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Der Israelit · 1934-09-21 · Heft 38-39 (21.9.1934) · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 38-39 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Seite 2 Nr. 38/39 Der Israelit 21. September 1934 vorstand war dadurch eingeschüchtert und beschloß Modifikationen, die aber niemanden befriedigen konnten. Es mußte bei der Losung bleiben: Los von der Reform, los von der Gemeinde! Gelegentlich der Vorbereitungen zum Gesetze zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Israelitischen Religionsgesellschaft waren auch Vertreter der Schiffschul zugezogen worden. Sie Waren bemüht, darzulegen, daß der Unterschied zwischen Reform und Altgläubigkeit ein weltanschaulicher, ein grundsätzlicher sei. Aus nichti- Jüdische Frauen in Tunis gen Gründen wurde dieser Anschauung nicht Rechnung getragen und die Möglichkeit der Bildung einer vollkommen unabhängigen orthodoxen Gemeinde war wieder hinausgeschoben. Am zweiten Chanukahtag im Jahre 1893 schloß der geniale Gründer der Adas Jisroel, Rabbi Salman Spitzer ^"XTi für immer die Augen. Die Schiffschul, wohl machtvoll und angesehen, aber immer noch vor großen Aufgaben stehend, war verwaist. Erst im Jahre 1897 gelang es, Oberrabbiner Rabbi Jesaja Fürst aus Eperjes für das Rabbinat in der Schiffscfiul zu gewinnen. Seit 37 Jahren wirkt dieser von aller Welt anerkannte Rabbi, und unter seiner Wirksamkeit wurde die Gemeinde zu dem, was sie heute ist, einem mächtigen Stützpunkt der Weltorthodoxie. Mit dem Emporblühen der Gemeinde wurde auch ihr Rabbinat erweitert, und zwar mit der Berufung von Rabbi I. B. K o h n , dem Schwiegersohne | des Gründers, und später Rabbi Josef Baumgarten, dem unvergeßlichen, hochgelehrten und allbeliebten Dajan, der erst vor einem Jahre von dannen gegangen ist. Zu den alten Institutionen kamen neue hinzu, besonders solche für Thorastudium und Religionsunterricht. Siebenzigjährig, steht die Gemeinde jung und kraftvoll da, ihr Aufgabenkreis hat sich nicht verengert, sondern noch wesentlich erweitert. Eine rührige und tatenfrohe Jugend steht ihr zur Seite und sie kann mutig in die Zukunft schauen. Juden in Tunis und Algier, Im großen Meere des jüdischen Golusleids bebt es einmal da, einmal dort auf. Die eigenen jüdischen Sorgen in den Ländern Europas und in Palästina wurden in den letzten Wochen von dem Hilferufe unserer Brüder in Algier und Tun i s unterbrochen. In Constantine in Algerien kam es zu regelrechten Pogromen, die kostbares jüdisches Leben gefordert haben. Auch in einigen Städten von Tunis gärte und gärt es gewaltig, obwohl es dort glücklicherweise nicht zur Explosion wie im Nachbarlande gekommen ist. Was uns am meisten dabei erschüttert, ist, daß auch die französische Herrschaft nicht imstande war, dem fanatischen Haß der dortigen mohammedanischen Bevölkerung einen Damm entgegenzusetzen. Um eine Ausrede war man nicht in Verlegenheit. Da soll ein betrunkener jüdischer Soldat in eine Moschee eingedrungen und den G'ttesdienst gestört haben. Schon eine oberflächliche Nachprüfung ergab die vollkommene UnsinnigkeitdieserBeschuldigung. Nirgendwo leben die Juden so ärmlich, still, bescheiden und eingeschüchtert wie in den Ghettis Nordafrikas. Die modernen, aus der französischen Erziehung hervorgegangenen Juden kommen weniger mit der mohammedanischen Bevölkerung in Berührung, sind meistens Großkaufleute oder in der französischen Verwaltung tätig und diese wurden auch von den Ausschreitungen nicht berührt. Constantine ist eine der ältesten jüdischen Gemeinden Algeriens, mit einer jüdischen Bevölkerungszahl von 6800 Seelen. In früheren Jahren existierte dort sogar eine Talmudhochschule, eine Jeschiwa. Im Ganzen befinden sich in Algier nach der Volkszählung von 1921, etwa 74 000 Juden unter einer Gesamtbevölkerung von 6 Millionen. Juden sollen in Algerien schon vor der Zernahmen große Stellungen ein, während die jüdische Masse in der Mullah (Ghetto) immer.noch das jüdische Abzeichen teils aus Zwang, teils aus Gewohnheit trug. Trotzdem trat damals schon ein gewisser Assimilationsprozeß ein, der mit der französischen Machtergreifung im Jahre 1830 neuen Auftrieb bekam. Die Juden in Algerien feiern am 6. Aw, dem Tage des Einmarsches der Franzosen, einen nationalen Festtag, denn sie erfreuen sich seit 1870 aller bürgerlichen Freiheiten, und auch des allgemeinen Wahlrechtes. Reiche Juden trifft man nur in kleiner Anzahl, die jüdischen Massen bestehen aus Handwerkern; vorwiegend Schustern, Schneidern und Tischlern. Es gibt auch jüdische Lastträger, große kräftige Gestalten, die mit ihrer traditionellen wehmutsvollen Melodie die schwere Arbeit begleiten. Ihre Sprache ist ein Gemisch von Arabisch, Spanisch, Französisch und Hebräisch. Mit der Landarbeit befassen sich nur wenige. Mit unseren Bildern in dieser- Nummer wollen wir unsern Lesern das jüdische Leben in diesen schwarzen Teilen von Nordafrika ein wenig veranschaulichen. Wir sehen auf dem ersten Bilde dreijüdischeFrauenausTunisin ihrer typischen Tracht, die sie für die Straße oder bei festlichen Anlässen anlegen. Eine recht zufriedene jüdische Famliie in Tunis mit gesundem Nachwuchs zeigt uns das zweite Bild. Auch auf" Bild 3, das uns eine jüdische Frau ungezwungen - vor ihrem Hause vorführt, gibt der Nachwuchs zu keiner Besorgnis Anlaß. Einen Ausschnitt ausdem Marktleben in Constantine zeigtuns das folgende Bild. Wir sehen dann auch drei jüdische junge Wanderer, die durch die Landschaft pilgern, um vielleicht irgendwo ein ruhigeres, gesichertes Heim zu finden. In der Ruine am Wege,- die das sechste Bild zeigt, werden sie wohl ein geschütztes Nachtlager finden. Jüdische Familie in Tunis Störung des zweiten Tempels gelebt haben, nach der Zerstörung und im Verlaufe der Judenwanderungen kamen noch mehrere dazu. Schon unter der römischen Herrschaft hatten dort die Juden viel zu leiden, der Islam, der sonst überall den Juden Recht und Freiheit brachte, bedeutete für die fanatische algerische Bevölkerung Kampfansage gegen die Juden, in denen sie Ungläubige und Feinde des Koran erblickten. Unter den Almohaden im 13. Jahrhundert litten sie stark unter den Zwangsbekehrungen und der nachfolgenden Inquisition. Nach der Austreibung der Juden aus Spanien fanden viele jüdische Familien den Weg nach Algier, so daß sich dort die jüdische Bevölkerung bald in zwei Teile spaltete: die alten Algerier und die spanischen Flüchtlinge. Die letzteren überflügelten kraft ihrer kulturellen Ueberlegenheit die ersteren sowohl in wirtschaftlicher wie in sozialer Beziehung. Alle Rabbiner und geistigen Führer stammten aus Spanien. In der türkischen Zeit, die 1519 begann, erlebten die Juden in Algerien eine Aera der Blüte. Viele Juden aus Italien und Frankreich verkehrten bei Hof und Der alte jüdische Friedhof' in Friedberg. Vor wenigen Monaten (Nr. 2G des „Israelit") berichteten wir über die Einweihung eines neuen Friedhofs der Israelitischen Gemeinde Friedberg. Heute bringen wir (Siehe Seite 4) ein Bild des alten, geschlossenen Friedhofs, der, nach einem Berichte aus der Chronik von Ockstadt, ein Alter von über 400 Jahren hat. In seinem Schöße birgt er, wie aus dem alten Friedberger Memorbuch zu entnehmen Jüdische Frau in Tunis auf ihrem Hofe

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