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Der Israelit · 1934-09-21 · Heft 38-39 (21.9.1934) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 38-39 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Nr. 38/39 Der Israelit 21. September 1934 Israelifischer Broiverleilungsvereiri Hölderlinstraße 10 Frankfurt a. M* Postscheck: 53934 Das Berchestragen. Eine Idylle von Julie Laßmann in Rimpar. Hm Freitag früh, kaum graut der Morgen, Erwacht die Hausfrau mit hundert Sorgen. S'gibt ja so sehr viel heut* zu tun! Wie kann man da noch länger ruh'n! Und hurtig springt sie aus den Federn Und geht an ihre Pflichten froh Des ländlichen Haushalts comme il faut: Beginnt die Möbel abzuledern. Die Magd wird auch gar streng regieret, Zu fleiB'ger Ärbeit animieret. Sie putzt die Fenster, schrubbt die Dielen, Tut Bretter scheuern, Näpfe spülen; Das Haus muß in frischem Glänze prangen, Den Schabbos würdig zu empfangen. — Doch rechtes Sabbat-Wohlbehagen Erfordert auch, nicht zu vergessen, Ein wohlbereitet Schabbos-Essen; Drum muß die Hausfrau sich wacker plagen, Muß klopfen und hacken Und kochen und backen, Die Sahne legieren, Die Torte verzieren, Muß seh'n, daß der Braten knusprig erscheine, Und daß der Schalet lecker sich bräune. - Vor allem — indessen hat's 8 schon geschlagen — Muß man die Berches zum Bäcker tragen, Denn pünktlich um ein Viertel neun Der Bäcker schießt die Berches ein. Die Magd kann man unmöglich schicken, Die läßt sich so bald nicht wieder blicken; Die steht in den Gassen : Und plaudert gelassen Mit jedem 'ne Weile Und kennt keine Eile. Freitags kann man sich das nicht erlauben, Sonst ging ja alles aus den Schrauben! Die Zeit war' verloren — die Ärbeit blieb' stehn: So muß man eben selbst hingeh'n. — In der Backstub', da ist es so traulich warm; Man stellt das Berchesbrett vom Hrm, Begrüßt die Freundin, die auch schon da, Die man die ganze Woche nicht sah, Und auch die andern beschürzten Damen, Die alle her zum Bäcker kamen, Um ihre Berches herzubefördern Und wicht 'ge.. Prob lerne zu erörtern. . Und gerade man hier vernehmen kann, : (Nicht ungern hört ünsre Hausfrau sichs an), Was sich daih-'deit letzten Tagen Hat wieder Neues zugetragen: [ " Daß, ist's zum Glauben? — Schneider Hessel, Den zweimal schon drückte die Ehefessel, Daß dieser — vor Staunen ist alles ganz still — Zum dritten Male jetzt heiraten will! Und daß Meiers Jettchen, man weiß es genau, .War Sonntag zum zwölften Mal auf Beschau. „Sie fuhr im besten Jontefstaat; < , Ob sie wohl diesmal gefallen hat?" , So spricht Frau Kaufmann und tut bekümmert, Ein Tränlein des .Mitleids im Äug' ihr schimmert. — Bing, der Gemeinde junger Lehrer, Hat in der Backstub' wenig Verehrer;' r Gerade ereifert sich da Frau Kraus:., \ „Halb verhungert sieht er ja aus! Das hat er . davon, weil er so schlau Und holt sich von auswärts seine Frau; Hätt' er eine von ünsren Töchtern genommen, Eine tüchtige Hausfrau hätt' er bekommen. Hat er jetzt besser abgeschnitten? Sie ist schön und vornehm, unbestritten; Doch vom Kochen versteht sie ja keine Spur; Was nützt ihm da Bildung und Kultur?" „Frau Kraus, ich muß Sie unterbrechen. Woll'n wir doch lieber von Tachlis sprechen! In jüdischen Blättern ich öfters schon las Das Wörtchen „Neukoscher", was heißt denn das? Kein Lexikon nennt es: doch wie mir scheint, Mehr ',',neu" als „koscher" ist da gemeint!" „Neu? Sagen Sie lieber, beste Frau Klein, Neukoscher ist koscher wie Chasserbein! Hat da ein kluger Restaurateur, Um anzulocken die zaudernden Kunden, Eilends den neuen Begriff erfunden. Doch solcher Stückchen gibt es ja mehr, Wie findige Leute sich bemühen, Rus der anderen Dummheit Nützen zu ziehen. Drum sorgsam erst prüfen, vorsichtig sein, Dann fällt man auf solchen Schwindel nicht rein!" Indessen sieht auf der Mehltruhe dort Zwei Freundinnen man, die besten vom Ort, Des Frau'nvereins zwei starke Stützen, Einträchtig beieinander sitzen. Sie haben sich gar viel zu sagen, Weil sie doch in den letzten Wochen Äus „Broges" nicht ein Wort gesprochen; Nun können sie's nicht länger tragen Und eben hört man, wie die eine Berichtet, daß sie ganz alleine Gebacken, an Plätzchen neunerlei, Schneebällen1 und Torten auch dabei, Für den Häschanoti-raboh-Schier, Der in diesem Jahre doch bei ihr.' „Karline, es sind zwar, nicht meine Sachen, Doch allzu üppig würd' ich's nicht machen. Ich will, ja nicht reden Loschaun hora;- >; Doch höre nur, was ich selber sah Beim Lernen in der Schwüausnätht, Äls ich den Likör hereingebracht: . : Änstatt zu lernen, wie sichs gehört, Erzählt' man da Witze ungestört. Die wenigsten hörten dem Lehrer zu; Die andern füllten in Seelenruh' Ununterbrochen sich den Magen, Statt mitzulernen, statt .Tillim zu sagen! Ja, .nicht allein das,, .... Was man nicht aß, :- Stopft' man in die Taschen,; . _;'. Daheim noch zu naschen! .• l: Nun sage mir: Muß es dazu kommen? fleh, es ist nicht wie früher mehr!" — Da wird von des Bäckers Ecke her Ein lautes Räuspern jetzt vernommen. — Frau Minna läßt sich nicht unterbrechen - > Von den' veränderten Zeiten zu sprechen, : Indes die anderen Damen erzählen Von fleischlosen Rezepten, die zu empfehlen. — Da — aus dem Ofen in goldbrauner Pracht Werden die fertigen Berches gebracht. Mit Schrecken werden die Frauen gewahr, Wie spät es geworden,, wo die Zeit heut' so rar! Und in .fliegender. Hast man. die. Berches. ergreift, Äuf dem schnellsten Weg man nach Hause läuft. — Unsre Hausfrau so für sich bedenket, Während die Schritte heimwärts sie lenket: .Hätte die Magd die Berches getragen, Müßte man jetzt sich nicht doppelt plagen, Mit der Ärbeit noch zum Ziel'zu gelangen,' Um den Schabbos würdig zu 'empfangefr. ,! « Kinderecke. Kinder, freut Eucii! Von Moses Katz. Liebe, teure Kinder," jüdische Kinder, v folgt. mir in meine alte Schul, zu den Hakofaus!' Kommt, ihr Kohanim, Lewiten - und Israeliten! Ihr alle sollt eine Hakofo bekommen. Bis ihr aber an die Reihe kommt, sollt ihr euch ruhig und artig verhalten. So, je.tzt sind wir da. Stellt euch auf die langen Bänke und rollt die Fahnen auf, steckt die Kerzen an und; streckt die Arme aus! Hört ihr die „Morenus" und ,,Rabenus" rufen: Seht ihr die bebenden und frohbewegten Männer, die die mit Samt, Seide und Kronen geschmückten Thoras in Empfang nehmen? Achtet scharf! Seht, wie der große Thoraschrein sich leert und . lange zitternde Hände nach Thoras" greifen, sie ans Herz drucken und sie mit Flammenmund heiß küssen! Habt ihr schon solch heilig-geistige, verzückte Gesichter gesehen? Begreift ihr jetzt, was Liebe ist? Die Liebe der Juden zur Thora ist keinem vergängliche, wändlungsfähige und sehr oft in häßlichen Gefühlen sich auflösende, sondern eine stets-innige, immer-aüfgehende und ewig sich, steigernde. Und warum? Weil die Thora ihre Hoffnung, ihr Trost und Halt ist. Zu dieser heiligen Thora haben sie in allen bedrängten Zeiten Zuflucht genommen. Mit dieser heiligen Thora haben sie alle schrecklichsten Verfolgungen überstanden, die grausamsten Kriege gewonnen und: alte, kriegerische Völker überlebt. Mit der Thora werden sie ewig stark sein und — nie untergehen;; das haben die Jahrtausende ihrer Geschichte bewiesen. Seht, ihr lieben jüdischen Kinder, das alles — und noch viel, viel mehr — fühlen die Empfänger der mit Silber- und Goldstickerei gezierten Thoras tief in der Seele. Und deshalb küssen sieso innig, drücken sie so zärtlich ans Herz ihr Allerheiligstes und Allerliebstes: die Thora. Jetzt stellt der Sehames einen Leuchter mit einer brennenden Kerze in den Thoraschrein^ Siebzehn ^Juden mit 17 Thoras formieren 'sich zu einer langen Reihe.-'Der Erste und-Anführer -ist der Chasen, hinter ihn stellen sich die1 Kohanim, in der Mitte stehen, die Leyiten;un dahinten schließen sich die Israeliten an. Es ist ,die..erste Hakofo und sie wird deshalb nach uralter Sitte gestaffelt, .Sqhr:viele traurige.und fröhliche Geschichten und Legenden sind mit diesen^ Thorasi:verknüpft- .und verbunden. Viele Juden kamen bei deren Rettung aus Flammen und Pogromen mit „Kiddusch haschem" um. Ganz reiche und völlig arme Juden, Großkaufleute und Wasserträger, waren ihre Stifter und die Einführung derselben bildeten die größten Feste der Juden, ,y - - „Ono adbschem hoschio' no!" Schnell herunter von den Bänken! Keine Thora soll ungeküßt an: uns vorbeige'tragen - werden; Hört ihr die jubelnden, lauten Rufe: „Rachmono idkar Ion!" Es ist das- 'schönste, fröhlichste und erhebendste Fest Her Juden. ' Singt mit, Kinderl Freut euch! „Sisu wesimehö besirfichas töfo. Usnu kowaud latoro. Ki tauw sachro mikol s'chauro!'* Stärker,' fester, lauter.: ,,Mi olo lamöraum?" -—

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