Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1934)
- Date
- 1934-09-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450843--80705-2538554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14. September 1934 Der I s r 1 i t Nr. 37 Seite 3 „Ich" und mein Gebet. k (Fortsetzung von Seite 1.) dachtswelle\nicht zu allzulautem Aufschrei beim „stillen Gebete" hinreißen. Von Channa lernen wir beten: mV 1)1318 fMnV mithin muß das Gebet aus dem Herzen kommen. rpriSW j?l m3?3 nur ihre Lippen bewegten sich, also genügt es nicht, das Gebet im Herzen nur zu tragen, es muß Wort und Ausdruck werden, muß „über die Lippen" kommen. Allein PlVlpl yaiyN^ „ihre Stimme ward nicht gehört", woraus die Weisen folgern, daß man nicht gar zu laut bete, daß wir den Nachbar an unsrem Gebete nicht beteiligen noch stören, daß es 'fi^Qn, mein Gebet, für mich allein, bleibe. Indem die Talmudweisen das Channagebet uns so zum Muster empfehlen, wollen sie damit andeuten, von welchem Ewigkeitshauch unsere Gebete und Gebräuche durchweht sind. Zur Richterzeit schon, lange vor dem stabilen Tempeldienst in Jerusalem, hat die betende Frau genau so vor ihrem G'tte gestanden, wie es in den späteren kodifizierten Lehrbüchern vorgeschrieben ist. Und sie tat es, weil es schon alle vor ihr so taten. Sie haben nichts erdacht und erdichtet, unsere Dezisoren, sie haben nur feinhörig der jüdischen Volksseele ihre leisesten Schwingungen abgelauscht und weiter in die Zeiten hinausgetragen. Und ist es nicht dies, was uns in den gehobensten Momenten dieser heiligen Tage zutiefst packt: die greif- und hörbare Nähe all der Generationen vor uns, die — im gleichen oder einem anderen Räume — einst zu dieser Stunde, von den gleichen Empfindungen, den gleichen Wünschen und Hoffnungen durchzittert wie wir, vor G'tt "standen und diese Gedanken, Aengste und Hoffnungen in denselben Worten und Melodien zum Ausdruck brachten! Es erweitert sich der Raum und alle guten Geister erwachen, um mit uns zu weinen, zu beten und zu singen . . . Hören wir nicht, wenn jene getragenen Akkorde zur Einleitung des Abends aufsteigen, die „Stimme aus der Tiefe" sich erheben, aus der Tiefe der spanischen Keller und Gelasse, wo sie sich mit ihrem Jomkippur verkrochen; hören wir nicht jene verkappten Heimkehrer vor der geschlossenen Türe leise um Einlaß singen, wenn wir feierlich vor Beginn den Weg zu G'tt auch den D^viay, den „Gesetzesübertretern" freigeben!? Ziehen sie nicht alle an unserem Auge vorüber, jene Glaubenshelden mit dem „Schma" auf den Lippen, wenn wir am Abend der Abende dieses Gebet mitsamt dem DU/ "|T"n wie einen Hilferuf laut hinausschreien?! H *]V Denn nur solches Gebet, aus dem Urquell der Ewigkeit entsprungen, dringt zu Dir, dem Schöpfer des All und Lenker der Weltgeschicke, findet den geraden, direkten Weg zum n^sn VßW Nicht allen Gebeten des Jahres mag der Schwung und die innere Kraft für den Höhenflug in diesem Maße innewohnen. In diesen Tagen aber dürfen wir doch beten und hoffen: ••nn^Dn -j *» a d *mn sax Denn sind diese Tage. . „Zeit des Wohlgefallens". Gleiches Lied und gleiche Melodei können mehr oder weniger harmonisch klingen, je nachdem wie das Instrument gestimmt ist. Es sind im klassischen Teile eigentlich die gleichen Gebete, die für den Alltag und das hohe Fest der Seele vorgesehen sind. Aber sie klingen heute anders, weil das Instrument der Seele anders und reiner gestimmt ist, weil es eben pn TW ist. Und darum "pon 312 D,j?VH' sehen wir Ihn auch da, wo er als EPpVx hart in unsre Schicksale eingreift (pinma)'in der Fülle Seine Liebe. Aufschrei ist Erhörung und Erhörung Erfüllung! •■JJW» n»N3 >3W Wochenrundschau. Wachtposten in Palästina. Wir sind nicht für „illegale Einwanderung" in Erez Jisroel. Gesetze müssen respektiert werden, auch wenn sie schlecht sind. Und ein schlech- Zum Werk für Hilfe und Aufbau geeint, ruft die jüdische Gemeinschaft, rufen die jüdischen Organisationen und Institutionen aller Richtungen die deutschen Juden zur umfassenden Opfergemeinschaft auf. Oeffnet die Herzen! Oeffnet die Hände! Es zeugt von menschlicher Größe und jüdischem Bewußtsein, sich dem schweren Schicksal seiner Gemeinschaft zu \ stellen, auch wenn es den Einzelnen selbst noch nicht erreicht hat. Gerade wer die Not noch nicht verspürt, opfere für die schwerer ringenden Brüder. Es darf nicht sein, daß das deutsche Judentum eine Gemeinschaft ohne Jugend, eine Gemeinschaft ohne Zukunft werde. Dein Opfer führt die Jugend zu produktiver Einordnung in neuen Lebensraum, damit sie fähig wird, die Sorge für die erwerbslosen Alten auf ihre eigenen starken Schultern zu nehmen. Es darf nicht sein, daß Wissen und Bildung nur dem Besitzenden zugänglich gemacht wird. Dein Opfer baut am jüdischen Schul- und Kulturwerk. Es darf nicht sein, daß Alte und Kranke unversorgt bleiben. Dein Opfer sichert die Aufrechterhaltung von Wohlfahrt, Krankenhäusern und Altersheimen. Nach gemeinsamer Planung soll ein edler Wettstreit herrschen in der Erfüllung der beiden Aufgaben: Sicherung des Schicksals der deutschen Juden in Deutschland und konstruktiver Aufbau der jüdischen Heimstätte in Palästina, Die Sammlung für Palästina geht deshalb selbständig als in sich geschlossener Bestandteil des gesamten jüdischen Hilfswerks neben der Sammlung des Zentralausschusses der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau einher^ Jeder gebe nach seiner Einsicht und seinem Herzen, aber er gebe bis an die Grenzen seiner Kraft. Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau Borchardt Dr. Kreutzberge r. teres Gesetz als jenes, welches Juden den- Eintritt in ihr ihnen von G'tt verheißenes Land verbietet, also ein Zertifikat genanntes amtliches Papier über das Recht, das mit uns geboren ist, kann man sich schlechthin nicht denken. — Immerhin, Gesetz ist Gesetz und kann nur mit Rechtsmitteln bekämpft, nicht aber auf Grenzschleichwegen umgangen werden. Daß aber England jetzt ganze Polizeitruppen zu Fuß, und zu Pferd und auf Schiff, beinahe schon eine kleine Wehrmacht, mobilisiert, um die Grenzen zu überwachen und die Schuldigen in die Gefängnisse zu stecken; daß man, zur gleichen Zeit, da Araber aus Syrien und Transjordanien unbehelligt ins Land strömen, sich sogar freiwilliger arabischer Hilfstruppen zur Absperrung gegen Juden bedient, daß heute wieder Jeder Jeden als „Illegalen" denunzieren kann, das alles verschärft die schon seit einigen Jahren spielende Einwanderungstragödie in einer für das große England wenig ruhmvollen Weise. Tagtäglich werden junge Juden bestraft wegen Postenstehens vor jüdischen Arbeitsstätten, die arabische Arbeiter beschäftigen. Wir verurteilen dieses Postenstehen — nicht allein, weil es gegen das englische Gesetz verstößt, sondern noch mehr, weil es das sehnlich zu erwünschende gute Verhältnis zwischen Juden und Arabern stört. Aber der Wahrheit die Ehre: die jüdischen Posten verhalten sich ruhig und wollen nur still die jüdischen Arbeitgeber an ihre Bruderpflicht erinnern, stehen gleichsam als mahnendes jüdisches Gewissen da — bis dieses Gewissen hinter Gefängnismauern zum Schweigen gebracht wird. Aber die arabischen Wachtposten im Hafen und an allen Grenzen stehen als Spitzel und Häscher da, um „den Sohn nicht in Vaters Haus zu lassen" und vollführen frischfrohe Menschenjagden, die zum Schaden noch den Spott hinzufügen. Diese Wachtposten wurden geduldet, ja sogar gelegentlich in Dienst genommen. Wo bleibt das gleiche Recht? Der arabische Postendienst ist jetzt verboten. Die arabischen Wächter tun weiter ihren-Dienst, und die Polizei hat alle Hände voll zu tun, um jüdische „Illegale" einzufangen . . . Der Nationalitätenkongreß und Sowjetrußland, Wir haben in jüngster Nummer an dieser Stelle dem in Bern ohne Beteiligung von Juden zusammengetretenen Nationalitätenkongreß. (Minoritätenkongreß) einige Worte gewidmet. Wie wir vermuteten, beherrschte der polnische Antrag auf Verallgemeinerung der Minderheitsrechte für alle Völker den größten Teil der Verhandlung, und man hat im Ganzen den negativen Sinn des Antrages erfaßt. Schon die Fassung, die sich nicht auf Europa beschränkt, sondern die Erweiterung auf die ganze Welt ausdehnen möchte, nimmt dem Antrag jeden positiven Wert, da in den Ländern des fernen Ostens beispiels-. weise und vielen von der Negerfrage bewegten Staaten Amerikas sich der Minoritätenschutz auf einheitlicher Linie weder durchführen noch kontrollieren läßt. Also müßte die verlangte „Verallgemeinerung" zur Abschaffung des Minderheitssystems auch für diejenigen Länder, die bis jetzt an bestimmte Abmachungen in dieser Hinsicht gebunden waren, führen. Eben in Erkenntnis dieser Gefahr für das Minoritätenrecht überhaupt wurde wohl die einstimmige Resolution angenommen, in der die Schaffung eines Jür jede Volksgruppe in jedem Staate geltenden Minderheitenschutzes als Voraussetzung für den Frieden kategorisch verlangt wird. Es heißt dann wörtlich in der Entschließung: „Gerade weil die Nationalitäten bei einem kommenden Kriege die am schwersten Betroffenen sein würden, halten sich ihre Delegierten für berechtigt, zu erklären, daß sie nach wie vor alles, was in ihren Kräften liegt, für die Erfüllung der gerechten Forderungen der Nationalitäten tun werden, um den Ausbruch eines neuen Krieges auf dem europäischen Kontinent zu verhindern." Noch wichtiger für uns könnten die Beschlüsse des Kongresses zur Lage in Sowjetrußland sein, dürfte man nur die leiseste Hoffnung hegen, daß der Völkerbund und Rußland selbst sich jemals an diese Wünsche gebunden fühlten. Die Resolution lautet: „Der X. europäische Nationalitätenkongreß als Gemeinschaft von Nationalitäten, deren Volksgenossen