf eigene Faust vorgenommene Neuordnung des Mindefheitenrechtes könne, so meint sie, schlechter sein, als das bisherige, vom Völkerbunde garantierte und angeblich kontrollierte. So werden die Dinge hüben wie drüben mit' Ruhe hingenommen, in der Ueberzeugung, daß sich durch die „freie Hand", die sich Polen in Genf verschafft hat, an der Lage der Juden nichts geändert hat und nichts ändern wird. Dieses sei zur Orientierung unserer Leser und zur Eindämmung, ^ungerechtfertigter Besorg-; nisse .oder Erwartungen hier registriert. . .-: Juden-Schulklassen oder jüdische Schulen in, Oesterreich? Die Feiertagsruhe der österreichischen Juden wurde durch eine neue Schulverordnung gestört, wonach in den Mittelschulen die jüdischen Schülerin eigenen geschlossenen Klassen zusammengefaßt!, werden sollen. Die Verordnung; spricht: zwar nicht von Juden, sondern sieht „konfessio-: nelle Parallelklassen" für alle nichtkatholischen; Kinder vor. In der Praxis wirkt sie sich, aber; doch nur gegen die Juden aus. Und. so ist es zu verstehen, daß die Bestimmung mitten ins große Rätselraten der Welt und der österreichischen Juden über die Gestaltung des jüdischen; Rechtes im neuen Oesterreich geradezu wie ein- Blitz einschlug. ••, Man darf die ' Dinge in Oesterreich nicht düsterer ansehen, als sie sind. Viele Befürchtungen, zu denen man bei der Neuordnung des Staatslebens in Bezug auf die Behandlung der Juden allen Grund hatte, sind glücklicherweise nicht eingetroffen. Versprechungen des neuen Bundeskanzlers Schuschnigg wirkten sehr beruhigend, und greifbare Beweise eines Gegensatzes zwischen Wort und Tat in der Behandlung der Juden waren bis jetzt G. s. D. nicht zu verzeichnen. Soll und muß in der neuen Schulverordnung ein solcher erblickt werden? Man kann darüber geteilter Meinung sein, zumal der Wortlaut der Verordnung in gleichem Maße auch die evangelische Konfession und andere Glaubensgruppen außerhalb der katholischen Kirche im Auge hat. Sollte für die Folge aus diesem Experimente die für uns alle, auch in Deutschland, sehnlich erwünschte jüdische Konfessionsschule erwachsen, , so könnten wir uns mit diesem Versuch abfinden, müßten ihn sogar segnen. Aber es geht hier mehr um das. Symptom, und die Angst, daß wenn einmal der Wall um das allgemeine gleiche Recht aller Bürger durchbrochen ist, es bei der einen Maßnahme nicht bleibt, macht die Aufregung der Wiener Judenheit, einschließlich des orthodoxen Kreises, wohl begreiflich. Erinnert sei daran, daß ein solcher Erlaß schon zur Kaiserzeit, im Jahre 1889, herausgegeben wurde, wogegen damals der Wiener Kultusvorstand mit dem Erfolge Stellung nahm, daß die Sache zu einer Interpellation im Abgeordnetenhause führte, bei der der damalige Unterrichtsminister die Durchführung des Erlasses als einen Verstoß gegen die Verfassung erklärte und annullierte. In den 45 Jahren seitdem ist viel Wasser auch in die Donau geflossen, so daß Vergleiche wenig ziemen. Aber die Paragraphen der Unterrichtsverordnung, die damals der. Maßnahme im Wege standen, bestehen heute noch zu Recht. Darauf wies der Präsident, Dr.. Desider Friedmann, in einer eigens zu diesem Zwecke einberufenen Plenarversammlung des Wiener Kultusvorstandes hin, ohne freilich damit die Hoffnung zu verbinden, mit der Berufung auf jene ministerielle Aeußerung heute viel Glück zu haben. In der gleichen Sitzung verlangten die zionistischen Vertreter in der Kultusgeminde, unter strikter Ablehnung der Schulghetti, die Errichtung eig e„n er jüdischer Schulen durch die Regierung, die ganz1 von''jüdischem Geiste beseelt sind. Daß wir mit dieser Forderung im Prinzipe einverstanden sind,' obwohl wir unter jüdischem Geiste etwas anderes verstehen, als die Herren Baurat Stricker und Genossenmuß nicht erst gesagt werden. Es ist vielleicht zu bedauern, daß der Vorstand in seiner der Regierung eingereichten Resolution wohl in wirksamen Worten Protest gegen' die geplante Absonderung der jüdischen Schuler erhob,'aber der letzten Konsequenz;' der Gründüng eigener " jüdischer Schulen, voll Scheu aus dem Wege ging. Es wird aber nicht zu vermeiden sein, daß bei. einem' Inkrafttreten der Verordnung im neuen Schuljahr sich diese ganze Angelegenheit sehr rasch in eine ihnerjüdische Schulfräge verwandelt; BBBBBBBBBBMnSBfiaBB Wochenkalender. Vom 6. _ 13. Sept. 1934 /Vom 27. Tischri b. 4. Marchesehw. 5695 »av. :p Samstag 27 ' 7'E?1T>i? cnnnro-oa jvPK-n 6 1* Mauled Montag nachm. 2 Sonntag 7 »wn 28 , Uhr 78/9 Min. Montag 8 29 •\h .■: : Dienstag Sept. 9 30 . vrih »im 'R Mittwoch 10 jiwfna 1 nb v-in w«Tv'a Donnerstag 11 2 »y Freitag 12 3 a Samstag' ■ 13 4 sa ni