Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 38-39 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Kr Der Israelit N™ 3SS Pnc Jehoschuas Heimgang/) In wenigen Tagen waren die Statuten fertiggestellt und vom Vorstande genehmigt. Man kam -sich in einzelnen Punkten entgegen. Die Genehmigung der Behörde war auch ohne Zutun Baruch Sturms mit Sicherheit zu erwarten. Schon begab sich eine Deputation, geführt von Rabbi Moses Kann und Rabbi Mosche Rapp, nach Worms, um den Oberrabbiner zu holen. . Es kamen gute Nachrichten. Rabbi Jakob •Josua nahm die Deputation und das Sendschreiben gut auf. Weiterer Bericht: Er war schon auf dem Wege nach Frankfurt. Man traf umfassende Vorbereitungen, fegte und scheuerte in der Altschul, schmückte den Rabbinerplatz und die Kanzel, von der herab der Rabbi am Sabbat wieder zu seiner Gemeinde sprechen sollte. Am Freitag Morgen kamen Gasse und Schul in fiebernde Aufregung. Das Reinigungswerk war beendet. Löb Meier, der Schammes, steckte mit Hilfe von Jokew, dem Schulklopfer, neue Wachskerzen in sämtliche Röhren der Leuchter und Kandelaber, wie zu einem hohen Feste. Die Wohnung des Rabbiners wurde instand gesetzt und der Weg vom Ghettotor bis zum Hause mit Tannengrün bestreut. Baruch Sturm lief aufgelegt und aufgeregt von einem zum anderen und gab mit den Händen Befehle, die keiner beachtete, sprach hohe Worte, die keiner hörte, nannte große Namen, die keiner kannte, Man schickte sich an, zu Fuß und zu Wagen hinaus zu eilen, um den wiederkehrenden Rabbi schon vor der Stadt zu begrüßen. Da kam atemlos ein Bote aus Offenbach mit der Nachricht: „Rabbi Jakob Josua ist gestern nacht, von Worms kommend, in Offenbach erkrankt, liegt dort im Hause des Rabbiners schwer zu Bett und wird zu Sabbat nicht nach Frankfurt kommen." Bestürzung bemächtigte sich der Gemeinde. Dumpfes Schweigen. Nur Baruch Sturm fand das erste Wort: „Sagte ichs doch gleich! . . ." schrie er. Keiner wußte und kümmerte sich darum, ob und warum er was sagte. Kurz vor Sabbatanfang kamen die Männer der Deputation nach Frankfurt zurück und in die Schul — ohne den Rabbi. Sein Zustand habe sich ernstlich verschlimmert. Die Aerzte sprächen von einer schweren doppelseitigen Lungenentzündung. Man habe alles aufgeboten. Noch wor Beginn der Sabbatweihe stand eine Gemeinde in der alten Schul, andächtig und zerknirscht bei Psalmgebeten fürdie Genesung ihres Führers, dem mancheiner manches abzubitten hatte. Die Tränen und Seufzer leiteten nur langsam in das Frohlocken des Sabbatliedes über, und :neue Hoffnung zog in die Gemüter. Rabbi Mosche Rapp und Rabbi Moses Kann -waren nicht in der Schul. Sie waren mit noch *) Am Montag, den 17. ds. wurde auf dem alten Frankfurter Friedhofe am Börneplatz ein neuer Grabstein für Rabbi Jakob Josua Falk (Pne Jehoschua) feierlich eingeweiht. Aus diesem Anlaß geben wir hier die überaus lebendige Schilderung des Todes und der Bestattung des nach einem an genial-schöpferischer Arbeit aber auch an Kampf und Leid reichen Leben 1756 heimgegangenen Rabbi aus dem Romarie von Schachnowitz „Abraham Sohn Abrahams" (Her- :mon-Verlag 1930) wieder. einigen Männern in OffenbacK am Krankenbette des Rabbi geblieben. Wie man sich am Sabbatmorgen in der Schul zum Gebete sammelte, stürzte Johann Wegmeister, einer der wenigen Nichtjuden, die im und vom Ghetto lebten, der Botengänge machte und die Post zwischen der Umgebung und der Gasse vermittelte, herein. Er hatte ein rotes, aufgeregtes Gesicht, schlug mit seinem derben Stecken auf, als zauberte er die harten Worte aus dem Boden, und rief, ohne die aufgerissene Türe zuzumachen und in den Raum zu treten, mitten in das Adon Olam-Gebet hinein: „Ich komme von Offenbach. Euer Rabbi ist heute nach Mitternacht gestorben. Wird heute nacht nach Frankfurt gebracht!" Sprachs und verschwand, wie in Angst, als Unglücksbote gesteinigt zu werden. So stille wurde es plötzlich im Räume, als hätte ein Sturmwind alles Leben weggefegt. Der Vorbeter hielt mitten im Satze still. Die Männer hüllten das Gesicht in ihre Gebetmäntel. Ein Kind fing an, spontan zu weinen. Das wirkte beinahe erlösend. Lautes Schluchzen ging durch die Gemeinde von einem Ende der Schul bis zum anderen. In der Ecke hinter dem Almemor stand der Fremde, in sein Talith eingehüllt, wie eine starre Leiche an den Ständer gestützt. „Herr im Himmel, auch diese Hoffnung zunichte. Ein Lichtstrahl,- und schon ist er von Nacht und Nebel aufgezehrt. Herr, Du bist ein Richter der Wahrheit! . . ." Rasch sank der kurze, kalte Schewat-Sabbat in die Nacht. Auf dem Maine glitzerten ein paar einsame Lichter von Kornschiffen und Holzflößen auf. Auf den Steinpostamenten der Alten Mainbrücke leuchteten einige Laternen blaß und gespenstisch. Kalte Luftwellen wehten von Nordosten her. Oben schwamm der volle Mond in einem schwarzgrauen Nebelmeere und spiegelte sich, so oft er eine freie Insel erreichte, im kristallblauen Wasser. Nie hatte der Main, nie hatte die Brücke, nie hatten die Anwohner des Fischer¬ und Brückentores so viele dunkle Gestalten mit Brustlaternen und Pechfackeln über den Strom geistern gesehen. Schweigend sahen die Bürger den Juden zu, wie sie ihrem toten Rabbi entgegenzogen. Konstabier waren von der Stadt gestellt worden, darüber zu wachen, daß der Juden Trauer durch keinerlei Insulten und fürwitziges Gerede gestört werde. Vom Dome her dröhnten über die Fahrgasse die Glocken und läuteten den Sonntag der Mainstadt ein. Die dunkle Flut zitterte leise unter dem Dröhnen. Es war schon späte Nachtstunde, als der Zug mit der Bahre von Offenbach her am Sachsenhäuser Ufer anlangte, wo sich ihm die harrende Gemeinde anschloß. Mit Pechfackeln und Laternen schritten Männer voran. Unter Führung von Rabbi Mosche Rapp und Moses Kann trugen die Dajanim und Gemeindevorsteher die Bahre durch die nächtlichen Straßen. An beiden Ufern standen dicht gedrängt die Menschen und sahen sich das seltsame Bild des Geisterzuges an. Viele entblößten ehrfurchtsvoll das Haupt. Innerhalb des Fischertores am Eingang der Gasse erwarteten die Knaben der Thoraschulen mit ihren Lehrern den Zug, schritten in mehreren Reihen der Bahre voran und sangen am flackernden Kerzenlichte leise und weinerlich Psalmen. In den Haustüren standen Frauen und schluchzten laut. Die Gasse bis zur nahe der Schul gelegenen Rabbinerwohnung hatten sie für den Einzug des Rabbi am Freitag mit Tannengrün bestreut. Durch die so geschmückte Straße, wo das matte Kerzenlicht mit dem Grün zu seltsamem Geisterglanze zusammenschmolz, zog nun der tote Rabbi ein. In der Schul waren sämtliche Röhren an Leuchtern, Kandelabern und Ständern mit frischen Kerzen besteckt, zur Feier der Wiedereinführung. Man konnte sie, als kurz vor Sabbat die Feier abgesagt wurde, nicht mehr herausnehmen. Nun brannten sie alle, wie am Vorabend zum Versöhnungstage, als jetzt die Bahre im dichtgefüllten G'tteshause zwischen Almemor und der heiligen Lade aufgestellt wurde. Zu beiden Seiten der noch geschmückten Kanzel nahmen der Senior der Dajanim, Rabbi Mosche Rapp und der Rabbiner und Vorsteher Rabbi Moses Kann Aufstellung. Dieser, der innigste Freund des Rabbi, ergriff das Wort zu zwei Sätzen: „Wir wollten Dich, Meister, in diesem Räume ehren, nun ist es die letzte Ehre. Du hast uns verboten, in Reden zu klagen und Dich zu feiern, Dein Wille ist uns heilig!" Rabbi Mosche Rapp, ein Mann, der selten öffentlich das Wort nahm, sprach, da er es nun tat, so leise und bewegt, daß die ersten Worte nur ans Ohr der Nahestehenden gelangten: „Mein Vater, mein Vater, Wagen Israels, und sein Vorreiter! Wir haben Dich von uns scheiden sehen, darum werde wie Elisa unserem Doppelwunsche Erfüllung! Dein Heimgang sei uns Sühne und in Deine Gemeinde kehre ein der F r i e . . ." Er konnte das Wort nicht zu Ende sprechen. Schluchzen erstickte seine Stimme und brach das Wort mitten durch. Langsam, mit dem nicht zu Ende ausgesprochenen Wort in der Seele, setzte sich die Menge mit der Bahre in Bewegung, mit zitternden Wachskerzen und Trauerpsalmen. Bis man durch das Osttor der Gasse hindurch am Friedhofe anlangte, dessen Pforten weit geöffnet standen. Hier gab es eine kleine Störung. Baruch Sturm sprang von einem zum anderen und pendelte, auf etwas hinweisend, aufgeregt mit den Händen, als wollten seine Glieder auseinanderreißen. Diesmal fand er Beachtung. Er wies auf fremde Menschen, seltsame Gestalten, hin, die sich schon in Offenbach an die Bahre heranzudrängen suchten, aber sanft zurückgeschoben wurden. Hier mühten sich die Zudringlichen, die Stangen der Bahre zu erfassen. Einem breitschulterigen Manne in schwerem Pelze, mit hoher russischer Fellmütze auf dem fest im Stiernacken sitzenden Kopfe, suchten Freunde unter Stoßen und Drängen offenbar den Platz an der Bahre freizumachen. Auf diesen Unbekannten deutete Sturm: „Das sind sie, die neuen Offenbächer mit ihrem Führer, Jakob Frank soll er heißen." Die Stunde war zu ernst für Gewalthandlungen. Ganz unauffällig umringten Dajanim und Vorsteher die Bahfe und das offene Grab, daß kein Unbefugter durch diese Mauer schlüpfen konnte. Bis die harten, festgefrorenen Schollen auf die Bretter kollerten. Von der Domzinne kündeten zwölf getragene Klänge die Mitternachtstunde. Vereinzelte Lichter flackerten noch eine Weile und erloschen nacheinander. Eine dunkle Menge verrauschte in die Nacht. Einzelne abgebrochene Stimmen klangen, als kämen sie aus den Gräbern. Die Ehrenreihe im „Hause des Lebens" zwischen den winterstarren Buchen und Eichen mit schneeweißen Kronen hatte sich um ein Grab vermehrt, in dem ein kämpf- und leiderfülltes Leben letzte Ruhe gefunden hatte. Mit wehem Herzen verließ Abraham, Sohn Abrahams, am Sonntag die Stadt, um sich weiter gen Osten zu begeben. Seine Frankfurter Hoff» nung war mit dem Rabbi ins Grab gesunken.