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Der Israelit · 1934-09-21 · Heft 38-39 (21.9.1934) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 38-39 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Neuer Klang, alte Sprache, ewiger Geist, Von einem Sefardi. Jede Sprache und jede Aussprache steht in unlöslicher Abhängigkeit vom Gesamtcharakter des Sprechenden; man kann daher keine Sprache und keine Aussprache durch irgendwelche noch so weise und wohlgemeinte Maßnahmen dauernd festlegen. Die Meinung, es gäbe unter den heute existierenden Aussprachen des Hebräischen eine, die den Anspruch auf alleinige Geltung und Richtigkeit hätte, ist wohl gleichfalls längst überlebt. Die aschkenasische Aussprache stützt sich auf die Namen der Vokale der tiberischen Punktation — die sefardische auf die der babylonischen, die sefardische Aussprache klingt in den Umschriften hebräischer Namen in der hellenistischen Literatur ungefähr an, und die aschkenasische in ähnlichen Umschriften bei einigen Kirchenvätern, wenn man von solchen in den Keil-Texten absehen will. ' Und wollte man Sefardisch auf den Schild ■erheben, so bliebe noch die Frage offen, welches Sefardisch; denn in Anatolien klingt es grundverschieden gegenüber dem Sefardisch von Holland, und in Nordafrika ungleich dem von Xivorno. Sicherlich hat es in der Urzeit des Hebräischen Sachbetonung und Formbetonung miteinander vermischt gegeben, wie Ün den meisten Sprachen des semitischen Stammes. Daß sich, — von später isolierten Aussprachen abgesehen (jemenisch, dagestanisch, sama- Titanisch), — im Hebräischen zwei verschiedene Aussprachen mit entgegengesetzt einseitigen Beionungsprinzipien herausbildeten, das form betonende Sefardisch und das s a c h betonende Aschkenasisch, — dafür müssen wir in der Kulturgeschichte der beiden Stämme, welche Träger dieser Aussprache sind, den Grund suchen. Denn die Sefardim, und dazu zählen wir, der Einfachheit wegen, auch die in vorspanischer Zeit mit den Arabern westwärts gewanderten Juden, haben ihr formbetonendes Prinzip nicht ihrer arabischen Umwelt verdankt, deren Betonung ganz anderer Prosodie folgte. Ebenso haben die aschkenasischen Juden, zu denen wir aus stammesgeschichtlichen Gründen auch die des Oströmerreichs zählen, gar nicht allezeit zwischen solchen Völkern gewohnt, denen sie ihr einseitiges Stamm- oder Anfangssilben-Betonen einfach hätten entlehnen können. Sachbetonung im Hebräischen dürfte 'also eher sachbetontem Denken, Formbetonung formbetontem Denken entstammen und entsprechen. Einseitige Formbetonung war vielleicht auch im Sefardischen ursprünglich gar nicht beheimatet; es mag darin ein Erbe alexandrinischen Formkults sein, der ja auch andere Sprachen in ein Prokrustesbett von Regeln zwängte, die gewiß im Volke nie lebten. Auch dies ist jedoch kein Werturteil. Der Seele angepaßt und darum existenzberechtigt ist solche Sprechweise im Munde derer gewesen, die im Glänze des antiken Alexandrien oder des mittelalterlichen Spaniens zu einem formbetonten Leben und Denken erzogen waren, wie es sorglosen Denkern eigen ist, Sie hat sich bei den glücklichen Flüchtlingen Hollands und Livornos erhalten, ist aber im später verarmten Anatolien der des osmanischen Wirtsvolks angeglichen worden und hat auch im Anpassungskampfe der nordafrikanischen Talmudzentren keinen Dauersieg davongetragen. Einseitige Sachbetonung im Hebräischen dagegen war sicherlich das Ergebnis des grausamen Daseinskampfes, den die aschkenasische Judenheit vom Rhein bis zur Wolga jahrhundertelang zu bestehen hatte und hat. Im Talmudstudium mag aramäischer Einfluß mitbestimmend sein; aber das erklärt nicht, weshalb bei den aschkenasischen Talmudisten die Sachbetonung zu vollerer Alleinherrschaft gelangte als bei den Sefardim. Es kann kaum ein Zweifel daran obwalten, daß hierin den Ausschlag allein die seelische Konstitution der Aschkenasim gab. Ihr Leben zwang sie, selbst in Zeiten der Duldung, zu rein sachgerichtetem Denken und ließ ihnen zur Formenpflege im Sprachlichen noch weniger Zeit als in anderen äußeren Bereichen des Lebens. Als z. B. in Hamburg die aschkenasische Gemeinde aufblühte, bestand außer ihr eine etwas ältere, anfangs gut gefestigte sefardische Gemeinschaft, Ein geistiger Austausch zwischen diesen Gemeinden läßt sich gerade in älterer Zelt nicht beobachten. Das Aschkenasische Hamburgs klang um 1700 sicherlich nicht anders als das anderer aschkenasischer Gemeinden. Höchstens war, nach dem Flüchtlingsstrom der Chmelnicki-Revolution 1648/9, etwas osteuropäischer Klang damit vermischt. Das kann man aus den Umschriften in den Memoiren Glückeis von Hameln sehen. Ein Wandel darin vollzog sich erst infolge des wirtschaftlichen Aufstiegs im 18. Jahrhundert. Man kann das sukzessive an der ansteigenden Formgerechtheit der Hamburger Machsorimausgaben 1740—1826 ermessen. Als sich nämlich im Verlaufe dieser Entwicklung der Kulturstand der dortigen Aschkenasim dem der Sefardim genähert hatte, erwachte auch bei den Aschkenasim der sprachliche Formsinn allmählich, und es scheint, als hätten schon die ersten der Hamburger Machsor-Editoren, z. B. der berühmte „Bayreuther Chasen" Hendel Bachrach (1768—1820 im Amt) an dieser Wandlung regen Anteil genommen. Noch 1819, als die Reform in Hamburg auftrat, war eins ihrer Hauptmotive die Auflehnung gegen die bis dahin herrschende Formlosigkeit des G'ttesdienstes; davon spricht in der Gutachtensammlung ,,eleh diwre habrith" R. Elieser von Trietsch. Und darum verließ die Reform den aschkenasischen Klang, den sie nur formlos kannte und wendete sich dem Sefardischen zu, das im Hamburger Reformtempel bis 1911 das Feld behauptete. Die Sefardim Hamburgs selber waren an der Gründung des Reformtempels bei weitem in nicht so starker Zahl beteiligt, daß sie einen solchen Uebergang zum Sefardischen hätten erzwingen können. Dieser Uebergang vollzog sich viel-' mehr im Zuge der Zeit zum Formellen hin, das ja in der Metternich-Zeit alles beherrschte, auch den Charakter, die Kunst, die Literatur und die Religion. Auch wollte man dem Andersgläubigen, der ja nur der Humanistenzeit sein Hebräisch verdankte, den G'ttesdienst leicht verständlich machen; die Humanisten aber hatten, wiederum infolge ihres Form-Kults, das Hebräische nur in der formbetonten s e f a> r d i - sehen Sprechweise erlernen können. Der sprachliche Kampf der Reform traf aber die Gesetzestreuen nicht mehr unvorbereitet. Dank der Tätigkeit H. Bachrachs und seiner Schüler und Enkelschüler, vor allem Mose Mendelssohns, des Onkels S. R. Hirschs, hatte sich eine Art aschkenasischer Aussprache mit sefardischer Betonung, das sog. korrekte Aschkenasisch herausgebildte, das den Klang des altväterlichen Hebräisch mit der Formbetonung der Sefardim gut ausglich. Diese Aussprache wurde auch dem Meister, — in seiner Chorewvorrede erwähnt er dies — maßgeblich. Ihre Einführung vollzog sich, als sprachlicher Au5druck von Thora und Derech Erez, jüdischem Sachdenken mit ebenso jüdischem Formdenken, — ganz von selber, — und ohne künstliche Maßnahmen. Sie stieß anfangs auch auf Verkennung; noch S. L. Steinheim beobachtete diese Entwicklung, trotz vielen Wohlwollens, mit Zweifeln und fürchtete, sie „könne das Frankfurter Werk durch Lächerlichkeit gefährden." Die Geschichte ist über Steinheims Lächeln hinweggegangen; zugleich mit der Judenemanzipation und der Abkehr vom Radikalismus der Zeit des Ghetto-Endes vollzog sich ein Triumph des „korrekten Aschkenasischen", wie man ihn kaum geahnt hat. Wenigstens für die Thoravorlesung wurde das „korrekte Aschkenasisch" im ganzen Westen maßgeblich, ja weithinaus bis in den Osten. Sein Siegeszug machte nur an den Toren der Talmudlehrstätten halt, wo das Sach-Denken seine Alleinherrschaft behielt, — wo sicher ncoh das Jiddische im Alltagssprechen vieler Talmudlehrer mitbestimmend blieb. Und erst die neueste Zeit mit ihrer tausendfachen Verschärfung des Daseinskampfes hat

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