Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 38-39 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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21. September 1934 Der Israelit Nr. 38/39 Seite 3 Jesaja II. Uebersetzt und erklärt von Dr. Paul Volz. 1932. Leipzig. Deichert'sche Verlagsbuchhandlung. Geheftet M. 13.60. Gebunden M. 16.—. In einer Zeit, in der das jüdische Geistesgut mit den Äugen des Rassentheoretikers angesehen. und das Urteil über es vom Rassegefühl beherrscht wird, erkennen wir dankbar an, daß es noch Männer gibt, die unserer heiligen Literatur nicht nur Bewunderung entgegenbringen, sondern auch der überlieferten Schrift gegenüber Zurückhaltung üben und die ausschweifende Kritik in ihre Grenzen weisen. Zu diesen Interpreten gehört Sellin und der Stab seiner Mitarbeiter, die an dem Kommentar zum alten Testament arbeiten. — In dem vorliegenden 9. Band kann es sich natürlich so wenig wie in den vorhergehenden um eine Stellungnahme handeln, wie sie uns durch die mündliche Ueberlieferung und durch die Ehrfurcht vor dem überlieferten Text geboten ist. Schon die Änerkenntnis mehrerer Arbeiter, auf die der Text des Propheten Jesaia zurückzuführen sein soll, widerspricht ja unserer Ueberzeugung. Solange Nichtjuden, wenn sie nicht gerade wie der verstorbene Är2t Dr. Weigl, gefühlsmäßig sehr stark vom Judentum beeinflußt sind, an der Erklärung unserer heiligen Schrift arbeiten, werden sie zwischen dem Standpunkt des gläubigen Christen und dem des Rationalisten schwerlich den Weg finden können, den nur der Jude gehen kann. Wir freuen uns schon, wenn sie sich der Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis bei der Beschäftigung mit unseren biblischen Schriften bewußt bleiben, und das ist bei Volz der Fall. „Unser Unvermögen mit wissenschaftlichen Mitteln in das prophetische Wort einzudringen, wird jedem von uns klar bewußt sein", und ebenso sympathisch wie dieses Bekenntnis berührt ein anderes, in dem er den Grund seiner Zurückhaltung niederlegt: „vor allem sind wir nicht g'ttergriffene, G'tt ganz und gar hingegebene Menschen, wie jene Männer es waren. Wir können ihr religiöses Erleben kaum ahnen, geschweige denn wissenschaftlich fassen und darstellen." Wenn ein nichtjüdischer Forscher so bescheiden hinter sein Werk zurücktritt, daß er bekennt: „unsere Deutung der Propheten wird immer Stückwerk bleiben", dann können wir nur wünschen, daß die Haltung des christlichen Theologen sich auch allen jüdischen Forschern mitteile. Aber auch aus einem anderen Grunde bedeutet dieses Buch für uns mehr als einen Versuch in uns fremden Kreisen Jesaia verständlichzu machen. Wie Volz unseren Propheten sieht: „seine starke Seele, seinen weiten Blick, seine Weltauffassung, seine alles überwindende Kraft des Glaubens," so kommt er auch dem Volke dieses Propheten näher und träufelt durch manches schöne Wort, das er den Propheten widmet, Balsam in unsere Wunde. Er beugt sich in Ehrfurcht vor dem Propheten, der, Glied eines gedrückten winzigen Volkes, in der Erhebung über die Erde und über das Schicksal, die Kraft des Adlers bewahrt hat. Ein Mann ewiger Jugend, der sich nicht damit begnügt hat, das Geschick seines Volkes duldend zu tragen, der es vielmehr zu meistern aufrief: „und sein Wort hat Ungezählte zu Ueberwindern gemacht." Man macht dem jüdischen Volke seinen Erwählungsglauben zum Vorwurf, man verlegt dessen Entstehung in eine Zeit, da es einen Ausgleich gegen Minderwertigkeitsgefühle brauchte, Volz wendet sich energisch dagegen. „Der Erwählungsglaube ist so alt wie Israel", er ist so recht eigentlich der Glaube Israels an seine Führung. Religiöses Vorrecht und religiöse Aufgabe sind darin gleichermaßen enthalten. Er bildet den Gegensatz zu dem in der Antike durchgängig herrschenden Glauben an den naturhaften Zusammenhang zwischen G'ttheit und Kulturgruppe. G'tt ist durch nichts an Israel gebunden, als durch seine Liebe, Treue und Gnade, Israel ist durch nichts von ihm gehalten, als durch seine Treue, Lehre und Gesetz.. Aber dieses Band ist stärker als Blut oder magischer Zwang, die im alten und neuen, im jüdischen und uichtjüdischen Heidentum zur mystischen Grundlage des Verhältnisses zwischen G'tt und Volk gemacht werden. Blut und Magik machen Selbstverantwortung und Selbstzucht unnötig oder zwecklos, freie Erwählung und Erwähltheit machen die Arbeit eines Volkes an sich selbst zur steten Pflicht und Möglichkeit. „Erwählungsglaube und Monotheismus schließen sich nicht aus, sondern im Gegenteil, sie ergänzen sich." Je allgemeiner der Monotheismus in Israel durchdrang, desto kräftiger entwickelt sich der Erwählungsglaube, wie sich innerhalb Israels die Aussonderung Zions als des erwählten Zentrums mit der stärksten Durchdringung der gesamten Judenschaft verband." -Das jüdische Volk unter den Nationen, was Zion für die Diaspora, clas ist fürwahr ein schönes Bild, das im Munde eines ennsmehen Theologen beute doppelt wohl tut. Der Trost des Volkes. Roman von Schalom Asch. Deutsch von Siegfried Schmitz. Zürich. 1934. Bibliothek zeitgenössischer Werke. Der Dichter Schalom Hsch erzählt in diesem seinem neuesten Buche die Lebensgeschichte J e - c h i e 1 s , des Sohnes Boruch-Moisches, des „Psalmenjuden", von der Geburt bis zum Grabe. Als Sohn eines unter vielen Kotzker Chassidim zur Welt gekommen, erwacht in dem kleinen Judenbübchen schon in frühester Jugend jene Berge versetzende, Welt überwindende Liebe zu G'tt, die sich nicht nur teden Augenblick unter dem Auge des Vaters weiß, sondern sich in einem allumfassenden Mitleid mit aller Kreatur und im besonderen mit dem ärmsten und adeligsten Volke, in einer glühenden Ahawas Jsroel, äußert. Dieses urjüdische Rachmonus, das den Jungen schon zum ritterlichen Helfer und Annehmer der geplagten Mutter macht, läßt ihn allmählich in den Augen des Volkes wider Willen zum Wundertäter werden, der aus König Davids Psalmen die Kraft zu höchster Liebesleistunci schöpft, auf Erden die Sperre aller Herzen und im Himmel die Pforten des Erbarmens sprengt und der schließlich, unter Opferung des eigenen Lebensglückes auf dem Altäre der Nächstenliebe, am Jaum hakkippurim um die Neila-Stunde sein Leben unter Psalmenegsängen beschließt. Um diese zentrale Gestalt herum hat der Dichter es in gewohnter Meisterschaft verstanden, einen wunderbaren Reichtum charakteristischer Typen und Figuren aus der chassidischen Welt Polens vor uns hinzuzaubern, alle ohne Ausnahme mit den Augen der Liebe oder mindestens des Verstehens geschaut, in ihrer Größe wie in ihrem nicht immer ganz unverschuldeten Jammer. Das ganze Buch ist von tiefster religiöser Ehrfurcht erfüllt und man begreift, wenn "der Autor sich auf dem letzten Blatt von seinem Werke mit den pathetischen Worten verabschiedet: „Der Verfasser dankt dem Herrn der Welt, daß Er ihn für würdig befunden, dieses Buch zu Ende zu bringen, in dem das Leben des „Psalmenjuden" beschrieben wird, — G'tt zur Ehre, den bedrückten Menschenherzen zum Tröste ..." Die Weltanschauungen der Neuzeit. Allgemeinverständlich dargestellt von Dr. Hans Hofer. Wohlfeile Volksausgabe, geb. M. 4.80. Elberfeld. Verlag „Die Aue". Ein Band von 455 Seiten Groß-Oktav in gediegenem Leinwandband zu M. 4.80 ist rein verlegerisch und buchtechnisch eine anerkennenswerte Leistung und zugleich ein Beweis für die günstigen Erfahrungen, die der Verlag mit der ersten Auflage des Werkes gemacht hat. In der Tat hat es der Verfasser, ein evangelischer Theologe positiver Richtung, trefflich verstanden, in einer seltenen Vollständigkeit und "in gemeinverständlicher Sprache ein objektives Bild der ganzen neueren Philosophie von Descartes bis D r i e s c'h zu entrollen und die hauptsächlichsten Weltanschauungen vom Standpunkte einer biblisch - religiösen Auffassung auszuwerten. Jakob B o e h m e und Giordano Bruno, die Schöpfer der modernen Mystik, werden dabei Descartes vorangestellt, während dann als eine Art Anhänge ein Ueberblick über die moderne Theosophie, auch Steiner, eine kurze Darstellung der „Weltanschauung der Bibel" und endlich auf 56 Seiten eine Beurteilung des Nationalsozialismus vom Standpunkte der Bibel folgen. So scharf der Verfasser sich gegen eine „Germanisierung" des Christentums wendet und so sehr er den übervölkischen und uberzeitlichen Charakter der christlichen Religion betont, so findet er doch — obgleich dies recht nahe gelegen hätte — kaum ein Wort menschlicher Teilnahme an der Tragödie der deutschen Judenheit und erzählt ohne Bedenken, das ungeheuerliche Märchen weiter, daß „das jüdische Volk besonders dem Materialismus zuneige" — als ob eine Handvoll religions- und volksentfremdeter Literaten und Rssimilanten, die an der deutschen Kultur großgeworden sind, das „jüdische Volk", das Vo'k des erhabensten weltgeschichtlichsten Martyriums, für G'tt und seine Offenbarung repräsentierte! Zum Schluß dieses Kapitels schreibt der Verfasser allerdings einigermäßen versöhnend: „Der Ausschluß des jüdischen Volkes von der Einflußnahme auf die deutsche Kultur scheint uns auch jenem Willen G'ttes zu entsprechen, den er gerade für die Führung und Geschichte dieses Volkes hat. Dieser Wille ist 4. Mose 25,9 so ausgesprochen: „Siehe, das Volk wird besonders wohnen, und nicht, unter die Heiden (Völker) gerechnet werden." Deshalb hat G'tt immer eine Trennung Israels von den Völkern, z. B. durch Judenverfolgung, eintreten lassen, wenn Israel in Gefahr war, in diesen Völkern leiblich (durch Mischehen) oder geistig (kulturell) aufzugehen (Assimilation). Könnte diese Trennung nicht auch heute sein Wille sein? Wenn wir aber dazu das g'ttliche Werkzeug sind, wollen wir ernst darauf achten, daß wir diese Trennung nicht schärfer und schmerzhafter machen, als nach G'ttes Willen gemeint und nötig ist. Sonst könnte das Wort Jesaia 10, 5—10, auch uns gelten." Alles in allem ist das Werk gläubigen jüdischen Kreisen als ein wertvolles Hilfsmittel für apologetische Belehrung zu empfehlen. Der Born Judas. Gesammelt von Micha Josef Bin Gorion. Neue Ausgabe Berlin, Schocken- Verlag. Fj Das bekannte große Sammelwerk des vor mehr als einem Jahrzehnt verstorbenen Herausgebers erschien ursprünglich in Form einer weitschichtigen über 6 Bände sich erstreckenden Zusammenstellung des reichen Stoffes an jüdischen Sagen und Legenden aus zwei Jahrtausenden und vereinigt mit einem großen wissenschaftlichen Apparat, der bei den einzelnen Motiven verschiedene Varianten brachte nebst einem deraiiierten Quellennachweis zu jedem Thema. Das Werk war in dieser Form schon aus ökonomischen Gründen für weitere Volkskreise kaum verwendbar. Es wirkte aber auch gerade durch den wissenschaftlichen Apparat, der sich mit einer gewissen modernen Ueberheblichkeit dem Stoffe gegenüberstellte, gerade für gläubige jüdische Kreise einigermaßen verletzend, ganz abgesehen von den Einwendungen, die man im Einzelnen vom religiösen Standpunkt aus erheben muß. Nach allen diesen Richtungen ist nun durch die neue Ausgabe, die den ganzen Stoff durch Einschränkung der Anmerkungen, der Varianten und Quellennachweise und durch Verwendung eines qualitativ erstklassigen Dünnpapieres auf einen handlichen Band von nahezu 800 Seiten zusammendrängt, ein wesentlicher Fortschritt erzielt. Bis auf eine einzelne Stelle in der Einleitung, die den glaubenstreuen Juden schockiert, ist das zu solchen Entgleisungen verleitende Reden über den Storf ziemiieh in Fortfall gekommen und man kann nun diese Geschichten und Legenden ziemlich ungestört in ihrer Reinheit genießen. Sie sind im wesentlichen nicht nach der Entstehunsgzeit der Erzählungen geordnet, sondern nach, der Lebenszeit der Heroen, an die sich die Geschichten anschließen und auf die sie sich beziehen. Die eigentliche talmudische und midraschische Agada spielt dabei eine weit geringere Rolle, als die spätere jüdische Volksliteratur des Mittelalters und des Chassidismus. Das Buch bietet für den Lehrer, insbesondere aber für die Führer von Jugendbünden, Leiter von Heimstunden in diesen usw. eine unerschöpfliche Fundgrube von Material, wobei . diejenigen, die ihre Aufgabe ernster nehmen und die wissenschaftliche Befähigung besitzen, immerhin an Hand des am Schlüsse gegebenen Verzeichnisses der Quellenwerke die Möglichkeit haben nachzuprüfen, oder zur Vertiefung auf die Quellen zurückzugehen. Wertvoll ist auch das am Schlüsse angefügte Register der Eigennamen, der Ortsnamen, der Pflanzen und Tiere, und endlich der angezogenen Bibelstellen. Alles in allem eine außerordentlich erfreuliche und verdienstvolle literarische Gabe, für die dem Verlag besonderer Dank gebührt. Bücherei des Schocken Verlages. Nr. 10 Sprichwörter und Redensarten Deutsch-Jüdischer Vorzeit. Aufgezeichnet aus dem Munde des Volkes und nach Wort und Sinn erklärt von A b r a h a m T e n'd 1 a u. Verkürzte Neuausgabe. Nr. 11 Martin Buber: Geschichten von Engeln, Geistern und Dämonen. Nr. 12 Von der Frankfurter Juden Vergangenheit (Sitten und Gebräuchen). Aus Johann Jakob Schudts „Jüdische Merkwürdigkeiten" ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Ephraim Frisch. Jeder Band M. 1.20. Die drei neuesten Bändchen des allmählich populär werdenden Schocken-Verlages sind trotz der einfachen Aufmachung äußerlich eine Augenweide, geschmackvoll in Form und Farbe. Des alten Abraham Tendlau „Sprichwörter und Redensarten", die vor vierzig, fünfzig Jahren ' im jüdischen 'Deutschland Jung und Alt Freude machten, haben eine verdiente Auferstehung gefeiert, wenn es auch nur 122 von den mehr als 1000 Sprüchwörtern und Redensarten sind, die der unermüdliche Sammler zusammengebracht hatte. Es steckt eine starke sprachbildnerischG Kraft und lebendige Phantasie in diesen kurzen Geistesblitzen unserer Vorfahren in Deutschland; sie zeugen für den heiteren Mut, mit dem sie das Leben auf sich nahmen und sich mit ihm abfanden. — Martin B u b e r erzählt sechs chassidische Geschichten, die meist vor Jahrzehnten in Zeitschriften von ihm veröffentlicht wurden, bis auf die letzte, von dem auf Erden wandernden Gestorbenen, der durch den Meister erlöst wird. — Aus den 5 dicken Bänden des „wissenschaftlichen" Antisemiten Johann Jakob Schudt hat Ephraim Frisch das Tatsächliche, das zeitgenössische jüdische Leben Widerspiegelnde ausgelesen, sodaß ein angenehm lesbares Bild des jüdischen Wesens im Frankfurter Ghetto des ausgehenden 17. Jahrhunderts entsteht. ätolViW.Von A. A. Grünwald. Selbstverlag. Uzhorod, C. S. R., Radianska 36 (88 Seiten). Ein Palästina-Bädeker für orthodoxe Touristen; ein ganz vortrefflicher, mit guten Karten und Bildern, mit umfassender Benutzung der einschlägigen Literatur. Alles ist klar erschaut. Besonders interessant ist die in vollkommener Objeküvilät gegebene Geschichte des Jischuw, in welcher auch die epochale Bedeutung der Agudas Jisroel gewürdigt wird. Wir wünschten, daß des Verfassers Appell an die Kolalim, unter Anpassung an die Forderung des Tages für Thoraleben und Thoragelehrte alten "Stiles intensiver zu sorgen, einen