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Der Israelit · 1934-09-21 · Heft 38-39 (21.9.1934) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 38-39 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 21)
Language
German
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chiffschul 70 Jahre alt/) (Mit zwei Bildern.) Die im Jahre 1848 in Oesterreich für die Juden erreichte Bewegungsfreiheit hatte in Wien eine kleine Anzahl überzeugungstreuer Männer benützt, um in der Ankergasse (jetzt Hollandstraße 3) sich eine Betstube einzurichten, in der nach altüberkommener Sitte gebetet wurde. -Da für ein jüdisches Gemeinwesen das Thorastudium unbedingte Voraussetzung ist, wurde gleichzeitig dort ein Bes-Hamidrosch eingerichtet. Diese ,reaktionäre" Einrichtung war selbstverständlich dem auf dem Boden der Reform stehenden Gemeindevorstand ein Stein des Anstoßes; doch die Männer in der Ankerschul ließen sich nicht abschrecken und arbeiteten an der Ausgestaltung ihres Bethauses weiter. Es war ein besonderes Glück für sie, daß die Vorsehung sie in der Person des Rabbi Salmen Spitzers. Z. 1. einen Rabbiner hatte finden lassen, der in ganz hervorragendem Maße die Fähigkeiten des Führers mit denen des Organisators verband und die hervorragende Gelehrsamkeit und Weltklugheit mit liebenswürdigster Milde zu vereinen wußte. Unverzüglich ging man an die Schaffung aller Einrichtungen, die eine jüdische Kehiloh dem jüdischen Leben zu bieten hat. Die Nörgeleien der Reformer konnten nicht hindern, an dem Unterbau für ein orthodoxes Gemeinwesen zu arbeiten. Aus den Provinzgemeinden waren nach der Aufhebung der Aufenthaltsbeschränkungen Juden gekommen, die in dem Hinterstübchen in der Ankergasse eine rettende Oase in der religiösen Wüste Wiens sahen. Dadurch verstärkten sich die Reihen der ersten Kämpfer. In den verschiedenen Teilen der Stadt erstanden nach dem Muster der Ankerschul und in Anlehnung an dieselbe Betstätten, die von dem alten Geiste beseelt waren. So waren die Altgläubigen zu einer ansehnlichen Minderheit geworden, die nicht mehr übersehen "werden konnte. Unter dem Druck dieser Tatsache beriefen die Machthaber den Rabbiner Spitzer in das Bes-Din der Kultusgemeinde, neben dem Rabbiner Lazar H o r o w i t z. Nichtsdestoweniger trug, zumal nach dem Erscheinen des Predigers Dr. Adolf J e 11 i n e k , das ganze Verhalten des Gemeindevorstandes deutlich das Gepräge der vorwärtsstürmenden Reform, die die altgläubige Judenheit als Zerstörung und Verhöhnung des altüberkommenen Erbes empfinden mußte. Man setzte sich dagegen zur Wehr, und unter Führung des Hofwechslers Ignaz Deutsch wurde eine Bewegung eingeleitet, um sich von der Umklammerung der *) Aus einem Aufsatze in der Wiener „Jüdischen Presse". Reform zu befreien, indem die Altgläubigen als selbständige Gemeinde sich konstituieren sollten. Eine Zentralsynagoge der vereinigten Altgläubigen" sollte erbaut werden. Fast wäre die Bildung der eigenen orthodoxen Gemeinde ge¬ Wiener „Schiffschul" lungen. Allein es vermochten einige in politischen Kreisen einflußreiche Vorstandsmitglieder der Kultusgemeinde, das Ministerium Schmerling zur Ablehnung des Gesuches der Ortho- Rabbi Jeschajah Fürst "iprunkvoller Bau. Mitteln entspred o x e n zu veranlassen. Die Ankerschul- Leute ließen sich nicht entmutigen, wenngleich die Kultusgemeinde Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um den Bau der orthodoxen Synagoge zu hintertreiben. Endlich am 9. Februar 1864 wurde von der Wiener Polizeidirektion unter der Zahl 49.016/ 3396 dem Kaufmann I. L. F r e i s t a d t, Lilienbrunngasse 5, die Erlaubnis zur1 Verlegung des Bethauses aus der Ankergasse erteilt. Sogleich wurde mit dem Besitzer des Hauses, Große Schiffgasse 8, das Abkommen getroffen, daß er im Hofe seiner Realität die Synagoge erbaue; gleichzeitig wurden die Bedingungen für den späteren Ankauf des Hauses vereinbart. Mit Feuereifer ging man an die Ausführung und im Elul des Jahres 5624 wurde das Haus im Beisein der Vertreter der staatlichen Behörden eingeweiht. Die Schiffschul stand! Es war durchaus kein Einfach, den bescheidenen chend, entbehrte er jedes Glanzes. Was ihm aber Weihe verlieh, was ihn zum weit sichtbaren Wahrzeichen machte, war der Geist, der diesen Bau geschaffen, der in diesem Hause Wohnung nahm, der Geist der unbeugsamen, unbesiegbaren Treue für das alte, unsterbliche Sinai- Judentum. Die Zeit des mächtigen Aufstieges des politischen Liberalismus schien auch den führenden Herren der Reform der geeignete Zeitpunkt zu neuen Vorstößen gegen die „Finsterlinge", gegen die ,,Rückschrittler" zu sein. Es sollten die jüdischen Speisegesetze „vom historischen, konfessionellen, hygienischen . . . Standpunkt" wissenschaftlich dargestellt werden. Im Jahre 1871 faßte der Kultusvorstand den Beschluß, die Orgel beim G'ttesdienste einzuführen, Jeruscholajim und die Opfer aus den Gebeten zu streichen. In der Schiffschul fand im Tewes 5631 (4, Feber 1871) eine von mehr als tausend Menschen besuchte Protestversammlung statt. Unter begeisterter Zustimmung legte Rabbi Salmen Spitzer, der nun seinen Sitz im Rabbinate der Kultusgemeinde zurückgezogen hatte, in hinreißender, großangelegter Rede den entschiedenen Widerspruch gegen das Vorgehen des Kultusvorstandes ein und legte dar, daß trotz des Gefühls der brüderlichen Verbundenheit mit allen Juden jedem wahrhaften Jehudi die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, die derartige Grundsätze aufstelle, ganz unstatthaft sei. V i e r h u n d e r t Rabbiner aus allen Ländern gaben ihre Zustimmung zu diesen Ausführungen. Der Kultus-

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