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Der Israelit · 1934-09-21 · Heft 38-39 (21.9.1934) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 38-39 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 38/39 Der* Israelit 21. September 1934 Christliche Stimmen zur Judenfrage in Deutschland. Berlin, 20. September. Das „Deutsche Nachrichtenbüro" verbreitet eine Meldung über eine vom Reichsbischof Müller in der Stadthalle von Hannover gehaltene Rede, in der der Redner auch auf die Judenfrage zu sprechen kam. Reichsbischof Müller wandte sich gegen die Leute, die da sagten, der Stifter der christlichen Religion sei doch auch ein Jude gewesen. „Man müsse darauf immer wieder antworten, daß in jedem Volke stets der Mann, der die Wahrheit sagte, umgebracht worden sei, zulet2t der Heiland selbst. Das Christentum sei nicht aus dem Judentum herausgewachsen, sondern in stetem Kampfe mit ihm entstanden. Zum ersten Male seit christlicher Zeit habe nun ein Volk es gewagt, den Juden den Kampf anzusagen. In diesem Kampfe müßten wir Christen zusammenstehen und wenn wir auch einmal ein halbes Jahr darben müßten." Wenn dieser etwas summarische Bericht ein wahrheitsgetreues Bild von den Ausführungen des Reichsbischofs geben sollte, so kann man nur der Verwunderung über die Behauptung Ausdruck verleihen, es sei „zum ersten Male in christlicher Zeit", daß ein Volk es gewagt habe, den Juden den Kampf anzusagen. Die Geschichte der Juden seit der Zerstörung des zweiten Tempels besagt das Gegenteil. Neu ist jedoch, daß man heute die Juden nicht deshalb bekämpft, weil sie den dogmatischen Voraussetztingen der christlichen Religion nicht zustimmen können, sondern weil man sie als eine minderwertige Rasse diffamiert. Diese Diffamierung aber steht im schärfsten Gegensatz zu den religiösen Voraussetzungen des Christentums, das ja doch schließlich in seinen hervorragendsten Vertretern sich immer der Tatsache bewußt war, sein religiöses Schrifttum und seinen höchsten und edelsten Gedankenschatz von Ewigkeitswert den Schriftstellern des Alten und Neuen Testaments, also Männern jüdischer Rasse zu verdanken. In diesem Zusammenhange möchten wir einige Sätze aus den von den bekannten, national und christlich gesinnten Volkspädagogen Johannes Müller herausgegebenen „Grünen Blättern" (2. Heft des 35. Bandes) wiedergeben, in denen sich Müller nach, allgemeinen Ausführungen, auf die wir später noch zurückkommen werden, ins besondere zur Haltung der christlichen Kirche zu den Juden wie folgt äußert: „Warum ruft man nicht lieber die Bekenner der jüdischen Religion zur Beteiligung an der nationalen Revolution auf und gewinnt sie durch Gleichschaltung zur fruchtbaren Mitarbeit, wo man doch in der Bewegung vielleicht so manchen hat, der seine Brauchbarkeit für besondere Aufgaben, ohne es zu ahnen, einem semitischen Einschlag in seinem Blute verdankt. Ist nicht der Antisemitismus auch demoralisierend? Dabei denke ich gar nicht an die Hetze, welche die Juden belästigt, und die Menge, sondern an unser ganzes Volk, dem das Empfinden für Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit und Respekt vor dem andern, vor jedem in seiner Art durch die antisemitische Infektion verdorben wird, was dann alle Volksgenossen, die nicht mit der Masse gehen, auszubaden haben. Ich denke aber auch an die christliche Kirche, die zu alledem schweigen kann, statt ihre Stimme gegen diesen Kreuzzug zu erheben, an die christliche Presse, die auf einmal ihr Christentum vergessen hat, an die christlichen Logen, die ihre jüdischen Mitglieder zum Austritt auffordern, an die Millionen „überzeugter Christen", denen das Gewissen nicht schlägt, das Herz versteinert ist und das Ohr taub für den Heiligen Geist, und zuletzt an alle die, welche diese Konjunktur geschäftlich gegen ihre jüdische Konkurrenz ausnützen. Ist das nicht Verrat des Heilands, ja eine Passion Christi, die er von seinen Jüngern erdulden muß? Aber ist das nicht auch eine innere Schwächung der nationalen Revolution, welche die Degradierung der deutschen Juden mit ihrer demoralisierenden Wirkung auf alle ihre Anhänger mit sich bringt, und eine Schädigung des Dienstes am Volke, wenn man im freiwilligen Dienst am Volk ergraute Träger der Wohlfahrt und Leiter gemeinnütziger Unternehmungen plötzlich abdankt, weil sie Juden sind?" Reichsbimd gesetzestreuer Synagogengemeinden* Halberstadt, 20. September. Von dem Büro des Reichsbundes gesetzestreuer Gemeinden in Halberstadt erhalten wir folgende Mitteilung: Auf Anfragen bringen wir zur Kenntnis, daß der in Nr. 37 des „Israelit" erwähnte Runderlaß des Präsidenten der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung vom 9. September 1934 den Landesarbeitsämtern nicht mehr so rechtzeitig vor Rausch Haschonoh hat zugehen können, daß diese in allen Fällen ihre Organe darauf hinweisen konnten, daß die jüdischen Arbeitslosen von der Meldung am Sonnabend und jüdischen Feiertagen befreit sind. Für die kommenden Feiertage sind die Arbeitsämter unterrichtet, so daß Schwierigkeiten bezügl. der Meldung und des Empfanges der Arbeitslosenunterstützung nicht mehr zu erwarten sind. Wahlen zum Stadtrat von Jerusalem mit Rücksicht auf den Jörn Kippur verschoben. Jerusalem, 17. September. Die ursprünglich für den 20. September festgesetzte Wahl zum Stadtrat von Jerusalem ist verschoben worden, nachdem die Regierung von jüdischen 3tellen darauf aufmerksam gemacht worden war, daß den jüdischen Wählern an diesem unmittelbar auf .den Jom Kippur folgenden Tag die Ausübung des Wahlrechtes schwer fallen würde. Als Wahltag wird nunmehr voraussichtlich der 26. September festgesetzt werden. Man erwartet einen sehr lebhaften Wahlkampf. Nur die beiden jüdischen Kandidaten Daniel Auster und Isaak Ben Z w i wurden ohne Gegenkandidaten gewählt, über die Wahl der übrigen vier jüdischen Kandidaten, der vier mohammedanischen und der zwei christlichen Kandidaten muß durch Abstimmung entschieden werden. Im ersten Jerusalemer Wahlkreis, wo der ehemalige Chef des Sanitätswesens von Jerusalem, Dr. Hussein Al-Khalidi, gegen den bisherigen Bürgermeister Ragheb Bey N a s h a sh i b i kandidiert, werden die jüdischen Wähler voraussichtlich für Dr. Al-Khalidi stimmen, von dem man, falls er zum Bürgermeister ernannt werden sollte, eine unparteiischere Amtsführung erwartet als von Ragheb Bey. Daß Dr. Al-Khalidi sich entschlossen hat, aus dem Regierungsdienst auszuscheiden, um sich um ein Stadtratsmandat bewerben zu können, wird allgemein als Anzeichen dafür gewertet, daß er seine Wahl für gesichert hält. Der neue. Kandidat auf den Bürgermeisterposten, der im 40. Lebensjahre steht, wurde in Konstantinopel erzogen, wo er auch das medizinische Doktordiplom erwarb. Von 1914 bis 1919 diente er im türkischen Heere. Er gehört einer der bedeutendsten mohammedanischen Familien Palästinas an, von der viele Mitglieder wichtige Stellen in der Justiz, im Erziehungswesen und in anderen Zweigen des öffentlichen Dienstes bekleiden." Politisch gehört die Familie der Mufti-gegnerischen Opposition an. „Unser Weg". Eine hebräische orthodoxe Wochenschrift in Polen. Unter dem Titel UD*n ist die erste Nummer des Zentralorganes der Agudas Jisroel-Weltorganisation in Warschau, unter der Redaktion von A. S. Friedmann und E. S t e u e r erschienen. Es ist seit Jahrzehnten die erste hebräische Zeitschrift in Polen, wie im gesamten Osten, und wird schon aus diesem Grunde als großes Ereignis im jüdischen Leben Polens weit über die Aguda hinaus angesehen und begrüßt. Seit dem Abschluß der Haskalahperiode zu Anfang unseres Jahrhunderts und seit der Zentralisation der hebräischen Presse in Palästina waren alle Versuche in Polen oder in Litauen, eine irgendwie geartete hebräische Zeitschrift ins Leben zu rufen, gescheitert. Nun Hegt eine stattliche Wochenschrift vor uns, in Großformat, 28 Seiten stark, mit Aufsätzen aus den besten Federn, über die das orthodoxe Judentum in der Welt verfügt, in einem Hebräisch, das ungleich reiner und klassischer ist als das- Hebräisch der Straße und der Tageszeitung in Palästina. Daß es der polnischen Orthodoxie vorbehalten war, die hebräische Sprache in ihre alten Ehren einzusetzen, findet auch bei denen Anerkennung, die in der Tendenz der Zeitung' mit Recht eine Gefahr für ihre Bestrebungen erblicken. Aber das Wochenblatt UD*n hat nicht den Kampf auf sein Panier geschrieben, es will belehren, vertiefen, erziehen, aufklären und für den Thoragedanken werben mit der Kraft, die diesem Gedanken selbst innewohnt. Die erste Nummer enthält agudaprogrammatische Artikel von Ch. J. Eiß, Rabbiner Jacobson, Jacob Rosenheim, Oberrabbiner Zirelsohn usw. In der Rubrik „Thora und Judentum" sind vier gute Aufsätze über laufende Fragen zu lesen. Eine Abteilung iTirf dient pädagogischen Fragen. Ein Kapitel für sich beansprucht Erez Israel, in dem alle Fragen in Verbindung mit dem Aufbau behandelt werden. Das Feuilleton, das noch eines weiteren Ausbaus bedarf, liegt in guten Händen und aueft der Nachrichtenteil gibt ein Spiegelbild aller Ereignisse der Woche, die für Juden und Judentum von Belang sind. Das Blatt will getreu seinem Titel w e g w e is e n d für Jung und Alt sein, die eigenen Scharen sammeln und die Außenstehenden gewinnen. Es wird sich, wir hoffen es zuversichtlich, bald die Herzen aller Freunde des hebräischen Wortes: und des jüdischen Gedankens erobern. R. j. F. als Bevollmächtigter Berlin, 10. Sept. Die Kriegsopferabteilung des RjF. hat einen Antrag an den Herrn Reichsarbeitsminister gerichtet, die Mitglieder des RjF. als Bevollmächtigte und Beistände in Versorgungssachen zuzulassen, da ein dringendes' Bedürfnis hierfür bestehe. Der Herr Reichsarbeitsminister hat diesem Antrag durch Erlaß vom 27. August 1934 — I C 4130/34 — stattgegeben- Dieser Erlaß ist in Nr. 8 des Reichsversorgungsblattes vom 5. September 1934 veröffentlicht worden.

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