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Der Israelit · 1934-10-05 · Heft 40 (5.10.1934) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 40 (5.10.1934)
Date
1934-10-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 40 D e r Israelit Die dürren Worte des Basler Programms waren in Wahrheit ein revolutionärer Weckruf an das jüdische Volk, aus zweitausendjähriger Passivität der Schicksalshinnahme zur Aktivität geschichtlicher Schicksalsgestaltung 'zu er wachen. Indem es sich zum Wortführer des jüdischen Volkes auf politischer Tribüne, machte, enthielt es die stillschweigende Voraussetzung der Rückkehr des jüdischen Volkes als solchen in geschichtliche Sphäre, in die Sphäre der Weltpolitik. Es ist niemand bewußt Zionist ge worden, ohne diese innere Umwandlung erfahren zu haben. Sie war bei dem Thoratreuen, der aus dem Milieu des duldenden Galuth kam, nicht minder groß, wie bei dem Assimilanten, der die Loslösung vom vernichtenden Galuth vollzog. Diese Umwandlung erfaßte die ganze Persönlichkeit, namentlich aber ihr Fühlen. Sie erhob das, Palästina ers'ehnende, jüdische Volk zu einer seelischen Realität der Persönlichkeit und ließ aus dem Meer religiöser Erinnerungen individueller Prägung und aus dem Meer der Vergessenheit der an die Fremden Verlorenen das konkrete Palästina als Taten forderndes Ziel der für ihr Volk sich sehnenden und für ihr Volk sich einsetzenden Persönlichkeit emportauchen. Und weil eben der Zionismus es war, der diese Umwandlung bewirkt hatte, verwob er sich für die Umgewandelten mit dem jüdischen Volk selber und mit Palästina zu unlösbarer Einheit. Ich gehe nicht so weit wie Amiel, der die Möglichkeit offen läßt, es habe der Misrachi den zionistischen Nationalismus in all seiner Thorawidrigkeit übernommen und ihm die Thora gewissermaßen aufgepfropft. Den Besten und Klarsten im Misrachi sagt Amiel gewiß nichts Neues, wenn er den zionistischen Nationalismus als gegen die Grundlagen der Thora verstoßend analysiert. Wie gesagt: der Fehler lag nicht in einer Unzulänglichkeit des Denkens. Der Fehler lag in einer Unzulänglichkeit der fühlenden und fühlend wollenden Persönlichkeit. Dem Thorafremden brachte das zionistische Erlebnis vielfach die rettende Aufrichtung und Erstarkung seiner Persönlichkeit. Es konnte sich seiner hemmungslos bemächtigen, weil es sich auf dem Zusammenbruch von Werten aufbaute, die nun als Scheinwerte preisgegeben wurden. Den Thoratreuen aber stellte das zionistische Erlebnis vor die schwere Aufgabe seiner restlosen Einordnung unter die an sich schrankenlose Herrschaft der Thora. Ganz gewiß blieb dem wahrhaft Thoratreuen auch nach dem zionistischen Erlebnis das jüdische Volk, das Volk G'ttes, undenkbar ohne die Thora; blieb Palästina das Heilige Land, heilig als Land der Thora. Aber wenn nun der Thoratreue, hierin durchaus dem Thorafremden gleich, aus dem Erlebnis die einzige Konsequenz zog, daß er sich der zionistischen, dem Basler Programm verpflichteten Organisation anschloß, um nunmehr in ihr an der Verwirklichung dieses Programms zu arbeiten und, gestützt auf dessen Wortlaut, Verletzungen der Thora hierbei zu verhindern: wenn der Thoratreue also, hierin durchaus dem Thorafremden gleich, die neu gewonnene, das Fühlen und Wollen packende und entflammende Rückkehr in die Geschichte nur innerhalb der zionistischen Organisation und ausschließlich zugunsten des palästinensischen Ideals betätigen zu können vermeinte, der Thora aber hierbei nur die Stellung des Blümleins Rührmichnichtan zufiel: so mußte diese Art der Verarbeitung des zionistischen Erlebnisses .geradezu zwangsläufig zu einer Aufspaltung der thoratreuen Persönlichkeit, zu einem Auseinanderfallen ihrer denkenden und fühlenden Komponenten und damit schließlich zu einer erheblichen Schwächung ihrer Kraft des Wollens führen. Dies ist die eigentliche Quelle der Tragik des Misrachi, die geheimste Ursache seiner Mißerfolge, die tiefste Wurzel seiner von Amiel so lebhaft beklagten Nachgiebigkeit. Der zionistische Weckruf zur Rückkehr in die Geschichte hatte den thoratreuen Misrachisten aufs eindringlichste gepackt. Daß dies geschah, spricht in hohem Maße für seinen geschichtlichen Sinn. Der Weckruf ließ ihm das jüdische Volk, ließ ihm Palästina als geschichtliche, zu Taten treibende Realität erstehen. Allein bis zur Thora drang ihm der Weckruf nicht durch; an die Thora hat er sein Erlebnis nicht herangeführt; die Thora ist ihm geschichtliche Realität nicht geworden. Theoretisch hat sich ihm freilich an der Beziehung der Thora zum jüdischen Volk und zu Palästina nichts geändert. Sein Denken sagt ihm auch weiterhin, daß ohne die Thora das jüdische Volk und Palästina sinnlos sind. Aber sein geschichtliches Fühlen, aufgerüttelt durch das zionistische Erlebnis, verträgt es durchaus, daß zwar das jüdische Volk, daß zwar das jüdische Palästina ihre geschichtliche Tribüne, ihren weltzugewandten Kongreß erhalten, daß aber die Thora, daß die, Land und Volk beherrschende Thora ohne Tribüne, ohne Kongreß bleibt, daß sie ihr Königswort zu Volk und Welt nicht sprechen kann, daß ihr keine Organisation ersteht, die die Künderin und Vollstreckern! ihres, Land und Volk heischenden Königswillens in völliger Unterworfenheit des durch keine Ueberorganisation gehemmten oder behinderten dienenden Willens sein könnte. Nicht im Denken des. Misrachisten, wohl aber in seinem Fühlen vollzieht sich dergestalt dennoch die Trennung der Thora von Volk und Land. Nur Volk und Land gegenüber tritt er aus der Einsamkeit seines privaten Daseins hinaus und wird zu einem Mann der Geschichte, dem Volk und Land geschichtliche Realitäten sind, für deren Beziehungen er sich als Glied des Volkes, dessen nationale Zukunft nur in diesem Lande erblühen kann, dergestalt verantwortlich weiß, daß er den Wert seiner Lebensleistung an dem Fortschritt mißt, den er diesen Beziehungen gebracht hat: aber der ewige Anspruch der Thora, das Volk noch vor Wiedergewinnung des Landes und erst recht während und" nach seiner Wiedergewinnung als Herrscherin zu erfassen, dieser Anspruch bleibt zwar seinem Denken, nach wie vor begründet, nimmt jedoch am geschichtlichen Umwandlungsprozeß nicht teilr sprengt daher auch nicht die Schranken seines individuellen Daseins und gewinnt, weil die lebendige geschichtliche Verantwortung, weil das lebendige Gefühl für die geschichtliche Verantwortung fehlt, keinerlei zu Gemeinschaftsbildung und zur Gemeinschaftstat drängende Kraft. So bleibt zwar die Thoratreue Wesensbestandteil des Misrachisten in seiner Vereinzelung, der Misrachisten als Individuum, aber sie wird ncht der zentrale Motor seines geschichtlichen, also Gemeinschaft gründenden und Gemeinschaft fördernden Wirkens, muß sich vielmehr innerhalb der Gemeinschaft damit begnügen, auf eine mehr oder minder ungewisse Zukunft verwiesen zu werden und sich einstweilen mit duldender Berücksichtigung abfinden zu lassen. Der echte Misrachist ist in seinem Denken thoratreu, in seinem Fühlen — zionistisch. Zionismus ist Vergeschichtlichung des jüdischen Volkes und des jüdischen Landes ohne Vergechichtlichung der Thora. Faßt man den Zionismus solchermaßen auf — vom Standpunkt der Geschichte, nicht vom Standpunkt des Dogmas, scheint mir eine andre Auffassung gar nicht möglich — so ist der Misrachi allerdings durchaus — zionistisch. Im Widerstreit zwischen Denken und Fühlen hat sich noch stets das Fühlen als stärker erwiesen. So wurde der Zionismus seelisch die wahre und eigentliche Heimat des Misrachi. So wurde der Misrachi' die Partei der lediglich komplementären Thora. --m Bräutigame der Thora und der Schöpfung." Uralter Brauch schmückt den, der am Simchas Thora zum letzten Thoraabschnitt aufgerufen wird, mit dem Bräutigamskranz, er ist „Bräutigam der Thora". Wer nach ihm zum Wiederbeginn der Thoravorlesung den Segensspruch sagen darf, ist der „Bräutigam der Schöpfungsgeschichte", dern'tfina pn/ dem in alten Gemeinden auch noch am folgenden Sabbat, der der eigentliche n'SJttia fiaw ist, mannigfache Ehrungen zuteil werden. Um diesem schönen Brauch auf den Grund zu gehen, müßte man schon älteste Literatur nachlesen. Schon im Midrasch Koheleth Rabba lernt Rabbi Jizchok aus einem Satze der Bibel heraus, daß J'ffW min bv nuasb nnsO' man ein Festmahl veranstalte, wenn die Thora zu "Ende gelesen ist. (Siehe auch Orach Chajim 669.) Einem Gedankengange des Kalischer Raw, Rabbi Jecheskel Lipschütz V'St folgend, sei hier nur kurz folgendes gesagt: Wir stehen alle der Thora gegenüber im Verhältnis des Bräutigams zur Braut. Wir haben bei aller glühender Liebe Distanz zu wahren. Von denen, die an die Thora so herangehen, wie an andere Bildungsgebiete und glauben, sie könnten sie nach Bedarf dehnen und kürzen (Bibelkritik), gilt das Talmudwort wen» by xa lVxa- Uns aber bleibt die Thora stets die nonx, die Angelobte, die ihr letztes Geheimnis uns nie enthüllen wird, nvivs nvn' ein Erbteil von Moses. r-rx/ lies nicht nenw, „Erbteil", sondern n»msa „Verlobte"! In der Thora allerletzte Gedankentiefen hinabzusteigen, war noch keinem Erdensohne beschieden. Der damit ausgezeichnet wird, in Vertretung der ganzen Gemeinde beim Schlußkapitel der Thora dabei zu sein, ist nur ein!~inn *nn und bringt damit für uns zum Ausdruck, daß wir alle, und hätten wir noch so viel gelernt und wären wir noch so weit zum Sinn der Lehre vorgedrungen, doch nurrvwi 'Jnn „Bräutigame der Thora" sind und uns als solche zu empfinden haben. Der gleiche Gedanke dürfte aber auch der Institution von r-pt&ma Inn zugrunde liegen. Das Rätsel der Schöpfung rollt sich auf dem ersten Blatte der Thora vor unseren Augen auf. Hier erwachen die Fragen nach dem Woher, Wohin und Wieso. Allein genau so wie vor der heiligen Thora, stehen wir auch vor dem Schöpfungswunder nur als n'ptna 'inn, als „Bräutigam" da, in respektvoller Distanz, voll Bewunderung und Vertrauen, aber eine gewisse Grenze, die einmal unserem Begreifen gezogen ist, einhaltend; ohne die Keuschheit des Schöpfungsbildes zu verletzen durch Fragen nvnbnn nbvxb 'na 'Ui nach dem Oben und Unten, nach dem Vorher und dem Nachher. Als TW&M *Jnn treten wir den neuen Zyklus der Thoravorlesung an, wie uns die Thora an ihrem Freudentage als r-nin *:nn entlassen hat. Der Wilnaer Gaon, so wird überliefert, pflegte seinen Schülern als Merkwort für das zu Winterbeginn mit gesteigerter Kraft einsetzende Lernsemester r-PBWia zuzurufen, das in seinen Anfangsbuchstaben die sechs Voraussetzungen .für Thoralernen und Thoraleben enthält, nämlich mifl /nx-)') .np'xiltf (xanN .ps1! ^inuS Vertrauen, Wille, Liebe, Schweigen, G'ttesfurcht, Dankgefühl. Ein Wortspiel nur, und könnte uns doch in dem bevorstehenden Winter zum Worte der Verheißung, der inneren Erlösung werden. Vertrauen brauchen wir heute mehr denn je, und wo ein Wille zum Judentum da ist, öffnen sich uns Wege auch durch das Gestrüpp aller Mühsale. Vertrauen und Wille sind von der inneren Liebe bedingt, die, nach dem Worte des Hohenliedes, „von keinen Fluten ausgelöscht werden kann." Aber auch das Schweigen ist Voraussetzung für Lernen und jüdisches Leben, das stille Sichhineinfinden. In Ehrfurcht (mn») beugen wir uns sowohl unter das unverständliche Wort der Lehre wie unter die unbegreifliche G'tteswaltung im Leben, um später einzusehen, daß auch jenes Unbegreifliche uns zu heißem Dank (min) verpflichtete. Treten wir mit dem r"P">ina als Losung in den Winter, und wir werden an jedem Freitagabend Grund genug haben, mit Sang und Dank G'tt, der uns heil über die Fährnisse der Woche geführt hat, zu preisen. •np^ Tiaa mw bipi "wa

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