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Der Israelit · 1934-09-21 · Heft 38-39 (21.9.1934) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 38-39 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 2 Nr. 38/39 D e Israelit 21. September 1934 auch im Westen den Herrschbereich des korrekten Aschkenasisch eingeengt. So unzertrennlich hängen Sprachprinzip und Denkprinzip miteinander zusammen. Und das ist auch unsere Prognose für das Neuhebräische im heutigen Palästina. Aeußere Zufälle mögen es wohl gewesen sein, welche das Neuhebräische oder Palästinahebräische, eine dem Sefardischen ähnliche, aber mit keinem der Zweige des heutigen Sefardisch übereinstimmende Aussprache zum Siege gebracht haben. Es mag auch ein Vorteil sein, daß zu ihr jeder Jude der Welt gleichermaßen nur durch ein gewisses Umlernen gelangt; so gewöhnt man sich um so besser daran, daß in Allem die Einwanderung nach v'X Umlernen verlangt. Nur möge man, so wie man dem Leben Palästinas im jetzigen Anfangsstadium keine wirtschaftlichen Fesseln anlegt, auch seiner Sprache diejenige Wachstumsfreiheit gönnen, ohne die sie verkümmern muß, — und das bedeutet in der Hauptsache: Dem aschkenasischen Einwanderer raube man für sein Beten und Lernen die aschkenasische Aussprache nicht. Gewiß ist die Zweiheit der Aussprache nichts Ideales; — auch im Sinne des Meisters wäre eine Trennung zwischen Profanem und Sakralem nicht das Richtige, und gewiß nicht fürs Sprachleben Palästinas. Aber man beseitigt diese Trennung nicht, indem man sie leugnet. Der ungeeignetste Weg also zur aussprachlichen Einigung Palästinas, den man sich denken kann, wäre die Palästina-Hebräisierung der Liturgie Palästinas oder erstrecht des Religionsunterrichts und G'ttesdienstes europäischer Gemeinden. Da würde eine ewige Dissonanz zwischen Sprache und Denken aller Einwohner und Einwanderer hervorgerufen. Wir müssen den geistig-kulturellen Stand der Siedler der T h o r a unterzuordnen streben und verstehen. Wenn uns dies, — eben das agudistische Palästinaprogramm, — wirklich gelingt, folgt die sprachliche Einigung ganz von selber. Wenn Israels Stämme das Einzige, das ihnen allen bei noch so tiefer Kulturverschiedenheit gemeinsam geblieben ist, — die Thoraerforschung und -befolgung im ganzen Leben zum beherrschenden Prinzip erheben, dann wird sie auch ihr einigendes Band im geistigen und sprachlichen Leben. Die palästinahebräische Aussprache der Gegenwart mag noch so fest im Sattel sitzen im Moment: Ihre Zukunft wird nur von der jüdischsten Gruppe der Nation bestimmt werden. Bücherbesprechungen. Sprechen, Denken und 'Erkennen. Grundprobleme der Philosophie von Max Diez. Aus dem Nachlaß herausgegeben und mit einer Einführung versehen von Gerhard Lehmann. Berln-Leipzig. 1934. Walter de Gruyter u. Cc. 165 Seiten. Brosch. M. 5.—. Das vorliegende Buch zerfällt in drei Hauptabschnitte, deren Ueberschriften — Was geht vor, wenn wir denken? Was geht vor, wenn das Denken sich zur Wissenschaft erhebt? Was geht vor, wenn wir erkennen? — jedenfalls geschickt gewählt sind, um den Leser von vornherein in gehörige Spannung zu versetzen. Bei näherem Bekanntwerden mit den Gedankengängen des Verfassers zeigt sich eine weitgehende Uebernahme Hegelscher Philosophie in sein System, das diesem verhängnisvoll wird, weil es dadurch mit vielen Denkunmöglichkeiten behaftet wird. Rein äußerlich betrachtet, zeigt Diez eine weitgehende Vorliebe für die Dreizahl, die angefangen vom Buchtitel, durch das ganze Werk zu beobachten ist. In jedem Denken sind drei Elemente untrennbar verbunden: Begriff, Schluß und Urteil. Da diese in dieser Reihenfolge mehrfach wiederkehren, muß doch betont werden, daß jedem Schluß ein Urteil voraufgehen muß. Dreiteilig ist hier auch die Tafel der Kategorien, wobei unter Kategorien Verbindungsformen von Vorstellungen zu verstehen sind; er unterscheidet metaphysische, transzendentale und logische Kategorien. Verweilen wir zunächst ein wenig bei den letzteren, so verblüfft uns (S. 27) die Behauptung, daß nur ein Teil von ihnen unmittelbarer Ausdruck der Vernunftsbedürfnisse ist, ein anderer dagegen „Ausdruck einer freien Entgegensetzung gegen die Vernunft durch Negation der ersteren." Diese aus den Fingern gesogene „freie Entgegensetzung" spielt eine wichtige Rolle in dieser Philosophie, ohne daß ihr Sinn irgendwo genauer angegeben wird, so daß sie als leeres Spiel mit Worten erscheint. So gibt es neben den Kategorien der Rationalität (Identität, Allgemeinheit und Notwendigkeit) auch solche des Irrationalen: Verschiedenheit, Einzelheit und Zufälligkeit. Äls Urform des Identitätsurteils, das angeblich auf Willkür begründet ist, die in der Namengebung liegt, wird uns (S. 43) der Satz geboten: „Das Dreieck ist ein Dreiseit." Allein dieser Satz, weit davon entfernt, ein Satz der Identität zu sein, ist vielmehr ein synthetisches Urteil a priori, da die beiden Begriffe verschieden an Inhalt und Umfang sind. Auch die Negation, die doch das Gegenteil einer Verbindung von Vorstellungen ausdrückt, ist eine Kategorie, denn sie besagt insofern ebenfalls das Gegebensein einer Verbindung von Vorstellungen, als nämlich die NichtVerbindung beider Vorstellungen gegeben ist. Die Fadenscheinigkeit ' dieser Begründung liegt zu offen am Tage, als daß es nötig wäre, sie erst noch ausdrücklich zu widerlegen. In ähnlicher Art wird- (S. 48) die Bedingung gleich gesetzt dem Nichtbedingten und dieses schon im nächsten Augenblick dem Unbedingten, so daß zuletzt, da der Begriff der Bedingtheit doch als eine Form der Notwendigkeit vorausgesetzt ist, das Unbedingte als das sich selbst Bedingende und durch sich selbst Bedingte zu denken ist, das heißt doch wohl so viel, als sich am eigenen Schöpfe aus dem Sumpfe ziehen. Bei der Kategorie „Dasein", der ersten unter den transzendentalen, tritt als deren psychologische Voraussetzung auf der Zweifel an dem Dasein, der Gedanke des Nichtdaseins oder des bloßen Gedachtseins, und so gelangt man zu "dem schönen Unsinn : „was sich verändert, behält sein Dasein < selbst in seiner Veränderung, sonst würde es sich nicht verändern." Man könnte höchstens sagen: was sich verändert, behält teilweise sein Dasein, denn bei uneingeschränktem Fortbestehen des Daseins ist ja für Veränderung ein Platz schlechterdings nicht gegeben. Man braucht nur das reflexive „sich verändern" durch „anderswerden" zu ersetzen, und sofort springt das proton pseudos der ganzen Beweisführung ins Äuge. Den Gipfel der ganzen Kategorienlehre bildet die Hegeische „Idee", die den Begriff der Entwicklung in sich trägt. Aufgabe der Philosophie ist: von dem abstrakten Begriff des Bewußtseins eines Bewußtseins zum kokreten Begriff des lebendigen persönlichen Geistes zu gelangen. Die Wahrheit der Philosophie läßt sich aber — und das ist ebenso merkwürdig wie betrübend — in Sätzen gar nicht aussprechen (S. 112). Jeder Satz über das Wesen des Geistes ist falsch, weil er abstrakt ist und also einen anderen Satz aus sich heraustreibt, der den anderen leugnet. Da der erste Satz aber im Zwang der Notwendigkeit ausgesprochen ist, so muß er eben so wahr wie falsch sein, d. h. er muß wahr sein in seiner Einschränkung durch den entgegengesetzten, wodurch er konkreter wird; z. B. dem Satze: „der Geist ist frei, wenn er wirklich frei ist" steht gegenüber der Satz: ,,der Geist, wenn er wirklich frei ist, ist immer gebunden an seine vernünftige Natur." Diese beiden Sätze vereinigen sich in dem dritten: der Geist ist durch sich selbst gebunden, er ist immer Selbstbindung und unterliegt nur innerer Notwendigkeit. Daß das Ganze auf eine bloße quaternio terminorum hinausläuft, ist klar. Zum Schlüsse sei ein volles Lob ausgesprochen für die Gediegenheit von Papier und Druck, mit der der Verlag dieses Buch ausgestattet hat. Nur fünf leicht zu verbessernde Druckfehler waren zu bemerken (Seiten 14, 15, 34, 73, 140). Kalifeins. Rabbinische Literaturunter dem TiteL prix' y-ir hat der Slobodkoer Raw, Rabbi Josef S u s s m a n ö w i t z , die r-rw des vor kurzem verstorbenen Gaons Rabbi Chaiim Jizchok Schulmann ^'si' von Janowa herausgegebenen (Kedanoi, Moschowitz u. Cohen). Neben dem maicm nibxv enthält das Werk auch Erklärungen zu verschiedenen Stellen von o"P- Bemerkenswert ist ein Responsum über die Frage, ob es statthaft ist, in einem Hause, das an der Stelle eines Bejs Hakneseth oder eines Beshamedrasch errichtet wird, einem nsa zu vermieten, wenn sich d'tt,t weigern, es zu beziehen. Im zweiten Teil veröffentlicht der Herausgeber unter dem Titel jnr i=),,n deinerseits Bemerkungen zu den vom Verfasser behandelten Fragen. In seinem Werke Vkide? (Lublin, Selbstverlag) behandelt Rabbi Schmuel Zwi Segelwachs in eindringlicher und fesselnder Weise fern von allem b^bs schwierige Stellen in R»p km/ den ersten drei D'pns von sim saa sowie einige Stellen von pmnao und rnr rrmjr. Unter dem Titel o^nan o-Mnsn nnVin ist aus der Feder von Rabbi L. Greenwald (Columbus Ohio U. S. A., 719 East Fultonstreet) ein historisches Werk erschienen, das die Biographien aller Hohepriester von Ahron bis zur Zerstörung des zweiten Tempels behandelt. Besonders interessant ist die Abhandlung über die Entstehung der Saduzzäer, die sich in entschiedenen Gegensatz stellt zu dem von Geiger, Weiss, Graetz, Fürst, aber auch von Halevy und Jaavvetz geäußerten Meinungen. Greenwald kommt zu dem Ergebnis, daß der erste Saduzzäer ein Sohn des Hohepriesters 3n,r> war, der die Tochter des persischen Stadthalters von Samarien geheiratet hat (vergleiche Nehemia Kap. 13, Vers 28). Den Schluß des Buches bildet eine ausführliche Behandlung der Frage, ob nach der Zerstörung des Tempels Opfer dargebracht wurden. Der Verfasser ist kein Neuling auf dem Gebiete der Geschichtsforschung. Aus seiner Feder stammen bereits zwanzig geschichtliche Darstellungen, darunter eine Biographie von Rabb. Jonathan Eibenschütz. Das Werk ist durch den Verfasser zu beziehen. Der bekannte Gelehrte H. G. E n e 1 o w in Newyork veröffentlicht bei der Bloch Publishing Co.* unter dem Titel »™ in it»»S»ic n na»a .rvnn i"b eine aus verschiedenen Manuskripen zusammengestellte Agada-Sammlüng, deren Verfasser;Rabbi Elieser ben Rabbi Jose Hagali ist und die zum ersten Male hier publiziert wird. Das Buch ist nicht mit den bekannten n»^s vi 'fiazu verwechseln. Bereits Talmud Jeruschalmi und Babli scheinen die Sammlung gekannt zu haben. Rabbi Josef Tow Eiern weist nach, daß Raw Saadia Gaon eine der Regeln in der des Rabbi Elieser ben Rabbi Jose Hagali gefunden hat. Auch Raschi, Raschbam, Ramban, Redak, insbesondere aber mua •man führen unseren Midrasch an verschiedenen Stellen an. Als erster hat Rabbiner Abraham, der Sohn des Wilnaer Gaons, festgestellt, daß das Werk verloren gegangen sein muß. Die Einteilung des Midrasch besteht zunächst aus der Inhaltsangabe der 33 Midos, durch welche die Thora erklärt wird. Im Anklang an Mischle 30 V. 1 bis 3 vverden dann die verschiedensten Dinge behandelt, u. a. Friede, das Verhältnis des Vaters zum Sohne, Prophetie, Tefillo, Bedeutung der Arbeit und des Handwerks, Gerim, Dajonim und Schabbos: Universitätsgeschichte und jüdische Familienforschung Es ist eine nicht nur wissenschaftlich interessante, sondern auch zeitgemäße Studie, die Prof. Dr. Guido K i s c h in Halle a. S. unter dem genannten Titel als Sonderdruck aus der Zeitschrift „Jüdische Familienforschung" im Selbstverlag vor kurzem veröffentlicht hat (H a 11 e a. Saale, SchwuchtstraBe 15b, Preis Mk. 3.—). Von der grundlegenden Liste der jüdischen Aerzte der Vergangenheit, die Moritz Steinschneider dereinst veröffentlichte, ausgehend, stellt Kisch die Genesis des medizinischen -Studiums im jüdischen Kreise in interessanter Weise dar. Zunächst entwickelten sich die Dinge so, daß der ärztliche Vater den Sohn in den Anfangsgründen der Heilkunde unterwies, sodaß Geschlechter hindurch der ärztliche Beruf sich forterbte und ganze Aerztedynastien entstanden. Davon legen auch die Familienbezeichnungen „Rofe" oder „Doktor" Zeugnis ab. Erst seit dem Ende des 15. Jahrhunderts erteilten verschiedene Päpste Juden die Erlaubnis, an italienischen Universitäten zu studieren und die medizinische Doktorwürde zu erwerben. In dieser Hinsicht erlangte insbesondere Padua im späteren Mittelalter große Bedeutung. Dann kam in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Holland als Stätte der Geistesfreiheit und religiösen Duldsamkeit in Betracht, wo die Hochschulen in Leiden, Groningen und Utrecht den Juden ihre Tore öffneten. In Deutschland waren 1724 bis 1807 in Heidelberg erst 20 Juden immatrikuliert. Die erste Universität, die einem Juden einen Doktor-Grad verlieh, war Frankfurt a. Oder. Erst allmählich folgten die anderen Universitäten seit Beginn des 18. Jahrhunderts. Eine gründliche Darstellung widmet Kisch den Quellen und der Literatur zur Geschichte des Universitätsstudiums -der Juden, wobei vor allem die Universitätsmatrikel und Promotionsbücher und Doktor Verzeichnisse in Betracht kommen. Rühmend erwähnt er das umfassende Werk Eljakim Carmolis über die Geschichte der jüdischen Aerzte, das 1844 in französischer Sprache in Brüssel erschien. In deutscher Sprache ist zu erwähnen Richard Landau, Geschichte der jüdischen Herzte, Berlin 1895, Isaak Münz, Die jüdischen Aerzte im Mittelalter Frankfurt a. M. 1922, und Samuel Kraus, Geschichte der jüdischen Aerzte Wiens, 1930. Die Geschichte des Studiums von Juden an deutschen Universitäten ist ja nun vorerst als abgeschlossen zu 'betrachten und es wäre daher an der Zeit, das seit den erwähnten Gesamtdarstellungen in reichem Maße geflossene monographische Material bald wieder zu einer zusammenfassenden Arbeit zu verwerten.

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