Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1934)
- Date
- 1934-09-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr.'37 Der Israelit 14. September 1934 hört die Ruhe der Besinnlichkeit und die Möglichkeit, Erfahrungen und Erkenntnisse in bleibende Werte umzusetzen. Aber — kaum haben wir diese Behauptung ausgesprochen, da erhebt sich ein berechtigter Einwand. Das war einmal so! Aber wie steht es j e t z t? Wir Juden in Deutschland, wir alle, ob wir nun in der Stadt leben oder in ländlichen Bezirken, wir stehen jenen Verhältnissen gar nicht so fern, daß uns die großen Veränderungen nicht bewußt worden wären, die sich besonders seit etwa hundert Jahren im inneren und äußeren Leben unserer Gemeinschaft vollzogen haben. . Waren doch noch zu Anfang der neuen Zeit die jüdischen Gemeinden in den Städten klein und zahlenmäßig unbedeutend gegenüber den Kehillaus in den Dörfern, aus denen nach und nach fast alle Familien den derzeitigen ansehnlichen Stadtgemeinden zugewandert sind! So kommt es, daß zahlreiche verwandtschaftliche Beziehungen auch noch heute die jüdische Bevölkerung von Stadt und Land verbinden, und auch in den Fällen, wo solche nicht mehr bestehen, führt zuweilen ein pietätvolles Erinnern späte Enkel aus der Stadt zu dem Boden, dem ihre Ahnen entsproßt sind. Und das geschieht hauptsächlich in der Zeit, die unser Sinnen gleichermaßen der Vergangenheit und der Zukunft zuwenden soll, seitdem in ihr Mosche Rabbenu knieend und fastend vor G'tt gelegen, um Verzeihung, für schweres Verfehlen seines Volkes zu erlangen und Verheißungen für eine bessere Zukunft, — im Elul und Tischri. Da öffnen sich die Tore zu den Stätten des Friedens. Da beleben sich die Gefilde der Toten, die oft Monate lang keinen Besucher gesehen haben. Da werden Fragen laut nach Menschen, die der Fragende in seiner Jugend noch gekannt oder von deren Ruf er wenigstens durch Eltern oder Großeltern gehört hat, nach Männern, in deren Namen ein Zauber, in deren Andenken ein Heiligtum liegt. miöK W1K> „Ihr Männer der Glaubenstreue!" hallt der Ruf in dem Herzen des Besuchers, während seine Lippen nur zitternd wagen, die Worte zu formen. VT3N fiWir haben sie verloren!" T T lliy ,,Sie sind dahingegangen." So lautet die traurige Antwort. „Sie, die als Helden in die Bresche treten konnten, die durch ihre Verdienste schwere Verhängnisse abwandten, die uns Schirm und Mauer waren zu Zeiten der Gefahr, die G'tt erhörte, bevor sie riefen, deretwegen er sich unser immer wieder erbarmte, gleich einem Vater, sie haben wir verloren ob unsrer Missetaten, Eingegangen sind sie hier zur Ruhe, und uns bleibt nun — das Seufzen." Arm, geistig verarmt sind die Wenigen geblieben, die heute noch hier leben, oft kaum imstande, den Abstand zu ermessen, der zwischen ihnen und den Dahingegangenen klafft, und den Inhalt des Bekenntnisses zu verstehen, das sie in den nirrVo aussprechen: ,,Unsre Entartung hat alles bewerkstelligt; darum ist uns die Fülle des Guten vorenthalten worden." Trauernd schreiten wir durch die langen Reihen der Gräber hindurch, zwischen den Grabsteinen, die in edler Sprache von den Vorzügen der unter ihnen Ruhenden berichten. Durch ihre Gleichförmigkeit nötigen diese Steine auch Andersgläubigen Beifall ab, da sie von Bescheidenheit und Einfachheit zeugen. Da wird es uns leicht, uns im Geiste in die Zeiten zurückzuversetzen, in denen sich unter anspruchslosen Handwerkern und kleinen Landwirten „Söhne der Thora" fanden und die Treue zum jüdischen Gesetz als Allgemeingut gelten konnte, worauf das Ansehen und die Wertschätzung sich gründeten, die die Juden bei ihren Mitbürgern genossen. Doch nicht flüchtige Empfindungen dürfen uns bewegen. Sie besitzen wenig Wert. Was wir fühlen, muß unser Handeln bestimmen, ciamit wir zuversichtlich zum Gestalter aller Geschicke aufblicken dürfen, wenn wir an den Teschuwa-Tage beten: „Wir wollen zu Dir beschämt umkehren und Dich aufsuchen, Väter und Kinder. Begnade uns und gib uns nicht dem Verderben preis; denn wir sind der Ton und Du — unser Gestalter." Jüdische Nationalspeisen* Von S. Brückheimer in Marktbreit. Die Besinnung auf jüdische Art und Sitte veranlaßt mich, in ein dem Manne sonst etwas abgelegenes Gebiet, in den ureigensten Bezirk der Hausfrau einen Einfall zu wagen. Nicht als Sachverständiger im Kochen oder gar als räsonnierender Feinschmecker! In stetem Bemühen, die ländliche, jüdische Weise und Gewohnheit der vergangenen Jahrzehnte festzuhalten, scheint es mir, als ob die jüdischen Nationalgerichte nicht nur zu Gaumen und Magen sprächen. Sind sie doch verwoben in die Geschichte der ländlichen Gemeinden und erzählen von ungestörtem Feiertagsfrieden, stillen, von der Schabboslampe beschienenen Feitagabenden, von engen Gassen und von zufriedenen, mit G'tt und der Umwelt im Einklang lebenden Menschen. Wenn im Winter die „Gänsekuggel", braun glänzend und nach Zimt duftend, auf dem Teller hin- und herschwang, wenn die im Backofen „gesetzte" Bohnen- oder Grünkernsuppe wohlig den Magen wärmte, dann waren der blaue Warenpacken, der die Schulter wund drückte, und die oft groben Worte der Bauern bald vergessen. Das in Oel gebackene „Buwele", die in Mickerfett schwimmende „Krautkuggel" entschädigten hinreichend für die kargen Bissen an den Werktagen draußen auf den Weilern und Gehöften. Manche unter den jüdischen Nationalspeisen beziehen ihre Daseinsberechtigung, ja ihre Existenz überhaupt aus religiöser Anordnung oder aus der jüdischen Geschichte. Die aus Mazzoh bereiteten, in Zwetschenbrühe aufgekochten „Krimsel" und die mit „jonteftigem" Sauerkraut gereichten „Mazzohklöße1 sind aus dem Pesachfeste heraus geboren. Der „Käsekuchen" am Schowuaus ist zwar nur die Belohnung für den, der während der sieben Wochen niemals das Omern vergessen hat. Aber der geflochtene, mit Milch und Rosinen bereitete „Koletsch" stellt nach mancher Meinung die Erinnerung her an die zwei im. Tempel aus neuem Weizenmehl dargebrachten Schwingungsbrote. Am Erew-Jom-Kippur mag der in Süddeutschland beliebte „Nudelschalet" bei der Schlußmahlzeit dem Fastenden für den „langen Tag" den nötigen Rückhalt geben. Die am Hoschanoh-Rabbo als Gemüse aufzutischenden roten Birnen spielen aber hinein in das Geheimnis dieses in mancher Beziehung dem Versöhnungstage gleichgestellten Festes. Der „Haman", der am Purim den Kindern gebacken wird, bedarf keiner Ausdeutung. Wohl aber das an diesem Tage obligatorische Rauchfleisch. Dagegen mögen der freitägige „Zwiebelkuchen" und die mit Knoblauch gewürzte „Einmachsauce" in der Freitag-Nacht im Zusammenhang stehen mit der Anordnung Esras, die in der 10. Mischnah des dritten Pereks im Traktat Nedarim erwähnt wird. Die, durchaus nicht vollständig aufgezählten Gerichte, sind durch eine lange Reihe jüdischer Generationen gegangen. Sie sind so im Laufe der vielen Jahre in gewissem Sinne zu einer Art von Verpflichtung geworden. So, daß man auf dem Lande nicht selten den als „schlechten" Juden betrachtet, der diese seit altersher bekannten Nationalgerichte nicht liebt. Mag dies als grotesk und ungerecht erscheinen. Und doch liegt ein Körnchen Wahrheit in solchem Urteil. Denn wenn auch alle Völker sogenannte Nationalgerichte haben, so fuhren sie doch nur beim jüdischen, über die Befriedigung des körperlichen Bedürfnisses hinaus, in seine Geschichte, in sein Geistesleben, in seine Kultur. Hebräisches Theater vor 400 Jahren. Bis jetzt herrschte die Meinung, daß die hebräische Theaterliteratur 300 Jahre alt und, daß der „Jessodolam" von Rabbi Moses S a k u t h das älteste hebräische Schauspiel sei. Rabbi Moses Sakuth, geboren im Jahre 1625, gehörte einer alten spaniolischen Familie aus Amsterdam an. Tief beeinflußt von den Geschichten und Legenden der spanischen Inquisition, beschloß er das Gedächtnis jener Heiligen zu verewigen, die ihre Treue zum Glauben der Väter mit ihrem Leben bezahlen mußten. Die von ihm verfaßte Tragödie „Jessod-olam" sollte, nach der bisher herrschenden Auffassung, das erste hebräische Schauspiel gewesen sein. Nun veröffentlicht jetzt Salmon Silberzweig eine sehr; interessante Arbeit über das hebräische Theater, wobei er sich in seinen Ausführungen auf den bekannten hebräischen Theater-Historiker und Kritiker Lachower bezieht. Danach soll in der alten hebräischen Literatur ein Schauspiel vorhanden sein, das nicht nur viel älter als der „Jessod-olam" von Rabbi 'Moses Sakuth ist, sondern 70—80 Jahre vor Sakuth sogar aufgeführt wurde. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebten in Italien viele jüdische Musiker und Schauspieler. Einer der bekanntesten jüdischen Theaterdirektoren jener Zeit war Jehuda Messumi-Porteleone, geboren im Jahre 1527, also ungefähr hundert Jahre vor Rabbi Sakuth. Jehuda Messumi war nicht nur Theaterdirektor, er hat auch viele Lieder in italienisch und hebräisch geschrieben und auch einige Tragödien in italienischer Sprache. Messumi war ein großer Kenner und Liebhaber der hebräischen Sprache. Bisher wußte man aber nicht, daß er auch ein hebräisches Schauspiel verfaßte. Nun weist Silberzweig darauf hin, daß vor kurzem ein junger jüdischer Gelehrter aus Berlin, Schermann, entdeckte, daß das hebräische Schauspiel „Amon und Debora" vom jüdisch-italienischen Theaterdirektor Jehuda Messumi verfaßt wurde. „Amon und Debora" ist nicht nur das erste Schauspiel in hebräischer Sprache, sondern auch das erste weltliche Schauspiel in hebräischer Sprache. Während das bis jetzt bekannte älteste hebräische Schauspiel „Jessod-olam" eine Tragödie religiösen Charakters ist, ist „Amon und Debora" eine Komödie mit einem durchaus weltlichen Inhalt. Von den vier Manuskripten von „Amon und Debora", die Schermann erhalten hat, wird im ersten Manuskript ausdrücklich hervorgehoben, daß „die Komödie mit dem Zweck geschrieben wurde, um am Purim und während anderer Verweilungen gespielt zu werden." Von den vielen Aenderungen, die in den Manuskripten gemacht wurden, ist wirklich zu folgern, daß die Komödie auch tatsächlich aufgeführt wurde. Die Komödie „Amon und Debora" hat folgenden Inhalt: Amon, ein reicher Mann aus der Stadt Sidon versprach Ididio, einem jungen Juden aus Damaskus/ seine Tochter Brurija zur Frau. Schalom, der Vater von Ididio, ist ein bekannter Geizhalz. — Debora, die Frau Amons, beschließt, ihren zukünftigen Schwiegersohn zu sich zu nehmen, sie hofft dabei auf die Erbschaft, die Ididio nach dem Tode seines Vaters bekommen wird. Inzwischen kommt die Nachricht vom Tode Schaloms. Sein Vermögen hat er aber nicht seinem Sohn Ididio, sondern seinem Diener Schuwal vermacht. Amon will seinem Worte treu bleiben und sein Versprechen, seine Tochter Ididio zur Frau zu geben, halten, seine Frau überredet ihn aber und er läßt sich nach längerem Gespräch bewegen, seine Tochter in ein Dorf zu schicken, damit sie ihren Geliebten vergessen soll. Er will auch mit Asael, dem Sohne Efrpns, eines reichen Mannes, sprechen und ihm seine Tochter Brurija zur Frau anzubieten. Asael liebt aber Schifra, eine Schwester Ididios und muß auch andererseits zum Schein um.die Tochter von Chemdon, eines Geizhalses, werben, da nämlich in den Händen Chemdons sich das Vermögen von Efron, des Vaters Asaels, befindet. Als der Geizhals Chemdon erfahren hat, daß Schalom sein Vermögen seinem Diener Schuwal vermachte, beschloß er nun, seine Tochter dem Schuwal zur Frau zu geben, es stellte sich aber heraus, daß, obwohl Schalom den Diener Schuwal zum Erben machte, er daran doch eine Bedingung knüpfte und zwar, daß Schuwal einen Wunsch von Ididio erfüllen muß. Dieser Wunsch Ididios besteht aber darin, daß er den Schuwal zum Diener haben will und, da das Talmudgesetz lautet: „Maschekonoh ewed konoh rabo" (wer einen Knecht kauft, der kauft auch alles, was dem Knecht gehört), wird Ididio der Besitzer des väterlichen Vermögens und heiratet daraufhin die schöne Brurija. Dieses Ende der Komödie „Amon und Debora" ist sehr charakteristisch auch für andere hebräische Schauspiele und Komödien. Das Ende ist immer dasselbe: das Gute wird' belohnt und das Böse bestraft. — Die Arbeiten Schermanns und Lachowers sind für die Freunde der alten hebräischen Literatur von großem Interesse. Schon vor 400 Jahren hatten wir also hebräische Komödien und folglich auch hebräische Schauspieler. S. G. Choral zur Nacht. Von Fritz Rosenthal.**) Du brichst mir das Brot und reichst mir den Wein Und verschenkst deiner Hände Segen: Dein ist die Krume und der Acker ist dein, Die Sonne, der Wind und der Regen. Dein sind die Aehren, die Wälder, die Mahd, Die goldene Ernte ist dein. Dein sind die Frucht und die keimende Saat Und die Hügel im Abendschein. Das Haus, der Herd, das Vieh im Stall, Das Weib und das Kind sind dein: Dein ist die Macht, dein ist das All — Herr, G'tt, was bliebe noch mein. Was sollte ich dir geben In dieser Nacht: Dein ist der Tod, dein ist das Leben, ~ Der Schlaf, der Traum und die Wacht. **) Aus „Die Lieder des ewigen Brunnens" (R. Löwit, Wien.) Der Autor heißt nicht, wie irrtümlich angegeben, Moritz, sondern Fritz Rosenthal.