Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-11-22 · Heft 47 (22.11.1934) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 47 (22.11.1934)
Date
1934-11-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450852--80865-2538601
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6 Nr. 47 Der Israelit 22. November 1934 digen jüdisch-holländischen Traditionen, die stets ihre eigene Note im Reiche des jüdischen Geistes hatten. 1862 in Muiden bei Amsterdam geboren, oblag der Heimgegangene von Jugend, ja von frühester Kindheit auf dem intensiven Thorastudium und wurde wegen seiner Begabung und seines jüdischen Ernstes für den Rabbinerberuf bestimmt. Er vervollkommnete sich in den talmudischen wie profanen Disziplinen und erhielt in der Geistessphäre von Oberrabbiner Dünner, dessen Lieblihgsschüler er war, seine rabbinische Reife. Ein hervorragender'D3n Tö^Jl/ ein hinreißender Redner und unerschütterlicher Charakter, von Weisheit und Einsicht begnadet und von einem liebenswürdigen Wesen ausgezeichnet, das ihm alle Herzen gewann, kam er schon im Alter von 26 Jahren auf den Rabbinersitz in der ersten Aschkenasimgemeinde des Landes, in Amsterdam. 1917 wurde er dann.zum 'Oberrabbiner von Amsterdam gewählt, womit ihm die höchste rabbinische Würde, die das holländische Judentum zu vergeben hatte, übertragen wurde. Was Oberrabbiner Onderwyzer in der Zwischenzeit in seiner Eigenschaft als Generalsekretär der Pekidim und Amarkalim (Deutsch-holländische Palästinaverwaltung) geleistet hat, gehört längst der Geschichte des alt-, neuen Jischuw in Erez Israel an. Onderwyzer, dem der politische Kampf nicht lag, setzte seine ganze Kraft für die Unterweisung und Belehrung seiner Gemeinde und der Gemeinden seines Landes ein. Eine ausgezeichnete holländische Uebersetzung des Pent a t e u c h wie des Raschi-Komment a r s mit Erklärungen, die er 1895 erscheinen ließ, ist so gut wie obligatorisch in allen jüdischen Schulen wie Lehr- und Familienhäusern Hollands. Ein von ihm gegründeter und geleiteter Verein unter dem Namen „Bezalel" sorgte für die Fortbildung und auch für die ökonomische Besserstellung der jüdischen Handwerker und Handelsangestellten in Amsterdam. Eine ehrfurchtgebietende, imposante Persönlichkeit, war er als höchster jüdischer Geistlicher im Lande bei jeder Gelegenheit, auch bei Hof, der würdigste Repräsentant des holländischen , Judentums. Aber über Holland hinaus gehörten seine Interessen und seine Arbeit der Erstarkung d< Thoragedankens und der Organisation, die die Thora auf ihre Fahne geschrieben hat. Vom Tage ihrer Begründung an gehörte er mit der ihm eigenen kompromißlosen Prinzipientreue di A g udas Jisroel-Weltorganisation an. Er hatte seinen Sitz im holländischen Rabbinischen Rate, und bei vielen wichtigen Sitzungen und Beratungen der Aguda, so auch bei der ersten Kenessio Gedauloin Wien, war ihr sein kluger Rat zuteil geworden. Obwohl durch ein körperliches Leiden in den letzten Jahren in der Arbeit behindert, verharrte er. bis zuletzt auf seinem Posten in unentwegter Treue und- Hingebung. Man muß einmal nur* eine Stunde auf der Amsterdamer B e s Di n-S.tu.be geweilt haben, um zu sehen, wie sich da die Amtsgeschäfte der . Großgemeinde zusammenballen und welche Ansprüche sie Tag für Tag an das Rabbinat stellen. Der ehrwürdige Oberrabbiner saß an der Spitze des Kollegiums lange Stunden des Tages, unermüdlich und un verdrossen, alle kleinen und großen Fragen des Kaschruth, des Schulwesens, der religiösen Lebensinhalte wie der religiösen Disziplin der Gemeinde mit gleicher Liebe und Sachkenntnis behandelnd. Außerhalb seiner Amtsstube liebte aber der Oberrabbiner die bescheidene Zurückgezogenheit in seiner stillen Familien- und Lernstube. Als vor zwei Jahren ihm seine Gemeinde aus Anlaß seines siebzigjährigen Geburtstages ein Fest feiern wollte, sprach er den heißen Wunsch aus und bat auch die jüdischen Zeitungen, von allen geplanten Ehrungen abzusehen. Er kann es nun nicht verhindern, daß die holländische Judenheit und darüber hinaus das orthodoxe Judentum der Welt, insbesondere im benachbarten Deutschland, der tiefen Trauer um den Heimgang dieses Führers eines wertvollen Teiles unserer Gemeinschaft in ehrenden und dankbaren Worten Ausdruck geben. y'"»T' Die „verbesserte" biblische Geschichte. Von Rabb. Dr. J. Merzbach in Darmstadt. Ein neues Buch*) mit den Erzählungen der biblischen" Geschichte liegt vor uns. Joachim Prinz, der liberal-zionistische Rabbiner, hat es „der jüdischen Jugend" geschrieben. Es schlägt den Leser schon im ersten Augenblick, da er es zur Hand nimmt, in seinen Bann. Schon äußerlich: Ein reizender Einband und klarer Schriftsatz. Dann Bilder von Anfang bis Ende, die jedes Kindes Herz frohlocken lassen; ' die neuartig Situationen zeigen, echt kindertümlich und lebendiges Verständnis vermittelnd. Dieses Gaii Eden, dieser Reuben, der erschreckt die Leere der Grube; erblickt, dieser Bote Josefs, auf fliegendem Roß den Brüdern nachset-; zend, David und Goliath — fast jedes Bild originell und wie es kaum besser hätte gezeichnet werden können. (Selbst über den barhäuptigen Möschen und das falsche wipnn m sieht man bei dieser Anmut hinweg.) Und die Erzählungen selbst: lebensprühend, Wärme atmend, mit wenigen Worten und kurzen Sätzen das Kind völlig in die Welt der Erzählung versetzend und dabei doch stark an die Worte der Bibel angelehnt. Eine Kunst des Erzählens eignet dem Verfasser. Kaum könnte man in Schule und Haus Kindern, ja Erwachsenen, besser und schöner von jener Vergangenheit berichten. (Mit Ausnahme der wohl von Thomas Mann beeinflußten allzu phantastisch ausgemalten Jo- *) Die Geschichten der Bibel. Erzählt Joachim Prinz (Erich Reiß Verlag, Bc/lin) Bildern von Heinz Wallenberg. von mit sefsgeschichte.) Eine solche Erzählungsart der jüdischen Geschichte hat uns bisher gefehlt. Der religiöse Leser sucht und findet die G'ttesworte, die an unsere Großen ergingen, die Wunder aller biblischen Zeiten, die Offenbarung am Sinai, ganz wie er es gewohnt ist. Vermißt zwar ungern eine Reihe Erzählungen, die bei dem Bericht „der" Geschichten der Bibel nicht fehlen dürften und die neben dem Buch stets ein ergänzendes Geschichtsbuch nötig sein lassen (Noachs Weintrunk, Abrahams Kampf mit den Königen, Hagar und Ismael, Nadab und-.Abi.hu, Mirjams Aussatz,, Pinchas' Tat, Achans Veruntreuung und gar vieles mehr.); Auch das Schöpfungswerk wäre ihm etwas weniger summarisch lieber gewesen. Aber er tröstet:sich damit, daß Prinz im Nachwort von einer „AuswaW-schreibt, und er fühlt sich durch die Verarbeitung einer Reihe schöner Midraschim, mit denen er verwachsen ist, entschädigt. So könnte man das Büchlein frommen Kindern, gesetzestreuen Schulen überreichen — das ist der Eindruck des oberflächlichen religiösen Lesers. Wer aber an Hand der Lehre unserer Weisen, die auch dem scheinbar einwandfreien Werk — selbst einer fehlerfreien niin'IDO — warnend entgegentreten, wenn von der Hand eines die Grundlehren des thoratreuen Judentums nicht anerkennenden Juden geschrieben, wer so auch in dieses Buch tiefer hineinblickt — der wird bald eines Anderen sich belehren müssen. Der. wird die Gefahr dieses Werkes für unsere Jugend: — um so gefährlicher, weil so einzigartig schön geschrieben — rasch erkennen. Zunächst ein Beispiel, gegen das auch der Pädagoge schwerste Bedenken haben muß. Gewiß ist es nicht leicht, die Geschichte von Joseph und Potiphars Frau dem Kinde so zu - erzählen, daß sie sachlich richtig bleibt und doch die Gedanken nicht auf Dinge lenkt, ,jdie dem Kinde fernzuhalten sind. Aber die Schwierigkeit ist überwindbar. Doch nun darum eine ganz andere Geschichte zu erfinden: Potiphars Frau in Furcht, die Liebe ihres Mannes zu verlieren, die Josef so lobt, daß. er ihn schließlich mehr als sie lieben wird, darum ihr H a ß gegen . Josef und darum Beschuldigung des Diebstahls:: „Hier in dieses Zimmer wollte er gehen, um aus dem Schrank die Schmucksachen zu stehlen" — das ist pädagogisch ein Unding, denn in anderen Büchern, in der Lektüre der hlin in Uebersetzung und Urtext findet das Kind etwas anderes, und erst recht lenkt sich sein Sinn auf das Verheimlichte. Aber'vor-allem" sollte solche Umgestaltung auch bei der heiligen Schrift nicht mehr statthaft sein. Die von Prinz selbst betonte „Ehrfurcht vor dem Text" ist bei einer glatten Verfälschung — wenn sie auch zum Wohle des Kindes geschah — nicht mehr gewahrt. Bei alten Mären darf dies erlaubt sein, beim historisch-wahren g'ttlichen Bericht — nimmer.1) Aber ein weiteres Beispiel, das einen Bruch mit der Ueberlieferung bedeutet. Gideon rüstet zum Kampf. Da gibt G'tt ihm auf, nur die Krieger — 300 an Zahl sind es von Tausenden — mit sich zu führen, die bei dem Trinken an der Quelle nicht knieen, sondern tiergleich trinken. Und die — nach* ö^V» 19, 18 einzig richtige — Ueberlieferung sieht darin die Ausscheidung all derer, die vor den Götzen zu knieen gewohnt sind. Und Prinz? ,,300 tauchten ihren Mund in das Wasser und tranken es schnell.'. . Dann standen sie s c h n eil auf und waren wieder marschbereit. Die übrigen aber knieten langsam.. , Da sagte G'tt zu Gideon: „Von den 10 000 Mann sollst du nur die 300 behalten, die das Wasser schnell tranken und schnell bereit waren, wieder zu kämpfen,"2) Also hat G'tt eine militärische Schnelligkeitsprüfung kommandiert (als ob übrigens das Knieen länger dauerte als die andere Methode!). Zu deutlich blickt hier die Tendenz durch, Jisroels Geschichte 'nationaler,'irdischer erscheinen zu lassen. Aber weit weit ernster stimmt uns die in gleicher Richtung liegende Darstellung der für des Judentums Bedeutung entscheidenden Peßachnacht, der Geburtsstunde des — X*133 DJ? — g'ttgeschaffenen Volkes: „Mose war verzweifelt. Was sollte er jetztr>) tun? Nur eine furchtbare Strafe konnte des Pharao Herz erweichen. Am nächsten Tage (!). schritt der Todesengel, durch das Land Aegypten und erschlug alle erstgeborenen Kinder . . . Da wurde, der Pharao .endlich nachgiebig^ er/ließMose kommen und sagte ihm": Zieh nur mit deinem Volke: weg, denn G'tt hat mich zu sehr gestraft." Mose versammelte das ganze Volk. Noch: in der Nacht zog es aus .Aegypten . ... . Sie konnten ihre Brote nicht fertig backen. Deshalb nahmen sie ungesäuertes Brot mit . . ." Und s o erzählt man dem jüdischen Kinde das Wunder von Dnxa INry? Wo bleibt die damalige Seder-Nacht, ihre mXö und das Peßach-Lamm? Wo bleibt "]Xbft nVi ^K? Nicht das Wunder an sich wollte Prinz verschweigen —■ Wunder berichtet das Buch genug —:aber das Israels Gemeinschaft bestimmende Wunder, das die Geburt Israels über das Irdisch-Nationale hin- ) . Aehnliches ist auchdem entgegenzuhalten, daß Prinz so harmlos erzählt, daß Laban noch ein& zweite Tochter, Lea, hatte und — nach Rahel — auch diese Jakob zur Frau gab. ... 2) Sperrungen von uns; ebenso in späteren Zitaten. n) Nachdem 9 Plagen vergeblich blieben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.