Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 38-39 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 38/39 Der Israelit 21. September 1934 sehen Geschichte. Die Autoritätshierarchie ist zu trennen von der an den Samen gebundenen Heiligkeitsordnung. An Autorität steht der gelehrte Mamser über dem unwissenden Hohepriester. — Die heute oft vorgenommene Ingegensatzstellung von Prophetismus und Priestertum erkennt Dr, A. nicht an; beide sind vielmehr aufeinander ausgerichtet und ergänzen einander. Solche Ergänzung ist auch das Gebot jüdischer Zukunft: soll die Halacha wieder an Macht gewinnen in Israel — und hier bietet Erez Israel eine ungeheure Möglichkeit und Aufgabe —, dann bedarf es der Persönlichkeiten prophetisch-agadischer Art, die den jüdischen Massen wieder den Weg freizulegen vermögen zur Halacha. Die Krise des Individualismus und der Fortschrittsideologie, unsere heutige geistige Situation also, eröffnet die Möglichkeit solchen Weges; um ihn zu beschreiten, bedarf es des Rücktastens zur anawa als einer inneren Erlösung. F. Würzburg, 16. Sept. Am 24. Elul gelegentlich der Jahrzeit des Chofez Chajim, veranstaltete die Israelitische Lehrerbildungsanstalt eine Gedenkfeier. In deren Mittelpunkt stand eine großangelegte Gedenkrede des Herrn Rabb. Weiß, welcher das Glück gehabt hatte, den dahingegangenen Großen Israels persönlich zu kennen. Die von Begeisterung getragene Schilderung der erhabenen Persönlichkeit hinterließ bei allen Hörern einen tiefen Eindruck von deren überragender Bedeutung und menschlicher Größe. Darmstadt, 12. Sept. Die jüdischen Vereine und Organisationen gründeten eine Bildungsgemeinschaft Darmstädter Juden. Im Laufe des Winters werden eine Reihe von Vorträgen musikalischer, literarischer und wissenschaftlicher Art veranstaltet. Der erste Zyklus sieht vor: Liederabend Susanne Stein, Vortrag Dr. Max Osborn, Rezitation Otto Bernstein und Kammermusikabend Hüttenbach-Quartett. Die Geschäftsstelle befindet sich Bismarckstraße 15. Stuttgart, 27. Aug. Zwischen dem Jüdischen Lehrhaus und der Stuttgarter Jüdischen Kunstgemeinschaft ist engste sachliche Zuasmmenarbeit gewährleistet durch Personalunion. Das Lehrhaus steht in Gemeinschaft zur Jugend (Jugendheim) in gemeinsamen Veranstaltungen. Außerdem für alle zugängliche Kurse aus den jüdischen Gebieten, aber auch Werkarbeit für Jugendliche und Erwachsene, Gartenbau usw. Oeffentliche Vorträge im Rahmen der Vortragsreihe „Werdendes Judentum" hielten namhafte Redner. Die Feiern wurden zusammen mit der Kunstgemeinschaft veranstaltet in Anlehnung an die jüdischen Festzeiten. Die Kunstgemeinschaft umfaßt die künstlerische Betätigung jeder Art. Im Mittelpunkt steht die Arbeit eines Singchors und Orchesters. Angeschlossen Jugendsingkreis mit Sprechchor, Zusammen über 200 Mitwirkende. Randegg, 10. Sept. In althergebrachter Weise" gingen die hohen Tage bei uns vorüber, am zweiten Tag Roschhaschonoh wurde der G'ttesdienst durch Rabbiner Dr. B o h r e r verschönt, der uns eine meisterliche Predigt über unser Verhältnis zu G'tt und die Bedeutung des Schofar' hielt. Mit dem Wegzug des Herrn Lehrer Weil nach London, sollte die hiesige Lehrerstelle aufgehoben werden und nur durch die Anstrengungen des Synagogenrats, die Opfer der Gemeindemitglieder, aber auch das großzügige Entgegenkommen deff Badischen Oberfats, konnte verhütet werden, daß eine alte, streng orthodoxe Gemeinde nicht mehr bestehen sollte. Die Opfer sind nicht umsonst gebracht worden, neues Leben pulsiert in der alten Gemeinde. Herr Lehrer Daube, am Lehrerseminar zu Würzburg ausgebildet, versteht es, die Jugend an sich zu ziehen, mit den älteren Gemeindemitgliedern einen guten Kontakt zu unterhalten und strenge G'ttesfurcht mit weltlichen Lebensgewohnheiten zu vereinen. Auch sonst zeigt sich in der Gemeinde noch jüdisches Leben nach alter überlieferter Art. Alle Haushaltungen werden koscher geführt. Frau Guggenheim hat zum Andenken an ihren allzufrüh verstorbenen Mann, Sah Guggenheim, einen Ofen für die Synagoge gespendet. Eine Koscherpension wurde auf allgemeines Verlangen von Frl. Thekla Rothschild unter Auf- sieht unseres Rabbiners Dr. Bohrer eröffnet. Es ist die einzige unter Aufsicht stehende Pension in der ganzen Bodenseegegend. So ist das so schön gelegene Randegg, rings umgeben von den Schweizer Alpen, wo noch volle Harmonie unter der Bevölkerung herrscht, eine der wenigen Gemeinden, in welcher die heilige Ueberlieferung streng gehalten wird. Kassel, 20. Aug. Die Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung der Reichsvertretung der deutschen Juden veranstaltete vom 12. bis 15, August eine Lernzeit in Kassel. Einleitend sprach auf einer Veranstaltung des Jüdischen Kulturbundes in Kassel Dr. Ernst Simon über „den Weg der Bibe 1". Es wurden Kurse über Einleitung in die jüdische Geschichtsliteratur, über das erste Kapitel der Genesis im Lichte der Uebersetzungen und Kommentare und über die Bibel in der Weltkultur statt. Für die Lehrer und Jugendführer wurden zwei Sonderbesprechungen über die Kleingemeindearbeit abgehalten. Außerdem wurde mit den Jugendlichen und Jugendführern eine Aussprache über Jugend und Tradition veranstaltet und von Dr. Ernst Simon zwei Musterheimabende durchgeführt. Sämtliche Kurse und Arbeitsgemeinschaften mußten, von den Teilnehmern vorbereitet werden. Bemerkenswert war der gute Besuch der Lernzeit und die große Bereitschaft mitzuarbeiten und zu lernen. Recklinghausen, 19. Sept. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat die Aufrechterhaltung des konservativen westfälischen Bezirksrabbinats, das seinen Sitz bisher in Borken i. W. hatte und durch den Weggang des Rabbiners Dr. Köhler verwaist war, beschlossen, gleichzeitig aber den Sitz des Rabbinats nach R e c k 1 i n ghausen verlegt. Bestimmend hierfür war die Tatsache, daß die Synagogengemeinde Recklinghausen etwa die fünffache Seelenzahl von Borken aufweist und bisher eine rabbinische Betreuung entbehren mußte. Auch früher bereits hatte 'das konservative westfälische Bezirksrabbinat seinen Sitz in Recklinghausen. Die Betreuung der Gemeinden des bisherigen Rabbinalsbezirks wird grundsätzlich in der gleichen Weise wie von Borken aus erfolgen. Das Bezirksrabbinat ist dem neu gewählten Rabbiner der Synagogengemeinde Recklinghausen, Herrn Dr. Selig Auerbach aus Würzburg, übertragen worden. Die Einführungsfeier für den neuen Bezirksrab'nner soll am Sonntag, den 7. Oktober, in Recklinghausen stattfinden. Hamburg, 11. Sept. Am Mauzoe Schabbos Schuwoh, abends 8.45 Uhr, sprach in der Hamburger Agudas Jisroel-Frauengruppe, Hallerstr. 45, Herr B. S. Jacobson über „Die Teschuwah-Idee'.'. Antwerpen, 4. Sept. Am vergangenen Sabbat hatte der besuchsweise hier weilende Rabbiner Dr. Joseph Breuer, Frankfurt (MJ, einem Ersuchen der Antwerpener Agudas Jisroel-Jugendgruppe Folge leistend, die Freundlichkeit, einen Vortrag aus dem wöchentlichen Bibelabschnitt zu halten. Die äußerst geist- und stimmungsvolle Rede hat einen unbeschreiblich erhebenden und nachhaltigen Eindruck auf die den Saal bis auf das kleinste Plätzchen füllenden Zuhörer gemacht. Jene stürmische, geradezu elementare Glaubenstreue und zuversichtliche Glaubenswärme, die sich dem — angesichts der allgemeinen Judennot in der Welt — sichtlich gepreßten Herzen des Vortragenden entrangen, seine von tiefstem Innern kommenden Alarmrufe zur Reue, zur Umkehr und Einkehr in das wahre Heim des Judeseins, der ewigen Thora und zu ihrem Schöpfer, dem immerfort gütigen Vater, haben alle Anwesenden, alt und jung, groß und klein, mit einer Wucht ergriffen, die lange nachwirken dürfte. Und dabei darf und soll nicht übersehen werden, daß die Zuhörer bis auf einen minimalen Teil sich aus dem Osten rekrutieren und daher in der Regel einem. deutschsprechenden Redner ziemlich skeptisch gegenüberstehen; Man darf sagen, daß kaum ein einziger der andächtig Lauschenden, diese denkwürdigen, wenn auch improvisierten Darlegungen Breuers in sich aufgenommen hat, ohne dabei einen „Hirhur Tschuwa", d. h., einen Vorsatz zu rechtem und besserem Tun intuitiv erfühlt zu haben. Wie ich höre, sind Bemühungen im Gange, Herrn Dr. Breuer, falls möglich, zu einem weiteren Vortrag, diesmal in geeigneteren Räumen, zu veranlassen. Antwerpen, 16. Sept. Am Sonntag morgen hielt im Rubenspalast, dem größten Saale in Antwerpen, Herr Dr, Isaac Breuer, Frankfurt a. M., einen Vortrag über Erez Israel. Die Versammlung eröffnete der Vorsitzende der Palästina-Zentrale, Herr S. Richter, worauf Herr Oberrabbiner M. Rottenberg als Vorsitzender der Landeszentrale der A. J„ Herrn Dr. Breuer begrüßte und in kernigen Worten den Standpunkt der Orthodoxie, und ihr Verhältnis zu Erez Israel zum Ausdruck brächte. Hierauf nahm Herr Dr. Breuer das Wort zu seinem zweistündigen Referat, das seine sämtlichen Zuhörer während der ganzen Zeit im Banne hielt. Er führte u. a. aus, daß G'tt, der nicht nur das Schicksal jedes einzelnen Menschen bestimmt, sondern auch die Geschicke der Völker nach seinem Willen lenkt, gerade in den letzten Jahren in die Geschichte des jüdischen Volkes wieder sichtbar eingreift. Zwei wichtige Ereignisse bestätigen diese Behauptung. Zuerst die Balfour- Deklaration, die uns nach 2000 Jahren wieder das Recht auf unser Tand gibt. Dieses darf die Orthodoxie nicht überschätzen, wenn sich auch G'tt hierbei den Zionismus als Werkzeug erwählte. Das zweite ist die wirtschaftliche Blüte Palästinas in den letzten Jahren im Gegensatz zur allgemeinen Weltkrise. Diese beiden Zeichen müssen wir auffassen als eine Anfrage G'ttes an das jüdische Volk, ob es jetzt bereit sei zu zeigen, was es nach 2000 Jahren im Golus gelernt hat. Der Zionismus aber hat von vornherein Religion als Privatsache erklärt, da religiöse Weltanschauung leicht zu Uneinigkeit führen könnte. W»e sieht es aber heute im Zionismus aus? In wieviele Teil« und Teilchen zerfällt die zionistische Partei? Zwei große Hauptparteien herrschen in b&w px- Beide haben es sich zum Ziel gesetzt, europäische Ladenhüter nach Palästina zu verpflanzen. Ihre Ideen sind nur europäische Nachahmungen; Auf diese Weise.känn wohl in »*K noch ein Balkanvolk entstehen, aber nicht das jüdische Volk sich erhalten. Auch der; Weg "des Misrachi war von vornherein zum'Bankrott bestimmt, denn sie waren bereit, mit allen europäischen Anschauungen mitzugehen unter der Bedingung, -i die min zu allem hinzuzufügen. Aber die min läßt sich nicht hinzufügen, sie ist gewohnt, allein zu herrschen. *tf>» jrnp'a '/TV König muß sie sein und allem regieren. Darum hat die mm in bx.iw> f*«t keinen Platz gefunden. Die Aufgabe der Orthodoxie aber ist es, mit allen Kräften beizutragen, daß i^sir ps ein Ort für die min wird. Sie muß diese Anfrage G'ttes verstehen und beantworten. Der Erfolg war gewaltig und eine allgemeine Begeisterung machte sich in den Reihen der Zuhörer bemerkbar. Selbst auf die Gegner hatten die Worte einen großen Eindruck gemacht. Am Abend desselben. Tages fand im Hause des Herrn S. Richter ein Bankett zu Ehren von Herrn Dr. Isaac Breuer statt. Das wunderbare Arrangement seiner verehrten Frau und Tochter haben dazu beigetragen, daß der Abend überaus gemütlich und angenehm war. Der finanzielle Erfolg für den Keren Hajischuw hatt« alle Erwartungen übertroffen. Am Mittwoch Abend verasmmelte sich wieder die Antwerpener agudistische Jugend im Diamantkring zu einem Bankett, das zu Ehren des Herrn Dr. E h r - mann,'der auf seiner Reise von London hier einige Stunden weilte, veranstaltet wurde. Der Gast wurde von Herrn S. Richter begrüßt, worauf er selbst in einem längeren fesselnden Referate den- Stand der Erez Jisroel-Arbeit und die Lage in Erez Jisroel schilderte. Auch hier erfolgte großer Beifall .und finanzieller Erfolg. Nachdem Herr S c h e n k o 1 e w s k y noch seine Anerkennung über die Antwerpener Aguda-Arbeit zum Ausdruck brachte, schloß der Vorsitzende der Ortsgruppe, Herr F. R. Ratzersdorf e r, den Abend. — Ganz klar wurde es der Agudas Jisroel vor Augen geführt, was ihre Pflicht gegenüber Erez Jisroel ist und dankbar nimmt sie alle Ratschläge und Ermahnungen an, um zusammen mit ihrem Rabbiner und dem Präsidenten der mn ijrun» eine weitere erfolgreiche Tätigkeit zu entfalten. Möge im neuen Jahre die Agudas Jisroel in steter Entwicklung vorwärtsgehen. F. 0. Kosice, 12. Sept. Hier fand vor kurze'm die erste öffentliche Prüfung in der Beth Jakob.-Schule statt. Es wurde uns seitens der orthodoxen Gemeinde freundlicherweise der große Beratungssaal zur Verfügung gestellt. Die Wände schmückten die von den Kindern hergestellten Kultusgegenstände, wie Barchesdeckchen, Omertafeln, Misrach, Rausch-Ghaudesch- und andere Erinnerungstafeln und eine herrliche Kopie der Meoras Hamächpelo, die von einem besonderen Talent der Herstellerin zeugt, ebenso-wie ein in herrlichen Farben gezeichnetes Boruch Habo. Zuerst wurden unsere Alef-Beth-Schützen geprüft und sie zeigten mit großer Freude und Hingebung ihre Kenntnisse in Dinim, Schreiben, Beten und Geschichte. Die zweite Klasse zeigte außerdem ihre Kunst im Uebersetzen und Erklären der Brochaus. In der .dritten, vierten, fünften bis zur achten Klasse war das Gebiet selbstredend erweitert. Es würde den Rahmen eines Zeitungsberichtes sprengen, wollten wir in allen Details auf den behandelten Stoff eingehen, doch überzeugten sich unsere. Damen wieder einmal von der Notwendigkeit und segensreichen Tätigkeit unserer Schule und wünschten ihr auch für das nächste, das vierte Jahr ihres Bestehens, den besten Erfolg. Es wäre nur zu wünschen, daß sich die weitesten Kreise für unser Schulwerk interessieren, damit wir .auch weiter in der Lage wären, unsere armen Kinder, welche die Schule unentgeltlich besuchen, auch weiter zu behalten, bezw. Gelegenheit zu geben, diesen Kreis noch zu erweitern. Haifa, 7. Sept. Am 17. Elul fand hier auf Initiative des Tel Awiwer Büros der Palästina-Zentrale die Gründungsversammlung der Ortsgruppe der P o a 1 e- Agudas Jisroel statt. Der Maskir der Tel Awiwer Gruppe, Herr Schein, hatte einige Gesinnungsgenossen zusammengerufen, und in voller Einmütigkeit wurde die sofortige Errichtung der hiesigen Gruppe als dringende Notwendigkeit beschlossen. Zur Zeit sind bereits etwa 35 Chawerim erfaßt und man darf damit rechnen, daß nach Eröffnung der ständigen Büros, für das ein Raum gemietet wurde, die Zahl sich binnen kurzem verdoppeln, wenn nicht verdreifachen wird. Die Leitung der Gruppe, welche in einem vorläufigen Komitee, gebildet von den Herren Rosenstrauch, Bosin, Felix Münk, besteht, wird sich vor allem bemühen, die Frage der Arbeitsbeschaffung für die Chawerim zu regeln und den Zusammenschluß aller Interessierten durch Schiurim und andere Veranstaltungen zu fördern. Besonderes Augenmerk wird selbstredend den in Haifa ankommenden Olim gewidmet werden. Die Führung des Büros wird voraussichtlich in den Händen von Markus Lange liegen.