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Der Israelit · 1934-09-21 · Heft 38-39 (21.9.1934) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 38-39 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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I 21. September 1934 D Nr. 38/39 Seite 3 Die Sukkoh im Räume der Geschichte. (Fortsetzung von Seite 1.) Der Blick zu den Sternen blieb immer frei, und man suchte sich, so gut es ging, einzurichten. Als Titus vor 1864 Jahren mit der gepanzerten römischen Faust das feste jüdische Haus einwarf, erhob sich die jüdische Hütte in Babylon, und sie war in der Weltwende zwischen Lichtkult und Islam, im Ganzen eine „Hütte des Friedens", aus der Lichter herausstrahlten, die heute noch Israels Zelte auf dem Erdenrund, beleuchten. Aber sie blieb doch nur eine Hütte. Die Sehnsucht ging über den Euphrat und Jordan nach dem heiligen Lande, von wo die Sendboten die milde Luft der heiligen Heimat mit den Lehren der dortigen Lehrhäuser überbrachten, und die Verbindung blieb stets aufrecht. Ganz in helle Sonne gestellt war zunächst die jüdische Hütte in den Pyrenäen. Bis später die schweren, schwarzen Schatten kamen und ihren völligen Abbruch vorbereiteten. Aber die Heimat der Seele blieb Erez Israel auch in den Tagen des Glückes. Bezeichnend genug und in der Geschichte zu wenig beachtet ist die Tatsache, daß die ergreifendsten Zionslieder sich nicht aus dunklen FMt&rkammern oder brennenden Scheiterhaufen des späteren Spanien, erheben, sondern in der Zeit des höchsten Glanzejs und Glückes im jüdischen Kastilien im heimwehverzehrten Herzen Jehuda Halevis geboren werden. Ungleich mehr Schatten denn Sonnenlicht, weist die jüdische Hütte im deutschen Mittelalter auf. Bis zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ganze Fluten von Helligkeit fast bis zur Unerträglichkeit in den Raum eindringen. Geblendet von der Fülle des Lichtes vergessen viele die Hütte und wähnen sich im festgemauerten Hause, unter einem eisernen Dache, das nie abbrechen und abbröckeln könnte. Nun kommt H ebenso rasch und unvermittelt das große Erwachen, yap nTHö NS. Hinaus aus dem festen Bau des Rechtes, der Gesellschaft! ertönt Jas alte Schicksalswort wuchtiger denn sonst; Parallelen drängen sich auf: mit der spanischen Zeit, mit dem deutschen Mittelalter, mit der Lage in Ländern, deren Juden zuletzt Gegenstand unseres Mitleides und unserer Fürsorge waren. Keiner dieser Vergleiche-stimmt bis aufs letzte. Jedwede Zeit hat ihre eigenen Wehen, aber im Gründriß zeigt die Hütte überall und immer die gleiche Form. Mögen die Grundmauern mehr oder weniger fest in. den Boden . gesenkt sein, mögen die Wände kahl und brüchig oder in blühendem Schmucke prangen, der Auf blick zu den Sternen ist. offen ... Wer sich den Aufblick stets frei erhalten hat, der wird sich eben so wenig von Pracht und Prunk der Wände über den Hüttencharakter seines Daseins hinwegtäuschen lassen, wie er sich je von den bösen Stürmen, die um seine Hütte drohend wehen, bestürzen und aus dem Gleichgewichte reißen lassen könnte! Die Halacha lehrt, daß man in der Sukkoh lerne, singe'und bete. Unter großer geschichtlicher Perspektive erhält diese Vorschrift geradezu grandiosen Sinn, In der babylonischen Sukkoh wurde gelernt; dort war die Werkstätte des jüdischen Geistes aufgerichtet, aus . der wir den babylonischenTalmud und die Lehren der Gaonim erhalten haben. In der spanischen Sukkoh wurde gesungen. Von dort erklingen zu uns die G'tteslieder eines Gabirol, Jehuda Haie vi, Abraham eben Esrä herüber. Als hätten sie Davids Wunderharfe in jene Hütte von Kordova und Toledo hineingerettet. Und gebetet wurde vornehmlich — bei Sang und Lehre — in der d e u t s c h e n Hütte.. In1 den Päitanimschulen zu Mainz und Worms entstanden jene ergreifenden Gebete, die wie Wachsplatten Leid und Lied von damals aufge nommen haben, um uns heute noch in gehobenen Stunden der Freude oder des Gedenkens zu erschüttern .und aufzurichten. Man hat in den. drei Sukkohtypen gelernt, gesungen und gebetet. Und da komme noch Jemand und sage, Suk kaus sei kein von Geschichte erfülltes Fest! . . Aufruf.*) Die vereinigten Rabbinerverbände wenden sich an alle jüdischen Brüder, die zu unserem Bedauern ihren Wohnsitz aus Deutschland zu verlegen sich gezwungen sehen. Wir wünschen, daß dieser bedeutungsvolle Schritt ihnen zum Segen werde; wir hoffen, daß sie in anderen Landen den Namen des deutschen Judentums und seine große erhabene Tradition zu Ehren bringen. Wir bitten sie aber zu bedenken, daß sie in ihrer Gemeinde fehlen werden. ,,Du wirst vermißt werden, denn dein Platz bleibt leer", wie Jonathan. zu König David sagte. Die Gemeinden, die sie verlassen, kämpfen wie alle deutschen Gemeinden einen schweren Kampf um ihre Selbsterhaltung und sollen doch das Erbe unserer jahrtausendalten jüdischen Vergangenheit in Deutschland in die Zukunft hinüberretten. Wir bitten Euch, in der Stunde des Abschiedes dazu beizutragen, daß Eure Gemeinden und ihre Institutionen nicht zugrundegehen, Lasset einen Teil der Kapitalien, die Ihr ohnedies nicht aus Deutschland herausführen könnt, Eurer Heimat und der deutschen Judenheit zugute kommen. Bleibet auch in der Fremde als Förderer und Mitglieder mit der.-Gemeinde verbunden, der Ihr bisher angehört habt. Denket an das uns im Buche Ruth erzählte Beispiel des Elimelech, aus dessen Schicksal unsere Weisen die Pflicht herleiteten, an den Nöten der Gesamtheit auch aus der Ferne mitleidend teilzunehmen. Wir glauben als Rabbiner ganz besonders, die Bitte an Euch vertreten zu dürfen: Lasset Euren.Fortzug zum Segen für; Eure Gemeinde werden! Vorstand der'!i Vereinigung traditionellgesetzestreuer Rabbiner Deutschlands. Unna-Mannheim, Carlebach-Altona, Hanover-Würzburg, Horovitz-Frankfurt (M.) . Jakobovits-Berlin, Michalski - Karlsruhe, Munk-Burgpreppach, Wohlgemuth- Kitzingen. Vorstand des Orthodoxen Rabbinerverbandes, Horovitz, Frankfurt a. M,, Merzbach- Darmstadt, Klein-Nürnberg. *) Abdrucke dieses Aufrufs sind noch für die Gemeinden erhältlich und bei der Redaktion des Israelit anzufordern. Wochenrundschau. Sowjetrußland im Völkerbunde. Nun ist So'wjetrußland Mitglied des Völkerbundes und wird als solches in Genf Sitz und Stimme haben. Vor sechzehn Jahren wurde der Staat auf den Trümmern des zaristischen Kolosses als Kampfansage an die alte Ordnung und Gesellschaft gegründet. Und nun reiht er sich selbst in die alte Ordnung und Gesellschaft ein und wird ein gewichtiges Wort im Familienrate der Völker mitzureden haben. Welcher Gewinn für den einer Auffrischung seines Prestiges dringend bedürfenden Völkerbund und den zur Zeit wenig gesicherten Weltfrieden aus diesem Zuwachs erstehen wird, dieses abzuschätzen, müssen wir den zünftigen Weltpolftikern überlassen. Wir haben lediglich das jüdische Interesse an der Sache im Auge zu behalten. Dieses jüdische Interesse betrifft eine Million jüdischer Menschen in Rußland, die gewiß nicht den unbedeutendsten Bestandteil der Weltjudenheit ausmachten, die, sagen wir es ganz klar, aus dem zaristischen Joch in eine „Freiheit" hineingetrieben wurden, welche ihnen effektiv die Luft zum Atmen nahm, die ihnen nicht allein das gleiche Recht, sondern sogar das Vorrecht gab, zu verhungern und geistig und wirtschaftlich zu verkommen. Auf Einzelheiten über das Martyrium der ,,Deklassierten", der der Brotkarte beraubten geistigen Arbeiter und religiösen Beamten, Wie auf die religiösen Verfolgungen jeglicher Art wollen wir hier nicht mehr eingehen, um nicht vielfach Gesagtes zu wiederholen- Haben diese Menschen, und mit ihnen Millionen Anderer, die aus dem Arbeitsprozesse aus irgend einem Grunde ausgeschlossen sind, einen Lichtstrahl von Genf zu erwarten? Man hörte nicht, daß Rußland in dieser Hinsicht bestimmte Verpflichtungen übernommen hätte, und der zum Teile dahinzielende polnische Antrag blieb bis jetzt nur Unterhaltungsstoff für die Wandelgänge des Bundespalastes. Nichtsdestoweniger wollen wir hoffen, daß durch die Berührung mit Europa und mit dem als Bollwerk des Menschenrechtes gedachten Rate der Völker Rußlands Machthaber ihre Anschauungen über das Recht aller Menschen ihres Landes auf Brot und Religion einer gründlichen Revision unterziehen werden. Für uns Juden eröffnet sich innerhalb dieser allgemeinen Erwartung noch eine eigene kleine Perspektive. Es ist allbekannt, daß für die besondere jüdische Note der russischen Tragödie nicht so sehr die obersten' Führer als vielmehr die jüdischen'■iKommunisten in den provinziellen Amtsstellen verantwortlich .sind. Aber „der Himmel ist hoch und-der Zar ist weit," pflegten die Russen früher resigniert zu sagen. Heute ist der Kreml genau so weit, und er ist so hoch, daß Beschwerden dahin kaum den Weg finden. Nun aber rücken die Machthaber in die europäische Sonne und in so greifbare Nähe, daß man schon eher ihr Ohr wird erreichen können, wenn die Uebergriffe der Subalternen gar zu schlimm werden. Wenn auch nicht gerade Hoffnungsstrahlen, so dringt doch aus Genf ein Hoffnungs- Schimmer in das Dunkel der jüdischen Situation in Rußland, der es vollauf rechtfertigt, daß wir den Eintritt Sowjetrußlands in den Völkerbund begrüßen. Legislative Council. Es hat den Anschein, daß Sir Art h u r W a uc h o p e ,; der Hochkommissar für Palästina, es als aktuelle politische Aufgabe betrachtet,dem i

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