Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1934)
- Date
- 1934-10-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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kS^c/5*.*<T 'F^-'ji '*■,"»}■' , * i|;5. Oktober ,1934 D er 1 s r a e I i t Nr. 40 Seite 3 '1 rsa rs u Die Tragik des (Fortsetzung von Seite 1.) sam tagten, erstere auch barhäuptig saßen und ähnliches, im besonderen aber sie dahin tendierten, auch die Kulturfragen in den Kreis ihrer Arbeit zu ziehen." (Vgl. A m i e 1, die ideologischen Grundlagen des Misrachi, herausgegeben von der Misrachi-Organisation — hebräisch — Warschau, 5694, S. 36.) Wie man sieht, blieb man auch nach Gründung des Misrachi vorbehaltloser Zionist. Man nahm nur an dem keineswegs zur Sache gehörigen persönlichen Verhalten der Thorafremden einigen Anstoß, und man wollte verhindern, daß die keineswegs zur Sache gehörigen Kulturfragen vergemeinschaftet würden. Der Zionismus sollte nach wie vor, seinem Programm getreu, den Mächten der Erde die Heimstätte in Palästina abringen. Gegen ein solches Unternehmen hatte die Thora, bei Anwendung friedlicher Mittel, wahrhaftig nichts einzuwenden. Es gab keinen Gegensatz zwischen Thora und Basler Programm. Nicht vom ^Zionismus und seinem Programm, sondern von den einzelnen Zionisten und ihrem programmgefährdenden persönlichen Verhalten oder ihren programmwidrigen Absichten rückte man einigermaßen ab, Auf Grund des Programms mit seiner offensichtlich nach außen gerichteten Tendenz war man Zionist geworden. Alles kam darauf an, daß dieses Programm gewissenhaft innegehalten wurde. Blieb es bei der außenpolitischen Tendenz, erachtete man die Beziehung zwischen Thora und Zionismus als völlig unproblematisch. So. wurde der Misrachi nicht nur als Stätte der Erholung von dem ärgerlichen Gehaben der neu gewonnenen thorafremden Freunde, sondern vor allem als Bollwerk "zum Schutz und zur Verteidigung des — Basler Programms gegründet, Es war keineswegs nur die „Eile" bei der Konstituierung, die den Misrachi hinderte, zu einer eigenen Ideologie zu gelangen, wie Amiel (a. a, 0.) anzunehmen scheint. Die außenpolitische Tendenz des Basler Programms war vielmehr für die erste Generation des Misrachi die unerläßliche Vorbedingung ihres Eintritts in die zionistische Organisation. Diese erste Generation war sich meines Erachtens des unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen Thoratreue und Thorafremdheit durchaus bewußt. Im außenpolitischen Charakter des Basler Programms glaubte sie die Plattform gefunden zu haben, die das gesamte jüdische Volk in einem gemeinsamen Streben einigen konnte, und sie vertraute der Kraft der Thora und der Kraft der thoratreuen Massen des jüdischen Volkes, daß sie mit der Minorität der kulturellen Assimilanten, die auf dem Wege zum Ziel des Basler Programms unvergleichliche Dienste leisten konnten, nach Erreichung des Zieles schon fertig werden würden. So wurde ihr das Basler Programm, wie es Herzl gedacht hatte, zu einer wahren Magna Charta, an die sie sich mit allen l asern ihrer hoffenden Seele klammerte. Die Orthodoxie der ersten Misrachi-Generation erstreckte sich recht eigentlich auch auf das Basler Programm. Jeder Verstoß gegen seinen Wortlaut und seinen ursprünglichen Wortsinn bedeutete zugleich eine Verletzung des religiösen Gewissens der ersten Misrachi-Generation. Es ist wahrlich kein Zufall, daß die älteren Misrachisten heute vielfach den Revisionisten nahe stehen. II- Der kurze Satz des Basler Programms enthielt das öffentliche Bekenntnis zum jüdischen Volk und zu Palästina. Dem jüdischen Volk als solchem wollte es eine neue, eine konkret geschichtliche Beziehung zu Palästina schaffen, . Das Bekenntnis zum jüdischen Volk schlug in Westeuropa, leider auch vielfach im Kreise der Thoratreuen, wie ein Blitz ein. Der Widerspruch, auf den es in Westeuropa stieß, war wohl auch bei den Thoratreuen oft genug von bewußter oder unbewußter Assimilation diktiert. Gerade dieses Bekenntnis aber mag in Westeuropa manchen aufrechten, nach Klarheit ringenden Thoratreuen dem Misrachi zugeführt haben. Im Osten traf das Programm einen bereits vorbereiteten Boden. Persönlichkeiten, denen die Sehnsucht nach Palästina die Ruhe ihres Daseins raubte, horchten auf. Der vom Westen herüberschallende Ruf nach Palästina, ausgestoßen von den Verlorenen unseres Volkes, erschütterte sie aufs tiefste. Dieser Ruf wandelte ihnen die Verlorenen in Brüder. Im Osten aber wie im Westen war es die unerhörte Geschichtlichkeit des Vorgangs, die am meisten packte. Das jüdische Volk spricht zu den Völkern der Erde! Zweitausendjähriges duldendes und harrendes Schweigen gewinnt plötzlich Sprache. Und welche Sprache! Sprache voll Würde und Adel, Sprache voll kühner Aufrichtigkeit, Sprache voll Kraft und Zuversicht, Sprache auch, die nicht nur nicht gegen die Thora spricht, sondern sich ganz und gar zu ihren Verheißungen bekennt. Der kurze Satz des Basier Programms ist gewissermaßen das konzentrierteste . Destillat dieser Sprache. Es mag schon sein, daß der Zionismus in der ersten Misrachi-Generation denjenigen Teil der Thoratreuen an sich gerissen hat, der für geschichtliches Denken und Fühlen am meisten aufgeschlossen war. III. Auf der Brücke des Basler Programmes sind die Väter des Misrachi vor drei Jahrzehnten ins Lager des Zionismus gegangen, Die Thora trugen sie im Arm, und sich und die Thora anvertrauten sie dem Schutz der auf das Programm verpflichteten Führer. Mochten die Führer bei den Mächten der Erde um die Heimstätte kämpfen: sie würden ihnen in hingebender Treue helfen, und am Schluß würden sie in der gezimmerten Heimstätte der Thora den Herrschthron errichten. Mochten sie auch jetzt noch gering sein an Zahl: die thoratreuen Massen würden über die Brücke des Programms schon nachdrängen und den Sieg der Thora sichern. An der Brücke des Programms hielten sie Wache. Nicht der Brücke wegen, sondern um die Thora, die sie im Arm trugen, sondern um die thoratreuen Massen, auf die sie warteten. Als die Brücke zerbrach, war der Misrachi von den thoratreuen Massen getrennt, war die Thora in seinem Arme jedes Schutzes bar. Dies ist die Tragödie des Misrachi, IV. Warum zerbrach die Brücke? Weil sie die Last der Mißerfolge nicht mehr trug, die dem politischen Zionismus, den allein Herzl gedacht und der Misrachi akzeptiert hatte, während langer Jahre beschieden waren. Herzl und der Misrachi hatten mit baldigem Gelingen gerechnet. Als Herzls Kraft verströmte, war auch das Schicksal des Misrachi besiegelt. An Stelle des, einstweilen, unerreichbaren politischen Zieles mußte die Erziehung des Volkes für dieses Ziel treten. Der Zionismus wechselte den Adressaten. Statt an die Mächte der Erde wandte er sich an '-— uns. Spätestens, als der Zionismus zur Kulturbewegung wurde, hätte der Misrachi sein Lager verlassen müssen. Ich habe nicht den mindesten Zweifel, daß die Väter des Misrachi sich niemals dem Zionismus angeschlossen hätten, wenn ein Punkt des Basler Programmes auch die jüdische Kultur gewesen wäre. Nun aber klammerte man sich an das längst zum Strohhalm gewordene Programm. Namens des Programms ist der Misrachi bis zum heutigen Tage niemals müde geworden, gegen die völlige antireligiösen Kulturiaten des allgemeinen Zionismus zu — protestieren. Aber eben nur zu protestieren. Denn inzwischen hat man längst gelernt, aus den Händen der Organisation Gelder für — eigene Kulturtaten in Empfang zu nehmen. Was dem einen recht ist, muß dem anderen billig sein. Nun erst, da der Misrachi das erste Geld für seine Kulturinstitutionen von der zionistischen Organisation empfing, war er zu einer wirklichen Fraktion, die Thora in seinem Arm zu einem — Fraktionsprogramm herabgesunken. Warum hatte der Misrachi nicht mehr die Kraft, aus dem zionistischen Treubruch die Konsequenz zu ziehen, die den Vätern des Misrachi eigentlich ohne weiteres zuzutrauen war? Sah er nicht, daß die. Plattform des Basler Programmes gar nicht mehr existierte? Muß erst jetzt Amiel kommen, um ihm die ganze bittere Wahrheit mit tapferen, unerschrockenen Worten voll eindringender Klarheit, voll unerbittlicher Logik zu enthüllen? Muß er erst von Amiel den Gegensatz zwischen zionistischem Nationalismus und dem Nationalismus der Thora, von Amiel erst den Herrschaftsanspruch der Thora lernen, der sich nicht an die Ketten einer Fraktion legen läßt? Ich glaube es nicht. Andere Gründe sind maßgebend, deren Amiel gleichfalls Erwähnung tut. Es hatte der Misrachi im Laufe der Jahre mehr und mehr die unmittelbare Fühlung mit den thoratreuen Massen verloren. Es hatte des weiteren der Misrachi im Laufe der Jahre sich mehr und mehr daran gewöhnt, die zionistische Organisation mit dem — jüdischen Volk ZU idealifizieren. Was man vom „Austritt" aus der „jüdischen Gemeinde" noch mit einem gewissen Schein geschichtlichen Rechts sagen konnte, wurde einfach auf den „Austritt" aus der — hochmodernen zionistischen Organisation übertragen. Man wurde — „Separatist", wenn man sich vom — Kongreß lossagte. Es hatte schließlich der Misrachi auch Erez Jisroel mit dem Zionismus gleichgesetzt. Weil man von Erez Jisroel nicht lassen wollte, blieb man Zionist. Man sah im agudistischen Lager kein klares Bekenntnis zu Erez Jisroel, vor allem keine großzügig tatenfrohe Opferbereitschaft, keine zeitgemäße Leistung für Erez Jisroel. Der ' eigenen Kraft aber traute man auch nicht. So suchte man, sicher oft blutenden Herzens, zu retten, was noch zu retten war. Und klammerte sich an das längst zum Mythos gewordene Programm. Der eigentliche Grund aber, die anderen Gründe alle in sich aufnehmend, war wohl der, daß der Misrachi sich selber ohne den Zionismus, ohne die zionistische Organisation gar nicht mehr denken konnte, daß er die Partei der komplementären Thora geworden war, die sich selbst aufhob, wenn sie sich von dem schied, was sie komplementieren wollte. V. Wie war es dazu gekommen? Wie mußten erst dreißig Jahre vergehen, bis in Amieis Schrift eine Stimme wahrhaft erschütternder Mahnung sich mitten im Kreise des Misrachi erheben konnte? Ich glaube keineswegs, daß die Väter des Misrachi den Abgrund verkannten, der Herzls Nationalismus vom Nationalismus der Thora schied. Sie waren sich durchaus bewußt, daß die jüdische Nation und die Thora von einander nicht zu trennen seien. Ich bin überhaupt überzeugt, daß die Väter des Misrachi sich in keinem theoretischen Irrtum befunden haben. . Sie irrten in ihrem Glauben an einen schnellen Erfolg des politischen Zionismus. Sie irrten in ihrem Glauben an eine baldige Gefolgschaft der thoratreuen Massen. Und sie irrten aus einem Zwiespalt zwischen Denken und Fühlen. Das Letzte ist das Entscheidende.