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Der Israelit · 1934-11-22 · Heft 47 (22.11.1934) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 47 (22.11.1934)
Date
1934-11-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 47 1934 Josef von Sevilla. Erzählung aus der Zeit der Inquisition. Unsere Erzählung versetzt uns in die letzten Jahre des 15. Jahrhunderts. Das für die Juden so schreckliche Edikt der Königin Isabella war im Jahre 1492 erlassen worden, nach welchem sämtliche Juden, die nicht die Taufe annehmen wollten, innerhalb vier Monaten Spanien verlassen mußten. Schlimmer als je zuvor wütete das schreckliche Glaubensgericht, das Inquisitionstribunal gegen diejenigen, die trotz Annahme der Taufe wieder in den alten Glauben zurückfielen. Wehe dem, der vor die Schranken des Tribunais geladen wurde. An Rettung vor dem "Scheiterhaufen war nicht zu denken. Wenn auch das einzige Geständnis, noch Jude zu sein, genügte, um einen dieser Unglücklichen zum Feuertode zu verurteilen, so erpreßte ihnen die Folter Geständnisse von Verbrechen, an die sie nie dachten. Welch' verlockende Aussichten hatten also jene armen, ausgewiesenen Juden, durch Annahme des Christentums ihren Aufenthalt in Spanien zu ermöglichen! Dennoch konnten sich viele Juden nicht dazu entschließen, ihre südliche Heimat zu verlassen, und traten deshalb äußerlich zum Christentum über, während sie jedoch in der Tat dieselben gläubigen Juden waren wie früher. Zu diesen, Marannen genannt, gehörte auch Don Manuel, einer der angesehensten Bürger von Sevilla. Niemand, außer seinen Glaubensgenossen, ahnte, daß hinter dem scheinbar frommen Christen ein glaubenstreuer Jude steckte, und konnte er so ohne Furcht vor Endeckung in seinem Hause die alten Satzungen aufrecht erhalten. Mit allen Glücksgütern gesegnet, zur Seite einer liebenden Gattin, erfreut durch seine einzige liebliche Tochter Saloma, wagte er zu hoffen, daß ihm das Glück auch weiter hold bliebe und er in Ruhe seines Glückes genießen könne. Doch glaubte er selbst nicht, daß alles so bleiben werde, und oft saß er stundenlang in Schwermut versunken da und dachte darüber nach, was die Zukunft bringen könnte, ja sogar bringen mußte. Weshalb sollte er auch allein von dem Unglück, das seine Glaubensbrüder betroffen hatte und noch im Gange war, verschont bleiben,? Wie schnell sollten sich seine düsteren Ahnungen verwirklichen. — II. Wild brauste der Sturm über die Ebene bei Sevilla, dumpf rollte der Donner, und wenn hie und da ein Blitz an dem nächtlichen Himmel zuckte, beleuchtete er die Gesichter zweier Jünglinge, die trotz des Sturmes und Regens ihren Weg ruhig weiter verfolgten. Ihr Gesichtsschnitt verriet die jüdische Abstammung. „Das rechte Wetter für unser Vorhaben," unterbrach der Eine, eine hohe, kraftvolle Gestalt, das Schweigen. „Noch etwas zu gut," meinte der Andere, eine nicht minder kraftvolle, aber kleinere Gestalt. „Meinst Dü nicht, Josef, daß sich viele durch den Sturm abhalten lassen, bei der Zusammenkunft zu erscheinen?" *) Das Interesse für die jüdische Situation in Spanien vor und nach dem „Edikte" ist durch Erscheinungen unserer Zeit neu geweckt. Die hier beginnende Novelle ist 1903 von einem ungenannten Autor geschrieben worden. „Darüber beruhige Dich, Elieser, Diejenigen, die ich zur Versammlung aufforderte, werden sich durch nichts abhalten lassen, um Mittel und Wege zu finden, den Qualen, die wir Juden jetzt zu leiden haben, endlich ein Ende zu machen." „Josef, Josef," ermahnte Elieser, „gib Dich keinen Täuschungen hin, was willst Du mit 20 oder 30 deinesgleichen gegen ein ganzes Volk ausrichten? Die Zeiten der Makkabäer sind vorüber." „Wohl sind die Zeiten vorüber, doch noch lebt der alte G'tt; kann er uns nicht jetzt ebenso helfen, wie damals jenen Makkabäern?" Bei diesem Gespräche waren sie am Ziele ihrer Wanderung angekommen. Wie Riesen lagen vor ihnen die Trümmer einer alten Ritterburg, der geeignetste Ort für eine derartige Versammlung. Die Dunkelheit der Nacht, sowie abergläubische Furcht hielten jeden Unberufenen vom Zutritt zu den Trümmern ab und so war die Wahl Josefs eine glückliche gewesen. In der einzigen, noch erhaltenen Halle angekommen, wurden die beiden Jünglinge von einer Schar Männer von ungefähr dem gleichen Alter aufs herzlichste begrüßt. Von dem unstäten Lichte der angezündeten Fackeln beleuchtet, nahm sich die kleine Schar wie eine Geisterversammlung aus. Da unterbrach Josef das Schweigen: „Meine Brüder! Ich habe Euch hierherbeschieden. Euer Herz sagt Euch warum. Könnt Ihr das länger mitansehen, daß die Blüte unseres Volkes von den fanatischen Mönchen dahingemordet wird, wollt Ihr weiter untätig mitansehen, bis auch die Reihe an Euch kommt? Nein, nimmermehr, raffet Euch auf aus Eurer Untätigkeit, schüttelt die Angst vor dem Feinde ab. Denket an unsere Vorfahren, an Juda Makkabi, haben die sich hinmorden lassen, ohne sich zur Wehr zu setzen? Ich sehe wohl ein, daß wir gegen die spanischen Soldaten nichts ausrichten können, doch können wir ncht unschuldig Verurteilte aus dem Gefängnisse befreien? Alles wollen wir daran setzen, und wenn es sein muß, reißen wir Unschuldige vom Scheiterhaufen herunter. Können wir das nicht? Antwortet. Kann uns G'tt nicht ebenso helfen, wie Er unseren Vätern half. Wir können und wollen nicht länger zögern!" Beifallsrufe ertönten. Doch wieder war es Elieser, der von dem Vorhaben abriet. „Ueberleget wohl, was Ihr vorhabt, bedenket wohl,:ob der Schaden nicht größer sein kann, als der Vorteil. Angenommen, Ihr befreit einige Gefangene aus dem Kerker, werden dann nicht in Zukunft die Wachen verdoppelt und verdreifacht werden und Eure Unternehmungen so vereitelt werden. Wird man dann mit den Gefangenen nicht noch kürzeren Prozeß machen? Auch ich bin verzweifelt, wenn ich daran denke, wie unsere Brüder in diesem Lande leiden müssen; doch denket an das Wort des Propheten: Nicht durch Kraft und nicht durch Macht, sondern durch meinen Geist spricht G'tt, — Nur bei G'tt Hegt Rettung, sollen wir Ihm da vorgreifen?" „Du gehst zu weit," entgegnete ihm Josef, „nicht das will ich, was Du sagst. Wirst Du Dich widersetzen, wenn ich meinen gefangenen Bruder aus dem Gefängnisse befreien will? Du wirst es nicht, und auch Ihr nicht, meine Brüder," wandte er sich an die Versammelten. „Wir sind bereit, mit Dir zu kämpfen und zu sterben," fielen Alle begeistert ein. „Ich danke Euch, meine Brüder. Ist aber einer unter Euch, der sich nicht stark und mutig genug zu dem Unternehmen fühlt, er möge es ruhig sagen." Keiner rührte sich. „Werdet Ihr auch alle Euer Wort halten und bei keinem Menschen etwas über diese Zusammenkunft sprechen? Ihr wißt, was davon abhängt. Schwört es mir!" „Wir schwören es," sagten Alle einmütig. „Wer ist außer den hier Versammelten noch ins Vertrauen gezogen?" fragte einer der Jünglinge. „Niemand außer uns," erwiderte Josef. „Auch Juda nicht?" „Auch dieser nicht." „Warum nicht?" „Laß das meine Sache sein," entgegnete Josef ■ schroff. „Warum hast Du Juda nicht auch hierher kommen lassen?" wandte sich Elieser leise an den Freund. „Ich traue ihm nicht," erwiderte Josef ebenso leise. „Wie?" fragte Elieser erstaunt, „welchen Grund hast Du zu diesem Mißtrauen? Ist nicht Juda ein besonderer Günstling Don Manuels? Solltest Du Dich nicht irren?" „Kann sich Don Manuel nicht auch in einem Menschen täuschen? Ich habe meine Gründe zu Mißtrauen und will ich G'tt danken, wenn mein Mißtrauen grundlos war." Unter diesen Gesprächen waren die Fackeln vollständig heruntergebrannt und der Raum war wieder in völlige Dunkelheit gehüllt. „Es ist Zeit zum Aufbruch," mahnte Josef. In wenigen Augenblicken war die Stätte der bewegten Szene wieder wie ausgestorben. III. Der Frühling (1493) war wieder ins Land gezogen. Neue Hoffnung auf Besserung keimte in der Brust der Marannen. Doch vergeblich ist ihre Hoffnung, nichts vermochte das Herz der fanatischen Königin und ihrer einflußreichen Ratgeber zu rühren, um das Los der Juden zu einem glücklichen zu gestalten. Das Pesachfest war da. Wie alljährlich versammelten sich die Marannen zur Feier desselben bei Don Manuel. Es ist Seder-Abend. Alle sitzen bereits am Tisch, um aus dem Munde des Hausherrn die Erzählung von der Befreiung Israels aus Aegypten zu hören. Wann wird für sie die Stunde der Befreiung schlagen? Diese Frage konnte man auf allen Gesichtern lesen. „Wir sind noch nicht vollzählig," hub Don Manuel an. „Noch fehlt einer unserer Brüder, und wir wollen noch ein wenig warten, vielleicht kommt er noch. Was nun unsere Lage betrifft," fuhr er ernster werdend fort, ,,so dürfen wir uns keinen Hoffnungen hingeben. Unser Traum von Besserung ist nicht in Erfüllung gegangen. Vergeblich lag Don Abarbanel vor der Königin auf den Knieen, um ein besseres Los für uns zu erflehen. Machtlos waren seine Bitten dem fanatischen Großinquisitor gegenüber. Unsere Lage ist verzweifelter, als je zuvor. Die Inquisition soll jetzt noch in allen Provinzen eingeführt werden, und wird es schwer halten, unser Geheimnis zu wahren. Rettung liegt nur in der Flucht und halte ich es für das Beste, wenn wir unser Besitztum nach und nach veräußern und sobald als möglich aus dem Lande gehen." Da ertönte ein Glockenzeichen. „Es wird Juda sein," sagte Manuel. Da ertönte die Glocke zum zweiten und dritten Male. Erbleichend hörte es Manuel. Er wußte die Bedeutung des Glockenzeichens. Es war die Warnung seines treuen Dieners; es war also Gefahr vorhanden. „Wir sind verraten," stammelte Manuel. „Rettung liegt nur in der Flucht." (Fortsetzung folgt.)

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