Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1934)
- Date
- 1934-09-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450843--80711-2538560- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 37 1934 Meister Buchbinder. Erzählung von S. Kohn. (Schluß.) ,,Und Sie hatten ja glauben müssen, durch eine Anzeige hundert Gulden zu gewinnen; — in Ihrer Lage eine Riesensumme!" „Majestät, ich hätte mir lieber die Zunge abgebissen, als Allerhöchst Sie zu verraten!" Löwi hielt bestürzt inne; das konnte, wenn auch mit Unrecht, als große Kriecherei erscheinen, und fast erschrocken fügte er hinzu: „Euer Majestät, ich habe noch vor kurzem, bevor wir die Schwelle dieses Amtshauess beraten, dasselbe ausgesprochen; also zu einer Zeit," wieder überzog ein hübsches Lächeln Löwis schöne Züge, „wo ich . . . das Wort an einen emeritierten Buchbiridermeister zu richten glaubte," „Ah!" lachte der edle Monarch und große Mensch, „jetzt versteh' ich erst Ihre Reden, die mir sonderbar genug erschienen — Ja, richtig, um in Ihren Augen nicht als Lügner zu erscheinen — ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich kein Buchbindermeister bin, keine Werkstatt halte, einen anderen Beruf ergriffen habe; — aber Buchbinderei habe ich gelernt, das ist jetzt so an den Höfen Sitte, — mein Schwager Ludwig, der König von Frankreich,- ist ein tüchtiger Schlosser und mein Neffe, der Erzherzog Franz, ist ein prächtiger Siegellack-Arbeiter." Das leutselige Benehmen des Kaisers hatte alle Anwesende in wunderbarer Weise beruhigt, der Amtsdiener und der Seiltänzer hatten sich vom Boden erhoben und waren bei Seite getreten, der Kteisdragoner, ein ehemaliger Unteroffizier, stand in strammer Haltung unbeweglich, der Aktuar hatte endlich seine Sprache wieder gefunden. „Eure Majestät," stammelte er, „ich weiß es, Allerhöchst Dieselben wollen nicht gekannt sein - . . aber . . . allein . . . jedoch . - . ich möchte - . . ich würde ..." er mußte abbrechen, er konnte vor Verlegenheit nicht weiter sprechen. „Sie fürchten, mein Mißfallen erregt zu haben, Herr Aktuar," ergriff der Kaiser das Wort; - „offen gestanden, Ihr Benehmen gegen den jüdischen Wanderburschen, der aus Unkenntnis etwas getan, was man hier in A. bestraft, hat wahrhaftig nicht meinen Beifall gefunden . . . Ich glaube, es wird eine Zeit kommen, wo die Bürger in A. einsehen werden, daß es nicht recht, ja nicht einmal klug ist, Menschen nur deshalb auszuschließen, weil die äußere Form ihrer G-t-- tesverehrung eine ander als ihre ist; — indessen so lange eine solche Bestimmung besteht, muß sie geachtet werden; aber ich fordere gebieterisch von jedem Beamten, daß er an und für sich drückende Bestimmungen nicht noch durch Härte und Grausamkeit bis zur vollen Unerträglichkeit verschärfe — merken Sie sich das, Aktuar!" „Lieber Löwi!" wandte er sich nun an diesen: (,Sie sind ein gebildeter Mensch, Sie haben vier Gymnasialklassen absolviert; haben, wie Sie mir gestanden, Liebe zu den Wissenschaften . . . wer seinen Virgil als Buchbindergeselle auf der Wanderschaft mit sich herumträgt, ist wahrhaftig nicht dazu bestimmt, Bücher zu binden, sondern solche zu studieren, vielleicht sogar zu schreiben! . . . folgen Sie meinem Rate, Heber Löwi, hängen Sie die unglückselige Buchbinderei an den Nagel und kehren Sie zu Ihren Studien zurück . . . wählen Sie die Medizin zu Ihrer Beruf swissenschaft. Der ärztliche Stand istein schöner . . . Leidenden Menschen zu helfen, ist eine der würdigsten Lebensaufgaben. Sie sind neunzehn Jahre alt, Sie können noch zur Zeit ein tüchtiger Mediziner werden. Sie gefallen mir außerordentlich gut; Sie waren in bitterster Not und wollten weder ein Geschenk von einem Ihnen Unbekannten annehmen, noch forderten Sie, als Sie mir die mit Bankozettel gefüllte Brieftasche überreichten, den Ihnen gebührenden Finderlonh an; — dann haben Sie mich, trotzdem Sie glauben mußten, hierdurch in gestatteter Weise hundert Gulden zu rwerben, zu einer Zeit nicht verraten, wo mich die Andern für einen Halunken hielten ... Ja, damit ich an der Hauptsache nicht vergesse, hier haben Sie zweihundert Gulden, damit Sie Ihre Reise in die Heimat in anständiger Weise antreten können und," er wandte sich wieder an den Aktuar „ich bitte um einen Viertel Bogen Papier!" — und als ihm dieser mit einer tiefen Verbeugung überreicht wurde, setzte sich der Kaiser an den Schreibtisch, schrieb einige Zeilen und reichte dann Löwi den Zettel; er enthielt die wenigen inhaltsschweren Worte: „Ich beauftrage hiermit meine Privatkanzlei, dem Naftali Löwi aus Neuhof in Mähren vom 1. Jänner 1780 an, jährlich dreihundert Gulden in vierteljährlichen anticipando Raten so lange auszuzahlen, als derselbe seine Studien an einem Gymnasium oder einer Universität fortsetzt, und hat dieser Jahresgehalt erst, nachdem er den Doktorgrad erlangt hat, zu erlöschen'. A. in Böhmen, am 5. October 1779. Josef." „Sobald Sie wissen werden, in welcher Stadt Sie Ihre Studien fortzusetzen beabsichtigen," sprach der Monarch, „senden Sie diese Anweisung an meine Privatkanzlei in Wien und die Zahlungen werden pünktlich an Ihrem Domizile erfolgen; wenn Sie dieses wechseln, müssen Sie das in Ihrem eigenen Interesse, meiner Privatkanzlei anzeigen . . . Ich wünsche Ihnen für Ihre neue Laufbahn von Herzen recht viel Glück!" „Eure Majestät, diese Huld, diese unverdiente Gnade!" rief Naftäli Löwi, nach einem Momente sprachlosen Entzückens, „Allerhöchst Sie geben mir mein für immer verloren geglaubtes Lebensglück zurück! — Ich gelobe, mich durch Fleiß und Eifer der allerhöchsten Gnade würdig zu beweisen, und einst als Arzt nach Kräften de'n Leidenden beizustehen." Der Kaiser reichte dem jungen Manne die Hand, die dieser in überströmender Bewegung stürmisch an seine Lippen drückte. „Ich glaube, Sie werden Ihr Versprechen halten," sprach der Kaiser, „Sie werden ein tüchtiger und braver Arzt werden — Sie sind edeldenkend und uneigennützig, so soll der Arzt sein! — Und noch Eins, junger Freund! Ich möchte nicht gerne von Ihnen mißverstanden werden. Sie werden gewiß einst inmitten Ihrer Glaubensgenossen eine hervorragende Stellung einnehmen, auf diese großen Einfluß ausüben. Im Allgemeinen wünsche ich, daß die jüdische Bevölkerung Oesterreichs sich auch dem Handwerke zuwende; der größte Teil der Juden wäre schon zu einem sozialen Fortschritt reif; — aber zu meinem tiefsten Bedauern, kann ich das nicht von der ganzen Bevölkerung meines weiten Reiches sagen. Es hat mich gestern tief geschmerzt, als Sie mir erzählten, daß es Ihnen trotz der größten Mühe, die Sie sich nahmen, trotz der schweren Opfer, die Sie sich auferlegen wollten, während Ihrer n'eunmonatlichen Wanderschaft nicht gelungen ist, einen Meister zu finden, weil Sie ein Jude sind — aber lieber, junger Freund, der große Galilei hat gesagt, e pur se muove! und ich wiederhole es: Die Welt bewegt sich doch; — wenn auch zuweilen langsam; allein es ist schon manches geschehen, die Tortur hat in Oesterreich aufgehört, und wissen Sie, wer sich das Hauptverdienst um diese hochwichtige, glückliche Neuerung erworben? Ein edler, hochherziger Mann, einer Ihrer großen Glaubensgenossen, der Hofrat Sonnenfeld*) — ich hoffe recht bald auch die Leibeigenschaft aufzuheben — aber meine Zeit ist noch nicht reif, ich kann nicht so handeln, wie ich möchte; allein," fuhr Kaiser Josef mit leuchtenden Blicken und gehobener Stimme fort, „nach hundert Jahren, da sitzt vielleicht ein mächtiger, gerechter Fürst auf meinem Thron, der mit meinem guten Willen auch die Kraft, das Rechte zu vollführen, vereinigt; — ein Fürst, der in einem fortgeschrittenen edlen Volke, Unterstützung in seinem hohen Streben findet; — dann fallen alle Schranken, die man künstlich zwischen Menschen und Menschen errichtet hat, dann bildet der Glaube keine Scheidewand. Ihr Urenkel, lieber Löwi, wird, wenn er Handwerker werden wird, wohl Meister finden, die ihn aufnehmen, und ein zweiter Ihrer Urenkel vielleicht Richter oder Bürgermeister in der Stadt sein, in der man seinen Urgroßvater nicht über Nacht dulden wollte!" Kaiser Josefs Worte trafen nicht in allen Teilen ein. Aber Naftali Löwi ward ein tüchtiger Arzt — und ein Jahrhundert später herrschte in Oesterreich ein edler, mächtiger Regent, unter dessen Szepter das Prinzip der Gleichheit von allen geachtet und geehrt wurde. S'lichoh. Von Heinrich Einstädter. m» naiatt 'wk „Männer der Glaubenstreue! — Sie sind dahingegangen." Der Monat Tischri ist eingezogen, eingezogen mit seinen Melodien und seinem nicht überhörbaren Weckruf in unsere G'tteshäuser und mit seiner Fülle von Gedanken und Empfindungen in unsere Herzeh. Zum wievielten Male? Still geben wir uns Antwort auf diese Frage. Und dabei wird uns bewußt, daß wir das Kommen des letzten Monats im Jahre immer wieder anders empfinden. Denn Jahr für Jahr treten wir der Schwelle näher, die Diesseit und Jenseit scheidet; Jahr für Jahr stoßen die Eindrücke, die die Zeit des Jahresendes vermittelt, auf eine größere Menge von Erfahrungen, die wir in unsrem Leben angesammelt haben, und besonders auf eine andersartige Schicht, die die jüngste Vergangenheit darüber gelagert hat. Ihr Großstadtmenschen, die ihr Gefangene eines beruflichen und gesellschaftlichen Stundenplanes seid, der vom Morgen bis spät in die Nacht seine Herrschaft ausübt, entbehrt der Muße, diesen Gedanken gründlich nachzugehen. Natürlich zu eurem Schaden! Euch mangelt es oft an der Zeit, das Geschehen näher zu untersuchen und aus der gewonnenen Erkenntnis Schlüsse und Entschlüsse reifen zu lassen. Daher werdet ihr von den Tatsachen überfallen; überrascht müßt ihr gewahr werden, daß ihr es unterlassen habt, zu versuchen, einen Einfluß auf ihre Abwicklung auszuüben. Anders verhält es sich bei den Landbewohnern. Die Einfachheit und Bescheidenheit des Ablaufes ihres Lebens hat ihnen manches versagt, und dafür wiederum manches gegeben, das nicht immer richtig eingeschätzt wird. Dazu ge- *} Josef Freiherr von Sonnenfeld, geboren 1733 zu Nikolsburg in Mähren, von jüdischen Eltern, ward im sechzehnten Jahre Soldat, studierte nach fünfjähriger Dienstzeit Jurisprudenz, ward Translator des Hebräischen bei der niederösterreichischen Regierung, 1763 Lehrer der Staatswissenschaften an der Wiener Universität, 1779 Hofrat, 1797 Reichsfreiherr, er starb 1817. Infolge seiner im Jahre 1775 in Zürich erschienenen Schrift wurde die Tortur in den österreichischen Staaten abgeschafft.