Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1934)
- Date
- 1934-09-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Von den Liedern des ewigen Brunnens/) Gebet. Mein G'tt, ich komme nichts von dir zu bitten Als dieses eine: sei mir wieder nah. Sieh: diese Seele hat sich miid gelitten, Groß war das Weh, das ihr geschah. Ich kam von dir, du, G'tt, in meinem Blute Singtmeiner Väter großer Schlachtgesang. Sie waren stark. Gib, daß auch mich durchglute Die Melodie, die ihren Tag durchklang. So mache mich wie diese Erzgestalten, Die heiligen Cherubim gleich, An deinem Throne treue Wache halten, In ihrem schmerzverschloßnen, ernsten Reich. Gib meinen Schultern ihrer Schultern Stärke, Laß mich ein Glied in ihrer Kette sein Und laß mich weiterführen ihre Werke, Auf daß ich sei im großen Bau ein Stein. See, Sand und Sonne« Scheveningen, im August. II. Die Söhne und Töchter dieser Ostjuden wachsen weit über „Klaus und Stübel" hinaus, sie sind, wie die chassidische Jugend in Polen, palästinensisch, agudistisch, mithin gut jüdisch. Eine der Chassi* dimtöchter, Lehrerin von Beruf, hat in ihrem gastlichen Elternhause eine Art Mädchenklub, „Beth Jaakow-Schule" en miniature aufgemacht und sammelt allsabbatlich, auch an Wochenabenden, alle Töchter "um sich, um mit ihnen zu „lernen". Sind „Prominente" am Platze, so werden sie nicht eingeladen oder aufgefordert, sondern zur gegebenen Stunde einfach „abgeholt", ~ „vorgeführt", daß sie reden, egal über was, wenn es nur zur Diskussion anregt. Die jungen Damen nehmen nicht alles still, und gläubig hin, sie fragen, diskutieren und polemisieren auch, und ich rate keinem, sich unbewehrt und ungewappnet in dieses., kleine Amazonenreich zu wagen . . . Als gar an einem Freitag, kurz vor Sabbatanfang, der Noar'Agudati in der Gestalt von fünf frischen, braungebrannten Chaluzim angeradelt kam, war das für diesen Kreis ein Geschenk vom Himmel. Es gab am Sabbat eine Redeschlacht über alles, was heute Alt und Jung in Israel und Erez Israel bewegt, bis die feuerrote Kugel dort, wo im Horizonte der Himmel zum Meer wie ein grauer Vorhang herunterfällt, zum Abendgebete mahnte. Man holte sich eigens Nathan Birnbaum (der vom. Oberstocke des gleichen Hauses aus seinen „Ruf" in die Welt ausstößt) herunter, daß er der Jugend über dies und jenes Rede und Antwort stehe. Na, sie bekam mancherlei zu hören! ... * * Wer diesen Birnbaum nur aus seinen Schriften und Reden kennt, macht sich eine ganz falsche Vorstellung von ihm. Da sitzt, so meint man, der griesgrämige, ewig unverstandene Alte, mit dem Blicke nach dem schäumenden Meere und brummt in seinen langen, schönen Bart hinein. Aergert sich über die, die anderer Meinung sind, ärgert sich über die, die Meinungen, aussprechen, die er schon vor Jahrzehnten Vertreten hat, ärgert sich über die Jungen, die den Alten den Respekt versagen und über die Alten, die mit den Jungen gehen, ärgert sich über die See, wenn sie stürmisch bewegt ist, und ärgert sich über den Meeresspiegel, wenn er glatt und ruhig dahinplätschert, ärgert sich am meisten, wenn kein Gegenstand des Aergers zu entdecken ist. .' So denkt man ^ich Nathan Birnbaum auf seinem „Ruhesitz" am Meere. Und ist höchlichst1'und aufs ' Angenehmste überrascht, einengütigen, lieben Menschen mit hellem, dem Leben zugekehrten Gesichte anzutreffen, an den sich die Kinder, auch die Kleinsten, ' als ihren Freund klammern. Eine Güte in den Äugen und eine Sanftmut in den Worten, daß man sich von einem Quell warmer Menschlichkeit angeweht fühlt. Es gibt keinen Menschen, welchen Alters, welchen Bildungsgrades, welcher Geistes- und religiöser Richtung er auch immer sei, der nicht bei unserem Nathan Birnbaum ein offenes Herz, ein offenes Wort, Liebe und Verständnis für seine Art findet und reich beschenkt von ihm geht. Und dennoch! Birnbaum gehört zum Meere. Er ist das Meer. Sanft und lieblich, von Sonnenglut vergoldet, braust es plötzlich, ganz unvermittelt in ihm auf; aus geheimnisvollen Tiefen, von innen her erhebt sich der warme Sirokko, und die ganze Fläche erbebt in hellem Aufruhr. Dann setzt sich Birnbaum *.) Moritz Rosenthal ist ein Dichter von tiefer jüdischer Empfindung und einer Kultur der Sprache, wie wir ihr unter der neuen Lyrik lange nicht mehr begegnet sind. Sein neues Liederbuch „Die Lieder des ewigen Brunnens" (Verlag R. Löwit, Wien und Leipzig) könnte auch Buch der Andacht genannt werden, wie das hier, wiedergegebene Gedicht beweist. an den Schreibtisch und schreibt einen Artikel, einen dröhnenden Ruf an die Gemeinschaft, oder hält eine seiner zornigen Reden an die neue Zeit, an die unbotmäßige Jugend ... Möge uns der liebe G'tt diesen heiligen Zorn noch lange erhalten! ... * * Die in Holland wohnenden deutschen Juden leben im Ganzen ihr eigenes Leben, im Ringen um das neue Sein und auch in sehnsüchtiger Liebe zur deutschen Heimatgemeinde. Die eiserne Mauer zwischen den Einheimischen und den „Fremden" ist im Abbau begriffen, der dünne Vorhang ist noch nicht ganz gehoben, Grund zu Mißtrauen haben die Holländer gerade genug. Da fanden sich einige „Berliner" in Amsterdam zu einem Konventikel zusammen, das im gastlichen Lande keine anderen Sorgen hat, als einen eigenen G'ttesdienst mit Orgel und Damenchor einzurichten. „Von Norden kommt alles Böse her," zitierten die Witzigen den Propheten Jirmijahu mit Anspielung auf den Namen des liberalen Rabbiners einer deutschen Rheingemeinde, der eine Zeitlang das Häuflein der deutschen Reformer in Holland seelsorgerisch betreute. Nun will sich die Gemeinde mit einem eigenen jungen Rabbiner selbständig etablieren. Dieser Einbruch in die holländische Tradition, in die heilige Geschlossenheit des holländischen Gemeindelebens, ist so ■> unerhört, — daß der Holländer darüber lacht.» Es wäre aber angebrachter, die Gefahr zu erkennen-und ihr rechtzeitig mit der Autorität der Rabbinen, die in Hölland sehr groß ist, und der Kraft der öffentlichen Meinung entgegenzutreten. Denn auch Hollands Jugend, nicht genügend in jüdischem Wissen fundiert, ist im Ringen um eine neue Lebensform. Hier gibt es nichts zu lachen und nichts zu bagatellisieren! ... Höchst erfreulich zu konstatieren, daß die orthodoxen deutschen Familien, vorweg aus Frankfurt, Hamburg, Nürnberg usw. mit dem, was sie in ihren Häusern an jüdischen Werten hüten und an Kulturarbeit im Kleinen leisten, oft genug auch die reservierten Holländer mitreißen. Man darf hoffen, daß von hier aus das Gegengift gegen jene „Berliner Infektion"" für die holländische Jugend in Wirkung tritt. Was in den holländischen Städten gut und treujüdisch ist, findet leicht Anschluß an den deutschen orthodoxen Kreis. Im Haag ist es ein bekannter Frankfurter Herr, dessen Schiurim den Sammelboden für alle Lernbeflissenen bilden; bei den „Frankfurtern" im Haag und in Scheveningen, auch in Amsterdam trifft man sich gern zur Pflege von jüdischer Geistigkeit und Geselligkeit. Eine Versammlung, diejüngsthin von der Haager Gemeinde zur Anbahnung engerer Beziehungen mit den „Deutschen" einberufen war, war mehr als eine bloße Konvention oder eine Höflichkeitsgeste, war von einet ehrlich'en Herzlichkeit getragen, die zumindest die Grundpfeiler zum Brückenbau schuf. Man beginnt, wenn man dieses Sichaneinandertasten beobachtet und das Aufflammen der neuen Impulse in der geschlossenen, ällzu in sich geschlossenen holländischen , Judenheit, beinahe den geschichtlichen Sinn der neuesten Judenwanderung zu begreifen ... » m Als wir am Sonntag früh Abschied nahmen von See, Sand und Sonne, war „tout Holland" am Strand." Pfundschwund und Dollardalles in England und Amerika, Devisenmisere in Deutschland, und nicht zuletzt die billige Valuta an der belgischen Nachbar-' küste haben Scheveningen sozusagen „das Wasser abgegraben", nahmen ihm den Glänz und den Zauber der internationalen Völkerschau. Aber Haag und Rotterdam haben Menschen genug, um selber, aus eigenem, „Saison" zu machen und, besonders am Sonntag, den Sand, die Promenade und alle Cafes so zu füllen, daß das Weltbad auch ohne Welt „Weltbad" bleibt. In den Restaurants vor dem Wasser sitzen die Menschen bei ihrem „Kopchen Koffee" und s c b. w e i g e n sich auf holländisch an. Aus der. offenen Halindes großen Hotelpalastes mit den fünfzehn Gästen und' fünfzig Angestellten \ ertönt ein den Umständen nach ganz heiteres Morgenkonzert. Durch den Menschenstrom auf der Promenade schieben sich hagere Gestalten mit wetterdurchfurchten Gesichtern, kurzschirmigen Fischermützen auf dem eckigen Kopf und groben'Holzpantinen-än den Fußen, eigens „gestellt" als heimische Attraktion für die Ausländer, die nicht da sind . . . Mit unnachahmbar kehligen Lauten schreien oder singen die fahrenden Händler ihre „Fettahing" (neue Fetlheringe) aus. Vom hohen, weit in die See hinausgebauten Pier, wo man gegen 15 Cent sich die Fiktion einer Seefahrt fast bis zur Seekrankheit erwerben kann, schauen die Menschen erhaben auf die in der sandigen Niederung herab. Eseltreiber trotten mit ihren -Grautieren das Wasser entlang, nach Opfern ausschauend: Kindern, die ihren Müttern . einen Eselsritt abbetteln. Ein Segelboot schaukelt auf den weißen Wellen im Flachwasser, dem die Passagiere „zugetragen" werden, wörtlich zugetragen, auf dem Rücken der Bootsleute. Auch vom Pier schmettern jetzt Hörnerklänge, holländische Militärmusik. Und.über,das Ganze raunt und rauscht und singt und schäumt das gewaltige Meer, das nun brausend anflutet und, ,;w^e es seit der Schöpfung ersten Tagen immer zur gegebenen Stunde tut, sich wieder einmal anschickt; Land und Leute zu verschlingen. Bis ihm — wir wissen auf die Minute wann —, das ewige Zurück zugerufen wird ... Ein schriller Ton dringt mitten ins Gewirre und läßt uns aufhorchen. S. O. S.? Schiff in Not? Es kommt von oben,* von der Straße hinter der' Promenade, wo sich die polnische Schul befindet. Es ist das E 1 u 1 h o r n , und es ruft zurück •■—tz. (Schocken-Almanach auf das Jahr 5695.) Der soeben im zweiten Jahrgang erschienene Almanach des Sc hocken- Verlages gibt ebenso wie die vorjährige Ausgabe durch die sorgfältig ausgewählten Proben aus den neuesten und früheren Publikationen des Verlages nicht nur einen guten Ueberblick über seine in allen Kreisen des deutschen Judentums anerkennend beurteilte und im besten Sinne jüdischen; Kulturzielen dienende Tätigkeit, sondern stellt darüber hinaus ein Volkslesebuch hohen Niveaus dar, das Verbreitung verdient und sicherlich auch finden wird. Der vornehm und geschmackvoll ausgestattete' kleine Band; wird mit dem 22. Psalm in der Buber'- schen Uebertragung eingeleitet. In einem Ueberblick über „Das jüdische Jahr"- zeigt Dr. Leo Baeck, wie der Rhythmus des durch ';Sabbat und Feiertage gegliederten, Ablaufs der Zeit dieser für den religiösen Juden eine Komposition gibt, die das in ihr liegende Geschick überwindet. An diesen Leitaufsatz reihen sich in bunter Folge Dichtungen, Erzählungen, Kulturhistorisches und folkloristische Versuche, wobei die Werke jüdischer Vergangenheit ebenso zur Geltung kommen wie das Schaffen jüdischer Dichter und Schriftsteller unserer Zeit. So finden wir neben einem. Abschnitt aus den Hilchoth Deoth des Rambam, einem Stück aus dem Kusari und einem Sabbat-Lied Jehuda Halevis Dichtungen von Richard Beer-Hofmann, Karl Wolfskehl und Max Brod, Briefe Chaim Nachman Bialiks, eine diesem gewidmete Betrachtung Martin Bubers über die geschichtliche Berufung Israels und vieles andere. Der reiche Inhalt des zu dem. geringen Preis von 60 Pfg. erhältlichen Almanachs wird viele anregen, zu den übrigen Veröffentlichungen! des Verlages zu greifen. Personalien. >; Ruhelehrqr Benjamin Wolff, Aurich V"XT« [' ' Aurich, 3. Sept. Einen schweren, unersetzlichen, Verlust hat: die Gemeinde Aurich erlitten. Plötzlich und unerwartet ist, bis zum letzten Tage seines Lebens körperlich1 rüstig und geistig frisch, Ruhelehrer B. Wolff im 81. Lebensjahre verschieden. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat er in seiner Heimatgemeinde als Lehrer, Prediger und religiöser Führer gewirkt. Was er seiner Gemeinde und weit darüber hinaus gewesen ist und bedeutet hat, kam deutlich und ergreifend bei der Trauerfeier zum Ausdruck, die die Gemeinde Aurich ihrem verewigten Führer in Treue und Dankbarkeit veranstaltete. In der ' überfüllten Synagoge, in der sich mit den Mitgliedern der Gemeinde Aurich sämtliche' Lehrer der Umgegend und viele Freunde und Verehrer des Heimgegangenen von nah und fern versammelt hatten, entwarf Herr Lehrer Moses, der Amtsnachfolger des Verstorbenen, ein wohlabgeruridetes Lebensbild des Heimgegangenen und zeichnete in ergreifenden Worten und mit klaren, deutlichen Strichen, was der Verstorbene als Lehrer der jüdischen Schule, als Prediger und Seelsorger' der Gemeinde, als Lehrer der Jugend und der Erwachsenen in regelmäßigen Kursen, . Schiurim und iVorträgen, als Kollege und Förderer der jüngeren Lehrer^ namentlich in den gemeinsamen Lehrerkonferenzen und' in den vom Lehrerverein eingerichteten- Lehrer-Schiürim und was als Gelehrter durch seine zahlreichen in jüdischen Zeitungen! erschienenen Sidre-Erklärungen, durch sein „Büch Esther" und an- "dere Veröffentlichungen "dei" weiteren Oeffentlichkeit geleistet hat. Er f eiertie. ihn' als Gibbäur, -als Helden des Geistes, der glaubensstarken Frömmigkeit und der ' inneren Seelensstärke. Herr 'Landrabbiner' Dr. Blum aus Emden legte seinem Nachrufe ein Wort aus dem Talmudtraktat Joma zu Grunde, das* der Heimgegangene selbst vor vielen Jahren als Text einer Kol-nidrei-Predigt gewählt hatte und schilderte den Heimgegangenen als den glaubensstarken Führer der Gemeinde, den treuen Hüter der überlieferten Tradition und der alten Minhogim, den verantwortungsbewußten Wächter der Heiligung des Schabbos; als den großen jüdischen Gelehrten, der schpn vor Jahrzehnten mit dem Maureinu-Titel geschmückt wurde, den .durch klare Logik und pädagogische Meisterschaft erfolgreichen Lehrer und Förderer jüdischen Wissens, namentlich in dem Talmud- Thora-Verein, als den bis in die letzten Tage seines gesegneten Alters von jugendlicher Begeisterung beseelten J'hudi, den die heiße Liebe zur Lehre'des Ewigen;über alles Widrige des Lebens und alle'jherben Schicksalsschläge des Daseins zu erheben vermochte;' als den umfassend gebildeten, geschickten und erfolgreichen Erzieher, der Generationen von- Schülern ausgebildet hat;''als den edleiv Menschenr der eine kindlich reine Seele sich bis zu : seinem Le~