Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 38-39 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450844--80719-2538569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 Nr. 38/39 Der Israelit .21. September 1934 Tage der Selbstbesinnung! Tage des Gemeinscbafiswilfens! Erwirb die blaue Beifragskarte für Hilfe und Aufbau! . ersten Schritt zur Selbstverwaltung des Mandatlandes auf kommunalpolitischem Gebiet einen zweiten, weit verantwortungsschwereren folgen zu lassen: die Schaffung eines gesetzgebenden Rates als Entwicklungskeim eines künftigen Parlamentes. Ein wirkliches, auf demokratischer Grundlage eingerichtetes Parlament ist in Palästina heute völkerrechtlich unmöglich, weil es mit seiner starken arabischen Mehrheit sofort die Einwanderung von Juden verbieten und damit den Mandatzweck in einem seiner grundlegenden Punkte vereiteln würde. An ein solches Parlament denkt denn auch kein Mensch. Diskutabel ist lediglich ein aus Abgeordneten und ernannten Regierungsbeamten bestehender, sorgfältig gesiebter Rat, der auf dem ganzen Gebiete der Einwanderung, Ansiedlung und der öffentlichen Sicherheiten keinerlei Kompetenzen besitzen, wohl aber eine Plattform bieten würde, auf der Araber und Juden sich einander nähern und auf mancherlei gesetzgeberischen Gebieten zusammenwirken könnten. Dennoch ist es begreiflich, daß von jüdischer Seite die schwersten Bedenken auch gegen einen dergestalt begrenzten Parlamentarismus geltend gemacht werden. Die älteren und vielleicht besonneneren arabischen Führer in einem solchen Parlaments-Embryo würden wahrscheinlich unter stärkstem Druck einer hyper-nationalistischen Jugend stehen und — ähnlich wie der Zionismus unter der revisionistischen Fuchtel — schon aus Furcht vor dieser Jugend eine arabische Expansionspolitik treiben, die zunächst in heftigen Reden, allmählich auch in gesetzgeberischen Taten sich stark gegen die jüdischen Interessen kehren würde. Bliebe als Rückhalt und als Friedensgarantie die Regierung. Dabei aber wird man an das jüdische Sprichwort erinnert: m*lST "piS?— der „Bürge braucht einen Bürgen." Wenn die Regierung den Frieden und die ruhige Entwicklung des Nationalheims will und die Macht hat, sie zu garantieren, wozu braucht sie sich mit dem gefährlichen Experiment des Legislative Council zu belasten, für das ihr auch die. Araber keinen Dank wissen werden. Es gäbe Wege genug, Araber und Juden an den Verhandlungstisch zu bringen und den günstigen Ausgang solcher Verhandlungen zur V o raussetzung eines Legislative Council zu machen, der dann wirklich dem Frieden dienen könnte. Die hitzige Sprache, die das offizielle zionistische Organ „New Judea" in dieser Sache führt, scheint uns allerdings wenig geeignet, den wahren Interessen des jüdischen Volkes zu dienen und auf die englische Regierung Eindruck. zu machen. Gibt es eine nationale Reform? Als wir vor Jahren zum ersten Male das Wort „nationale Reform" prägten, wurden wir gefragt; Gibt es so was? Kann der jüdische Nationalismus, der in seinem Wesen nach doch auf Eigenart und Selbstbesinnung eingestellt ist, jemals in irgend einer Form einen Pakt mit der „Reform" genannten Partei der Nachahmung und Nachäffung fremder Kulte und Sitten schließen? Es zeigte sich aber in der Folge, daß jene Synthese von uns durchaus nicht erdichtet war. Man erinnert sich an die Sonderfestnummer der „Jüdischen Rundschau" aus Anlaß des ersten internationalen Kongresses des Liberalen Judentums in Berlin, man weiß auch, wie viele Brücken später die große Schar der über Nacht zu Juden Ernannten von der Assimilation zum Zionismus geschlagen haben, man denkt schließlich an manche Symptome und Versuche in gewissen von deutschen Juden bewohnten Vierteln in Jerusalem und Tel Awiw. Und nun kommt noch zum Ueberfluß Dr. Joachim Prinz, um dem Worte von der „nationalen Reform" lebendigen Sinn und Inhalt zu geben. Dr. Prinz veröffentlicht in verschiedenen Zeitschriften eine „Betrachtung zu Jörn Kippur 5695", in der er kategorisch eine Revision des Liberalismus fordert. Die Grenzen der Revision sind genau abgesteckt: Radikale Hebraisierung des G'ttesdienstes, Rückkehr zum Chasonuth, Abkehr von der Europäisierung zur Wiedergewinnung der Farbe des alten G'ttesdienstes. Mögen im Leben und im Denken Orthodoxe und Liberale auseinandergehen, die Atmosphäre des G'ttesdiensies und der Stimmungsgehalt des häuslichen Lebens müssen einheitlich und rein bleiben. Diese erwachte Liebe zum Althergebrachten wenigstens in der Atmosphäre und in der Stimmungswelt hält den Autor nicht davon ab, die Fortbildung des G'ttesdienstes durch Dichtungen neuhebr ä i s c her Dichter, vorab B i a 1 i k s , zu verlangen, das Gebet für den Aufbau unser e s Landes dem Gebet für die Gemeinde gleichzüstellen, der feierlichen Entlassung der Kinder, die mit der Jugendali ja h n ach Palästina gehen, im G'ttesdienste mindestens die Beachtung zu schenken wie der Einsegnung der Mädchen, und dergleichen mehr. Das ist schon nahezu ein vollständiges Programm für den G'ttesdienst in dem irgendwo zu errichtenden neuen Tempel der nationalen Reform; altneue „Richtlinien" ins Jüdischnationale übertragen, mit dem Unterschiede höchstens, daß jene Reformversuche der Geiger-Holdheim'schen Schule wenigstens konsequent im Negativen blieben, während hier die Linie von rechts nach links ganz verwischt ist. „Reform am Rande", müßte Prinz in seiner Sprache sagen. Kann man eine Rückkehr zum alten Gebet, eine Wiedergewinnung der Farbe des alten G'ttesdienstes ernstlich erstreben, und dabei die Erzeugnisse der Haskalah, und wären es selbst die edelsten dieser Kategorie, die Dichtungen Bialiks, in die Liturgie hineinschmuggeln wollen? Ist es Dr. Prinz bekannt — er hätte sich von Zuntzen darüber belehren lassen können — warum gerade die Paitanim aus dem deutschen Mittelalter unseren Festg'ttesdienst beherrschen? Weil die Poeten am Rhein und in den Argonnen G'ttessänger und nur G'ttessänger waren, die ihren G'tt loben und preisen wollten und dabei Töne fanden, die zwar die hohe Schule der spanischen Dichtkunst nicht erreichten, dafür aber von einem inneren Feuer getragen sind, das uns auch heute noch den Weg zu G'tt finden läßt. Wir wollen in diesem Zusammenhange keine Kritik an dem Menschen und Dichter Bialik üben, aber eine restlose Antwort an Prinz scheint uns in dieser Feststellung enthalten zu sein. . Was will der neue Apostel der nationalen Reform mit dem Gebete für den Aufbau unseres Landes, das „dem Gebete für die Gemeinde" gleichzustellen sei? Ist doch unser n^WlT in unserem stillen Gebete in der Tat viel älter, klassischer und heiliger als alle später entstandenen „Gebete für die Gemeinde", selbst wenn man von den modernen deutschen Gebeten absieht und an *p3tP "»ö und ]pT!S Dlj?"' denkt, die doch erst in den babylonischen Gaonimschulen entstanden sind. Vollends Institutionen zu nennen, die wichtiger wären als die „Einsegnung der Mädchen"r Die Sidra spricht zu uns ... ,pxn y»E?m maixi D'awn l^mn „Vernehmet Himmel, da ich spreche und es höre die Erde meines Mundes Worte." In Jesajas (Kap. 1) heißt es umgekehrt: Höret Himmel", ■»rTttm 7"W. „und es vernehme die Erde." Warum bleibt nicht der Prophet im Wortbilde des Vaters aller Propheten? y»W ist Hören aus einiger Entfernung, }f»n (von Ohr) setzt solche Nähe voraus, daß der Vortragende dem Hörenden die Worte direkt ins Ohr flüstern kann. Jesaas, wenn auch großer Seher, stand als Mensch der Erde immerhin näher als dem Himmel. Darum tyw wov, höre, Himmel — von der Ferne und vernehme, Erde! Moses, zumal am Tage seines Abschieds, stand bereits dem Himmel so nahe, hatte bereits alle Erdenschwere so sehr von sich abgeschüttelt, daß er sagen konnte: n^nwn wisn „neiget euer Ohr, Himmel," pK.T srnvm „und es höre die Erde," die seinen Sinnen ganz weit entrückte Erde. * * iftpb IBM t]W, „Es stürme ein wie Regen meine Lehre, vnnit bm brn> Es riesele wie Tau meine Rede, Narr ">bv D'i'ffoa, wie Schauerstürme über die Flur, 3B?y ">b9 orra-iai und wie Spreütropfen aufs Gras." Regen und Tau üben die gleiche Wirkung aus, aber grundverschieden in den Methoden. Der Regen stürmt in Schauern daher, der Tau rieselt still und sänftiglich über die Flur — das Resultat ist das gleiche. Moses, der Lehrer aller Lehrer, empfiehlt dem Führer beide Methoden, läßt selbst sein Wort einmal wie Regenschauer niederprasseln, einmal wie Tau dahinfließen. Chatam Sofer zieht folgende Grenzlinie: Spricht der Lehrer und Führer zur Gemeinde als solcher und erteilt ihr die Lehre, dann übe er Strenge, ohne Schonung und Rücksicht, die Belehrung ergieße sich wie Gewitterregen, 'np^ idm. Wo aber der Führer an den Einzelnen sein mahnendes Wort richtet, da geschehe es mild und sanft, aus einem Herzen voller Liebe heraus, 'fllöK!>B3. Ä Mag Schauersturm über die Flur im Ganzen fegen: xen ibv 0'vy»3jdas Gräslein im Einzelnen werde von ruhig sanftem Spreuregen geküßt: yvv ->bv o'a'ana- Als Merkwort fügte noch Rabbi Mosche Sofer hinzu: "V'tsa in Verbindung mit der Gesamtheit heißt in der Abbreviatur: oaa'l namtJ aaxff» (euere Lasten, Mühen und Gezänk), b"o aber in Hinsicht auf die Behandlung des Einzelnen heißt: bzb aie (gütig gegen Jedermann). bis. inn s*ip>K "i av '3 „Denn den Namen G'ttes verkünde ich, unserem G'tte gebet die Größe!" 5»lT5 im Gegensatze zu dt zeigt uns den großen G'tt auch im Kleinen, also den G'tt Israels. Als B"i/ der hocherhaben über Erde und Menschenelend thront, kannten ihn auch die Völker, als bnz, der vom. Himmel herab auch auf unser kleines Tun herabschaut (mx-i^j »^'c©an) brachten wir Ihn zur Kenntnis der Welt. J i t h r o , der den G'tt im Himmel immer schon kannte, bekennt unter dem Eindrucke der Wunder an Israel: 'nsn1 nn»/ nun weiß ich doch,^ns '3 'Hz daß G'tt auch „groß", groß auf Erden ist. Hier ruft der scheidende Führer seinem Volke noch einmal zu: KipK "t av '3. wenn ich Euch den Namen G'ttes verkünde — obwohl Ihr Ihn doch, wie alle, als Schöpfer von Himmel und Erde längst kennt, — so nur darum, Wpbxb bislan» daß Ihr G'tt zu der „Höhe" auch die „Größe" gebet, daß Ihr Ihn als bni erkennt und zur Erkenntnis der Welt bringt, der bis zum gewissen Grade erreichbar für Jedermann ist, der als oViy pi» Herr der Welt, doch jedem gleich nahe ist, der mit seinem kindlichen ">bp Xim „es ist mein G'tt" an Ihn herantritt. Kleines Feuilleton. Gute Worte- Ein östlicher Gaon wurde bei seinem Aufenthalte in Frankfurt vom Baron Willi v. Rothschild besonders geehrt. Beim Abschied bat ihn der Baron, er möge ihm offen sagen, ob er in seinem Leben etwas entdeckt hätte, was gegen die Thora spricht, „Ja," erwiderte der Rabbi. „In der heiligen Thora heißt es: 'i3i nnaPl "]»aaJ> du „Auf der Höhe des Glückes wirst du deines G'ttes vergessen," Alles im Leben und im Hause des Herrn Baron spricht gegen diesen Thorasatz . . ." ".