Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1934)
- Date
- 1934-10-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450845--80749-2538616- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5. Oktober. 1934 Der Israelit Nr. 40 Seite 5 VI. Wäre es anders gekommen, wenn es dem Misrachi gelungen wäre, die thoratreuen Massen nach sich zu ziehen? Es ist ein Beweis der Objektivität Amieis, wenn er diese Frage nicht einmal aufwirft. „Es wohnt unseren Thoragrößen ein eigener Sinn inne, vermöge dessen sie instinktiv wahrnehmen,' was uns selbst an solchen Dingen gefährlich ist, die sich äußerlich durchaus thoragemäß geben. So haben sie ihre Stimme gegen alles erhoben, was das Zeitalter der Haskalah brachte, selbst gegen die deutsche Uebersetzung des Tnach, die, wie mit größtem Nachdruck versichert wurde, doch nur der nichtjüdischen Oeffentlichkeit die Schönheit des Judentums zeigen sollte, und auch gegen die sogenannte Wissenschaft des Judentums, die anscheinend doch nur das reine Streben hatte, die Völker auf die Größe des jüdischen Volkes hinzuweisen . . . Die Erfahrung hat ihnen recht gegeben und nicht denen, die naiv geltend machten, es sei unangebracht, gegen solch treffliche Dinge zu kämpfen. Das Gleiche gilt aber auch für den weltlichen Zionismus. Er ist nicht nur zeitlich auf die Assimilation gefolgt, sondern auch innerlich aus ihr hervorgegangen." (Amiel a. a. 0. Seite 8.] In der Tat haben die Thoragrößen in ihrer überwältigenden Majorität den revolutionären Charakter des Basler Programms durchschaut und die thoratreuen Massen vom Eintritt in den Zionismus zurückgehalten. Aber hätten die thoratreuen Massen nicht, als Herzl sich nach allen Seiten hilfesuchend umsah, durch ihren Eintritt das Heft selbst in die Hand nehmen und die zionistische Organisation zu einem Instrument der Thora machen können, auf daß nicht Volk und Land allein, sondern mit ihnen die herrsehende Thora in die Geschichte überging? Wer also fragt, unterschätzt zunächst einmal die — zionistische Idee. Während die Reform durch Preisgabe von Volk und Land die Verbindung mit der Geschichte überhaupt und endgültig lösen, die Thora nur als zeitgebundene Religion bestehen lassen wollte, griff der Zionismus Volk und Land auf und stürzte mit ihnen in die Geschichte, ohne die Thora in Betracht zu ziehen. Bei aller Verschiedenheit haben Zionismus und Reform, wie auch Amiel richtig sieht, gemeinsame Wurzeln. Sie trennen beide, Volk und Land einerseits, die Thora andererseits. Beide nehmen sie die Trennung vor, weil sie heilloser Assimilation verfallen sind. Die Reform trennt die Thora von Volk und Land, um die Thora der Völkerweise anzuähneln. Der Zionismus trennt Volk und Land von Thora, um Volk und Land der Völkerweise anzuähneln. Der Zionismus aber ist notwendig noch radikaler, als die Reform. Die Reform befaßt sich immerhin noch mit der Thora. Für den Zionismus ist die Thora uninteressant. Die Idee der Vergeschichtlichung von Volk und Land ohne Vergeschichtlichung der Thora bedeutet den vollendetsten Bruch mit der ganzen jüdischen Vergangenheit, die vollendetste Absage an die ganze jüdische Zukunft. Der Zionismus ist weit gefährlicher, als die Reform. Die Reform mutet dem jüdischen Volk geschichtlichen Selbstmord zu. Sie scheitert am Lebenssinn des jüdischen Volkes. Der Zionismus aber knüpft gerade an diesen Lebenssinn an. Das jüdische Volk als solches kann der Reform nicht anheimfallen. Aber dem Zionismus kann es, menschlich gesprochen, in der Tat anheimfallen. Zwischen Zionismus und Thora hat das jüdische Volk sich zu entscheiden. Die zionistische Idee, einmal aufgetaucht, kann, wie jede Idee, nicht durch Majorisierung totgeschlagen, kann vielmehr nur geistig überwunden werden. Der Einfall der thoratreuen Massen in die zionistische Organisation hätte niemals das Schwinden der zionistischen Idee zur Folge gehabt, sondern im günstigsten Falle die Gründung einer neuen Organisation auf Basis der zionistischen Idee. Die Reform ist der Jezer hora des einzelnen Juden. Der Zionismus ist der Jezer hora des jüdischen Volkes. Die Vorsehung hat diesen Jezer hora des jüdischen Volkes aufflammen lassen und ihm Erfolg gegönnt, auf daß an ihm sich der Jezer hatauw des jüdischen Volkes entzünde und es die Thora selber in die Geschichte einführe, um an Volk und Land geschichtliche Taten zu vollziehen, Diese Entzündung des Jezer hatauw des jüdischen Volkes als solchen, das Erwachen des Thoravolkes zu geschichtlicher Lebendigkeit als Reaktion auf den Ausbruch des Jezer hora des jüdischen Volkes, war aber, wie bereits dargelegt, nicht einmal in der Brust des Misrachisten erfolgt, die den thoratreuen Massen vorangehen und sie nach sich ziehen wollten. Wie konnte man daher erwarten oder verlangen, daß ein Umbildungsprozeß, der bei den Misrachisten selber nicht zur Reife kam, von ihnen in die thoratreuen Massen getragen werden könne? Denn um nichts geringeres, als um einen solchen Umbildungsprozeß handelt es sich. Die Misrachisten hatten weder Geduld mit sich, noch mit dem thoratreuen Volk. Hätten sie Geduld mit sich selbst gehabt, so hätten sie, geschichtlich aufgeschlossen, wie sie ohne Zweifel waren, das zionistische Erlebnis zunächst in sich selbst ans Feuer der Thora herangebracht, und sie wären aus dem Feuer der Thora als die Wortkünder des in ihnen selber zu neuem geschichtlichen Leben erwachten Thoravolkes hervorgegangen, entschlossen, die Galuthherrschaft der Thora über das jüdische Volk organisch zu aktualisieren, entschlossen auch, dem jüdischen Volk als Abbild von Kenesseth Jißrael die Wende zum jüdischen Land zu geben, das von Kenesseth Jißrael nicht fortdenkbar ist, entschlossen auch, das jüdische Land unter Benutzung aller Errungenschaften, moderner Technik und moderner Zivilisation zur nationalen Heimstätte der Thora zu gestalten'. Nicht eine — zionistische Fraktion hätten sie alsdann gegründet, sondern — Agudas Jisroel. Und in Agudas Jisroel, von ihnen gegründet als Organ des zu neuem, geschichtlichem Leben erwachten Thoravolkes, hätten sie an den thoratreuen jüdischen Massen wiederum eine Geduld betätigen müssen, in der ich mich nun schon seit Jahrzehnten übe. Die Schnelligkeit, mit der die zionistische Saat im Kreise der Thorafremden und der sich der Thora Entfremdenden reifte, hätte sie nicht wunder nehmen dürfen. Dort stieß der Umwandlungsprozeß nur. auf entwertete Werte. Dort gab es keine Auseinandersetzung zwischen nationalem Jezer hatauw und nationalem Jezer hora. Dort konnte der nationale Jezer hora hemmungslos seine Orgien feiern. Nichts aber ist schwerer, nichts aber vollzieht sich langsamer, als die Umwandlung der thoratreuen Massen, zumal in einer Zeit, deren Erfahrungen bisher immer noch gezeigt hatten, daß alles „Neue" zugleich das Thorawidrige war. Den einzelnen Thoratreuen mit seinen ins Erdreich der Familie, der Gemeinde und der Landsmannschaft gesenkten Wurzeln, ja mit diesem Erdreich selber ins Erdreich der zu geschichtlicher Realität erwachten Thoranation zu betten, daß er sich nunmehr der Thora als Herrscherin der Nation und der Tnbra als Herrscherin des Landes verantwortlich fühle und in voller Würdigung der geschichtlichen Gegenwart sich dafür einsetze, Land und Nation für ihre Wiedervereinigung unter der Herrschaft der Thora bereitzustellen und selber die Thora durch Heranbringung aller im Laufe der Jahrhunderte neu entstandenen Gegebenheiten wieder herrschafts fähig zu machen: das ist eine Aufgabe von solcher Größe, daß jeder geringste Fortschritt in ihrer Lösung mit dankbarer Freude begrüßt werden muß. Es ist eine Tragik ohnegleichen: Die ein Ferment innerhalb der Thoratreuen hätten bilden können, bezogen ihre Stellung — innerhalb der Kleines Feuilleton- Jüdische Reminiszenzen anläßlich der 125-Jahrfeier der Tiroler Freiheitskämpfe. Anläßlich der 125-Jahr-Feier der Tiroler Freiheitskämpfe gegen die Franzosen veröffentlicht die Wiener Zeitschrift „Gerechtigkeit" den Brief eines Lesers, in dem es heißt: Zur Erinnerung an 1809 wurde vor einigen Tagan zum millionsten Male in Innsbruck das Andreas Hofer-Lied, das ergreifendste, das wir haben, gesungen. Julius Mosen ist der Verfasser. >Wer war Julius Mosen? In meiner Bibliothek befindet sich ein zweibändiges Werk, betitelt: „Berühmte israelitische Männer und Frauen" von Dr. Adolph Kohut. -Auf Seite 51 des II. Bandes lesen wir nachstehendes: Vielgefeiert und bewundert als Dramatiker, Epiker und Lyriker wurde einst Julius Mosen, eigentlich Moses, geboren am 8. Juli 1803 zu Marieney im sächsischen Voigtland und gestorben 1867 in Oldenburg. Einige seiner Lieder, wie z. B. das ernst getragene, würdevolle „Andreas Hofer" („Zu Mantua in Banden") und das von heißer Leidenschaft durchbebte: „Die letzten Zehn vom 4. Regiment" („Zu Warschau schwuren tausend auf den Knien") drangen in alle Kreise und wurden Volkslieder in des Wortes wahrster Bedeutung. Dasselbe gilt auch von der „Völkerschlacht bei Leipzig" („Es wollten viel treue Gesellen sich kaufen ein Vaterland"), ein einfaches schönes Lied, das seinerzeit von aller Welt gesungen wurde, ebenso auch vom „Trompeter an der Katzbach". Auf eine weitere Tatsache, die vom jüdischen Standpunkt aus Interesse verdient, macht die Wiener Schriftstellerin Klothilde Benedikt aufmerksam. Frau Benedikt schreibt: „Nicht nur die Iselschlacht, auch das ganze Leben Andreas Hofers wurde in der letzten Woche in Oesterreich besprochen und beschrieben. In der heutigen kritischen Zeit sollte das Judentum sich nicht den Ruhm nehmen lassen, daß es Andreas Hofer den Verteidiger bei seinem Todeswege gestellt hat. Wenn heute das Wiener Barreau erst ermutigt werden mußte, politischen Gefangenen ex-offo-Verteidiger zu stellen, so kann man den Löwenmut des jüdischen Advokaten B a s s e v i ermessen, den von einem Napoleon im voraus zum Tode Verurteilten zu verteidigen. Kein anderer Advokat in Mantua stellte sich in die Bresche, abgesehen davon, daß kein anderer genügend die deutsche Sprache beherrschte, um sich mit dem Tiroler zu verständigen. Obwohl der so fromm katholische Andreas sicher einen Glaubensgenossen vorgezogen hätte, war er voll Dankbarkeit und Bewunderung für Bassevi, der entrüstet jedes Honorarangebot ablehnte. Er war übrigens der Sprößling des wohlhabenden Jakob Bassevi, des bekanntlich im dreißigjährigen Krieg in den österreichischen Adelsstand erhobenen Kriegslieferanten Ferdinands des IL, im übrigen aber schwerlich anders als napoleonisch gesinnt. Um so heroischer war es, daß er die Verteidigung übernahm und als oratorisches und juridisches Meisterwerk nach nur halbstündiger Instruktion mit dem Gefangenen durchführte. Daß seine Mühe vergeblich sei, hatte ihm der Gefangene selbst im voraus mit heldenhafter Ruhe gesagt; desto inniger war sein Dank an ihn. Bassevi konnte sich nicht entschließen, der Hinrichtung Hofers beizuwohnen. Mantua war ihm verleidet; er übersiedelte nach Mailand, wo er eine glänzende Kanzlei hatte, in den Vorstand der Judengemeinde und der Advqkatenkammer kam und im höchsten Greisenalter noch die Errichtung des Königreichs Italien erlebte. Der Eindruck des Prozesses muß ein dauernder für sein Leben gewesen sein, weil er seine ganze Muße der Verfassung von Büchern und Schriften für die Abschaffung der Todesstrafe weihte." Prof. Elliot Smith über die Rolle der Juden in der Kulturentwicklung. In Anwesenheit von Vertretern der englischen Regierung wurde in London der I. Internationale Kongreß für Anthropologie und Ethnologie eröffnet. Prof. Ellioth Smith vom Royal-Institut hielt eine Ansprache, in der er u. a. die Rolle der Juden in der Kulturentwicklung hervorhob und seinem Erstaunen darüber Ausdruck gab, daß Theorien aufgestellt werden, in denen unter Außerachtlassung der Ergebnisse anthropologischer Forschung der Ausdruck „Arier" im Sinne von Nichtjude gebraucht wird. Für die großen antiken Kulturen des Vorderen Orients seien semitische Einflüsse ebenso maßgebend gewesen wie für die spätere Kulturentwicklung in Europa, in der die Juden, die im Mittelalter den geistigen Konnex zwischen der spanischen und griechischen Kulturwelt herstellten, eine bedeutende Rolle gespielt hätten.