Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 38-39 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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er Israelit Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz Frankfurt a- M. i 21.jSeptember/l934 12. Tischri 5695 Nummer 38/39 Jörn Kippur 5695 m der Well. Zwischenfall ara der Klagemauer. In Jerusalem blieb auch dieses Jahr der schon fast obligatorische Zwischenfall an der Klagemauer nicht aus. Bekanntlich ist das Sc hofar blasen an der Mauer nach Abschluß des Neilohgebetes von der Behörde verboten. So ungerecht dieses Verbot an sich ist, so waren und sind alle Rabbinen sich darüber «inig, daß es unter allen Umständen zu beachten sei und daß es vor allem nicht angehe, einen heiligen religiösen Brauch zu politischer Demonstration zu mißbrauchen. Aber auch dieses Jahr versuchte, wie auch .in den letzten Jahren, ein junger Mensch namens Chajim Rüben Horowitz, wie verlautet, Mitglied der revisionistischen Partei, Schofar zu blasen. Die. überwachende Polizei, die scheinbar nur darauf gewartet hatte, verhinderte sofort den Versuch, verhaftete. Horowitz und beschlagnahmte den Schofar, womit der Zwischenfall ohne weitere Verwicklungen erledigt war. In Sowjetrußland. Wie aus Moskau berichtet wird, waren dort, wie in anderen Städten Rußlands, die S y - nagogen vollgefüllt, aber auch die kommunistischen antireligiösen Versammlungen waren gut besucht. Wie immer, war in den Synagogen das ältere Element vorherrschend, während die Jugend zumeist den Weg zu den antireligiösen Demonstrationen fand. In einer Synagoge, deren Nebenräume für kommunistischen Jugendklub beschlagnahmt waren, fanden sogar G'ttesdienst und Gottlosenpropaganda unter einem Dache statt. Die demonstrativ lärmenden Spiele und Tänze störten oft den G'ttesdienst, doch kam es zu keinen Zusammenstößen, Die ganze Tragik des neuen Marranentums erhellt daraus, daß man viele Arbeiter und Angestellte beim Frühg'ttesdienst sah und später in den Arbeitsstätten und Klubs, In Deutschland und Oesterreich. Aus Berlin und Wien teilt die ITÄ. mit: Die Beteiligung am Jörn Kippur-G'ttesdienst in Berlin war in diesem Jahre außerordentlich stark und dürfte die des Vorjahres noch übertroffen haben. Sämtliche Synagogen und die zahlreichen außerordentlichen Betsäle waren bis zum Schluß des G'ttesdienstes mit Besuchern überiüllt. Auch aus den übrigen Städten Deutschlands wird eine besonders starke Beteiligung am Jörn Kippur-G'ttesdienst gemeldet. Der Versöhnungstag ist in W i e n vollkommen ruhig verlaufen. Auffallend war die große Zahl der geschlossenen Geschäfte; es ist anzunehmen, daß die jüdischen Unternehmungen ausnahmslos ihre Betriebe geschlossen gehalten haben. Sämtliche Synagogen und Bethäuser waren überfüllt. Am Vortag des Jom Kippur waren der Wiener Polizei verläßliche Berichte zugegangen, daß von bestimmten Gruppen ernste antijüdische Störungen am Versöhnungstag geplant seien. In der Umgebung der jüdischen Bethäuser waren starke Wachabteilungen aufgestellt. Es ist nirgends zu Zwischenfällen gekommen. Mit Rücksicht auf die Cholhamoed-Tage fällt die nächstwöchentliche Nummer aus. Die Nummer nach den Feiertagen wird statt Donnerstag den 4., Freitag den 5. Oktober zum Versand gebracht. Aus dem Inhalt: Christliche Stimmen zur Judenfrage in Deutschland .........Seite 2 Reichsbund gesetzestreuer Synagogengemeinden ...........Seite 2 Die Wahlen zum Stadtrate in Jerusalem Seite 2 Sowjetrußland im Völkerbunde . . . Seite 3 Das Bildungsproblem S. R. Hirschs . Seite 5 Berichte aus Erez Jisroel . . Seite 7 und 9 Polen und der Minderheitenschutz . . Seite 8 Einwanderungskommissar Edwin Samuel in Polen ............Seite 8 Pne Jehoschuas Heimgang.....Seite 11 Kinderecke ........Seite 12 und 13 Illustrierte Beilage „Aus Welt und Leben": Die Wiener Schiffschul, Juden in Tunis und Algier. Literarische Warte Gola und Geullah. Die Sukkoh im Räume der Geschichte« In unserem nationalen Zeitalter treten insbesondere die historischen Feste" in den Vordergrund, vornehmlich das Chanukahfest mit der wehenden Makkabäerfahne. Ist man bibelgläubig, so läßt man auch noch „Auszug" und ,,Gesetzgebung" als Motive der ersten zwei Wallfahrtsfeste gelten. Mit S u k k a u s wußte der Historiker nie was Rechtes anzufangen. Wüstenwanderung? Die hat aber ganze vierzig Jahre gedauert. Schutzhütten, von G'tt erbaut, Ehrenwolken, von G'tt geleitet? Nun denn, wann, wie und wo? Als „Zeit der Ernte1" geht das Fest schon eher in das Verständnis der Modernen ein. Winzerfest, Herbsttrubel, wie sie alle Völker kannten und kennen, wenn die Scheune gefüllt ist und im Keller der junge Wein gärt. Was geht das aber den Historiker an? Das „Weinfest" sei mit der Lösung des Volkes vom „Weinberge des Herrn" im Lande des Herrn verrauscht und verklungen, sagte man. Wie irrig und abwegig ist aber solche Denkart gerade im Lichte der modernen Geschichtsforschung! Wenn wir in der Geschichte nicht ein Sammelsurium von verblaßten Namen, nichtssagenden Zahlen und Daten sehen, sondern Raum und Rahmen, in denen der Genius eines Volkes gehütet ist und aus dem heraus er gestaltend in seine Zukunft greift, dann gibt es kein Fest in unserem Kalender, das so historisch ist wie das jüdische Hüttenfest. „Der ewige Ahasver," wird unser Volk genannt. Unerfindlich genug, wie die christliche Sage gerade den seßhaften und trinkfesten König auf dem Perserthrone mit der Vorstellung von dem geächteten ewigen Wanderer verbinden konnte, der nirgendwo Ruhe noch Rast findet. Ahasveros und Kajin in einem, angewandt auf ein Volk, dessen Schicksal man in eine Schuld verwandelt! In einem Punkte aber weht über jene Legende ein dünner, feiner Wahrheitshauch. Der Wanderer, der Länder und Meere verbindet, dessen Weg sich von Pol zu Pol erstreckt .(iqid Tin D"?isrn »poa - wid T$n mna) hält doch neben dem Wanderstabe auch ein Szepter in der Hand, thront, geschichtlich gesehen, fest im Geistigen, auf einem Königssitze. Auf dem Wege durch die Welt wurde aber der Jude zum Hüttenerbauer, Und die Hütten sind so verschieden geartet, wie die Welt nach Gegend, Zeit und Klima verschieden ist. Es gab feste und weniger feste Hütten, mit starken, schön geschmückten und kahlen, brüchigen Wänden. (Fortsetzung auf Seite 3.)